Gustav Leonhardt zum Gedenken

Der Künstler (fast) privat: In einer Gondel auf dem Weg zu Aufnahmen in der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig
Für mich gibt es einen ganz persönlichen Grund, dem kürzlich verstorbenen Cembalisten, Organisten und Dirigenten Gustav Leonhardt diesen Nachruf zu widmen: Als Tonmeister habe ich ihn vor vielen Jahren kennengelernt. Unser erstes Zusammentreffen erfolgte in Hamburg, wo ich ihn in das Tonstudio der Teldec begleitete. Er hatte auf seinem Autoanhänger ein neues, noch fast lackfeuchtes Cembalo von Martin Skowroneck, eine Kopie nach Dulcken, das er dann für eine Aufnahmesitzung mit barocken Violinsonaten einweihte. Leonhardt besaß eine ganze Reihe von Kielflügeln, die ich später nach und nach in ihren Eigenheiten kennenlernen konnte, sei es ein echter Kirkman oder Kopien nach Taskin und Ruckers. Alle seine und auch fremde Instrumente stimmte er selbst - wahrscheinlich ein Geheimnis der starken Wirkung seiner Interpretationen.
Etwa 15 Jahre konnte ich Gustav Leonhardt als Tonmeister für eine stattliche Anzahl von LP-Aufnahmen betreuen. Selten fanden diese in einem Tonstudio statt, vielmehr reiste man mit einer Tonapparatur nach Österreich, Italien, die Schweiz, nach Norddeutschland oder nach Nordbroek ins nördliche Holland, um historische Orgeln oder Ensembles vor Ort aufzunehmen. Hinzu kam eine ganze Anzahl von Cembaloproduktionen in einer kleinen ländlichen Kirche in Holland. Ich erinnere mich an die „Biblischen Sonaten“ von Kuhnau, bei denen er den deutschen Text selbst sprach oder an Produktionen in seinem von barockem Geist erfüllten Amsterdamer Haus, als er Werke von Mozart auf seinem originalen Hammerflügel von Anton Walter spielte. Die Meinung, er lehne jegliche Musik nach 1750 ab, kann daher nicht stimmen.
Bei Aufnahmen mit dem Leonhardt-Consort ließ sich erkennen, wo er als Dirigent Wert auf subtile Temporückungen legte, denn an Cembalo oder Orgel blieben seine Intentionen auf das Hörbare beschränkt. Als Leiter des Ensembles fügte er dagegen Rubati, winzige Haltepausen ("Kommatjes') oder subtile, nicht-mensurierbare Accelerandi mit sparsamen Bewegungen ein und zeigte damit seine Gestaltungsabsichten.
Bei aller technischer Beherrschung des Instruments scheute Leonhardt jeglichen Pathos, Scheinvirtuosentum und überflüssige Gesten, dennoch hat er auf mich nie als spröder Vollzieher gewirkt. Seine Gestus als Interpret glich dem, was man Johann Sebastian Bach nachsagt: Er spielte mit imponierender Ruhe und maßvoller, jeder aufgeregten Bewegung abholden Haltung, und dies selbst bei hochvirtuosen Passagen. Stets gewann man den Eindruck, dass er hinter dem Werk zurücktreten und es in seiner reinen Form vermitteln wollte, ohne auf ihm eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu verzichten.

Dies betraf auch seine Interpretationen an der historischen Christiaan-Müller-Orgel der Waalse Kerk in Amsterdam, wo er als Organist wirkte und die nach seinen Vorstellungen restauriert wurde. Nie gab es hier Registerwechsel ins Pompöse, vielmehr transparente Linien, die zur Überraschung des auf stimmige elektroakustische Wiedergabe getrimmten Tonmeisters kaum Korrekturen in ihrer tonliche Balance benötigten.
An eine kleine Episode erinnere mich noch sehr gerne: Bei Aufnahmen an einem heißen Sommertag in Lugo in der italienischen Bassa Campagna zeigten sich Auswirkungen der Temperatur auf die Labialen der Callido-Orgel in der Chiesa del Carmine, so dass sich die Zungenregister teilweise geradezu grotesk in ihrer Stimmung unterschieden. In Ermangelung eines Stimmeisens machten wir uns mutig mit dem Bordwerkzeug unserer Transportfahrzeugs daran, die Krücken durch vorsichtige Schläge auf eine akzeptable Stimmung zu bringen - keine leichte Aufgabe, denn offensichtlich hatte seit ewigen Zeiten niemand Hand an die Register gelegt. Gemeinsam haben wir die Nachstimmung offensichtlich zu Leonhardts Zufriedenheit gemeistert.
Warum dieser Nachruf hier? Die Brücke von Gustav Leonhardt zu den Orgelbits-Pages ist leicht erklärt: Für eine Tonaufnahme technische Verantwortung zu tragen heisst durchwegs, sich nach der Apparatur vorwiegend auf die optimale Mikrofonierung zu konzentrieren und störende Umgebungsgeräusche so gut wie möglich zu vermeiden. Sonst wäre auf die Nachtzeit auszuweichen - nicht unbedingt ein Ansporn für den Künstler, musikalische Höchstleistungen zu bringen.

Gustav Leonhardt beim Abhören von Takes im Hause des
Cembalobauers Martin Skowroneck (Aufnahme von 1966)

Dem Tonmeister blieb bei diesen Arbeiten kaum Muße, sich mit einer historischen Orgel oder einem Cembalo näher zu beschäftigen. Die damalige Stereotechnik erlaubte es zudem nicht, das Strömen des Klanges beim langsamen Aufbau von Pedaltönen im Kirchenraum einzufangen. Inzwischen ist Mehrkanalwiedergabe von Orgeln in Hauptwerk mit vergleichsweise geringem Aufwand gängige Praxis, zumal die damit verbundenen Orgelpersönlichkeiten als virtuelles Abbild ins Haus gebracht werden.
Seinerzeit habe ich sehr bedauert, dass bei der Anregung von tieftönigen Cembalosaiten durch die Docken das herrliche vernehmbare Peitschen entlang des Corpus mit der damaligen Aufzeichnungstechnik nicht festzuhalten war. Ich bin aber optimistisch, dass die Hauptwerk-Software noch sehr viel Entwicklungspotential hat. Vielleicht findet sich irgendwann ein Sample-Produzent, der ein virtuelles Cembalone in Mehrkanaltechnik mit diesen Eigenschaften anbietet. Auf keinen Fall soll dies auch nur ein Iota von der Faszination realer Instrumente wegnehmen, sondern eine faszinierende Möglichkeit bieten, vielen Liebhabern diese Klangeindrücke im eigenen Heim zu vermitteln.
Auch durch Zuhören kann man lernen: Gustav Leonhardt hat mein Verständinis für barocke Musik beeinflusst. Dafür meinen Dank.

Alle Bilder aus Privatbesitz; Copyright Dieter Thomsen.

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