Die Andreas-Silbermann-Orgel von Ebersmünster im Elsass

Prospekt und Gehäuse haben deutliche Ähnlichkeit mit denen der Orgel St. Germain des Prés in Paris, gebaut von Alexandre Thierry, dem Vater von François
Die Kirche St. Mauritius von Ebersmünster bei Schlettstadt im Elsass wurde 1727 nach erheblichen, durch den Dreißigjährigen Krieg verursachten Verwüstungen erneut wieder hergestellt und gilt als eine der schönsten Barockkirchen im Osten Frankreichs. Mit ihren reichen und farbenfrohen Ausschmückungen sowie den wertvollen Schnitzarbeiten von Chorgestühl, Beichtstühlen und Kanzel entstand sie als Gotteshaus einer inzwischen aufgelösten Benediktinerabtei.
In den Jahren 1730 bis 1731 baute der ursprünglich aus Sachsen stammende Andreas Silbermann eine der letzten Orgeln seine Schaffens von insgesamt 34 Werken in die Kirche ein. 1732 noch mit zwei Registern ergänzt, überstand sie die französche Revolution und andere darauffolgende Kriege und ist heute eines der beiden vollständig erhaltenen Instrumente des berühmten Orgelbaumeisters, das seit 1971 offiziellen Dankmalsschutz genießt. Das Gehäuse sollte ursprünglich drei Türme haben, wurde jedoch mit fünf Türmen wie das Werk in Marmoutier ausgeführt. Seit 1972 steht es ebenfalls unter Denkmalsschutz. Im Jahre 1857 fügte man im Pedal ein Bombarde hinzu, die später wieder entfernt wurde. Einige im Jahr 1939 ausgeführte, recht unglückliche Retuschen an der Intonation konnten wieder rückgängig gemacht werden, allerdings ging dabei die ursprüngliche von Silbermann eingerichtete Temperatur verloren.
Andreas Silbermann hatte neben anderen Lehrmeistern auch bei Francois Thierry in Paris den klassischen französischen Orgelbau gelernt. Im Vergleich zu dem 1709 - also in Silbermanns frühen Jahren - in Marmoutier gebauten Instrument hat das in Ebersmünster eine weitere Mensur (als Verhältnis von vorgegebener Pfeifenlänge und Pfeifendurchmesser) und die Labialstimmen erhielten dadurch insgesamt einen mehr der Flöte ('flûtées') angenäherten Klangcharakter.
Die reale Orgel hat die vier Werke Positif de dos (Rückpositiv, sieben Register, 49 Noten), Grand-orgue (Hauptwerk, 13 Register, 49 Noten), Echo (vier Register, 25 Noten) und Pedal (volle Länge, fünf Register, 25 Noten). Es ist bekannt, dass Silbermann sehr angetan von einer 16'-Stimme im Pedal war; aus diesem Grund erhielt das Pedal eine weit mensurierte 16'-Flöte, die am Spieltisch mit Soubasse beschriftet wurde, obwohl der Subbass 'normalerweise' ein Bourdon sein sollte. Wer sich für historische Details, Einzelheiten der Disposition und viele ver-linkte Erklärungen interessiert, findet sie (mit französischem Text) unter der URL http://decouverte.orgue.free.fr/orgues/ebersmun.htm.

Von 1997 bis 1999 erfolgte dann von den elsässischen Orgelbauern Gaston Kern, Yves Koenig und Richard Dotteine eine sorgfältige Gesamtrestaurierung mit großem Einfühlungsvermögen und in diesem Zustand hat OrganArt Media das Instrument gesampelt. Das virtuelle Instrument kommt auf drei DVDs zusammen mit einer instruktiven Broschüre, in der auch auf die Geschichte von Kirche und Vorbildorgel eingegangen wird. Auf einer der DVDs gibt es weitere ausführliche Hinweise zu Installation, realem Instrument, seiner Registrierung (!) sowie der Hauptwerk-Übertragung.
Das Layout des virtuellen Spieltisches hat OrganArt Media - so Prof. Maier - in Farbe und Stil dem realen Vorbild nachempfunden. Die Registerzüge des Rückpositivs, beim Original hinter dem Spieler, wurden in die Mitte des Haupt-Bildschirms verlegt und seitenrichtig dargestellt. Sie zeigen ihren Zustand sowohl durch ihre Position als auch durch eine Leuchtanzeige, wobei auch in diesem Fenster alles voll funktionell ist. Insgesamt lässt sich hier die Zugehörigkeit von Manubrien, Werken und Manualen gut erkennen, weil es einen zusätzlichen Rahmen um die Felder gibt. Außerdem enthält die zugehörige Info-Datei nochmals eine ausführliche Beschreibung. Für das nur im Sample-Satz vorhandene, im Fenster 'Control' zusätzlich aktivierbare Setzersystem war im Hauptbildschirm allerdings kein Platz mehr; es ist in zwei Teilen in den Einzelfenstern der Felder rechts und links enthalten, aber nur bei Einschaltung sichtbar. Die Gliederung der beiden Felder hat man hier etwas verschieden vom Hauptbildschirm angelegt.

Der virtuelle Spieltisch komplettRegisterfeld LinksRegisterfeld Rechts

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Neben den Eigenheiten des Vorbildes gibt es auch bei seiner Übertragung ins Virtuelle manche Besonderheit zu beachten. Auf Beides weisen die Begleitinformationen im Detail hin, so dass man ohne Komplikationen damit zurecht kommen dürfte. So ist das Pedal wie damals üblich, nicht mit Koppeln zu den Manualen ausgestattet, eine solche kann aber im Control-Fenster durch die Koppel 'G.O. an Pedal' zugeschaltet werden. Dieses hat fünf Stimmen, darunter einen für französischen Barockorgeln untypischen Sub-Baß 16' - vielleicht dem aus Sachsen kommenden Wunsch nach Gravität folgend? Das offene und weit mensurierte Register ist recht kräftig im deutlich halligen, aber nicht überladen reverberanten Raum. Seine Bauweise resultiert in einer etwas gewöhnungsbedürftigen Ansprecheigenschaft, denn das Einschwingen erfolgt etwas langsam und eignet sich daher kaum für schnelle Passagen. Dass diese Stimme und der Octav-Baß bedingt durch ihre Bauart etwas zu hoch einschwingen, wurde vom Vorbild übernommen und bewusst nicht korrigiert.
Die später hinzugefügte Bombarde hat in der Position 'Orig.' einen Umfang von c bis f, der sich mit 'Ext.' bis d1 erweitern lässt. Beim Manualumfang bewirkt die Position 'Ext' eine Erweiterung bis hinauf zu d3. Auf Grund seiner verdeckten Aufstellung im Gehäuse hat das Echowerk recht geringe Lautstärke; im Sample-Satz ist ebenso wie beim Vorbild der Bourdon 8' ständig eingeschaltet. Da der Manualumfang nur c1 bis c3 beträgt, gibt es die unteren Tasten nur aus Gründen der Symmetrie; sie sind unbeweglich. Das Hauptwerk (G.O.) hat die in die Bereiche Basse und Dessous geteilten Register Trompette und Clarion. Die Teilung bei c1 ist von beiden Bereichen spielbar.
Es gibt noch mehr Besonderheiten im Sample-Satz: So wird das Rückpositiv beim Original per Schiebekoppel an das Hauptwerk gekoppelt. Was hier nur möglich ist, wenn keine Taste gedrückt wird, geht im Sample-Satz jederzeit. Der Tremblant douce wirkt auf alle Werke, wobei seine Wirkung im Rückpositiv deutlich schwächer ist. Einen Tremblant soll es auch gegeben haben, man hat ihn beim Original außer Betrieb gesetzt..
Der Verfasser ist der Empfehlung gefolgt und hat die diversen Nebengeräusche von Manual-, Pedal- und Registertraktur nicht abgeschaltet; sie tragen - ebenso wie die Windgeräusche - zu einem realismus-nahen Eindruck bei.
Einige beim Orginal nicht vorhandene Pfeifen hat man in der erweiterten Versionergänzt und auf eine Weise angepasst, dass sie auch bei Einstellung einer anderen Temperatur spielbar bleiben, aber die originale Stimmung von a1= 392 Hz ist auch hier vorhanden. Wer dies als zu tief empfindet sein daran erinnert, dass sich die Tonhöhe (Pitch) in HW4 unabhängig von der Einstellung für die Temperatur verändern lässt. Auch kleine Unzulänglichkeiten wie z. B. die verzögerte Ansprache der Zungen oder leicht unterschiedliche Intonation innerhalb eines Registers blieben erhalten. Die Temperatur des Vorbildes ist leicht ungleichschwebend (und in HW 4 ebenfalls nach Belieben zu ändern).
Die auf der Qualität jedes der Einzelregister beruhenden reizvollen klanglichen Möglichkeiten nähert man sich am besten durch Abhören der vorzüglichen, teilweise live gesielten Demo-Clips unter der OrganArt-Adresse an. Viele der geschilderten Unvollkommenheiten sind im resultierenden Klanggemisch dann nicht mehr wahrzunehmen. Auch unter www.contrabombarde.com lassen sich mehrere Aufzeichnungen abrufen. Selten dürfte man solche eindrucksvollen Verschmelzungen zusammen mit dem aufgezeichneten Tremblant douce zu Hören bekommen wie in BWV 622 mit dem Bourdon im POS. sowie Bourdon 8, Nazard und Tierce in der G.O. Dank der langsamen Bewegung gibt es hier auch im Pedal mit Soubasse und Octavebasse ein glattes Fundament.
Es ist ein Jammer, dass das klanglich sehr eindrucksvolle Cornet nur bis c (MIDI# 60) geführt ist; auch in unteren Lagen wäre es als Solostimme sehr gut einsetzbar. Auch für die Frage wie man ein solches Instrument registriert, gibt es eine Hilfe: Von der OrganArt-Download-Seite kann man einen vorzüglichen (englischsprachigen) Artikel über die Registrierpraxis französischer Barockorgeln herunterladen. Dennoch muss man diesen Orgeltyp beileibe nicht auf französische Literatur dieser Zeit beschränken; sie eignet sich, wie an den Beispielen hören kann, durchaus für die barocken Werke anderer Nationen, darunter auch denen von J. S. Bach.
Wie von diesem Sample-Produzenten gewöhnt, hat man bei der Umsetzung die gewohnte Sorgfalt walten lassen, was nicht ausschließt, dass man hie und da per Intonation einige Noten leicht verändern kann. Bis zu neun Multi Loops sind teilweise vorhanden und alle Register mit Mehrfach-Release-Phasen in drei Stufen ausgestattet, außerdem gibt es sämtliche Ranks nochmals mit dem originalen Tremulant. Alles zusammen (Hall, Mehrfach-Loops, Tremulant- und Release-Samples) macht sich bei der Speicherbelegung bemerkbar. Mit stets aktiver verlustfreier Kompression und allen eingeschalteten Loops werden bei 16-Bit-Einstellung 3,6 GByte, im 24-Bit-Format dagegen bereits 6.7 GByte freies RAM benötigt. Der Sample-Satz lässt sich ab HW 3.20 einsetzen, aber damit begibt man sich der von der Version 4 gebotenen Vorzüge der Master-Ebene.

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