Die Garcia/Martinez-Orgel von Frechilla, Palencia
In der Gemeindekirche Santa Maria von Frechilla im spanischen Palencia steht eine in den Jahren 1687 bis 1691 von Juan García gebaute einmalige Orgel mit angehängtem, sechstönigem Pedal. Das Instrument des spanischen Organisten und Orgelbauers zeichnet sich dadurch aus, dass die Labialstimmen ausnahmslos unverändert bis in unsere Zeit erhalten blieben. Das Manual ist geteilt, hat eine kurze untere Oktave und umfasste zur Entstehungszeit 42 Töne. Die Hauptwerk-Gemeinde verdankt es OrganArt Media, dass dieses Instrument nun in voller Schönheit als Sample-Satz zur Verfügung steht.
Antonio Rodriguez Carjaval setzte 1730 die Orgel auf eine Empore und erweiterte den Tonumfang jedes Registers auf 45 Noten, behielt jedoch die kurze untere Oktave bei. Außerdem fügte er die drei Register Címbala, Corneta und die vertikal angeordnete Trompeta Real hinzu. Daneben erfasste die Erweiterung eine Nachtigallenstimme (Pajaros) sowie zwei Sätze von Trommelwirbel-Effekten (Tambores), von denen jeder zwei dissonant verstimmte Pfeifen enthielt. Den oberen Abschluss des Prospektes ergänzte Carjaval mit einem (funktionslosen) Engel mit Trompete.
Im Jahre 1788 erhielt die Orgel im Zuge einiger Arbeiten an Bälgen, Windführung, Laden und Manual sechs Chamade-Zungenregister als Zugeständnis an den Zeitgeschmack. In den nachfolgenden Jahren wurden noch einige Reparaturen vorgenommen, bis das Instrument Anfang der 50-er Jahre verstummte. 1980 begann dann ein umfangreiches Restaurationsprogramm, in dessen Rahmen man mehrere in der Zwischenzeit verschwundene Pfeifen ersetzte und andere wieder zum Klingen brachte. Ab 1983 präsentierte sich die Orgel mit ihren 26 klingenden Stimmen im Zustand von 1788 - eine Periode, innerhalb derer sie nie völlig zerlegt worden war. Die Kombination aus der Mehrheit der Labialen aus dem 17.Jh. und den Lingualen hoher Qualität aus dem 18.Jh. - sie enthalten immer noch die originalen Kehlen mit den Zungen - erzeugen mit der Akustik des hohen Kirchenraumes einen wegen seiner Eigenartigkeit fesselnden klanglichen Reiz.

Allerdings sind nicht alle Zungenstimmen gleichwertig; einige von ihnen, wie die Trompeta Real 8' im unteren (bajos) und oberen (tiples) Manualteil fügen sich gut mit den Labialstimmen zu einem farbigen Plenum zusammen. Andere, wie Clarin 8' bajo und tiples, eignen sich ebenso wie die in Klangreinheit, Lautstärke und artefaktfreier digitaler Tonqualität beeindruckende Trompeta Magna 16' (ab dem mittleren Cis) auf der Diskanthälfte mehr als solistische Stimmen. Sie haben in den weichen Labialen im Bassteil (Flautado 8', Tapadillo 4' und Octava 4') ein gut dosierbares Gegengewicht, das sich zudem durch höhere Harmonische (s. Disposition auf der OrganArt-Media-Website) ergänzen lässt. Wer bei der Wiedergabe über Kopfhörer vermeint, die Zungenstimmen seien durch eine mehr oder weniger kratzige Verzerrung überlagert, sollte sich nach einer Audiokarte mit besseren Konvertern umsehen.
Die Carinete 8' im Diskant lässt sich wegen ihres milderen "Zungenschlags" solistisch, als Solostimmenverstärkung und im Plenum einsetzen. Recht selten ist die Violeta, eine 2'-Zungenstimme auf der Bajos-Seite. Ihr Zungencharakter tritt zwar in der oberen Oktave (diese endet am Teilungspunkt vor dem mittleren c) gerade eben vernehmbar zurück, ist jedoch immer noch als solcher zu erkennen.
Die Trommelwirbel-Effekte gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren; an ihre Stelle treten zwei zimbelstern-ähnliche zarte Cascabeles (Glöckchen), einzuschalten mit je einem Taster rechts und links von den Pedalstummeln. Auch für die Pajaros, die spanische Nachtigall, gibt es einen separaten Tritt ganz rechts.
Für die Verbreitung der Manualteilung gibt es ebenso wie für kurze Oktave im Manual einige Gründe; sie alle werden in der lesenswerten (englischen) Abhandlung von Nicolas James erklärt, wobei der Autor auch auf die zeitüblichen Registrierpraktiken bei der vorliegenden Disposition eingeht. Und wer hätte wohl gedacht, dass es bei der kurzen Oktave, die in Spanien noch lange üblich war, keineswegs nur um die Einsparung von Pfeifenmaterial ging, sondern die historische Literatur manche Griffspanne erforderte, die bei "normaler" Tastaturauslegung äußerst schwierig bis unmöglich wäre?
Daneben erfährt man, warum die Trompeta Real bzw. ganz allgemein Zungenregister in 4'- und 2'-Lage, waagerecht und nach vorn aus dem Prospekt heraus zeigend eingebaut werden: So erhalten sie den lebendigsten Wind, sind für das häufig notwendige Stimmen leicht zugänglich ohne Betreten des Orgelinneren, leiden kaum unter Staubeinwirkung am Klangerzeuger und können frei abstrahlen. Interessant ist auch, warum solche Register in 8'-, 4'- und oft in 2'-Ausführung im Bassteil des Manuals zu finden sind und die Lagen 16', 8' und 4' im Diskant. Man kompensiert damit die zunehmend geringere Tonstärke bei höheren Tönen im Vergleich zu tiefen Lagen und erhält gleichzeitig den Zungencharakter über den gesamten Manualumfang.
Gewiss grenzt das im Bild des virtuellen Spieltisches zu sehende Stummelpedal wegen seines geringen Umfangs von sechs Tönen (C bis A), dem Fehlen jeglicher Halbtöne sowie der Anbindung an den Bajos-Manualteil (nur 8') die spielbare Literatur neben Spanien selbst auf frühe Perioden im italienischen, französischen und englischen Raum ein. Für Prof. Helmut Maier stellt dies jedoch keinerlei Nachteil dar, denn bei seiner Sampling-Aktivität ging es ausschließlich um die realistische Übertragung eines solchen für seine Zeit recht einmaligen Instrumentes. Für das Spielen barocker Orgelwerke bachscher Prägung und Ähnliches gibt es allein bei OrganArt Media genügend andere Orgeln.

Virtueller Spieltisch des OriginalsDas Control-Fenster

Bilder anklicken für größere Darstellung. Dann zurück mit Browser (Pfeiltaste "Zurück")

Da die Registerfelder des virtuellen Spieltisches sehr methodisch aufgeteilt sind (links entspricht dem Bassteil des Manuals, rechts dem Diskantteil) und die Register selbst entsprechend ihre Fußlage von unten nach oben ansteigen, dürfte man sich schnell zurechtfinden. Eine gute Idee ist es, einige Funktionen im Fenster 'Control' für den Schnellzugriff zusammen zu fassen, anstatt sie einzeln in diversen Hauptwerk-Menüs aufsuchen und ändern zu müssen: Wer mit der kurzen Oktave Schwierigkeiten hat, kann mit dem virtuellen Schalter 'Normal-Short Octave Mapping' auf Wunsch die gewohnte, volle Tastenbelegung wieder herstellen, zum Anderen lässt sich mit 'Low-High Pedal Oct. Mapping' das (ausschließlich im 8-Fuß-Bereich aktive) Stummelpedal um eine Oktave nach links versetzen, damit man nicht ständig die sechs Töne weit im rechten Fußraum spielen muss. Freilich entsteht damit kein 16'-Pedalregister.
Mit den übrigen Hebelchen lassen sich Traktur- und Registerschaltgeräusch sowie das Windmodell umschalten. Dr. Reiner Suikat hat sein animierte Windversorgung dem realen Windsystem des Vorbildes angepasst, daher sind getrennte Zweige für den unteren Manualteil (Bajo) und den oberen (Alto) vorhanden.
Der Sample-Satz in gewohnter OAM-Qualität ist in zwei Versionen auf der DVD enthalten; sie sind auf Bildschirme mit 17 Zoll bzw. 15 Zoll Diagonale eingerichtet. Hauptwerk-gemäß ist die RAM-Belegung skalierbar; grundsätzlich kann der Sample-Satz neben seiner nativen Auflösung von 24 Bit auch mit 16 Bit Wortbreite gespielt werden. Aktiviert man dazu die verlustlose Kompression und schaltet die Mehrfach-Loop-Funktion ab, genügen 935 MByte Speicher. Alle Funktionen aktiviert und in voller Auflösung, werden 3,1 GByte belegt. Natürlich sind alle Samples mit Multi-Release ausgestattet, so dass von irgendwelchen Spielartefakten nicht die Rede sein kann.
Die Stimmung der Frechilla-Orgel ist ähnlich Tartini-Vallotti; die Tonhöhe steht auf a1=432 Hz. Ganz offensichtlich sollen die reichlich vorhandenen Demo-Clips dazu dienen, das Instrument mit dazu passenden Werken vorzustellen. Neben spanischen Komponisten wie Cabanilles, Duron, Cabezon, Jiminez und anderen spanischen Meistern sind auch Stücke von Frescobaldi, Clerambault und sogar von Samual Wesley (1766 - 1837) dabei - alles live gespielt und mit detaillerten Angaben zur Registrierung versehen. In der frühen "Romanesca con cinque mutanze" von Antonio Valente (~1520 - ~1580) sind neben vielen interessanten Registerkombinationen auch die Cascabeles zu hören.
Die Musikbeispiele stellen auch gleichzeitig eine Empfehlung dafür dar, wer sich den Sample-Satz anschaffen sollte: Liebhaber früher Orgelmusik aus den genannten Ländern. Wer sich dazu entschließt, kann in einer Weise Bekannschaft mit einer typischen Instrumentenpersönlichkeit machen, wie dies bei einem Spanienbesuch wohl kaum möglich sein dürfte.

Zur Hauptseite  |   Sample-Sätze für Hauptwerk


E-Mail: orgelbits @ aol.com (Leerzeichen entfernen)