Die Formentelli-Orgel nach Dom Bedos/Roubo in Rieti bei Rom (1)

Orgelgehäuse nach einem Entwurf von Le Fils Roubo.
Der Spieltisch wird vom Rückpositiv verdeckt.
Die frühe Geschichte der im 13. Jahrhundert errichteten, dem heiligen Domenicus geweihten Basilika ist im Detail auf den Internetseiten der etwa im geografischen Mittelpunkt Italiens liegenden Stadt Rieti nachzulesen. Im Jahr 1810 beschlagnahmen die französischen Besatzer den gesamten Gebäudekomplex und vertreiben die Mitglieder des Klosters. 1862 wird die Religionsgemeinschaft des Grundbesitzes enteignet und die gesamte Klosteranlage zur Kaserne umgestaltet; die Kirche diente nun als Stallung. Die unglücklichen Ereignisse dieser Jahrzehnte sind detailliert in einer Chronik festgehalten. Sie beschreibt wie die Zungenpfeifen der damaligen Orgel - einst berühmt wegen ihrer gedrehten Form - nun Straßenjungen als Spielobjekt dienen, 14 Altäre mutwillig zerstört, marmorne Innenteile gestohlen werden und die Bibliothek einer Plünderung zum Opfer fällt. Selbst die Glocken verhökert man an einen Fremden, der einen Neuguss verspricht.
So geht beinahe ein Jahrhundert dahin, ohne dass die Kirche ihrem eigentlich Zweck zugeführt wird. Im Gegenteil: Von 1924 bis 1940 benutzte man sie als Sägemühle. 1966 erfolgt schließlich eine teilweise Restaurierung, bei der wenigstens einige der Gemälde in Museen gerettet werden konnte. Nach einem Erdbeben 1979 und jahrthundertelanger Vernachlässigung fällt das Dach zusammen und Gestrüpp wächst über dem Gebäude. Erst im Jahr 1994 betraut die Stadtverwaltung von Rieti den Bischof Luigi Bardotti mit der Zurückführung in den religiösen Gebrauch. Obwohl das Kirchengebäude eigentlich abbruchreif ist, gründet man ein Kommittee für den Wiederaufbau, stellt Dachbalken und und Wände werden wieder her, bringt Mauern und Böden in brauchbaren Zustand und installiert schließlich fünf neue Glocken. Im Dezember 1999 war die Kirche wahrhaftig aus den Ruinen auferstanden und konnte für den gottesdienstlichen Gebrauch übergeben werden.
Die Idee zum Bau einer Dom-Bedos-Orgel stammt aus dem Jahr 2000, nachdem Kommitteemitglieder an der Einsegnung der größten Orgel in der Kirche Santa Maria degli Angeli in Rom teilgenommen hatten. Sie lernten dort Bartholemy Formentelli, den aus Pedemont bei Verona stammenden Erbauer des Instruments kennen. Formentelli hatte den Ruf, ausgezeichnete Arbeit zu leisten, bei der er stets die Regeln des altherbebrachten Orgelbaus befolgte - bekannt war damals die große Moucherel-Orgel in Albi. Seine Schöpfungen zeichnen sich durch eindrucksvollen, warmen und so authentisch auf frühere Bauepochen zurückgehenden Klang aus, dass in diesem Zusammenhang der Begriff 'Atavismus' gebraucht wird.
Bei einem Treffen mit Formentelli wurde die Idee geboren, sich beim Bau der neuen Orgel eng an zwei im 18. Jh. entstandenen Traktate zu halten: "L'art du Facteur d'Orgues" des Benediktiners Dom François Bedos de Celles und "L'Art du Menuisier Carrosier" des Pariser (Kunst-)Tischlermeisters Le Fils Roubo, der sich besonders bei der Gestaltung von Orgelgehäusen einen ausgezeichneten Ruf erworben hatte.

Während Dom Bedos den gesamten Vorgang beim Bau einer Orgel methodisch sowie sehr detailliert beschreibt und mit Zeichnungen/Kupferstichen bebildert, hatte sich Roubo Le Fils intensiv mit der Herstellung von Orgelkästen, ihrem Einfluss auf den Instrumentenklang und ihrer äußeren Gestaltung beschäftigt. 1768 fertigte er sehr detaillierte Zeichnungen eines idealen, kunstvoll verzierten Gehäuses besonders für große Orgeln (Buffet di Grand'Organo), das indessen nie in die Realität umgesetzt wurde.
Im Januar 2004 unterzeichnete man einen Vertrag zwischen Formentelli und dem Kommittee San Domenico; unmittelbar danach begannen die Arbeiten an dem Instrument mit 4054 Pfeifen. Sie waren jedoch 2009 mit der Einweihung durch einen Sekretär des Vatikanstaates nicht vollendet, es fehlten immer noch einige Register. Erst Ende 2009 kam zu einem Zwischenabschluss. Das Urteil von Fachleuten war durchwegs positiv, sogar überschwänglich: Hell im Klang, lebendig in den Zungenstimmen, warm in der Grundtönigkeit und brilliant im Tutti 'wie ein Sternenhimmel'. Fromentelli hat damit, wie er selber sagt, seinen Traum verwirklicht. Das Instrument wurde Seiner Heiligkeit Benedict XVI geweiht und darf nun als 'Papstorgel' bezeichnet werden.
Hatte es bei althergebrachten Orgeln italienischen ausschließlich ein Manual (häufig mit Teilung in Bass- und Diskantbereich) gegeben, so lehnt sich das Opus von Formentelli an die klassische französische Bauweise an, die mehrere selbstständige Werke je einem Manual zuteilt. Dennoch ist es keineswegs die Kopie irgend einer von Dom Bedos jemals wirklich geschaffenen Orgel, obwohl dieser sie - wie man weiss - hätte bauen können.
Zusätzlich zu den Manualen für fünf Werke wie Hauptwerk (Grand Organo), Rückpositiv (Positivo Tergale), Rezitativwerk (Recitativo) und das Pedal mit seinem unabhängigen Werk gibt es hier als Besonderheit ein Resonnance-Manual. Das Konzept stammt aus der französischen Orgelbauschule; dabei ging man von dem Gedanken aus, dass ein Pedal zwar für das gesamte Instrument von größter Bedeutung ist, sich sein Gebrauch in der Praxis aber immer auf das Spielen einzelner Noten beschränkt. Erweitert man den Tonumfang nun bei allen Pedalregistern im Diskant z. B. von MIDI# 33 bis MIDI# 61, so kostet dies nur einen Bruchteil gemessen am Aufwand für die 'großen' Pedalpfeifen, schafft jedoch damit eine deutliche Erweiterung der Klangfarben. Das Grand Cornet im Resonnance ist bisher nicht fertiggestellt.
Da Dom Bedos das Pedal in seiner Abhandlung für die Bedürfnisse seiner Zeit entworfen hatte würde es sich allerdings nicht zum Spielen heutiger polyphoner Literatur eignen; dabei geht es weniger um den Tonumfang als um Form und Konstruktion der Pedaltasten. Um den 'alten Stil' beizubehalten, ohne sich den Weg zu heutigen Kompositionen zu versperren. gibt es ein zweites, austauschbares Pedal nach 'deutscher Art'. Wahrhaft monumentale Ausmaße hat das Gehäuse aus Walnussholz mit über 13 Meter Breite; seine reichen hölzernen Schnitzereien zeigen Blumen und Cherubine. Waagerecht im Prospekt angeordnet finden sich die Zungenpfeifen (En Chamade); zudem steht auch dort (wie alle Montre-Register) die Montre 32' mit immerhin 7 m Höhe. Die Disposition des Vorbildes lässt sich hier aufrufen. Die 'verliebte Nachtigall' (Rossignol en Amour) hat einen Umfang von 10 Pfeifen; sie erhält ihren Klangcharakter durch das Eintauchen in Wasser.
Bei der Wahl der Temperatur war die Entscheidung zu fällen. ob man die von Dom Bedos vorgesehene Mitteltönigkeit übernehmen sollte - sie würde den Umfang der spielbaren Werke recht einschränken - oder davon abweicht. Zu einer einer völlig gleichschwebenden Stimmung konnte man sich jedoch nicht entscheiden, obwohl sich wie es heisst, Bachsche Literatur auf dem Instrument durchaus gespielt werden kann. Nur zeigen die Intervalle h-fis und cis-gis (eine Stimmung nach Formentelli/Jourdan) eben eine deutliche Wolfsquinte. Die Tonhöhe steht auf a=415 Hz.
Die Web Site http://www.organosandomenicorieti.it/video.htm enthält neben anderen Informationen eine Reihe von Demo-Clips, anhand derer man sich ein Urteil darüber bilden kann, ob sich 'Deutsche' Literatur auf der Orgel spielen lässt (zu finden unter 'Bach e i Germanici sul Dom Bedos'). Bemerkenswerterweise gibt es dort auch einen Abschnitt, der sich mit der Übertragung des Instrumentes nach Hauptwerk durch Sonus Paradisi dem Sample-Produzenten befasst - eine wohl kaum woanders zu findende Ausnahme, zumal eine Reihe von Democlips zum unmittelbaren Vergleich einlädt.
Der in Vorbereitung befindliche zweite Teil befasst sich mit der Umsetzung der Orgel nach Hauptwerk 4.

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