Ein italienisches Spinett für Hauptwerk

Italienisches Spinett
Die Übertragung in Hauptwerk erlaubt zwei Versionen mit unterschiedlichem Tastenumfang

Unter der Webadresse "http://duphly.free.fre/en/index.html" lässt sich ein italienisches Spinett (franz. Epinette, aber nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Bordun-Zither) in drei Teilen frei herunterladen. Auf der gleichen Duphly-Website werden bereits mehrere Tasteninstrumente zum Download angeboten; sie sind teilweise auch in Orgelbits besprochen. Der Schöpfer dieses Sample-Satzes ist René Berthault, während der eigentliche Erbauer des Spinetts nicht genannt wird. Angesichts des recht schmucklosen Äußeren kann man auf einen modernen Nachbau schließen.
Wikipedia nennt als typische Bauform eines Spinetts die schräg-seitlich zur Tastatur verlaufende Besaitung - eine platzsparende Konstruktion für ein geringe Abmessungen aufweisendes Hausinstrument gegenüber dem sichtbar größeren Cembalo. Die klangerzeugende Mechanik ist bei beiden Typen gleich, allerdings muss hier auf die Ausstattung mit mehreren Registern verzichtet werden. Dennoch hat das Spinett einen Acht-Fuß, ergänzt durch einen Lautenzug - also immerhin zwei Klangfarben, die sich getrennt ein- und ausschalten lassen.
Der Satz ist für HW1 gedacht. Nach dem Laden der drei Teile - sie sind als rar-Datei komprimiert - werden diese zweckmäßigerweise in ein temporäres Verzeichnis entpackt und mit der Import-Funktion von HW3 dieser Hauptwerk-Version angepasst. Dass der virtuelle "Spieltisch" in typischer HW-1-Gestaltung eine recht nüchterne Oberfläche aufweist, fällt kaum ins Gewicht.

Auf der Webseite weist man darauf hin, dass die Samples in der größten überhaupt sinvollen Länge chromatisch und ohne Rücksicht auf die RAM-Belegung aufgezeichnet wurden. So lässt sich leicht feststellen, dass der Nachklang mancher Saiten oft erfreuliche 20 Sekunden beträgt. Dennoch ist der Speicherplatzbedarf mit unkomprimierten 230 MByte noch sehr zivil (und ausgesprochen loptop-freundlich!). Weil man möglichst vieleitigen Einsatz erwartet, sind fast keine Raumanteile vorhanden; sie lassen sich nach Geschmack hinzufügen.
Die neben den größeren "Registerzügen" erkennbaren kleineren Schaltfelder sind keine Setzer (die hier ohnehin keinen Sinn hätten), sondern schalten den Tonumfang des Spinetts bei gleichzeitiger Oktavverschiebung von G0 - c5 auf C1 bis e5 um. Allerdings fehlt eine optische Rückmeldung. Wer Literatur aller Art spielen möchte, wird wohl zumindest das F0 etwas vermissen, obwohl einzusehen ist, dass die schwingungsakustischen Gegebenheiten für einen derartigen Tonumfang nach unten hin rein physikalisch wegen der geringen Saitenlänge kaum mehr vorbildnah sein dürften.

Virtueller Spieltisch des Originals


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Im Lieferzustand hat das Spinett temperierte Stimmung (a=440Hz). Da dem für HW1.xx konzipierten Sample-Satz der Zugang zu den einstellbaren Temperaturen in HW3.00 verwehrt sind, gibt es eine vollwertige Ersatzlösung: Wer alternative Stimmungen ausprobieren möchte, kann auf fünf mitgelieferte Batch-Dateien von Martin Dümig zurückgreifen. In Verbindung mit seinem sehr praktischen PipeTune-Programm ist das Instrument schnell (und genau) auf Pythagorean, MeanTone4, Werckmeister4, Vallotti und Kellner umzustimmen.
Wenn es um die Beschreibung der Klangfarbe geht, muss man fairerweise erst einmal feststellen, was man erwarten darf. Ein Spinett weist gegenüber dem Cembalo einen deutlich intimeren Charakter auf - kein Instrument für den großen Auftritt, sondern mehr für das Ausleuchten von Werken in kleinem Kreis. Die beiden Register, einzeln oder gemeinsam eingesetzt, erlauben - abgesehen von den sonstigen Artikulationsmöglchkeiten auf einem solchen Instrument - ein gewisse Stufung dabei. Dabei Klangfarbe ist gedeckt/warm timbriert mit im Gesamtspektrum erstaunlich gut ausbalancierten tiefen Grundtönen und einer niemals aufdringlich wirkenden Ausdehnung nach den oberen Oktaven hin. Glücklicherweise hat man offensichtlich bei der Übertragung nach Hauptwerk darauf verzichtet, die Gewichtung der Obertonspektren zu den Fundmentalen elektronisch zu beeinflussen und den Bassbereich damit zu verstärken. Wie sonst auch, hört man derartige Feinheiten nur mit einem wirklich neutralen Studiolautsprecher oder guten Kopfhörern.
Der Verfasser hat von der Mehrkanalfähigkeit einer neuen RME-Karte Gebrauch gemacht, den Acht-Fuß auf die Studiolautsprecher und den Lautenzug provisorisch auf zwei gute Hifi-Boxen geroutet. Das überraschende Ergebnis: Aus der sonst nur mehr in der Vorstellung als real existierenden Stereo-Hörfläche entstand nun eine wirklich flächiger Klang, der die Abstrahlung des Korpus überzeugend nachbildet. Der Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Stereo-Samples die Basis vorzüglich füllen. Bevor man sich in das weitaus komplexere Feld der Mehrkanalwiedergabe von Orgeln begibt, dürfte das Spinett ein vorzügliches Versuchsobjekt darstellen.
Leider gibt es keine Klangbeispiele, einige sind jedoch bei Orgelbits in Vorbereitung.

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