Die Arp-Schnitger-Orgel in Cappel

Wer die kleine Dorfkirche St.-Peter-und Paul in Cappel betritt - das Dorf liegt im Land Wursten östlich der Wesermündung -, dessen Blick wird unweigerlich von einem reich ausgestalteten Orgelprospekt eingefangen. Er ist Teil eines Instrumentes, das man in dieser recht abgelegenen Gegend nicht vermuten würde. Das ist verständlich, denn die zweimanualige Orgel, gebaut 1680 von Arp Schnitger, war ursprünglich für das heute nicht mehr existierende Domonikanerkloster Sankt Johannis in der reichen Hansestadt Hamburg gedacht. Dabei übernahm Schnitger mit hoher Wahrscheinlichkeit einige Renaissanceregister des Vorgängerinstrumentes von 1567; sein Opus hatte im Original 30 Stimmen, zwei Manuale und ein unabhängiges Pedal.
Das gesamte 18. Jh, überstand die Orgel ohne Schäden oder Veränderungen. Als Hamburg in den Jahren 1806 bis 1814 von napoleonischen Truppen besetzt war, diente die Klosterkirche zur Lagerung von Kriegsmaterial und Vorräten. Das Instrument überlebte nur, weil man es 1813 abgebaut und in einem Nebenraum der Kirche gelagert hatte. Da die Cappeler Kirche im Jahre 1810 mitsamt einer 1800 erbauten Orgel völlig ausbrannte, waren es glückliche Umstände, die dazu führten, dass man der Gemeinde das Hamburger Instrument zum Kauf anbot. Der Handel kam zustande, und das Instrument wurde vom Orgelbauer Wilhelmy in vier Monaten aufgestellt, so dass es Heilgabend 1860 zum ersten Mal erklang. Es blieb der Gemeinde noch so viel Geld, dass man noch einen Zimbelstern "mit harmonisch gestimmten Glocken" einbauen konnte. Allerdings mussten die beiden Statuen oben auf der Orgel entfernt und am Altar aufgestellt werden, denn der Kirchenraum in Cappel ist deutlich niedriger als der der damaligen Klosterkirche.
Außer einigen 1848 durchgeführten Reparaturarbeiten blieb das Instrument fast 100 Jahre unangetastet - ein Vorzug der Abgeschiedenheit Cappels. Aus diesem Grund gingen auch die Reformbewegungen des 19. und 20 Jahrhunderts an ihm vorbei. 1939 erfolgten allerdings einige unglückliche Eingriffe, die 1976/77 von der Firma Beckerath korrigiert wurden; daneben erfuhren die Zimbel III im Hauptwerk und das Cornet 2 im Pedal ein Überarbeitung. Ansonsten blieb das Instrument unverändert, Gehäuse, Zinn-Prinzipale, Manuale und Windladen sind original Schnitger und die verbliebenen Renaissancestimmen ergänzen das Instrument mit besonders reizvollen Farbnuancen.

Brett Milan hat die Orgel zwar schon vor einiger Zeit gesampelt, die Version für HW 2 aber erst jetzt veröffentlicht. Die Anzahl der Register ist gleich geblieben, die wegen des kleineren Cappeler Kirchenraumes beim Original stillgelegten Koppeln für Manuale (Hauptwerk und Rückpositiv) sowie Pedal sind in der virtuellen Übertragung jedoch vorhanden und wirksam. Nach Meinung von Experten ist das Vorbildinstrumente eines der best erhaltenen Werke Schnitgers weltweit. Die Disposition wird detailliert auf den Milanschen Webseiten beschrieben.
Wie es sich für die Touchscreen-Betätigung von Registern, Koppeln und (den von Milan Digitalaudio ergänzten Setzern) als sinnvoll erwiesen hat, gibt es zwei Darstellungen des Spieltisches. In einem Fenster sind alle Elemente ausnahmslos vorhanden, es eignet sich daher für eine schnelle Überprüfungen eigener Konfigurationen. Das zweite - beim Laden voreingestellte - Fenster enthält die Registerzüge, Koppeln und Setzer. Da es in der Mitte symmetrisch geteilt ist, lassen sich sogar zwei TFT-Touchscreens damit füllen, sofern eine geeignete Grafikkarte vorhanden ist. Alle Geräusche von Manual/Pedal/Registertraktur und Tremulant sind zuschaltbar und von der Lautstärke her zu beeinflussen. Natürlich werden Veränderungen in einem der Fenster unmittelbar im anderen ebenso wirksam.
Eine Besonderheit ist zu beachten: Das Vorbildinstrument hat kurze Oktaven in beiden Manualen, d. h. C#/D# sind nicht vorhanden und D/E werden auf den Tasten F#/G gespielt. Zwar folgt die Darstellung des Spieltisches dieser zur Barocke üblichen Konvention; HW-Manuale können aber alle Töne spielen, da die fehlenden aus den Nachbartönen nachgeschaffen wurden. Ein durchdachtes Detail am Rande: Bei Betätigung der Manubrien springen diese nicht in Mikrosekunden heraus, sondern bewegen sich langsam von einer Stellung in die andere. Die eigentliche Registerschaltung erfolgt indessen augenblicklich.

Virtueller GesamtspieltischFenster mit Haupt-Bedienelementen Balganlage

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Um Registerwechsel schneller durchführen zu können, ist das virtuelle Instrument mit 10 Setzern als "Generals" ausgestattet, sie sind nur im zweiten Fenster zugänglich und beziehen beide Werke der Orgel ein. Mit "S" (Set) lässt sich eine beliebige Registerkombinatioen (mit Koppeln, aber ohne Ventile) auf einen der Setzerknöpfe legen; "C" (Cancel) löscht den Speicher wieder. Darüber hinaus gibt es sebstverständlich immer die zusätzliche Möglichkeit zur Speicherung, Ablage und Wiederaufruf von Registerkombinationen in Hauptwerk.
Die sechs Bälge des Schnitgerschen Originals hat man später durch drei Keilbälge ersetzt. Das virtuelle Windsystem hat vier Bälge, die den ständig errechneten Windverbrauch angeben. Die Oszillationen werden auch je nach Einstellungen im erzeugten Klang hörbar, sofern die Windmodellierung zugänglich und eingeschaltet ist.
Was sich am eigentlichen Klang verbal notieren ließe, ist weitaus besser den teilweise vorzüglichen Demo-Clips auf den Milanschen Webseiten zu entnehmen. Bei der ersten Annäherung fällt auf, wie meisterlich die Register zusammengesetzt sind; jede, aber auch jede Kombination ergibt ein charakteristisches Spektrum mit eigenem Reiz. Selbst bei willkürlichen Plenumzusammenstellungen reagiert das Instrument (wenn man so sagen darf) nicht mit einer schrillen, untransparenten Ballung von Harmonischen, sondern lässt die Gesamtlautstärke anwachsen, ohne der Stimmendifferenzierung zu schaden.
Wenn man den Vor-Schnitger-Bestand an Registern kennt, wird eine weitere meisterliche Leistung des norddeutschen Orgelbauers deutlich: Besonders Renaissance-Stimmen wie Quintadena 16', Hollfloit 8', Oktave und Spitzfloit 4'. Nasat 2 2/3' und Gemshorn 2' machen einen erheblichen Teil des Bestandes im Hauptwerk aus. Arp Schnitger fügt sie nahtlos, aber stets unter Wahrung eines Gesamtcharakters in die Disposition ein. Ähnliches gilt auch für den Gedackt 8' im Rückpositiv. Allerdings hat Gustav Fock in seinem Werk über "Arp Schnitger und seine Schule" der Provenienzangabe dieser Stimme ein Fragezeichen hinzugesetzt. Der Untersatz 16' im Pedal stammt ebeso wie die Trompete 8' auch aus dem 16. Jh. (Alle Angaben aus dem erwähnten Buch).
Die Orgel ist auf a=465 Hz gestimmt - ein Umstand, der beim Einsatz von Temperatur-Dateien berücksichtigt werden muss, denn andere vorhandene 450-Hz-Dateien lassen sich nur mit gleichzeitiger Herabstimmung um einen Halbton verwenden. Aus diesem Grund sind dem Sample-Satz sechs solcher 465-Hz-Dateien beigefügt. Sei noch angemerkt, dass der Tremulant alle Register beider Werke beeinflusst.
Das Vorbildinstrument steht in einem nicht sehr großen und damit moderat halligen Kirchenraum. Brett Milan hat ihn nicht unterdrückt, sondern in den Gesamtklang wohl bemessen einbezogen. Dies hat mehrere Konsequenzen: Zunächst ist der Anspruch an den Hauptspeicherplatz nicht übermäßig hoch, ganz abgesehen von der zusätzlichen Skalierbarkeit; auch Rechner mit weniger als 2GByte RAM sind durchaus brauchbar. Nutzt man allerdings alle Parameter in vollem Umfang - 24 Bit Auflösung, Mehrfachloops und keine Kompression - dann sind 4GByte RAM gerade ausreichend. Der mäßige Nachhall lässt zudem die in letzter Zeit oft apostrophierten Mehrfach-Release-Samples als Abhilfe gegen Artefakte bei schnellem Stakkato nicht so auffällig erscheinen, wie man es vielleicht erwartet. Obwohl der Sample-Satz aufgenommen wurde, bevor dieses Thema überhaupt bekannt war, sind dem Verfasser beim eigenen, sicher nicht professionellen Spiel keine Sprünge aufgefallen.
Im Gesamturteil schneidet die Schnitger-Orgel gut ab, wobei hier auch die Erkenntnisse aus einem viertägigen Live-Spielbetrieb auf der Frankfurter Messe einfließen. Die originäre orgelbauerische Leistung Schnitgers findet sich im darauf beruhenden Transferprozess stimmig wieder - jede weitere Anmerkung wäre da überflüssig.

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