Die Formentelli-Orgel nach Dom Bedos/Roubo in Rieti bei Rom (2)

Der Kupferstich zeigt die Herstellung von Labialpfeifen aus dem bereits gegossenen Zinn/Blei-Rohblech
Da die Wiedergabe des Gehäuse-Orginalentwurfs von Roubo aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet ist, sei anstelle dessen eine Tafel aus dem Werk 'L'Art du Facteur d'Orgue' von Dom Bedos de Celles abgebildet, das durch seine in den Textteilen enthaltenen genauen Anweisungen einen vorzüglichen Überblick über die seinerzeit eingesetzten Fertigungstechniken bietet. Der Bericht aus der Werkstatt von Formentelli zeigt, dass diese Methoden auch beim Bau des Instruments Anwendung fanden - eine Tatsache, auf die Fachleute dessen vielgerühmten Klangeigenschaften zurückführen, wenn auch bereits der Name des Orgelbauers für außergewöhnliche Qualität steht.
Ein unmittelbarer Vergleich ist zudem beispielweise anhand des Instrumentes von Saint Croix, Bordeaux, möglich, das Dom Bedos 1748 baute. Wer sich für die Diskussionen um die klangliche Auslegung der Rieti-Orgel interessiert, sollte sich die FAQ-Seite (Domande frequenti) auf der Webseite http://www.organosandomenicorieti.it/index.htm ansehen und ggf. automatisch übersetzen lassen.
Dem Hauptwerk-Freund wird das erkennbar mit viel Aufwand gestaltete Vorbild (vielleicht weil Dom Bedos ein Benediktinermönch und das Ganze eine 'Chefsache' des Papstes Benedikt des XVI. war?) virtuell zur Verfügung gestellt. Vorab sei erwähnt, dass einiges an Einarbeitung nötig ist, will man die klanglichen Eigenheiten wirklich ausloten. So bietet die Gliederung des virtuellen Spieltisches keine unmittelbar erkennbare Zuordnung der Manubrien zu den Manualen. Wenn man dann mit der etwas verschnörkelten französischen Beschriftung der Bedienelemente zurechtkommt, so fehlen doch die Bezeichnungen der Fußlagen außer 32/16/8', sofern nicht stets mit Fußlagen verbundene Registerbezeichnungen wie Larigot, Tierce Cymbale und andere dies von sich aus erkennen lassen.
Das unterste der fünf Manuale ist das des Rückpositivs - sozusagen als kleinerer Bruder und Solomanual des darüber befindlichen Hauptwerks (Grand Orgue mit dem 32'-Montre-Register). Mit seinen kraftvollen Zungenstimmen ergänzt das Resonance-Manual das Hauptwerk als dritte Klaviatur von unten, wobei die Schlachttrompete (Trompette de Bataille) und der obere Teil des Clairon als Horizontalregister waagerecht im Prospekt stehen. Darüber ist das Récit- und ganz oben das Echo-Manual.
Jede der erwähnten Zungenstimmen und auch alle weiter vorhandenen - das kann man ganz nüchtern feststellen - hat ihren eigene Färbung mit über den gesamten Umfang ausgewogenen Obertönen und ohne aufdringliches Schnarr-Beiwerk. Die Cromorne im Positiv mit ihrer edlen Tenorlage ruft geradezu nach der reichhaltigen Literatur des französischen Barocks im 17. und 17. Jh, wobei die Register des Positivs durch seine Aufstellung von sich aus direkter wirken als andere im Gehäuse aufgestellte Ranks. Das Positiv mit seiner umfangreichen Disposition kann durchaus als kleine eigenständige Orgel genutzt werden

Neben den herausragenden Zungenstimmen vedienen auch die Labialen eine lobende Erwähnung: Wenn auch von dem in einigen Besprechungen erwähnten Spucken mit einem Luftstrom am Pfeifenmund wegen des Kircheraums mit seinen über drei Sekunden Nachhall nicht in allem Stimmen und bei allen Tönen eines Registers in gleicher Weise zu vernehmen ist, so repräsentiert jedes Stimme mustergültig ihre Benenung und weist gute Verschmelzungsfähigkeit auf. Harmonische und Aliquoten sind ausnahmlos kräftig intoniert und lassen keinen Abfall im Diskantbereich erkennen, so dass man stets auf entsprechende Balance durch die Grundstimmen achten muss. Es lässt sich wohl kaum klären, ob dies auf den Einfluss von Formentelli oder auf den Klanggeschmacks zu Zeiten des Dom Bedos zurückzuführen ist. Dennoch dürfte es wohl nicht schaden, wenn man die Lautstärke einiger Töne noch etwas untereinander ausgleicht..

Der virtuelle Spieltisch komplettRegisterfeld LinksRegisterfeld Rechts

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Das virtuelle Pedal (mit 30 Tasten Umfang in der alt-italienischen Fassung) ahmt das des orginalen Spieltisches nach und ist ebenfalls per Maus zu aktivieren. Zieht man 'Tirasse Res.', so wird das Resonnance-Manual mit seinen bisher drei, später vier vom Hauptwerk (G.O) entnommenen Registern zugeschaltet, wobei das Grand Cornet V beim Original noch nicht installiert ist und somit auch hier im Sample-Satz stumm bleibt. Der alten Tradition folgend ist das C# (MIDI# 37) bei keiner der Lippenpfeifen bestückt; zieht man ein Zungenregister, so erklingt statt dessen das A (MIDI# 33). Der Soufflerie-Zug (zweite Reihe von links, ganz oben) steuert die Windversorgung. Sie ist zwar voreingestellt eingeschaltet, aber dennoch etwas unglücklich angeordnet, weil man sie leicht mit einem Registerzug verwechseln kann und beim Abstellen mit klagenden Tönen vom Absterben des Ventus überrascht wird.
Wie schon häufig in Orgelbits-Besprechungen erwähnt, kann man über den Klangbeitrag der 32'-Montre im Hauptwerk (auf die das Kommittee der Kirche von San Domenico ganz offensichtlich größten Wert legt) bei elektroakustischer Wiedergabe über Lautsprecher geteilter Meinung sein; selbst beim Abhören über einen Spitzenkopfhörer zeigt sich ein gewisser Tiefenabfall in der untersten Oktave, aber immerhin wird einiger Zuwachs an Gravität vernehmbar.
Generell ist zu berücksichtigen, dass keines der Manuale mehr als 53 Tönen Umfang hat; bei den Werken Récit und Écho sind es nur 35 bzw. 42 Töne. Man sollte sich daher besser vor dem Registrieren vergewissern, das beispielsweise keines der Register des Récit-Manuals in einer Melodielinie unterhalb des g (MIDI#55) benötigt wird. Ähnliches gilt auch für das Echo-Manual. Offensichtlich hat die päpstliche Behörde zur Auflage gemacht. dass in der virtuellen Version keinerlei Töne erzeugt werden. die das Original nicht hat. Das gilt eben auch für das Pedal. Hauptwerk in der Version 4 (und nur dafür ist der Sample-Satz uneingeschränkt kompatibel) zeigt daher seine Vorteile, weil man fehlende Setzer und Koppeln durch die Spielhilfen der Master-Ebene hinzufügen kann.
Der kräftige und schön gleichförmig abklingende Nachhall lässt es geraten erscheinen, wenn möglich immer die Surround-Version des Satzes zu laden und die Orgel auch mit einem rückwärtigen Boxenpaar zu spielen; erst dann bleibt im Klangbild auch bei der Häufung vieler Register die Transparenz gewahrt. Wer dies nicht mag oder kann, lädt nur den (ebenfalls mit deutlichem Ambiente versehenen) frontseitigen Datensatz. Freilich gibt es neben der Audioseite einige andere Voraussetzungen; sie betreffen zunächst den Umfang des Hauptspeichers. Der vollständige Satz belegt in 24-Bit-Qualität etwa 22 GByte, in 16-Bit Auflösung 11,7 GByte. Begnügt man sich mit der Frontseite, so reduziert sich der Belegung auf etwas über 7 Gbyte. Die Uraufzeichnung wurde im Format 24 Bit/48 kHz gemacht, wobei Mehrfach-Abklingphasen (Multiple Releases) die Regel sind. Manche Register haben es auch Mehrfach-Einschwingphasen (Multiple Attack Samples).
Wie bei Sonus Paradisi üblich, gibt es eine ausführliche Anzeige der Windverhältnisse, aufgeteilt in Bälge (Soufflets) und Windladen (Sommiers). Wer sich generell für die französischen Begriffe aus der Orgelwelt interessiert, findet unter www.frauke-mekelburg.de/orgel/orgel_lex_frz.htm ausführliche (und mehrsprachige) Übersetzungen. Das von diesem Sample-Produzenten immer hinzugefügte Intonationsfenster ist hier nicht abgebildet, dafür jedoch ein Hilfe, um sich auf dem virtuellen Spieltisch zurecht zu finden.

Gliederung des virtuellen SpieltischesHW-unabhänges Intonationsfenster

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Eine Testversion (Trial) mit immerhin 10 Registern, darunter die Trompette de Bataille des Resonnance-Manuals ist unter www.sonusparadisi.cz/downloads.0.asp herunter zu laden. Bereits sie gibt einen brauchbaren Eindruck des Sample-Satzes. Er lässt sich noch durch eine umfangreiche Sammlung von Live-Einspielungen (auch mit Surround-Dateien) auf der Demoseite sowie mit Clips von www.contrebombarde.com ergänzen; dabei kann man gleichzeitig einen Überblick erhalten, welches Repertoire auf der Orgel gespielt wird. Allerdings gibt es selten Angaben darüber, ob und in welchem Umfang eine Vorn/Hinten-Mischung eingesetzt wurde.
Wer darüber hinaus gern eine Zusammenstellung der Eigenschaften der Rieti-Orgel im Vergleich mit denen einiger größerer Orgeln in Europa ('I grandi fratelli') hätte und einige sprachliche Hürden nicht scheut, sollte zur Webadresse http://www.organosandomenicorieti.it/strumenti_europei.htm gehen. Die päpstliche Administration legt offensichtlich großen Wert darauf, dass dieses Instrument als Mischung aus alter und neuester Orgelbaukunst mit anderen renommierten Werken mithalten kann.

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