Die Franz-Caspar-Schnitger-Orgel in Duurswoude
(HW ab v2)
In den Niederlanden bilden die beiden friesländischen Orte Duurswoude und Wijnjeterp das Dorf Wijnjewoude. Im Jahre 1917 erhielt die kleine, in ihren Grundzügen aus dem 13. Jh. stammende Kirche von Duurswoude eine gebrauchte einmanualige Orgel, deren Qualität offenbar von niemandem erkannt wurde, bis O. B. Wiersma 1972 seine wahrlich aufregende Entdeckung veröffentlichte. Demnach war es genau dieses Instrument, das Franz Caspar Schnitger wahrscheinlich 1723 an die Lutherische Kirche in Zwolle geliefert hatte.
Registeranlage (die Abstrakten liefen unter der Orgelbank durch) und gesamte Konstruktion lassen darauf schließen, dass es ursprünglich als Rückpositiv für eine andere, zwei- oder sogar dreimanualige Orgel in Zwolle gebaut wurde, für die dann ein Kontrakt nicht zustande kam. Das heisst besonders, dass die Manubrienanordnung sich ursprünglich im Rücken des Organisten befand und dieser seitlich neben sich greifen musste. Die zugehörigen Proportionen sind am originalen Spieltisch zu erkennen, weniger am virtuellen Gegenstück wegen seiner zwangsläufig anderen Proportionen. Die urspüngliche Qualität der Orgel ist an der Goldverzierung einiger verbliebener Teile (Original-Labien, Schnitzereien) zu erkennen.
Im 19. Jh. erfolgten einige nicht glückliche Eingriffe und beim Einbau 1917 kamen einige Pfeifen abhanden. Durch umfassende Restaurierung erhielt das Instrument in den Jahren 2000 bis 2001 sein originales Konzept zurück, Schäden bzw. Umbauten am Orgelkasten wurden retuschiert bzw. beseitigt und die Farbgebung geändert. Dabei kamen unter den alten Farblagen auf einem Rückwandpaneel auch die alten Registerschilder zum Vorschein, die man als Vorlage für die heutigen verwendete. Das Manual wurde in der Machart nach Schnitger neu erstellt, während das nicht zu restaurierende Pedal als Kopie wieder erstand.

Die vorhandenen Schnitgerschen Pfeifen kamen an ihren alten Platz zurück - eine wichtige Hilfe bei der Aufgabe, die GedactQuint 3 und die Quintanus 1 1/2 anhand anderer Schnitgerscher Vorbilder zu rekonstruieren. In der Mixtur und dem Sesquialter sind einige zehn alte Pfeifen erhalten geblieben, der Rest ist völlig neu. Neu ist auch eine Vox Humana als Kopie der gleichartigen Stimme der St.-Laurenskerk zu Alkmaar. Die Umrisse der Eichenholzstiefel waren noch auf dem Pfeifenstock zu erkennen und konnten als Anhaltspunkt dienen.
Nun liegt die Übertragung nach Hauptwerk von OrganArt Media vor; sie bildet ein charaktervolles Instrument auf eine Weise ab, wie man sie sich in ihrer Ästhetik stimmiger nicht vorstellen kann - ein echter Gewinn für Hauptwerk-Freunde.

Gesamtspieltisch der erweiterten Version ...und Windversorgung mit Hilfsschaltern


Bilder anklicken für vergrößerte Darstellung. Zurück mit dem Zurück-Pfeil im Browser

Es gibt einige gute Gründe, das Instrument nicht 1:1 nach Hauptwerk zu übertragen, sondern leicht erweiterte Versionen anzubieten. Zunächst geht es um Korrektur einiger Unzulänglichkeiten. Das später dem Original hinzugefügte und angehängte Pedal umfasste nicht einmal ein ganze Oktave; Prof. Maier hat den Umfang daher auf 27 Töne bis c1 erweitert. Außerdem ist nun ein 16'-Fundament in Form eines windgekoppelten Subbass vorhanden, das per Schalter im Fenster für die Windversorgungsanzeige aktiviert werden kann. Soll es ohne 16' gehen, dann kann man das Pedal an das Manual koppeln und die beiden warmen und ausgeglichenen 8'-Register (und natürlich alle weiteren) dafür einsetzen.
Ein weiterer Grund für mehrere Fassungen ist die Abhängigkeit der Pfeifen-Einschwingvorgänge von der Geschwindigkeit der Trakturbetätigung - in Hauptwerk auf MIDI-Ebene mit Manualen/Keyboards verwirklicht, die sog. Velocity-Empfindlichkeit aufweisen. Viele Sample-Satz-Anbieter überlassen hier dem Nutzer die Einstellung mit der Gefahr, dass der (im Menü einstellbare) Traktureinfluss deutlich übertrieben werden kann. Lt. Prof. Maier bildet dies außerdem nicht den realen physikalischen Vorgang nach, weil eben nicht alle Pfeifen die gleiche Reaktion auf die Anschlagsschnelligkeit und damit die Ventilöffnung zeigen. Einige Pfeifen können sich sogar umgekehrt verhalten; langsamer Tastendruck erzeugt dann schnelle Ansprache.
Dennoch muss der Hauptwerk-Nutzer auf trakturabhängige Ventilöffnung und Windeinfluss auf die Ansprache nicht verzichten: Mit einer in der Nachbearbeitung zeitaufwändigen Methode bildet man in diesem Sample-Satz erstmals das reale Verhalten von dafür sinnvollerweise in Frage kommenden Ranks, hier also Praestant 8, Principael 4 und Octav 2 durch Multiple-Attack-Samples nach. Mit anderen Worten werden nicht etwa Standard-Samples nachträglich per Velocity-Modellierung in Echtzeit modifiziert, sondern je nach vom Manual eingehender Velocity ruft die Software ein entsprechendes Sample auf, das - und dies dürfte der Zweck hinter dem Verfahren sein - zuverlässiges, realitätsnahes Tracking-Verhalten zeigt, ohne dass der Nutzer dies möglicherweise aus Unkenntnis ins Groteske übertreiben kann. Um das Ganze noch vollkommener zu machen, werden die Trakturgeräusche ebenfalls entsprechend den Velocity-Werten variiert - alles Ideen, die sich in Hauptwerk durchaus verwirklichen lassen.
Damit erklären sich auch die verschiedenen Orgeldefinitionsdateien; für jede der beiden Grundversionen (Original und Extended) sind Unterfassungen für Manuale/Keyboards mit und ohne Velocity-Fähigkeit vorhanden. Im letzteren Fall erfolgt die Traktursteuerung durch eine Zufallsfunktion. Wie das klingt, wenn Manuale Velocity-Befehle erzeugen, lässt sich an zwei Dateien mit Auszügen aus einem Werk von Heinrich Schütz hören, an denen OrganArt Media sein Verfahren demonstriert. Hier die Fassung bei mäßiger Velocity und vergleichsweise milder Pfeifenansprache und hier bei starken (schnellen) Anschlag, resultierend in leichtem Spucken und stärker hörbaren, wenn auch kurzen Vorläufertönen. Ohne Velocity-Steuerung treten zufallsbedingte, d. h. nie identische (dennoch im Sample-Satz vorher festgelegte) Streuungen in der Ansprache auf, die für das Spielen auf einer realen Orgel typisch sind. Bitte dazu den Nachtrag lesen!
Der virtuelle Spieltisch bietet ausgezeichneten Zugriff auf die Registerzüge dank einer Kombination aus Manubriumstellung und zusätzlicher Signalisierung per LED-Imitation. Wer sich wundert, was die Reihe der kleinen Knöpfe bedeutet, dem sei verraten, dass es sich um Hymnen-Zähler handelt, die dem Organisten helfen, sich die Anzahl der von der Gemeinde gesungen Verse zu merken. Im Übrigen ist der Spieltisch bei Vorbild hinter dem Orgelgehäuse angeordnet.
Die Orgel wurde mit 48 kHz/24 Bit in Sechskanaltechnik aufgenommen und nachbearbeitet; dabei fand - heute bei Sample-Sätzen der Oberklasse schon Standard - Multi-Layer-Release und Multi-Attack-Technik Einsatz - ebenfalls zweitaufwändige Schritte in der Nachbearbeitung, die zudem die Aufnahme mehrerer Samples für jeden Pfeifenton erfordern. Diese erklärt auch Umfang und Speicherbedarf des virtuellen Duurswoude-Instrumentes. Er beträgt bei 24 Bit Sample-Format, eingeschalteter Kompression und allen aktivierten Loops immerhin 1,5 GByte freies RAM, und dies für 10 Register!
Dass der Orgelsatz - wie es heisst - mit Feinstimmung versehen ist, soll keinesfalls bedeuten, hier lägen nun stets präzise mathematische Relationen vor. Im Gegenteil: Minimale Abweichungen von den genauen Einzelfrequenzen bereichern deutlich den Gesamtklang. Die Feinstimmung bleibt übrigens unabhängig von der gewählten Temperatur in allen Ranks erhalten. Die voreingestellte Stimmung is mitteltönig (1/6 Komma)
Zurück zum Klang des Instrumentes in Hauptwerk: Rohrfluit und Praestant, die beiden 8'-Fundamente bieten seltene Qualität. Mit ihrem milden, aber charaktervollen Timbre gehören sie zu den schönsten 8'-Solostimmen die man in Hauptwerk über Kopfhörer (und immer noch eindrucksvoll über Lautsprecher) hören kann. Ein Kuriosum in Hauptwerk ist der Nachbau der Vox Humana aus der Orgel der St. Laurenkerk mit seinen doppelt-konischen Resonatoraufsätzen: Hier wird ein aus einer anderen realen Orgel kopiertes Register elektronisch in eine virtuelle Orgel versetzt und fügt sich dort ebenso nahtlos ein wie bei der Vorbildorgel.
Auf der Webseite www.organartmedia.com/Duurswoude-Demos.html finden sich Demo-Clips mit Werken von Buxtehude, Bach, Sweelinck, Frecobaldi und Froberger. Jeder von ihnen spricht für sich. Überraschenderweise harmoniert auch das Choralvorspiel von Brahms "Schmücke Dich, o liebe Seele" ausgesprochen überzeugend mit der Disposition der Orgel. Nach eigener Erfahrung machten sich die kleineren Werke von Friedrich Müller op. 8 im Verlag von Gernot Wurst besonders gut bei Austesten. Dies wegen ihres auch für Nur-Piano-Geschulte sehr übersehbaren Schwierigkeitsgrades, aber auch der auch ins Romantische reichenden zeitlichen Einordnung wegen als Vor- oder Nachspiel, bei denen man auch ohne umfangreiche praktische Erfahrung bei der Registrierung schnell zu anhörbaren Ergebnissen kommt. Wie schrieb doch ein Hauptwerk-Freund im Forum: Lassen Sie sich von der Kleinheit dieser Orgel nicht täuschen. Sie kann überwältigende Plenum-Klänge erzeugen, ohne jemals hart oder spitz zu wirken.

Nachtrag
Kurz nach Fertigstellung dieser Besprechung teilte Prof. Maier mit, dass zukünftig nur ODF-Versionen (Original/Extended) mit Velocity-Steuerung veröffentlicht werden; die Ausführungen mit Zufallssteuerung der Velocity für Manuale/Keyboards ohne solche Einrichtung (dies ist der Fall bei der Mehrzahl aller HW-Nutzer) entfallen. Damit verringert sich der notwendige Speicherplatz in der 24-Bit-Fassung (Kompression ein, alle Loops aktiviert) auf 1,320 GByte.

Zurück zur Hauptseite  |  SampleSätze für Hauptwerk