Eine virtuelle Compenius-Orgel (2)
Das Petit-Clercsche Prinzip
Die Hauptwerk-Orgel Opus 1 für HW1 im Vertrieb von Milan Digital Audio enthält virtuelle Labialregister auf der Basis speziell gefertigter Pfeifen, die sich mit einem kompletten Zungenchor aus authentischen Vorbildern kombinieren lassen - eine umfangreiche Zusammenstellung, die bisher im Angebot von Sample-Sätzen für HW ihresgleichen sucht. Das nebenstehende Bild zeigt einige der jeweils einzeln gesampelten Pfeifen-Unikate. Zu Details, besonders zur Nachbearbeitung, lässt sich der Erfinder nicht in die Karten gucken.
Allein 15 Register im Pedal, darunter fünf gut differenzierte Zungenstimmen in der zweimanualigen Version und der zusätzlichen Contra Bombarde 32' in der Dreimanual-Ausführung bieten reichliche Auswahl, die durch die sinnvollen vorhandenen freien und festen Kombinationen noch unterstützt wird. Zwei Tremulanten sind zwar vorhanden, können jedoch nur mit reiner Lautstärkemodulation arbeiten, wie in HW1 festgelegt. Sollte tatsächlich elektronisches Processing (Pitching) dazu gedient haben, um aus einer einzigen Pfeife den Tonumfang eines ganzen Manuals abzuleiten, so ist davon nicht zu hören; wie überhaupt das Ineinanderfügen, Mischen und Ergänzen von Einzelstimmen keine Wünsche übrig lässt.
Angesichts dieser Farbenfülle eignet sich das Instrument für Literatur von der Renaissance bis in die Moderne, zumal auch Setzer und Schweller vorhanden sind. Positiv fällt daneben ins Gewicht, dass ODFs für eine zwei- bzw. dreimanualige Orgel vorhanden sind, die mit Sicherheit mit einem PC der 32-Bit-Windows-Generation zu spielen sind. Offenbar reichen Sample-wavs zwischen 300 und 600KByte Länge, um sich rhythmisch wiederholende Schwebungen wegen der ständigen Überlagerung der Einzeltönen nicht auffällig werden zu lassen.

Ohne Räumlichkeit kein Hörvergnügen
Freilich wird man schnell feststellen, dass die Wiedergabe der Orgel als klinisch hallfreie und punktförmige Schallquelle kaum befriedigen kann; zu sehr weicht der erzeugte Klang vom gewohnten Höreindruck ab. Daher führt kein Weg daran vorbei: Es muss Nachhall zumindest in Stereoqualität hinzugemischt werden, der das fehlende Ambiente synthetisch, aber möglichst auf hohem Niveau in nachbildet. Wie man das erreicht, sei aus Platzgründen nur kurz skizziert: per Stand-Alone-Hallgerät (z. B. MPX110/Lexicon), Nutzung des Effektprozessors einer Soundkarte oder mit Software-Lösungen als PC-Plug-In. Hier sind mit Faltung (Convolution) arbeitende und eine umgebende Akustik per Impulse-Response-Datei erzeugende Programme wie z. B. SIR oder Voxengo vorzuziehen, weil man damit einem realen Raum weitaus näher kommt, als mit per Algorithmus erzeugtem.
Durch den Hallzusatz wird die Ortbarkeit der einkanalige Tonquelle verhindert und diese in einen zweidimensionalen Raum innerhalb der Stereo-Ebene transformiert. Ob dies nun für jede Art von Repertoire ausreicht, um einen auf die Dauer zufrieden stellenden Höreindruck zu erzeugen, mag jeder für sich entscheiden. Die Orgelbits-Anordnung für diese Besprechung sollte nicht zu aufwändig sein, da nach der Übertragung in HW 2.10 automatisches "Panning" von Mono-Samples und später dann der Zusatz von PC-generiertem Faltungshall möglich sein werden. Hier wurde das Audiosignal vom Audio-Rechner in einen anderen PC eingespeist, dessen Audigy-Karte einen Reverb-Prozessor mit einem einem ganzen Bündel einstellbarer Parameter aufweist. Diese sorgten - nach einiger Pröbelei - für eine recht akzeptable Raumnachbildung. Auf Anhieb überzeugender erwies sich das Plug-In "Amazing Reverb" für den WinAmp-Player; diese Lösung funktioniert aber leider nicht Online, außerdem ist sie noch nicht ausgereift.
Bei Lautsprecherwiedergabe ist durch Aufteilung in zwei Frontkanäle (Quellensignal + Hall) und einen oder zwei Rückkanäle (vorwiegend mit Hallanteil) eine Ausweitung des künstlich generierten Raumes zu erreichen. Nicht jeder wird den von Dr. Petit-Clerc betriebenen noch höheren Aufwand verwirklichen können. Er verwendet 10 Verstärker (zwei für die Hallkanäle) und eine Multi-Lautsprecheranordnung aus 37 Einzelsystemen; 30 von ihnen sind im Gehäuse des Opus 1 und weitere sechs für die Hallabstrahlung und Verteilung über den gesamte Raum installiert.
Man möchte gern glauben, dass ein derartiges Beschallungskonzept schon bei 10 Watt Verstärkerleistung der Einzelsysteme Plenum-Klangwirkungen hervorbringen kann, wie sie wohl mit wenigen Einzelboxen konventioneller Art und elektronischer Mischung der Register-Wavs nicht zu erwarten sind. Auf eine akustische Abbildungsähnlichkeit des realen Vorbildes mit seiner Windladenaufteilung und der Staffelung von Pfeifenpositionen vom Prospekt bis zu aufgebänkten Registern hinten im Orgelgehäuse muss man dennoch zwangsläufig verzichten.

Fazit
Wenn man einen Rechner mit 2GByte RAM nutzen kann, wird der Wunsch wach, wenigstens die 55-Register-Version der Opus 1 mit Stereo-Samples zu spielen; der Gewinn an klanglicher Auflösung und damit Erkennbarkeit der musikalischen Linien würde es sicher lohnen. Vielleicht gibt es ja mal einen Sample-Satz dieser Art, selbst wenn er nicht als echte Stereo-Aufnahme vorliegt, sondern nur per Panorama-Regler quer über die Stereobasis "gemappt" wäre. Die HW-Gemeinde würde dies dankbar entgegen nehmen.

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