Die Radeker&Garrels-Orgel der Magnuskerk in Anloo

Das Kirchenschiff mit Mauern aus Tuffstein als ältester Teil der Hervormde oder Magnuskerk des Städtchens Anloo in der holländischen Provinz Drenthe stammt noch aus dem 11. Jh. An der gleichen Stelle standen zuvor wahrscheinlich fünf hölzerne Kirchen. Im 14. Jh. kam eine Apsis hinzu. Wegen der ausführlichen, gut erhaltenen Dokumention lässt sich die Entstehungsgeschichte des Instrumentes gut nachzeichnen. Sie beginnt bereits 1716 mit einer größeren baulichen Veränderung des Kirchenraumes. Man entfernte eine nicht originale Balkendecke und ersetzte sie durch ein hölzernes Tonnengewölbe. Die Erhöhung der Deckenhöhe wurde notwendig, als man den Plan hatte, eine neue Orgel einzubauen. Das Geld dafür stand durch eine Schenkung der reichen Witwe Anna Geertruyd Ellents und ihrer drei Söhne zur Verfügung.
Wegen der Bauausführung wandte man sich an Orgelbauer, die bereits in der Umgebung tätig waren, in diesem Falle an zwei ehemalige Gesellen des in Groningen ansässigen und renommierten Orgelbauers Arp Schnitger. Johan Radeker lebte ebenfalls dort und scheint ab 1718 auf eigene Rechnung gearbeitet zu haben. Der andere Vertreter der Schnitgerschule war Rudolf Garrels, der um 1718 auch in Groningen wohnte. Garrels war, wie viele seiner Arbeiten beweisen, ein tüchtiger Bildhauer (beeldsneijer) und wahrscheinlich der kreativere Kopf der beiden.
Im Jahre 1717 stellte man die klanglichen Anforderungen des Instrumentes (bestek) zusammen und entwarf erste Zeichnungen. Die beiden Manuale (Hauptwerk mit 11 Registern und Brustpositiv mit 6 Registern) hatten 49 Tasten Umfang, das Pedal (C-d1) war angehängt.

Bei dem Orgelbau war Radeker der Auftragnehmer "annehmer" und Garrels der Ausführende. Dass man trotz deutlicher Ansprüche an die Qualität des Pfeifenwerkes auch die Gestehungskosten im Auge behielt, zeigt ein Passus der Registerbeschreibung; nur der Prinzipal 8' im Hauptwerkprospekt (in het gesighte) sollte aus "reinem englischen Zinn" gefertigt werden. Der Preis des Instruments betrug 1450 Carolus-Gulden. Solche Gulden in Gold und Silber mit dem Bild Kaiser Karls V. waren als "Leitwährung" seinerzeit beliebt. Dennoch erfolgte die eigentliche Bezahlung wahrscheinlich in deutschem Geld, da aus dem Archiv hervorgeht, daß eine Geld-“transactie” vorgenommen wurde.
Rudolf Garrels erhielt durch seine Verbindung mit dem Haager Organisten Anneus Veldcamp mehrere Aufträge und nahm großen Anteil und Einfluß auf den niederländisch/holländischen Orgelbau. Er beherrschte sowohl die norddeutsche, mehr in die Breite gezogene, als auch die schlankere niederländisch/holländische Prospektgestaltung. Mehrere Garrels-Orgeln zeigen ebenso eine Mixtur aus beiden Stilrichtungen. Aufgrund seiner großen Kunst wurde Garrels in zeitgenössischen niederländischen Untersuchungen des öfteren als "de duitse-hollander" im Orgelbau und daneben als "beeldhouwer van formaat" hervorgehoben. Die Orgel der Magnuskerk ist eine der wenigen erhaltenen; viele der Schöpfungen von Garrels sind im Laufe der Zeit zerstört oder zumindest in ihrer Substanz völlig verändert worden.
In welchem Umfang die Disposition und andere Details innerhalb der Jahrhunderte leicht verändert wurden, lässt sich unter www.magnuskerk.nl/orgel nachlesen. Offensichtlich ließen stets vorsichtige und rücksichtsvolle Eingriffe von Orgelbauern wie u. a. Hinsz (1738) oder Mense Ruiter (1944-1948) die klangliche Substanz weitgehend unangetastet. 1982 wurde dann eine Kommission ins Leben gerufen, die die notwendigen Gelder für eine umfassende Überholung sammeln sollte. Das brauchte seine Zeit: Die Restauration der Orgel erfolgte ab dem Jahre 1990 durch Henk van Eeken mit dem Ziel einer mit größtmöglicher Sorgfalt durchgeführten Rückführung in den ursprünglichen Zustand von 1719.
Ein herber Rückschlag ereignete sich, als ein großer Teil des in der Werkstatt van Eekens gelagerten Pfeifenmaterials vernichtet wurde. Obwohl es glücklicherweise einige Konstruktionsunterlagen gab, wollte man auch die damals gebräuchlichen Fertigungsmethoden für die Pfeifen einsetzen. Dank einer guten Zusammenarbeit mit dem 'Göteborg Organ Art Center' ließen der Guss der Zinnbleche in einem Sandbett und das Abschaben auf die nötige Dicke die Pfeifen so perfekt rekonstruieren, dass man mit sich mit hoher Wahrscheinlichkeit dem originalen Pfeifenmaterial weitestgehend annähern konnte. Im Jahr 2000 fand unter Leitung des bekannten Organisten Harald Vogel die Abnahmeprüfung statt. Für Details zur Fertigungsrekonstruktion (einschließlich instruktiver Videoclips zum Zinnplattenguss) empfiehlt sich die Web-Site www.henkvaneeken.com.
Prospektum bietet den Sample-Satz der Orgel nicht mit dem originalen Umfang von Manualen und Pedal (49/27), sondern auf Kundenwunsch mit 56 Tasten Manualumfang und 30 Pedaltasten an. Auf den Webseiten findet sich auch die aktuelle Disposition, dabei ist anzumerken, dass van Eeken ein selbstständiges Pedal mit vier Registern in einem eignen Gehäuse hinter dem vorhandenen Orgelkasten hinzufügte, das die vorhandenen Register vorzüglich ergänzt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat das Instrument die "alte" Tonhöhe - eine modifizierte mitteltönige Stimmung nach Arp Schnitger von 1718 (ähnlich wie in St. Cosmae/Stade) mit a = 469 Hz. Die Samples - einschließlich der Tasten- und Registergeräusche - haben 24 bit/48 kHz Auflösung; bei der Nachbearbeitung setzte man ein nicht näher beschriebenes MLP-System (multi layer processing) ein. Die etwas seltsam erscheinende Schreibweise der Register geht auf die originale Beschriftung des Spieltisches in alt-niederländischer Sprache zurück.
Dass man keine Multi-Release-Samples aufgenommen hat, dürfte angesichts des dank der Tonnendecke recht kurzen Nachhalls kein Nachteil sein. Wer möchte, kann zugunsten wärmerer Rückwürfe durchaus noch artifiziell erzeugten (Faltungs-)Hall zusetzen; erleichtert wird dies durch eine ebenfalls erhältliche hochqualitative IR-Datei. Dem Tremulant kommt hörbar zugute, dass für jede Pfeife ein eigenes Tremulant-Sample vorhanden ist. In Bezug auf die Aufteilung der virtuellen Spieltische hat man zwei Möglichkeiten; die eine begnügt sich mit nur einem Bildschirm - wegen der wenigen Register eine durchaus akzeptable Lösung. Wer zwei Touchscreens einsetzen kann, dürfte mit der Zwei-Monitor-Anordnung gut bedient sein. Hier sind die rechteckigen, sehr deutlich beschrifteten Registerfelder noch etwas größer. Und: Es muss nicht immer dreidimensional dargestellt werden, wenn der Zugriff schnell und zielsicher erfolgt.

GesamtspieltischManual-Fenster Pedal/Setzerkombinationen

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Das Fenster für die Pedalregister enthält auch im Original nicht vorhandene 81 Knöpfe für Abruf, Speichern und Annulierung von Kombinationen; je 20 sind dies für beide Werke, Pedal und Generals. Das Hauptwerk ist hier als MA bezeichnet. Prospectum liefert nicht weniger als 13 Temperaturdateien mit. Dabei ist zu beachten, dass der Rechner bei genereller Einstellung auf 440 Hz jedes Sample umrechnen muss. Wegen des recht großen Tonhöhenunterschiedes können dann Unterschiede im Ein- und Ausschwingverhalten hörbar werden. Aus diesem Grunde gibt es auch einen Satz von Temperaturdateien speziell für 440 Hz - ein nicht immer selbstverständlicher Service am Nutzer. Dank der kurzen Nachhallzeit ist der Sample-Satz kaum RAM-hungrig zu nennen: Mit voller 24-Bit-Auflösung belegt er nur 2,6 GByte und mit 16 Bit begnügt er sich mit 1,5 GByte - ein idealer Beginn für Einsteiger, die zunächst die Free Edition von Hauptwerk ausprobieren wollen; diese erlaubt allerdings keine Zwei-Monitor-Anzeige.
Wie immer wenn es um klangliche Beurteilung geht, sollte man sich ein eigenes Urteil anhand der gebotenen Demo-Clips - und diese nicht nur vom Sample-Set-Anbieter - bilden. Die URLs www.pcorgan.com und www. contrebombarde.com sind dafür gute Adressen. Bereits die aufgeführten Werke können dann einen Hinweis auf geeignetes Repertoire für das Instrument liefern, was allerdings so manchen geschmacklichen Fehlgriff nicht ausschließt. Hier findet man Komponisten unmittelbar vor und nach Johann Sebastian Bach, aber auch ein Opus von Johannes Brahms. Die Über-Alles-Tiefenwiedergabe profitiert offensichtlich von dem getrennten Gehäuse, in das van Eeken das Pedalwerk gestellt hat, wobei die Tonendecke zur Verringerung von Stehwellen "vor Ort" beigetragen haben dürfte.
Es zeigt sich, dass ein kammermusikalisch disponiertes Instrument mit seiner deutlich unter Schnitgerschem Einfluss entstandenen ausgewogenen Mischung aus Prinzipalen, weit- und engermensurierten, hörbar streichenden Stimmen, Aliquoten, Mixturen und immerhin vier Zungenstimmen (Dulcian, Trompete, geteilte Vox Humana, Basuyn, Cornet) in Konkordanz mit seinem umgebenden Raum (nicht zu räumlich, aber auch nicht direkt) eine sehr attraktive Paarung darstellt. Bemerkungen über zu leise oder zu laute Register zu machen, dürfte in Hauptwerk mit seinen umfangreichen Intonationsoptionen überflüssig sein. So lässt sich die voreingestellt etwas zurückhaltende Trompete durchaus zu einer eindrucksvollen Solostimme umgestalten. Mit den zwei Koppeln kann man alles, was sich aus den Registerkombinationen herausholen lässt, abdecken, und schließlich gibt es noch die reichhaltigen Setzer für den schnellen Farbenwechsel.
So lässt sich mit einiger bewusster Subjektivität sagen: Die Radeker&Garrels-Orgel ist rundherum symphatisch. Eine nachahmenswerte Idee ist die Kompilation von wav-Dateien mit Bert den Hertog live gespielten Werken; mit ihnen lässt sich eine komplette CD brennen, die ein Porträt der Anloo-Orgel ergeben.

Nachtrag
Nach dem Erscheinen der Besprechung übermittelte Gernot Wurst noch einige weitere Informationen. So lassen sich durch die Eingabe des Stichwortes 'van Eeken' in YouTube noch weitere Details zur Rekonstruktionen des Herstellungsvorgangs für Zinnplatten abrufen; außerdem findet man Hinweise zum europäischen Forschungsprojekt 'Truesound', in dem die Eigenschaften von Legierungen sowohl für Labiale als auch Linguale und ihr Einfluss auf den Orgelklang mit hohem wissenschaftlichen Aufwand und unter Mitwirkung des Stuttgarter Planck-Institutes für Metallforschung untersucht werden.
Der Begriff 'Layer' in MLP sollte nicht mit den Layers in einer Definitionsdatei verwechselt werden. Bei Prospectum versteht man darunter eine ganz Reihe von auf jede Orgelübertragung individuell abgestimmten Schichten/Bearbeitungsschritten mit ihren Algorithmen innerhalb des (letztlich qualitätsentscheidenden) Sample-Nachbearbeitungsvorgangs. Einige Beispiele dazu: Trotz des immer notwendigen De-Noisings wird streng daruf geachtet, dass trotz sehr starker Rauschminderung praktisch die komplette Textur des Klanges intakt bleibt - zu hören besonders bei den empfindlichen Flötenregistern. Beim Re-Voicing lässt sich der Klang vieler Pfeifen (auch bei der Anloo-Orgel) digital restaurieren, die man sonst evtl. durch Repitching ersetzt hätte. Diese Orgel wurde zudem digital nachintoniert, um Abweichungen im Klangbild einzelner Pfeifen von der intendierten Intonation der Orgel durch den Orgelbauer zu korrigieren.
Uum einen realitätsnahen Tremulanten in Hauptwerk zu erzeugen, gibt es mehrere Ansätze. In MLP werden die an realen Tönen gemessene Tremulant-Parameter, anstelle daraus direkt einen Tremulanten zu generieren, nochmals rechnerisch abgewandelt. Gernot Wurst hat die Erfahrung gemacht, dass bei Einsatz von zusätzlichem Hall die voreingestellte Tremulant-Konfiguration gut geeignet ist, während ohne Hallzusatz eine subtilere Einstellung besser passt - beides Möglichkeiten, die in HW 3 vom Nutzer wahrgenommen werden können.

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