Theaterorgeln der Connoisseur-Serie im Stufenausbau (I)

Mit der Connoisseur-Serie von Keymedia Productions, einem australischen Unternehmen unter der Leitung von Neil Jensen, gibt es nun bereits die dritte virtuelle Theaterorgel für Hauptwerk. Serie deshalb, weil sich das Grundmodell (11 Ranks) in drei Stufen mit zusätzlich zu erwerbenden Expansion Packages erweitern lässt; sie bauen alle aufeinander auf. Somit müsste man eigentlich von vier Theaterorgeln sprechen. Jede hat drei Manuale (Accomp=Accompaniment/Begleitmanual, Great=Hauptmanual, Solomanual) und Pedal.
Eine erste Aufstockung macht aus dem Basismodell eine 3/19-Version, eine weitere eine 3/27 und nach Vollausbau ist dann eine beeindruckende Theaterorgel mit 35 Ranks entstanden. Wir erinnern uns: Die Rankangaben hinter dem Schrägstrich geben 'nur' den Grundvorrat an vollständigen Pfeifenreihen an, aus denen durch Mehrfachnutzung noch viele weitere Register in anderen Fußlagen abgeleitet werden können - eine Technik, von der gerade beim TO-Typ ausgiebigst Gebrauch gemacht wird. Aus diesem Grund sagen auch die Angaben 11, 19, 27 und 35 nichts unmittelbar darüber aus, wieviel Stimmen tatsächlich zur Verfügung stehen und vor allem auch nicht, wieviel virtuelle Registerzungen sich letztlich auf dem Spieltisch-Bildschirm ansammeln. Um dennoch die Übersicht zu wahren, selbst wenn eine gewisse Zugriffsroutine vorhanden ist, sind neben einer klaren optischen Gliederung noch weitere unterstützende Maßnahmen der Hauptwerk-Software unumgänglich.
Den Dispositionen ist zu entnehmen, dass die Samples verschiedender Provenienz sind; genannt werden neben einem Wurlitzer-Typ auch Christie und Stephens. Alle Orgeln haben gemeinsame Merkmale, die ihre Grundeigenschaften, ihre Funktionen und die Gliederung der Bedienelemente aller virtuellen Spieltische betreffen. Hier ist zunächst die stereophone Abbildung der einzelnen virtuellen Pfeifen zu nennen - ein keineswegs triviales Thema, denn bei einer realen Theaterorgel werden die Pfeifen - und hier auch die Perkussionsinstrumente - ohne Rücksicht auf eine gefällige stereophonische Verteilung im Orgelraum in Windkammern aufgestellt.
Hauptsächlich geschieht dies, um sie per Schweller in der Abstrahlung dämpfen und mit einem Tremulant beeinflussen zu können. In der Connoisseur-Serie funktioniert dies natürlich auch, dennoch fällt schon beim ersten Anspielen mit Kopfhörern oder zwei Stereolautsprechern auf, wie sorgfältig die Registeraufteilung erfolgt ist, so dass auch die Ecken immer wohl gefüllt sind. Das äußert sich darin, dass das Panning, d. h. die Stereoverteilung für Register gleicher Fußlage (und davon gibt es in der Äquallage reichlich) stets verschieden ist.
Schon fast als selbstverständlich nimmt man zur Kenntnis, dass keine Samples in ihrer Tonhöhe manipuliert wurden, um die tonale Integrität jeder Note zu wahren und ausschließlich High-End-Technik zu Sampling und Nachbearbeitung diente. Die aktuelle Auflösung der Orgel ist 24 Bit und 48 kHz. Besondere Aufmerksamkeit ist bei einer solchen Massierung von Registern, Koppeln, Setzern und einer Vielzahl weiterer Spielhilfen des dreimanualigigen Instruments der Bedienergonomie zu schenken. Was bei einer 3/11 noch bequem in einem Fenster unterzubringen wäre, würde bei 35 Ranks mit ihren abgeleiteten Stimmen selbst auf einem 19-Zoll-Schirm kaum noch vernünftig dazustellen, geschweige denn per Touch-Fingertipp zu steuern sein.
Aus diesem Grunde gibt es jeweils nicht nur ein Fenster für den virtuellen Spieltisch, sondern deren drei bei jeder Version, und dazu noch jeweils eines oder auch zwei für die Programmierung der Crescendomatrix. Obwohl Manuale und Pedal im Übersichtsfenster der 3/11 aus Platzersparnisgründen nicht einmal andeutungsweise vorhanden sind, dürfte es kaum als tauglich für den Echtzeitzugriff mit einem Touchscrenmonitor erweisen. Daher ist noch ein Fenster für Solo und Great sowie für Accomp und Pedal vorhanden - eine Aufteilung, die schon die Möglichkeiten einer neuen Version von Hauptwerk mit variabler Gestaltung der virtuellen Spieltische im Zusammenwirken mit (mehreren) Touchscreens vorwegnimmt.
Hinzu kommt noch, dass einige Bedienelemente nur in den Unterfenstern Solo/Great und Acc/Pedal vorhanden sind. Das Fehlen selbst ganz primitiver, aktiver Darstellungen für Manuale und Pedal setzt voraus, dass schon für einen einfachen Funktionstest eine externe MIDI-Eingabemöglichkeit bereits vorhanden und konfiguriert ist. Für eine vergrößerte Darstellung die nachfolgenden Bilder anklicken. Zurück mit Zurück-Pfeil im Browser.

Gesamtdarstellung des virtuellen Spieltisches der Basisversion

Den intuitiven Zugriff können schon sinnvolle Farbgebung und Form der Elemente fördern; letztere ist leicht unterschiedlich in Übersichts- und Teilfenstern: Farbig die Register und schwarz die Koppeln (u. a. mit Aliquoten-Koppeln bis hin zur Septime in der zweiten Überoktave!). In der Reihe unter den Registern ist die 'Tuned Percussion', darunter die Setzer als runde Knöpfe. Ihre Voreinstellungen sind selbstverständlich eigenen Wünschen anpassbar. Dann folgen feste Kombinationen für die Dynamikstufung. Selbstverständlich wird auch hier die Hauptwerk-Funktion genutzt, ein programmierbares Crescendo-Pedal einzusetzen. Dafür ist in jeder Version ein eigenes Matrixfenster vorhanden.
Das vorstehende Schema gilt für die Manuale. Das Bedienfeld des Pedal weist einige Unterschiede auf; so hat man die Tuned Percussion in einer Reihe mit den Registern angeordnet. ACC koppelt das Accomp-Maual an das Pedal und GREAT OCT die Oktavlagen (!) des Great-Manuals an das Pedal. Eine Reihe darunter beginnen links die festen (dennoch vom Benutzer modifizierbaren) Kombinationen.
Die sich daran anschließenden rechteckigen Schaltfelder für GREAT SUST und GREAT SOST sowie die gleichen Felder für das Solo-Manual haben im Prinzip die gleiche Funktion wie bei einem Flügel mit drei Pedalen und erlauben besondere Spieleffekte, für die man sonst mehr als zwei Hände brauchte.

Virtueller Spieltisch der Solo/Great-Manuale

In Verbindung mit dem eingeschalteten hellen Sustain-Feld lässt sich z. B. ein Akkord auf dem GREAT-Manual spielen, dann wird Sustain gedrückt. Solange der Druck anhält, klingen der Akkord und weitere hinzugefügte Noten nach Loslassen der Tasten weiter. So lassen sich breit gefächerte Klangkaskaden aufbauen. Sostenuto hat einen ähnlichen Effekt, nur bezieht sich das Nachklingen ausschließlich auf die vor dem Betätigen des Sustain-Feldes gehaltenen Töne/Akkorde. Bei einem realen MIDI-Spieltisch legt man diese Effekte auf Fußpistons, da die Hände mit der Tonerzeugung beschäftigt sind. Sie sind daher hier ein weitaus wichtigerer Bestandteil als bei einer sakral ausgerichteten Orgel.
In der gleichen Reihe des Übersichtsfensters schließen sich die von A bis I bezeichneten 'Traps', d. h. Moment-Einzelauslöser für Effekte an. Zu ihnen zählen Zimbelstern, Beckenschlag, Vogelzwitschern, Trommelwirbel, eine Polizeisirene und weitere, immer nur einzeln benötigte Akzente. Die Seite 'At a glance' von Keymedia Productions enthält genaue Angaben zu Windkammern, verfügbaren Registern, Traps und Besonderheiten jeder Ausbaustufe. Die 3-11-Version ist übrigens noch nicht mit einem Piano ausgestattet; dies kommt erst in den höheren Ausbaustufen hinzu.

Virtueller Spieltisch des Accomp-Manuals und Pedals

Das Sortiment trickreicher Spielhilfen ist damit noch längst nicht erschöpft: Der globale Einfluss der drei Windkammern (Main, Solo, Perc) lässt sich abschalten, um Schwellereffekte auf Strings (Streicher), Clarinet (Klarinette), Tibia Vox und Tuba Horn zu beschränken. Die fünf hellen Felder im Übersichtsfenster (sie wiederholen sich im Unterfenster Acc/Pedal) schalten die Schwebung (Celeste) für Konzertflöte und Streicher ein/aus, erzeugen einen Mandolineneffekt (Iteration) bei Perkussionsinstrumenten, stellen jegliche Perkussion im Crescendopedal ab und machen schließlich einen der Schwelltritte für Main, Solo und Percussion zum Masterschweller. Die Iteration von glockenähnlichen Instrumenten stellt besonders bei massiertem Einsatz hohe Ansprüche an die Qualität der Wiedergabeanlage!
Die grünen Felder im Hauptfenster ganz rechts unten zeigen den Stand der Schwelltritte an; der Crescendoschweller hat dazu Zahlenangaben. Die Programmierung der beim Crescendo zuzuschaltenden Register erfolgt hauptwerk-gemäß in einem gesonderten Fenster für GREAT und Pedal. Wer die Schalter für die immerhin fünf Tremulanten sucht findet sie im Teilfenster ACC/Pedal. Auch hier sind unterschiedliche Wirkungen zu erreichenn, je nach dem, ob man die gesamte Windkammer einbezieht oder nur Register wie Strings, Clarinet, Tibia/Vox oder Tuba/Horn. Schließlich ist ganz unten in der rechten Ecke der Gesamtabsteller (C=Cancel) nicht zu vergessen.

Zu den Tremulanten gibt es auf den Informationsseiten zur Connoisseur-Serie noch weitere Hinweise. Demnach wurde das Sample jeder Pfeife ausnahmslos einmal mit und einmal ohne aufgezeichnet. Da die an sich schon recht komplexe Modulation durch den Tremulanten bei einer Theaterorgel nicht linear auf alle Pfeifen einwirkt und zudem innerhalb des Tonumfangs eines Ranks durchaus Unterschiede in der Wellenform auftreten können, erzeugt die Software für jede Note einen dreifachen Satz an Wellenformen.
Dabei werden Amplituden- und Wellenformenunterschiede bei drei Frequenzen (Grundton, dritte Harmonische und höhere) im Vergleich zwischen Trem- und Non-Trem-Samples herangezogen. Dieser Aufwand macht sich - wie es heisst - durch sehr vorbildnahe und zudem phasengenaue und 'musikalische' Reproduktion der Tremulanteinstellung in ihrer Dynamik bemerkbar. Zusätzliche mechanische Tremulantgeräusche verstärken den Eindruck der 'Total Illusion'. Das solche Feststellungen kein leere Marketinggeklapper sind, lässt sich leicht in der Praxis nachprüfen - abgesehen von immer vorhandenen geschmacklichen Korrekturen im Intonationsfenster von Hauptwerk.
Wie man in der vergrößerten Darstellung der Acc/Pedal-Fensters erkennen kann, gibt es hier ein Reihe zusätzlicher Register und Koppeln, die dann in Funktion treten, wenn man ein Second Touch-Manual für die Begleitung einsetzt. Da bisher kaum Bedarf an solchen Spezialklaviaturen bestand, sind diese noch sehr selten anzutreffen. Hauptwerk bietet eine Ersatzlösung an, die mit einstellbaren Velocity-Schwellwerten arbeitet. Second Touch kann die Lebendigkeit der Interpretration sehr wirkungsvoll verstärken und rhythmisch verdichten, erfordert aber schon einige Einarbeitungszeit.
Zu den hier beschriebenen vielfältigen Spiel- und Hilfselementen kommen noch diejenigen hinzu, die Hauptwerk von sich aus an Bord hat: Unbegrenzte Speicherung von Kombinationen, die nicht nur Register, sondern auch alle Koppeln und Weiteres einbeziehen. Der Organist sollte sich daher schon reichlich Zeit für die Vorbereitung nehmen. Wie bei der Masterworks-TO von Milan Digitalaudio schon erwähnt, ist es mit dem Ziehen von ein paar Registern nicht getan. Das Spielen eine VTPO erfordert sorgfältig überlegte, auf die Werke/Titel abgestimmte Arrangements, wenn man nicht auf einige Erfahrungen im Ad-hoc-Spiel zurückgreifen kann.
Wie denn solch eine Orgel klingt, ist am besten anhand der Demo-Clips der Keymedia-Site zu hören, bei denen eine 20-Kanal-Audiokarte und mehrkanalige Abstrahlung in einem mittelmäßig gedämpften Raum eingesetzt wurde. Die eigentlichen Clips entstanden dann durch Aufnahme mit einem Stereomikrofon. Sie sind sogar nach den Ausbaustufen eingeteilt. Durch den später hinzugefügte Faltungshall wird eine plausible Räumlicheit der Wiedergabe erreicht.
Bereits die hier besprochene 3/11-Version bietet überaus reichliche Farbenkombinationen, mit denen sich ein attraktives Programm zusammenstellen lässt. Allerdings sollte man von irgendwelchen Zusammenhängen zwischen Registernamen und den gleichnamigen Orchesterinstrumenten gleich Abschied nehmen. Horn 16' und Horn 8' im Solomanual haben als Zungenstimmen mehr den Charakter eines knarrigen Sägezahns mit musikalischen Eigenschaften und die Tuba 8' mehr den Charakter einer Posaune. Die unverzichtbare Tibia 8' hat eher Verwandtschaft mit einem weiten Holzgedackt, während das Open Diapason - die Prinzipalstimme der TO - (hier nur als Open bezeichnet) etwas enger mensuriert ist. Auch die Clarinet hat keinerlei Ähnlichkeit mit einer per Mund geblasenen Klarinette. Eindeutigen Zungencharakter zeigen Oboe und Vox (Humana). Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen.
Das Erstaunliche: Im Zusammenklang steuert jede Stimme ihre eignen spektralen Komponenten bei, sodass die Mischung - ergänzt durch Harmonische im Acht-Fuß, harmonische Oberstimmen und teilweise wahrhaft kesse Aliquoten - den typischen Theaterorgelklang ergibt. Reichlicheren Bestand an Zungenstimmen weist die Serie erst in den anderen Stufen auf. Wer die Register nach seinem Geschmack etwas zurechtbiegen möchte, kann das durchaus mit der Intonationsoption von Hauptwerk bei jeder einzelnen virtuellen Pfeife tun; auch die Tremulanten sind leicht auf diese Weise anzupassen.
Der Realismus der Nachbildung eines echten Vorbildes geht so weit, dass Neil Jensen einen Knopf mit der Bezeichnung AN (Ambient Noise, Umgebungsgeräusch) vorgesehen hat. Er ist in der Reihe der Traps mit enthalten und bildet die Vorgänge beim Einschalten eines solchen Instrumentes nach. Deutlich hört man das Hochfahren des Windes und einige Fehlschaltungen der Registerrelais, bewirkt durch den Restmagnetismus einzelner Relaisanker, die einen Augenblick 'kleben' bleiben - eine wohlbekannte Erscheinung bei der Wurlitzer und ihren Kolleginnen, die sich bei der virtuellen Nachbildung selbstverständlich abschalten lässt.
Will man nach der Anschaffung des Sample-Satzes keine Enttäuschung erleben, so ist die allererste Voraussetzung ein dreimanualiger Spieltisch mit einem, besser noch zwei 19-Zoll-Touchscreen-Monitoren. Kaum jemand wird es sich leisten können, die Fülle aller MIDI-Elemente tatsächlich in Hardware einbauen zu lassen. Die zweite Bedingung ist die geschmackvolle Verhallung der Orgel. Hier kann man auf externe Stand-Alone-Geräte oder - falls Hauptwerk als VSTi-Plug-In betrieben wird - auf Software der besseren Art (Nachhallerzeuger nach dem Faltungsprinzip) zurückgreifen. Die angekündigte Convolution Engine für Hauptwerk (ebenfalls ein Erzeuger von Faltungs-Nachhall) dürfte wohl noch etwas auf sich warten lassen.
Weiteren kräftigen Gewinn an Lebendigkeit und klanglicher Auflösung bietet die mehrkanalige Abstrahlung einzelner Register. Hauptwerk erlaubt hier sehr vielfältige Möglichkeiten der Rank-Verteilung. Freilich sind die nötigen Mittel einschließlich einer zugehörigen High-End-Mehrkanalaudiokarte nicht ausgesprochen preiswert und nicht jeder hat einen geeigneten Raum dafür. Aber selbst über Kopfhörer erzeugt die Connoisseur-Serie dank der sorgfältig gestalteten Ausgewogenheit der Stimmen bereits in der Basisversion eindrucksvolle TO-Atmosphäre. Letzter Tip: Wer am eigenen Spielen nicht so sehr viel Vergnügen hat, kann auch MIDI-Dateien bearbeiten und sie über das Instrument laufen lassen. Geeignete Files gibt es nach einiger Suche reichlich im Internet. Selbst das Umarrangieren und Abhören über die Orgel kann schon ein fesselnder (und lehrreicher) Zeitvertreib sein.
Ein folgender Teil befasst sich mit den weiteren Ausbaustufen.

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