Die Carboni-Orgel von Valsolda
Hauptwerk hat unter vielen anderen den großen Vorzug, dass die vom Original abgenommenen Sample-Sätze manchen Orgeltyp ins eigene Heim bringen, von denen sich sonst nur vor Ort ein authentischer Eindruck gewinnen ließe. Ein typisches Beispiel ist die von Prof. Helmut Maier im Rahmen seiner Serie OrganART Media gesampelte Orgel des Tessiner Orgelbauers Michele Carboni. Sie wurde in den Jahren 1675 bis 1677 erbaut und steht in der barocken Kirche von Valsolda/Italien. Diese wurde an der Stelle einer kleinen Kapelle erbaut, in der Mitte des 16. Jh. ein Madonnenbild Tränen vergossen haben soll. Als Sanktuarium der "Nostra Madonna della Caravina" ist sie noch immer das Ziel zahlreicher Pilger, deren Spenden beträchtlich zu Erhaltung der Orgel beitragen.
Zusammen mit seiner Architektur und Ausschmückung ergeben die marmornen Wände des Raumes einen reichen, dabei angenehm diffusen und tief hinunter reichenden Nachhall, dessen angegebenen vier Sekunden erst im Plenum-Ausklang so richtig wahrzunehmen sind. Der Klangaufbau des historischen Instruments entspricht seinen Aufgaben innerhalb der Liturgie und als Chorbegleitung; ausgesprochene Solostimmen sind deshalb nicht vorgesehen.
Auch bei den Harmonischen und Aliquoten folgt die Orgel einem anderen Konzept als vergleichbare barocke Ausführungen in unseren Landen. So gibt es keine kombinierten Register wie z. B. Mixturen mit der üblichen Mehrfachbelegung einer Taste und dem typischen Repititionsschema. An ihre Stelle tritt eine lückenlose Prinzipalbestückung mit 8', 5 1/3', 4', 2 2/3', 2', 1 1/3', 1', 2/3' bis 1/2' oder Vigesimanona, die bis in die höchsten Lagen reicht. Auch das Pedal soll nur ein Fundament geben und hat nur einen 16'. Dass alles dies keinerlei Einfluss auf Farbenvielfalt und Expressivität bedeutet, davon kann man sich auch anhand der Klangbeispiele auf den Demoseiten von OrganART Media überzeugen, mehr noch natürlich beim eigenen Musizieren.
Eine Besonderheit der Carboni-Orgel stellt die Terzo Mano als zuschaltbare Oktavkoppel mit der vorhandenen Registrierung innerhalb eines Manuals dar; sie wurde höchstwahrscheinlich erst später hinzugefügt. Der virtuelle Spieltisch zeigt die Tonverdopplungen blau dargestellt. Die Replik für HW1 weist die im 19. Jh. eingeführte gleichschwebende Temperatur auf; erst die in Vorbereitung befindliche, in HW 2.10 spielbare Nachfolgeversion, wird daneben auch die frühere mitteltönige Stimmung haben. Die ebenfalls ursprünglich nicht vorhandene, dennoch typische Voce Umana des Instrumentes soll im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht die menschliche Stimme nachahmen, sondern vokale Linien stellvertretend darstellen. Das schließt nicht aus, dass dies Register auch akkordisch einzusetzen ist. Die Voce Umana stellt keine Stimme für sich allein dar, sondern erzeugt wegen einer leichten Verstimmung den Schwebungseffekt erst zusammen mit einem Grundregister wie dem Principale 8' - effiziente Nutzung des Pfeifenmaterials.

Im Pedalregister Contra Bassi 16' wird ein interessanter Effekt hörbar: Bei einer langsam gespielten Tonfolge sorgt der lange Einschwingvorgang zusammen mit der noch im Raum vorhandenen Energie des vorangegangenen Tones für eine kurze Phase abklingender periodischer Schwankungen, die man fasst als Windstößigkeit deuten könnte. Diese wird erst bei der Übertragung des Instrumentes nach HW 2.10 als fein dosierbarer und belebender Effekt zur Verfügung stehen. Am 16' bestätigt sich wieder einmal, dass gut balancierte Tiefenlinearität nur mit einem guten Kopfhörer zu beurteilen (und zu genießen) ist. Wie auch bei anderen Orgeln ist das Trakturgeräusch mit F12 zuschaltbar.

Auf der vormals erhältlichen CD-ROM sind mehrere .organ-Dateien vorhanden. Der Grund ist teilweise der auf einem Prinzipal 16' beruhende Tonumfang des Vorbildes. In der historischen Bezeichnung Principale 12' beginnt er mit F0 als unterster Note - eine Auslegung, die neueren Orgeln nicht haben. Die diversen .organ-Versionen korrigieren dies daher durch eine Verschiebung des gesamten Tonumfang um eine Oktave oder verwenden zusätzlich die historischen Registerbezeichnungen. Auf diese Weise ist auch nicht ausgesprochen alt-italienische Literatur spielbar. Eine ausführliche Erklärung findet sich auf der erwähnten Home Page (leider nur in Englisch). Sinnvoll wäre noch eine Version, die die gebräuchlichen Fußlagen auf dem virtuellen Spieltisch angibt; so dürfte 5 1/3' anstelle Flauto in XII doch intuitiv zugänglicher sein, zumal wenn HW als Gastgeber für andere, zwischendurch gespielte Orgeln dient. Es wird sich zeigen, wie OrganArt Media die Übertragung nach HW 21.0 gestaltet.
Zu beachten ist, dass die Registerschaltung neben den in HW üblichen Note-On/Off-Befehlen auch mit Programm Change Messages erfolgen kann. Der Grund liegt in verbesserter Zuverlässigkeit, falls MIDI-Dateien mit vorgespeicherter Registrierung von einem Sequenzer abgespielt werden.

Wer sich ein wenig mit Eigenheiten wie Terzo Mano, den italienischen Registerbezeichnungen oder dem andersartigen Manualumfang befassen mag, wird bald von Spielmöglichkeiten und Klangcharakter das Carboni-Orgel angetan sein. Der "milde" Raum, arm an gotisch-scharfen Rückwürfen und ausgesprochen transparenzfördernd, hat daran seinen nicht geringen Anteil.

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