Die Engelfried-Orgel in Gönningen


Im Format HW1 ist bei OrganART MEDIA die Sample-CD einer Orgel erschienen. Das 1844 von Franz Xaver Engelfried für die Kirche Peter und Paul in Gönningen/Baden/Württemberg erbaute Instrument wurde im Jahr 1970 überholt; dabei rekonstruierte man gleichzeitig alle im 19. Jahrhundert entfernten Zungenstimmen nach den Originalunterlagen. Die Orgel mit 24 klingenden Registern, zwei Manualen und Pedal gehört zu den wenigen aus der romantischen Bauperiode weitgehend erhaltenen.
Die CD enthält rund 700MByte an komprimierten Einzelsamples jeder Pfeife aller Register (8 im Hinterwerk, 11 im Hauptwerk und 5 im Pedal) als selbstentpackende exe-Datei. Sehr gut im Zusammenklang machen sich die Zungenstimmen in Äquallage, z. B. Klarinette 8' und Trompete 8'. Auffallend auch die tiefreichenden, im Frequenzgang ausgewogenen und kraftvollen Pedalregister, von denen man freilich die Kontourierungsfähigkeit eines engmensurierten Silbermannschen Subbass nicht erwarten darf. Die audiotechnische Qualität und die Sample-Aufbereitung können durchwegs überzeugen. Die Dateien jeder Pfeife haben über 1 bis 1,5 MByte Umfang; sauber gesetzte, blubserfreie Re-Trigger-Punkte und lange Loops für lebendige, nicht-repetitive Schwebungen tragen das Ihre zum Hör- und Spielvergnügen bei.

Wer es möchte, kann sogar ein bei jedem Tastendruck aktiv werdendes Trakturgeräusch dazu schalten. Insgesamt fühlt man sich schnell auf dem Instrument zu Hause. Wie in Hauptwerk üblich, werden drei MIDI-Kanäle bzw. Eingänge für Hauptwerk (Manual I), Oberwerk (Manual II) und Pedal benötigt; ein vierter Eingang/Kanal dient zu Registersteuerung. Als hilfreich für Nutzer, die Register mit externer Hardware schalten wollen, erweist sich hier die Angabe aller 24 MIDI-Nummern.
Schon wegen der erweiterten RAM-Adressierung ist ein PC mit den Betriebssystemen Windows 2000 oder XP unbedingte Voraussetzung. Um das Musizieren auch Nutzern von PCs mit geringerer RAM-Bestückung zu ermöglichen, sind drei gestufte Versionen für 1GByte, 1,5GByte und 1,7GByte RAM vorhanden. Allerdings fehlen dann unterhalb des Vollausbaus manche der den eigentlichen Charme der Orgel ausmachenden Stimmen für das Live-Spiel. Zumindest kann man das komplette Instrument auch bei bescheidenerer RAM-Bestückung per MIDI und mit reichlicher Pufferbemessung zum Klingen bringen. Als Spielhilfen gibt es die Koppeln I-P, II-P und II-I, die durch entsprechende Setzer (Reversible Pistons) ergänzt werden.
Es gelang, den Kirchenraum so in die Sample-Ebene einzubeziehen, dass sich der Hallanteil selbst beim Anspielen beliebiger Registerkombinationen unaufdringlich hinzuaddiert und damit ergänzende Hallerzeugung erübrigt. Das Resultat: Im Gegensatz zu manch kommerzieller CD mit kompletten Werkaufnahmen bleibt hier die musikalische Gestalt der Komposition immer deutlich erhalten - ein Phänomen, das sich nicht nur angesichts der vielfach verschlungenen Linien z. B. in einer Fuge von Reger, sondern bei vielen anderen Kompositionen mit komplexer Stimmenführung sehr positiv bemerkbar macht.
HW erlaubt die bisher unerreicht realistische Reproduktion einer authentischen Orgel, die sich mit allen Funktionen in der häuslichen Umgebung spielen lässt. Das originale akustische Ambiente ist dabei ein Teil von ihr und könnte wegen dieser klanglichen Diskrepanz ein gewisses Unbehagen auslösen: Man musiziert im trockenen Wohnzimmer und setzt sozusagen die Töne in einen viel größeren Raum mit durchaus wahrnehmbarem Nachhall. Erfahrungsgemäß hilft hier ein guter Kopfhörer, der die abgebildete ursprüngliche Klangwelt von der andersartigen Hörumgebung trennt.
Prof. Maier legt Wert auf die Feststellung, dass die im Rahmen des OrganArt Media-Projektes erworbenen Samples nicht zur kommerziellen oder öffentlichen Nutzung verwendet werden dürfen; sie sind lediglich für das häusliche Musizieren gedacht. Unterstrichen wird diese Regelung durch eine Registrierungspflicht, die allerdings mit dem späteren Zugang zu Updates und speziellem Material belohnt wird. Außerdem ist die Registriernummer, so Prof. Maier, in den Samples codiert.

Mit dem Spielen virtueller Orgeln betritt der Nutzer ausgesprochenes Neuland. Daher sind die zusätzlich auf der CD gebotenen, ausführlichen Release Notes - ausschließlich in Englisch - als kleiner Leitfaden für den Umgang mit Hauptwerk willkommen; außerdem geben sie allgemeine Systemhinweise.
MP3-Demos und Zusatzinformationen von der Engelfried-Orgel und allen weiteren angebotenen Instrumenten enthalten die Webseiten von OrganART Media. Als Musikbeispiele dienen Ausschnitte aus Werken von Rheinberger und Reger - die passende Literatur für diesen Orgeltyp, zumal sich sogar anböte, einen beim Vorbildinstrument nicht vorhandenden Fußchweller per Hardware zu implementieren. Wie alle Orgeln aus der Maierschen Sample-Schmiede soll auch diese Orgel für HW 2.10 modifiziert werden, um alle seine klanglichen Möglichkeiten voll auszuschöpfen.

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