Die Rieger-Orgel von Doksy - Tschechien

Zwischen dem Instrument in Doksy-Kruh und der Rieger-Orgel der Kirche St. Bartholomeus von Doksy gibt einen inneren Zusammenhang: Das Renaissance-Instrument von 1627 wurde wegen des geänderten Zeitgeschmacks 1787 nach Kruh verkauft. Eine danach gebaute Barockorgel musste 1932 der von Rieger gebauten zweimanualigen, pneumatischen Instrument mit 28 Registern weichen, das dem "spätromatischen" Geschmack dieser Zeit entsprach. In erster Linie bedeutet dies ein reichhaltige Ausstattung mit dynamisch kontrastierenden 8'-Registern (Oboe, Piccoloflöte, Flöten, Trompete, Cello, Violine), mit sich ein Orchester nachbilden lässt. Von einer solchen symphonischen Orgel kann man eine strahlende Klangkrone mit Mixturen und Aliquoten nicht erwarten, wohl aber eine überzeugende Verschmelzungsfähigkeit der Grundregister untereinander und mit den Harmonischen.

Die Rieger-Orgel ist gleichzeitig Repräsentant einer Orgelbauschule, die sich mehrere Jahrzehnte - oft zu Lasten wertvoller historischer Instrumente - nicht nur in Tschechien, sondern über Deutschland, Italien und Spanien dank industrieller Großserienfertigung bis in die USA ausbreiten konnte. Dort fielen technologische Fortschritte und rationelle Fertigungsmöglichkeiten auf besonders fruchtbaren Boden. Das Original weist mit seiner Opuszahl 2533 ebenfalls auf ein Serienprodukt hin.
Der sich mit diesem Instrument beschäftigt - und die Übertragung nach HW 2 gibt eine ideale Möglichkeit dazu - wird ein Musizierwerkzeug entdecken können, dass wohl kaum durch eine ausdrucksvolle Persönlichkeit beeindrucken kann, sondern vielfältige Stimmenkombinationen mit Bevorzugung der Äquallage bietet. Da kommt es sehr gelegen, dass man mit der Voicing-Funktion manchen Registern etwas mehr Kraft oder der milden Grundtönigkeit einen freundlich-strahlenden, aber immer noch zurückhaltenden Touch verleihen kann.
Allerdings sollte dies mit Vorsicht geschehen; immerhin gibt es nicht weniger als acht Koppeln, darunter welche mit Sub- und Superoktavfunktion, die - geschickt eingesetzt - Eingriffe in die Intonation ersparen können. Jedes Werk hat ein Zungenregister: Im Pedal "steht" die Lieblich Posaune 16', Maual I kann mit einer recht zivilisierten Trompete 8' aufwarten und Manual II bietet eine Oboe 8'. Wer es mag, kannn der Vox Celestis im 2. Manual etwas mehr Pegel/Kraft geben.

Jiri Zurek hat die Rieger-Orgel ganz offensichtlich mit Sorgfalt im 24/48-Format gesampelt und ins Virtuelle übertragen. Voreingestellt erscheint nach dem Laden die vergrößerte Darstellung des Registerfeldes mit seinen typischen, an Pferdezähne erinnernden Registerzungen. Alle Namen sind gut lesbar, so dass ergonomischer Zugriff über einen Touchscreen wahrscheinlich ist. Die Darstellung des Gesamtspieltisches geriet allerdings ein wenig zu klein; dies hat zur Folge, dass die hier vorhandene Möglichkeit, einmal ein Crescendo-Pedal bzw. einen Tritt in Aktion zu erleben, ein etwas mühsames Unterfangen wird. Immerhin ist die Funktion in Betrieb, selbst wenn der MIDI-Spieltisch kein entsprechende Pedal hat. Das Gleiche gilt für das Schwellpedal.

Virtuelles Registerfeld mit originalen Setzern... ...und das Einstellfenster für das Crescendopedal

Es sei noch einmal daran erinnert, dass sich die beim Crescendo ein- bzw. bei Decrescendo abgeschalteten Register in HW 2 programmieren lassen. Die Voreinstellung ist daher nur ein Beispiel, aber eines, bei dem die Wirkung gut hörbar wird. Bei nicht weniger als 4 + 1 Achtfuß-Stimmen im Manual I und 5 + 1 im Manual II zeigen sich deutlich wahrnehmbare, gerade eben hörbare und weitgehend wirkungslose Verschmelzungen. So löst sich die Flute Oktaviante 4' im Prinzipal 8' im ersten Manual völlig auf, obwohl man sie - allein gezogen - gut vernehmen kann.
Mit zwei Achtfuß-Stimmen im Pedal (einer engen und einer weiten) und drei 16'-Fundamenten ist das Pedal neben der Lieblich Posaune gut bestückt. Nach einiger Erprobung kann man durchaus wagen, die Lautstärken einiger Register zu korrigieren; so erscheinen die Prinzipale manchmal zu dominant gegenüber den mehr streichenden Stimmen. Alle im Registerfenster dargestellten Setzer sind Generals, d. h. sie wirken ohne Unterschiede auf alle vorhandenen Werke. Die mit C bezeichnete Taste stellt alle anderen auf Null zurück.
Zum Speicherbedarf gibt es auf den Webseiten des Sample-Anbieters keine Angaben. Einen Anhaltspunkt dafür liefern rd. 2,2 GByte rar-gepackter Dateien auf der DVD. Sie lassen auf mindestens 2,2 GByte RAM schließen; notfalls muss man die verlustlose Kompression von HW 2 einsetzen. Vorsicht ist bei der Definition der Orgel-Grundlautstärke geboten, denn selbst mehrere einzeln recht moderate 8'-Register können sich zu ordentlichen Gesamtlautstärken addieren, die die Aussteuerungsgrenze rasch und mit überaus häßlichem digitalen Missklang überschreiten. Beim Ziehen mehrerer Koppeln wird dier Effekt noch schneller erreicht.
Klangbeispiele sehr unterschiedlicher Art als Originalkomposition und Transkription sind auf den Zurekschen Webseiten verfügbar. Sie bestärken das, was man beim eigenen Spiel auch feststellt: Die Rieger-Orgel ist ein Kind ihrer Zeit ohne besondere klangliche Highlights, mit der sich Symphonisches oder Konzertantes besonders gut darstellen lässt. Der fehlende Tremulant mag eine gewisse Einschränkung für die Wiedergabe barocker Literatur sein.

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