Ein Cembalo nach Blanchet für Hauptwerk

Nachbau eines Cembalos von Blanchet
Die Übertragung in Hauptwerk erlaubt mehrere Versionen mit erweitertem Tastenumfang, einem zusätzlichen Manual und Pedal

Sozusagen als Erstlingswerk stellt Jean Yves Garet mit dem Sample-Satz für HW1 eines Cembalos nach Blanchet von 1720 einen typischen französischen Vertreter seiner Zeit vor. Im Original ist es einmanualig mit zwei 8-Fuß-Registern und Lautenzug. Jede Note wurde einzeln mit allen Korpus-Resonanzen, jedoch ohne merkliche Räumlichkeit, mit Sample-Längen zwischen 5 und 15 Sekunden aufgenommen. Aus diesem Grund darf auch der Anspruch an RAM-Kapazität des PCs nicht unterschätzt werden: In entpacktem Zustand belegen die wav-Dateien etwa 345MByte freien Speicher.
Das virtuelle Cembalo wird zum kostenlosen Download angeboten. Das dürften kommerzielle Anbieter weniger, Interessenten für ein solches Instrument jedoch mit Sicherheit begrüßen, weil man - abgesehen von der RAM-Bestückung - keinen Spitzenrechner dafür benötigt. Die drei komprimierten Teile haben je etwa 50MByte Umfang. Wie auch bei Orgeln, lassen sich aus einem Stammdateisatz mehrere Instrument ableiten. Jean Yves Garet bietet hier gleich sechs Definitionsdateien an, aus denen sich Cembali unterschiedlichen Tonumfangs und in ein- bzw- zweimanualiger Ausführung an Manuale/Keyboards mit unterschiedlichem Tonumfang anpassen lassen. Die zweimanualige Version enthält jedoch kein Vierfußregister, da dies beim Original nicht vorhanden ist. Lädt man von der gleichen Site noch eine Pedal-Ergänzung herunter, so entsteht daraus in Verbindung mit einer nochmals erweiterten Definitionsdatei ein virtuelles Pedalcembalo.
Im Lieferzustand hat das Cembalo gleichschwebende Stimmung (a=415Hz). Wer alternative Stimmungen ausprobieren möchte, wird gern auf die fünf mitgelieferten Batch-Dateien von Martin Dümig zurückgreifen. In Verbindung mit dem sehr praktischen PipeTune-Programm ist das Blanchet-Instrument schnell (und genau) auf Pythagorean, MeanTone4, Werckmeister4, Vallotti und Kellner umzustimmen.

Der Manual-Klang ist weich, dennoch gut konturiert und weniger grundtonbetont als das von Brett Milan gesampelte Instrument von Willart Martin, mit klarem Unterschied zwischen den beiden Acht-Fuß-Registern. Ein Urteil über den nicht originalen 16'-Pedalzusatz auszusprechen fällt nicht leicht. Hört man sich vergleichsweise einige MP3-Clips von Lionel Rogg an, so hat man den Eindruck, dass bei der Pedallage des Blanchet-Kielflügels die cembalo-typischen Anreissgeräusche mitsamt ihrer zugehörigen, sich dynamisch entwickelnden Obertonkaskade leicht unterbelichtet sind und der Klang insgesamt ein wenig auf schweren Füßen daherkommt, etwa ähnlich der umwickelten Basssaite eines modernen Flügels. Allerdings fordert Adlung in seinem 1768 erschienenen Werk "Musica mechanica organoedi" auch für das Pedalcembalo eine deutliche Gravität. Da sich in der Definitionsdatei nur die Gesamtamplitude ändern lässt, bliebe nur die Bearbeitung der Einzelsamples. Wer über eine Wiedergabeanlage mit Klangregelung verfügt, kann sich mit einer Tiefenabsenkung behelfen.
Dennoch kann solch ein Pedalzusatz neues interpretatorisches Licht auf solche barocken Kompositionen werfen, die fast ausschließlich auf der Orgel gespielt werden. Vorteilhafterweise nimmt das virtuelle Pedal im Gegensatz zu realen Instrumenten keinen zusätzlichen Platz ein. Immerhin hat die unterste 16'-Saite (meist eine umflochtene Darmsaite) dort eine Länge von 4 Metern!
Bei der Klangbeurteilung der MP3-Demos sollte daran denken, dass die Datenkompression dem Original einiges von seiner Luftigkeit nimmt, vor allem wenn dieser über einen guten Wandlersatz wiedergegeben wird. Dass man dazu einen guten Kopfhörer verwendet, sollte selbstverständlich sein.

Virtueller Spieltisch des OriginalsAls zweimanualige Version... oder mit zwei Manualen, Pedal und Setzern

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Ein Wort zu den Demodateien: Der Grund, warum diese in ihrer metrischen Starre oft merkwürdig langweilig erscheinen, mag an der Art ihres Entstehens liegen. Oft wird der Original-Notentext per Scanner in den Rechner eingelesen und dann ohne weiter Bearbeitung als MIDI-Datei übernommen. Ein Cembalist hat dagegen bei der Interpretation barocker Musik die Möglichkeit, das Manko der gleichbleibenden Anschlaglautstärke durch subtile Artikulation, d. h. wohlausgewogene Veränderung der Feinstruktur wie Verkürzung/Verlängerung der Notenwerte, Legato/Non-Legato-Spiel und Tempoveränderungen zu kompensieren. Fehlt dies, so entsteht die (schlechte) Karikatur einer lebendigen Werkinterpretation, wobei das Gesagte zumindest bei barocker Literatur auch häfig für die Orgel zutrifft.
Jean Yves Garet und sein Kollege möchten übrigens keine anonyme Weitergabe ihres Samples-Satzes, sondern erwarten die Zustimmung zu einer Lizenzvereinbarung.

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