Die Renaissanceorgel von Doksy-Kruh
Die reiche Orgeltradition der Republik Tschechien stellt für Jiri Zurek und sein Sonus Paradisi-Projekt eine Fundgrube dar, aus der sich hoffentlich noch lange schöpfen lässt. Hier nun das Instrument von Doksy-Kruh als Sample-Satz für HW 2.10 ; es existiert auch in einer Fassung für HW1 und hatte bisher keine Besprechung in Orgelbits. Es wurde von 1627 von einem unbekannten Orgelbauer für die Bartholomäus-Kirche der kleinen Stadt Doksy nordöstlich von Prag gebaut und später an die Kirche von Kruh verkauft. Da man die dortigen, vorwiegend deutschstämmigen Bewohner im zweiten Weltkrieg vertrieben hatte, verfiel die Orgel in den nachfolgenden Jahrzehnten zusehends. Sie steht heute nach umfassender Rekonstruktion 1995 mit Mitteln der ehemaligen Bewohner wieder in der Kirche von Doksy, da die Kirche in Kruh in schlechtem Zustand ist. Der Raumanteil ist zwar vernehmbar, aber nicht so stark, dass er einen nennenswerten Einfluß auf Durchörbarkeit oder Artikulation hätte.
Das einmanualige Instrument mit vier Oktaven und im Original angehängten Pedal trägt deutliche Züge einer Renaissance-Disposition, die keine einzige hölzerne Pfeife enthält. Es ist mit 11 Registern ausgestattet und weist einen auf alle von ihnen wirksamen Tremulant auf. Für das Pedal genügen zwei Oktaven Umfang, da es nur für den Cantus Firmus eingesetzt wurde. Auffallend im Prospekt sind die kunstvoll verzierten Zinnpfeifen des Principal 4'. Davor ist als einzige Zungenstimme ein Regal 8'aufgestellt. Diese Art von Zungen verschwand in der Mitte des 17. Jahrhunderts weitgehend aus den Dispositionen, weil sie mit ihrem etwas grobschlächtig-knarrigen Timbre und der instabilen Ansprache nicht mehr zum Zeitgeschmack passte. Als einziges weiteres Register in 8-Fuß-Lage ist die Copula 8' vorhanden, sie entspricht einem Bourdon 8'. Oktavlage und Aliquoten ergänzt noch eine Mixtur 1' 3f.
Die Sample-Sätze von Doksy-Kruh werden - wie die meisten Orgeln für HW 2.10 - im Format 24Bit/48kHz geliefert - ein deutlich hörbarer Gewinn an Wiedergabequalität durch die immerhin im Vergleich zu 16Bit um den Faktor 256(!) höhere Signalquantisierung. Er macht sich auch bei der elektroakustischen Abbildung der hochfrequenten Anteile der Zungenanregung bemerkbar. Hier kann man einmal unmittelbar erfahren, wie groß der Schaden ist, den die MP3-Kompression besonders der Wiedergabe von Zungen zufügt und welche Grenzen selbst die CD mit ihrer Auflösung von 16Bit erkennen lässt!

Die Bildschirmdarstellungen der virtuellen Spieltische halten sich einschließlich der originalen Beschrifung eng an das Vorbild und füllen die Fläche eines 17-Zoll-Röhrenmonitors größtenteils aus. Alle Elemente sind voll funktionell; die Manubrien verändern bei Mausbetätigung die Farbe und springen wenigstens optisch ein Stück heraus. Die Größe der Darstellung auf dem PC-Bildschirm verlangt geradezu einen TFT-Touchscreen, bei dem auch die Setzerknöpfe durchaus noch "zugriffssichere" Größe aufweisen.

Originaler Zustand... ...und erweiterte Version der Orgel von Doksy-Kruh

Jiri Zurek bietet auf der DVD-ROM mehrere Fassungen der virtuellen Orgel an. Die Übertragung des Originals mit 10 Registern belegt 943 MByte RAM; sie hat 20 frei belegbare Setzer und einen Gesamt-Rücksteller. Die zweimanualige Ausführung umfasst sechs Register im ersten, sechs Register im zweiten, fünf Pedalstimmen, drei Koppeln sowie einen Schwellkasten. Um RAM-Speicherplatz zu sparen, lässt sich bei der Mixtur zwischen zweifach und dreifach wählen, wie überhaupt jede Orgel auch in Teilen zu laden ist, indem man vorher einzelne Pfeifenreihen (Ranks) abschaltet.
Um eine Vox humana 8' entstehen zu lassen, wurde das Regal 8' doppelt aufgenommen. Das erste Mal mit dem typischen schneidenden Klang, und ein zweites Mal mit stark geschwächter Becheresonanz; sie soll den typischen nasalen Anteil betonen. Mit einer leichten Verstimmung versehen, entsteht eine Art Schwebungsregister, bei dem allerdings darauf zu achten ist, dass Zufalls-Windeinflüsse nicht die Periodizität der Schwebungen zu stark überlagern - Erkenntnisse, die einem erst die umfassenden Modellierungsfunktionen von HW2 bescheren. In der Spielpraxis konnte die synthetisierte Vox 8' nicht überzeugen; das mag an den merkwürdig ruckartigen Veränderungen der Schwebungsfrequnzen liegen oder an der recht starken Obertönigkeit, die ihre im ungebärdigen Regal liegenden Wurzeln nicht verbergen kann.
Die Mini-Doksy-Orgel mit den fünf Labialstimmen 1x8'(Copula), 1x4', 1x2', 1x1 1/3' und der gleichen, aus dem Regal 8' abgeleiteten Vox humana ist besonders speichersparend. Sie wird auch als eine Art Schnupperversion angeboten. Eine abgeleitete Orgel italienischen Typs wie für HW1 vorhanden, gibt es für HW2 nicht.
Bei der klanglichen Beurteilung fällt zunächst auf, dass das Regal ohne ein Übermaß an engen Reflexionen daher kommt, wie es häufig bei weiter hinten im Gehäuse aufgebänkten Zungenpfeifen der Fall ist. Damit ergibt sich eine unbehinderte Abstrahlung; sie kann zudem noch mit der vorzüglichen, in der Concert-Edition von HW 2.10 angebotenen Möglichkeit zur Intonation vom grundtönig-dunklen bis zum agressiven, schnarrigen Timbre verändert werden. Solche ein Eingriff ist natürlich bei jedem einzelnen Register der Orgel möglich - eine Aufforderung zum Experimentieren.
Da sich unter Organ settings | General options mehrere Voreinstellungen verändern lassen, liegt es nahe, dies auch auszuprobieren. Bald muss man feststellen, dass höhere Werte als die beim Laden vorhandenen direkt auf die Rechnerleistung durchschlagen. Dazu gehören die generelle Windeabhängigkeit, Pfeifenverstimmung nach Zufallsfunktion, Zufallsstörungen des Windflusses, zufallsgenerierte Änderung von Tremulantfrequenz und -tiefe. Dies gilt vor allem, wenn man mehrere Parameter gleichzeitig verstellt. Sobald die Performance nicht ausreicht, entstehen in HW 2.0 Verzerrungen geradezu außerirdischer Natur, die sich jedoch in der aktuellen Version HW 2.10 durch viele Begrenzungsmaßnahmen verhindern lassen. Zurückhaltendes Verstellen der Parameter kann wiederum dem Klang erstaunlichen Realismus verleihen. Aus Lizenzgründen ist übrigens Benutzern in den USA der Zugang zur Windmodellierung bis auf weiteres verwehrt, außerdem erlaubt auch die Demo-Version keine Veränderung der Einstellungen.
Wer die mitteltönige Stimmung verändern möchte, hat in HW 2.10 die Auswahl unter 20 vorgefertigten Temperaturen; sie lassen sich sogar nach eigenen Vorstellungen modifizieren. Endlich einmal ist die Stereobasis weitgehend gefüllt und bietet ein breites Panorama. Insgesamt findet man sich leicht auf dem Instrument zurecht. Was das geeignete Repertoire angeht, so dürfte weniger der auf vier Oktaven beschränkte Umfang des/der Manuale eine gewisse Selektion erfordern; das auf 12 Töne reduzierte Pedal ist da wohl mehr ein Hindernis.

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