Das Bezemer-Cembalo für Hauptwerk 2

Cembalo von Martin Bezemer nach einem ungenannten barocken Vorbild

Die holländische Unternehmung Sygsoft hat sich mit ihrer Hauptwerk-Initiative zum Ziel gesetzt, den kulturhistorischen Wert von Kirchenorgeln und anderen Tasteninstrumenten im In- und Ausland bekannt zu machen und deren Klangreichtum authentisch für die Zukunft zu bewahren. Dass man sich hier zugunsten der Hauptwerk-Software-Software entschied, zeigt die Ernsthaftigkeit des Vorhabens. Bereits in Arbeit sind die Arp-Schnitger-Orgel einer Kirche in Eenum, das Instrument eines unbekannten Orgelbauers in Krewerd aus dem Jahre 1531 und die 1959 von den Gebrüdern Vermeulen gebaute Orgel einer ostholländischen Gemeinde in Heteren.
Zum Einstieg bietet Sygsoft das 1981 von Martin Bezemer, Eindoven, gebaute einmanualige Cembalo, das offensichtlich an ein barockes Vorbild angelehnt ist. Es ist das vierte Opus des Amateur-Instrumentenbauers, der keine kommerzellen Ziele damit verfolgt. Das es sich hier um ein handwerklich hochwertiges Instrument handelt, lassen bereits die Detailfotos auf den Webseiten von Sýgsoft erkennen. Ob es sich auch für anspruchsvolles Musizieren eignet, ist relativ unaufwändig zu prüfen: Der inzwischen für HW2 überarbeitete Sample-Satz kann nach einer kostenlosen Registrierung mit einer schnellen Internet-Verbindung heruntergeladen werden; der Roh-Umfang (als .rar-Datei) beträgt 83MByte. Der Netto-Speicherbedarf wird mit 300MByte angegeben.
Wie im barocken Zeitalter üblich, sind zwei Achtfußregister vorhanden, von denen eines ('Front') heller und etwas weniger grundtönig ist, als das mit 'Back' bezeichnete. Dazu kommt ein auf das Front-Register wirkender Lautenzug. Sowohl Front und Back als auch Lautenzug und Back können gekoppelt werden. Ein Gesamtabsteller ergänzt die Registerauswahl. Ungewöhnlich und für barocke Cembalo-Literatur eigentlich überflüssig ist ein Schweller, der jedoch in seiner Maximalstellung verbleiben kann, wenn man nicht die Modellierungseigenschaften von HW 2 nutzt und damit einen geschlossenen Deckel nachbildet.

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In der Darstellung des virtuellen Spieltisches fällt ein zweites, im Diskant um eine Oktave verkürztes und mit '8va Bassa' bezeichnetes Manual oben im Bild auf. Abgesehen vom Einsatz als zweites Manual lässt es sich auch von einem realen Pedal ansteuern, um ein Pedalcembalo entstehen zu lassen. Die originale Gesamtstimmung des virtuellen Instruments entspricht a' = 440 Hz, wobei die in HW2 vorgesehenen Veränderungen von Stimmung und Temperatur selbstverständlich voll wirksam sind.
Für denjenigen, der sich mit dem Klang eines Cembalos und dessen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten befassen möchte, kann das Bezemer-Instrument nicht nur einen empfehlenwerten Einstieg, sondern auch ein gehöriges Stück Spielvergnügen bieten. Ganz offensichlich stellt die Übertragung nach Hauptwerk für Fred de Jong von Sygsoft eine Vorübung dar, die sich auch bei den anstehenden Orgelprojekten als nützlich erweisen dürfte. Schön, dass man ein solches Instrument ohne nennenswerten finanziellen Aufwand in den Hauptwerkrechner holen kann. Möglicherweise wäre noch ein Quäntchen mehr an Transparenz und Genauigkeit beim Einfangen der Transienten herauszuholen gewesen, hätte man die Original-Samples mit 24 Bit Auflösung aufgezeichnet.

Das virtuelle Bezemer-Cembalo für HW 2
Inzwischen liegt eine völlig Nachfolgeversion des Instruments vor. In der Struktur des Sample-Satzes unverändert, wurde sie mit neuen Mikrofonen von AKG im Format 24/96 (!) aufgenommen und ist in dieser Form auch erhältlich. Beim Laden des Sample-Satzes darf nicht vergessen werden, die Auflösung auf 24-bit (32-bit aligned) umzustellen. Um die 96kHz Abtastfrequenz wirklich im System verarbeiten zu können, sind natürlich geeignete Konverter Voraussetzung. Da die Instrumentendateien auf einer CD-ROM Platz haben, ist zu erwarten, dass ein mittelmäßig mit RAM ausgestatter Rechner, etwa mit 2 GByte, alle Loops ohne Kompression abspielen kann. Das ist in der Tat so.
Die sich sofort aufdrängende Frage lautet: Was bringen größe Bit-Tiefe und um das Sechsfache erhöhte Abtastfrequenz? Ziemlich eindeutig ist der Unterschied bei Wiedergabe über professionelle D/A-Konverter und gute Kopfhörer auch für ältere Ohren vernehmbar. Wegen des hier eingesetzten Mikrofontyps besteht allerdings eine gewisse Unsicherheit, ob man dies allein dem erweiterten digitalen Format zuschreiben kann. Der Gewinn äußert sich bereits in besserer Durchhörbarkeit des Einzelklangs; die rasch verlaufenden Vorgänge bei Entstehung und Verklingen der Obertöne sind genauer zu trennen und bereiten wegen ihre Realitätsnähe ein gutes Stück mehr Vergnügen als die 16-Bit-Version.
Ähnlich wie bei Zungenstimmen tritt die Qualitätszunahme im mehrstimmigen Spiel wegen ihrer artefaktfreieren (?) Transparenz zu Tage. Ob nun die 96kHz Abtastrate mit ihren theoretischen 48kHz Audiobandbreite wirklich vom Ohr ausgewertet werden, soll hier offen bleiben. Zweifel sind schon wegen der Mikrofonbandbreite anzumelden. Conclusio: Wer über 96-kHz-D/A-Wandler verfügt, kann mit dem Erwerb dieser Cembalo-Version nichts falsch machen. Nötigenfalls ist die Wiedergabe auf 16 Bit umzustellen. Bei RAM-Mangel sind die übrigen Sparmaßnahmen in HW 2 einzusetzen: Begrenzung auf nur eine Loop und verlustfreie Kompression.

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