Ein großes Carillon für Hauptwerk

Welche Bezeichnung ist richtig - Carillon oder Glockenspiel? Eine Besuch der Internetadresse www.glockenspiel-kl.de/glockenspiel.html, unter der dort für ein Instrument in Kaiserslautern geworben wird, kann Klarheit in die Terminologie bringen, wenn auch in der Praxis gewisse Unschärfen bestehen: Demnach stellt das Carillon eine Sonderform des Glockenspiels dar. Glockenspiele gibt es in sehr unterschiedlicher Ausführung; dazu gehören Stäbespiele, Schellenspiele und Röhrenglocken, wobei der Tonumfang meist sehr gering ist. Zu finden sind sie an Hausfassaden, Kirch- oder Rathaustürmen, manchmal in Verbindung mit einer Spielautomatik, in Ausnahmefällen auch mit einem elektrisch betriebenen Pianospieltisch.
Als Carillon wird dagegen üblicherweise ein chromatisch spielbares Instrument mit mindestens 23 Tönen (zwei Oktaven) Umfang bezeichnet, das 'echte' gegossene Glocken enthält. Die Größe jeder einzelnen Glocke geht stark in ihre Klangeigenschaften ein, außerdem müssen sie genau gestimmt sein. Erst der Stimmprozess nach dem Guss lässt aus der Menge der Einzelglocken ein Musikinstrument entstehen. Während übliche Klangerzeuger (Saiten, Metallplatten, Luftsäulen) eine Reihe untereinander in harmonischer Beziehung stehender Teiltöne bilden, entstehen bei einer Glocke stets Obertöne, die nicht unbedingt in ein angenehmes harmonisches Gerüst fallen.
Beim Stimmen einer Glocke kommt es hauptsächlich auf fünf wesentliche Töne an: Der Summton ist die unterste, durch Vibration der gesamten Glocke entstehende Teilschwingung. Ein Oktave darüber ist der Primton, nach dem die Glocke ihre Tonhöhenbezeichung erhält; er ist gleichzeitig der am lautesten wahrnehmbare beim Anschlagen. Den nächsten Teilton darüber bildet eine kleine (Moll-)Terz - typische Eigenschaft einer Glocke, die ihr den leicht traurig-klagenden Charakter verleiht. Danach erklingt die Quinte als fünfter Ton oberhalb der Prime; schließlich folgt der Nominalton mit zwei Tönen Abstand zum Summton. Von den weiteren Teiltönen wird üblicherweise keiner gestimmt. (Abbildung und Angaben nach www.gcna.org/bells.htm).

Ein Carilloneur in Aktion. Die Glockenklöppel werden durch Anschlagen von Hebeln mit leicht geöffneter Faust in Bewegung gesetzt.

Um wie bei einer Orgel im Tieftonbereich (Bourdon) ausreichende Lautstärken zu erzielen, erreicht eine Glocke bei 16'-Tönen stattliches Gewicht. So wiegt z. B. die größte Ausführung des Wiesbadener Carillons 2,2 Tonnen, während die größte Bourdon-Glocke der Welt mit 20 Tonnen Gewicht im Rockefeller Carillon der Riverside Church in N.Y. City hängt. Carillons zum Konzertgebrauch können 48 bis 50 Glocken enthalten und sind mit einer Pedalklaviatur ausgestattet, so dass orgelgemäße Spielweisen möglich sind.
Hierin besteht auch der wesentliche Unterschied zum Glockenspiel, weil ein solches Instrument von einem Carillonneur mit Hilfe einer Hebelklaviatur gespielt wird. Ähnlich wie bei einem Klavier sind nun - wenn auch in Grenzen - Artikulation und dynamische Stufung möglich. Da die Klöppel vom Spieler direkt bewegt werden, ist meist ein erheblicher Kraftaufwand notwendig. Hebelklaviaturen - die Spieltische des Carillons - sind keineswegs genormt, so dass sich ein Gast-Interpret auf einem unbekannten Instrument erst einspielen muss.
Die Tatsache, dass jede Glocke eine unvermeidliche Mollterz als Oberton erzeugt, macht sich besonders bei tiefen Glocken bemerkbar. Man vermeidet daher den gleichzeitigen Anschlag eines Akkords durch eine besondere, schnelle Art des Arpeggierens.

Da die tiefen und schweren Glocken eine besonders langen Nachhall haben, dürfen sie nicht zu stark angeschlagen werden, um andere musikalische Linien nicht zu verdecken. Das handgespielte Carillon erfordert insgesamt eine besondere Form der Dynamik, die zudem noch von der Art der Komposition beeinflusst wird. Jede Glocke hat ihren eigenen Nachklang, der von ihrer Größe sowie der Stärke des Anschlags abhängt und nicht durch Dämpfer gesteuert werden kann. Diese Eigenschaft erlaubt Effekte, die nur auf einem solchen Instrument zu erreichen sind. Folgerichtig wird auf der Webseite darauf hingewiesen, dass einiges Einhören nötig ist.

Virtueller Spieltisch des großen Carillons von Leo Christopherson für HW1.
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Wer über eine HW2-Version verfügt, kann sich ein großes Carillon mit drei Manualen (Solo, Great, Accompaniment), Pedal und insgesamt 64 Glockenregistern ins Haus holen, und dies mit einige Vorteilen gegenüber dem Vorbild: mäßiger, normaler Kraftaufwand, Spiel auf der eigenen Klaviatur und ohne beim Üben die halbe Stadt vom Turm aus wach zu halten.
Leo Christopherson, ein vielseitig aktiver Liebhaber nicht nur von virtuellen Orgeln aller Art, hat sich die Mühe gemacht, dieses umfangreiche Carillon zusammenzustellen; sämtliche Samples von 170 kByte bis 1,5 MByte Länge lassen sich frei herunterladen. Natürlich geht dies bei einem schnellen Webzugang weit schneller als mit einem Modem. Eine Orgeldefinitionsdatei (ODF) für HW1 gehört zum Sample-Satz und erlaubt dann, das Carillon nach HW2 zu importieren.
Im Gegensatz zu Orgelsamples sind die Einzeltöne des Carillons - selbst den Eigen-Nachklang eingeschlossen - sehr viel kürzer. Dies kommt der RAM-Belegung sehr entgegen und äußert sich darin, dass das Instrument mit etwas mehr als 1GByte RAM ohne jegliche Sparmaßnahmen gut gespielt werden kann. Sollte die Rechenleistung bei schnellem Arpeggieren und vielen gezogenen Koppeln nicht mehr ausreichen, so signalisiert dies die Wiedergabe durch hässliches digitales Knacken.

Auch die Grenzen der Aussteuerbarkeit des 16-Bit-Formates sind zu beachten - wie überhaupt die Massierung so komplexer Obertonstrukturen eine wirklich gute Audiokarte voraussetzt. In dieser Hinsicht kann das Carillon als wahrer Systemtest gelten, denn wenn hier die Audioseite einwandfrei ist, lassen sich auch Orgeln ohne klangliche Mängel wiedergeben.
Es gibt eine zweite Definitionsdatei, die sich von der anderen durch drei zusätzliche Cembaloregister (Harpsichord) unterscheidet. Möchte man diese einbeziehen, dann sind sie von Sygsoft frei herunter zu laden. Verwendet man diese ODF, verzichtet jedoch auf das Cembalo, dann ist eine zusätzliche Stummschaltungsdatei (Mute) zu laden, die HW die nicht vorhandenen Samples vortäuscht.
Das Hauptwerk-Carillon hat offensichtlich kein konkretes Vorbild; auch über die Quellen der Samples gibt es keinerlei Hinweise. Man darf jedoch vermuten, dass der reiche Bestand an Bells, Dull Bells, High Bells, Tube Bells und Warm Bells durch einige digitale Bearbeitung einer begrenzten Anzahl von Originalsamples erzeugt wurde. So wird das geübte Ohr manchen in der Tonhöhe etwas veränderten (ge-pitchten) Glockenklang wahrnehmen, weil der Obertonaufbau sich auf erkennbare Weise über den Tonumfang verändert.
Besonders kritisch sind in dieser Hinsicht die beiden unteren Oktaven im 16'. Zudem springt die Anschlagcharakteristik mancher Glocken innerhalb eines Registers häufig von holzartig-klopfend in der unteren Oktave bis zu metallisch klingelnd nach höheren Lagen hin. Und einige Samples wirken so, als hätte man ihren Nachklang (Sustain) des gleichförmigen Eindrucks wegen durch Ausblenden verkürzt. Auffallend besonders aber, dass die Klanggewalt einer gesampelten Zweitonnen-Glocke ganz einfach fehlt - offensichtlich deshalb, weil solche Samples nicht ohne größeren Aufwand zugänglich sein dürften.
Von der klangtechnischen Seite betrachtet, ist das Instrument tatsächlich mehr eine Sammlung an perkussiven, wohl gestimmten und per Anschlag zum Klingen gebrachten Tonerzeugern denn eine Zusammenstellung von massiven Gussglocken mit ihrem teilweise auffallendem harmonischem Eigenleben. Was sollte man auch mit derartig vielen Registern? Die relative Tonreinheit kommt zwar dem musikalisch-harmonischen Zusammenspiel zugute, lässt sich jedoch mit dem Begriff Carillon nicht ganz zur Deckung bringen.
Instrumenten-untypisch hat Leo Christopherson ein String Bass-Register vorgesehen, das die Glockenregister mit einem gezupften Kontrabass ergänzt. Außerdem gibt es für jedes Manual-'Werk' eine kleine Trommel (Snare Drum) mit Einzelschlag sowie eine große Trommel im Pedal. Die digitale Qualität der Samples ist durchwegs ohne Beanstandung; besonders die obertonreichen höheren Harmonischen kommen ohne störende Artefakte, wenn auch das letzte Quentchen an Transparenz vielleicht nach 24 Bit Auflösung und höherer Abtastfrequenz als 44kHz ruft. 30 Setzer mit Gesamtabstellern für Manuale und Pedal, aufgeteilt in Generals und Divisionals sowie ein Tutti-Setzer erlauben Kombinationen-Voreinstellungen wie bei einer Orgel.
Dennoch lassen sich trotz der geschilderten Unvollkommenheiten für das Spielen eines Carillons neue Erfahrungen machen, und diese setzen bis auf die Netzverbindung keinen weiteren Aufwand voraus. Eine dieser Erfahrungen ist, dass man nicht einfach das Arrangement für eine andere Instrumentengruppe oder Orgel bzw. Harmonium übernehmen kann. Musikalisch wertvolles Carillonspiel - zumal auf echten Gussglocken - ist von einem durchsichtig aufgebautem Notensatz abhängig, der schnelle Harmoniewechsel und verwischende Basslinien vermeidet. Da eine einzelne solche Glocke bereits überrreich mit harmonischen Teiltönen (und anderen) ausgestattet ist, sollte man jede Überladung des Klangs durch Anschlagen vieler Glocken vermeiden. Das virtuelle Instrument ist in dieser Hinsicht längst nicht so kritisch, weil aufdringliche unharmonische Spektren längst nicht so stark vorhanden sind.
Das Carillon ist sogar mit einem Gesamtschweller ausgestattet, der allerdings in HW2 nur die Lautstärke beeinflusst; auf eine Obertonabschwächung, so als ob vor der realen Glockenkammer ein Jalousie geschlossen würde, muss man verzichten. In einem Punkt gleicht das virtuelle Instrument jedem realen Vorbild: Es muss während seiner Lebensdauer nie gestimmt werden.
Wer sich für das Konzept eines modernen Carillons samt zugehöriger Turmkonstruktion interessiert und welche Überlegungen dabei im Spiel waren, sollte zur bebilderten Webseite der Presbyterianischen Gemeinde in La Porte, Indiana, USA, gehen (www.laportepresbyterian.org/Carillon_main.htm). The Children's Carillon hat 36 spezielle, in den Niederlanden gegossene Glocken, deren Spiel im Umkreis einer halben Meile zu hören ist.
Die MP3-Clips auf der Christopherschen Website sind nicht immer reinrassige Carillon-Arrangements, weil hier das Cembalo eingesetzt wurde. Weitere Hinweise zu geeignetem Repertoire gibt es auf der ganz oben erwähnten Website.
Fazit: Das Carillon ist ein guter Beweis dafür, dass sich Hauptwerk auch zur Virtualisierung vieler weiterer Instrumente neben der Orgel eignet. Möglicherweise lohnt sich bei kommerziellem Ansatz einiger Mehraufwand für die Aufzeichnung vorbildähnlicherer Samples. Hier können die inherenten Funktionen von Hauptwerk wie Stimmbarkeit und definierbare Temperatur im praktischen Einsatz besonders nützlich sein. Besonders im professionellen Bereich (Theater) gibt es für Glockenklänge, die sich unkompliziert ins orchestrale Geschehen einfügen lassen, reichlich Einsatzmöglichkeiten, den Parsifal nicht ausgenommen.

Nachtrag
Auf der Christophersonschen Home Page führt ein Link zu einer Casavant Frères-Orgel, die in der Version für HW1.X von
Exemplum Organum käuflich zu erwerben ist und mit einem kleinen, zwölfregistrigen Carillon aus Warm Bells, High Bells und Tube Bells (74 MByte) ergänzt wurde. Die weiter oben ausgeführten Überlgungen treffen daher auch hier zu. Diese Samples lassen sich ebenfalls hier als rar-komprimierte Datei zusammen mit einer passenden Definitionsdatei herunterladen. Der Begriff 'Tuned Percussion' wird auf den Seiten sogar verwendet.
Wer die Original-Ranks der Casavant-Orgel nicht hat, kann das Carillon allein laden; eine Ersatz-Datei (Mute Stop) blendet die nicht vorhandenen aus. Bell-Ranks und die zugehörigen Manuale kommunizieren über die Bell-Koppeln miteinander. Auch hier ist ein Gesamtschweller vorhanden. Es wird eine Bildschirmauflösung von 1280 x 1024 vorausgesetzt. Die zugehörigen Demo-Clips werden vom Arrangement her dem Begriff Carillon mehr gerecht als die des großen Carillons, da meist nur wenige Stimmen gleichzeitig in Aktion sind. Das gesamte kleine Carillon nimmt nicht mehr als 5MByte Platz ein.

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