Die Schnitger-Orgel in Eenum
Die Kirche des Dorfes Eenum im Norden der Niederlande, Provinz Groningen, wurde im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts in schmuckloser, romanischer Backsteinarchitektur gebaut. Der Kircheraum diente nicht nur zu gottesdienstlichen Zwecken, sondern - angesichts des oft regnerischen und stürmischen Klimas der nahen Nordsee - auch zu Versammlungen. Um das Jahr 1703 stiftet Reindt Alberda, Herr über einige Besitzungen in der Provinz, der Kirche eine Orgel, die im darauf folgenden Jahr von Arp Schnitger erbaut wurde. Warum die Wahl auf den norddeutschen Orgelbauer fiel, lässt sich damit erklären, dass der Meister eine Werkstatt-Dependence in Groningen hatte, in der er mehrere niederländische Teams, einschließlich Architekten, Holzschnitzern und Zimmerleuten für den Gehäusebau beschäftigte. Dies resultiert in nicht weniger als acht Instrumenten in der Provinz aus seiner Hand.
Im Jahre 1809 erhielt die einmanualige Orgel ein angehängtes Pedal, außerdem wird die Windversorgung umgestellt und erweitert. Um 1849 findet eine Anpassung an den Zeitgeschmack statt, bei der man drei Originalregister entfernt und eine Viola da Gamba 8' hinzufügt. 1891 werden die zwei Spanbälge durch einen großen Magazinbalg ersetzt. 1987 restaurieren die Gebrüder Reil aus Heerde das Instrument, stellen den Zustand von 1809 mit der kurzen Oktave, der Mechanik sowie der Windlade her und rekonstruieren die entfernten Register. Diesen Zustand präsentiert die Schnitger-Orgel in der Version für Hauptwerk 1 des niederländischen Sample-Anbieters Sygsoft. Inzwischen ist die Übertragung nach HW 2 erfolgt und der Sample-Satz erhältlich. Wer ihn für HW 1 bereits besitzt, kann ein preiswertes Update erwerben.

Gustav Fock erwähnt in seinem Buch "Arp Schnitger und seine Schule", dass der Prospekt zu den Anordnungen des Orgelbauers gehört, bei denen durch Prospektpfeifen im Unterteil des in die Brüstung eingebauten Gehäuses der Eindruck eines zweiten Werkes hervorgerufen wird. Möglicherweise hat diese Gliederung ebenfalls einen positiven Einfluss auf die Farbenkraft der nicht sehr großen Anzahl von Stimmen.
Von den zehn Registern sind immerhin fünf völlig von Arp Schnitger (darunter die Trompete 8' als einzige Zungenstimmme), weitere zwei teilweise, der Rest Rekonstruktionen. Die Manuale haben eine in der damaligen Orgelbauperiode übliche (und wie es heisst, aus Gründen der bei der verwendeten Temperatur nicht mehr erträglichen Stimmungsdifferenzen in der untersten Oktave) kurze Oktave im Manual. Da die Töne C#, D#, F# und G# daher auch im Pedal fehlen, hat man sie kurzerhand durch die Pfeifen der Oktave darüber ersetzt. Das Instrument verfügt über einen Tremulant und steht einen halben Ton über der Normalstimmung. Im Gegensatz zu vielen Tremulanten, die in HW 1 kaum beeindrucken können, ist der hier voreingestellte durchaus bei einige Milde zu akzeptieren.
Für die Übertragung nach Hauptwerk bot es sich an, die fehlenden Töne der kurzen Oktave durch ihre um einen Halbton aufwärts "ge-pitchten" Nachbarpfeifen virtuell zu ersetzen. Selbst ausgesprochene Puristen dürften tolerieren, dass das Instrument damit für das Spielen umfangreicher barocker Literatur erschlossen wird.

Die Eenum-Orgel für Hauptwerk 1
Da Sygsoft das Instrument zunächst für die frühere Version von HW übertragen hat, soll dies hier behandelt werden, obwohl man auf die wirkungsvollen Modellierungseffekte der Nachfolgegeneration verzichten und unschöne Artefakte durch Phasensprünge bei schnellem Spiel in Kauf nehmen muss.

Kurze Oktave beim originalen einmanualigen Spieltisch...und erweiterte Version der Orgel in Hauptwerk 1

Man beachte die Unterschiede in der Darstellung: Das Pedal des virtuellen Spieltisches der Originalversion ähnelt der Manualdarstellung und deutet damit die angehängte Bauform an. Die hier dargestellten Versionen sind nur zwei aus mehreren Orgelvarianten, die sich als ODF (Definitionsdatei) für HW 1 auf der DVD befinden. Sie betreffen ein oder zwei Manuale, die Zuordnung des Tremulants und der Register auf ein oder beide Manuale sowie Fassungen mit orginaler kurzer Oktave. Ausführliche Tabellen für den zugehörigen Bedarf an freiem Rechnerspeicher gibt es auf den Sygsoft-Webseiten. Dieser schwankt zwischen 728 MByte und 1549 MByte.

Die Eenum-Orgel für Hauptwerk 2
Hier kommen alle Modellierungseigenschaften voll zur Geltung; neben der Windnachbildung auch die Nutzung von Mehrfach-Loops und vor allem der automatische Ausgleich von Phasensprüngen. Die Orgel lässt sich in 24-Bit- oder 16-Bit-Auflösung spielen. Die Anordnung der Bedienelemente ist identisch mit denen in HW 1, hier sind sie jedoch allesamt voll beweglich. Wie generell in HW 2 transportieren die virtuellen Spieltische durch ihre fotorealistische Darstellung etwas vom Vorbildeindruck. Auch hier wurde die kurze Oktave in der erweiterten Variante durch virtuell erzeugte Töne beseitigt.

Kurze Oktave des Originalspieltisches in HW 2......und erweiterte Version der Orgel

Die zunächst etwas merkwürdig erscheinende Vervielfachung der Manubrien in der erweiterten Version entsteht durch die frei Zuordnungsmöglichkeit der zehn Register zu Man I, Man II und dem Pedal. Einer der Züge ist der Windabsteller. Als Bonus gibt es einen Schwelltritt; da nur eine (virtuelle) Windlade vorhanden ist, wirkt er auf alle Register.
Natürlich ist HW 2 anspruchsvoller bei Rechnerperformance und Speicherplatz. Dank möglicher verlustfreier Kompression, Umschaltung von 24-Bit- auf 16-Bit-Wiedergabe, Abschaltung von Mehrfach-Loops und Spielgeräuschen bewegt sich der Bedarf an freiem RAM zwischen 1940 MByte und 653 MByte. Die moderaten Ansprüche hängen auch mit dem nicht übermäßig halligem Kirchenraum mit seinen kurzen, neutralen Rückwürfen zusammen; er sorgt für eine klangliche Verschmelzung, ohne die subtilen Persönlichkeiten Schnitgerscher Pfeifenkonstruktionen zu verdecken oder Feinheiten der Artikulation zu verwaschen.
Wie schon oft erwähnt, sind die klanglichen Eigenschaften eines solchen Instruments, das auch heute noch die Hand des Meisters erkennen lässt, nur sehr unvollkommen zu beschreiben und nicht besser zu demonstrieren, als mit originalen Demo-Clips. Davon gibt es glücklicherweise eine ganze Reihe, teilweise auch live gespielt, auf den Webseiten des Sample-Anbieters. Wie auch bei den anderen Orgeln von Arp Schnitger im HW-Sortiment fällt auf, dass er es verstand, mit wenigen, aber überaus durchdacht klanglich aufgebauten und klug verteilten Stimmen einen Farbenreichtum zu schaffen, der dem manch einer viel größeren (Nicht-Schnitger-)Orgel auch gut anstünde. Auch dies dürfte ein Grund dafür sei, dass die virtuelle Erweiterung durchaus ihre Berechtigung hat, um das Instrument für ausgebreitetes Repertoire zu erschließen.
Zu beachten ist, dass bei der erweiterten Version mit ihrer Verfügbarkeit aller Register für zwei Manuale und Pedal ein deutlicher Multiplexing-Effekt eintritt, da die Anzahl der real vorhandenen Klangquellen ja nicht zu genommen hat.
In tieferen Lagen nimmt die Trompet 8', vielleicht noch ergänzt durch die Holpijp 8' einen fagott-ähnlichen Charakter an - ein weiterer Kniff des Meisters, der zur wahrgenommenen Farbenvielfalt beiträgt. Wollte man überhaupt etwas Kritisches anmerken, dann ist es das Fehlen einer 16'-Lage. Der vormals hinzugefügte Bourdon 16' (Fock erwähnt ihn noch in der Buchausgabe von 1974), wich 1987 der restaurierten Woudfluit 2' (Waldflöte).

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