Das Positiv von Schloss Griebenow (HW 2)
Das vermutlich um 1650 in Schweden gebaute Orgelpositiv war ursprünglich für das Schloss Griebenow bei Greifswald gedacht. Es diente der Unterhaltung, so dass man "weltliche" Musik darauf spielte. Erst später fand das Instrument auf einer speziellen Empore in der 15-eckigen Kapelle des Schlosses Platz, wo es sich heute noch befindet. Wahrscheinlich gehört das Positiv zu den ältesten seiner Art in Deutschland. Der Orgelprospekt mit den gemalten Pfeifenatrappen verspricht mehr als er hält. Tatsächlich hat das einmanualige, pedallose Instrument nur die beiden im Original unbezeichneten (Holz-)Register Gedackt 8' und Flöte 4'; der Tastaturumfang ist C - c3.
Wie so oft bei Instrumenten, die mehrere Jahrhunderte überdauerten, gab es einige unerfreuliche Eingriffe, z. B. die Verkürzung der Pfeifen zur Anpassung des Stimmtones. Auch das aus den zwanziger Jahren stammende, dröhnende Orgelgebläse muss man nicht benutzen, da der Balg den Orgelwind wie früher üblich noch per Fußbetrieb bereitstellt. Weitaus gravierender ist jedoch der akute Holzwurm-Befall, der eine baldige Komplettrestaurierung dringend notwendig macht.
Das Instrument hat sich bereits in der Ausgabe für HW 1 viele Freunde erwerben können; bei der kompletten Überarbeitung und hier vorliegenden Übertragung der Orgelsamples in das HW-2-Format durch OrganART Media konnten wie bereits vorher einige Korrekturen vorgenommen werden. Einige nicht mehr sprechende Pfeifen wurden elektronisch durch die Töne von benachbarten Pfeifen ersetzt. Auf diese Weise klingt das Instrument jetzt wie in seinen besten Zeiten und nimmt damit den Zustand nach der Überholung vorweg. Mit der Annahme, dass die Orgel früher einmal mitteltönige Temperatur hatte, wurde diese in die Hauptwerk-Umsetzung übernommen; der Kammerton a1 ist 440Hz.

Den Liebhabern von Kleinorgeln steht hier eine Ausführung zur Verfügung, die ihre ganz eigenen Qualitäten hat. Die typischen Tonansatzgeräusche des Gedackt 8' sind zwar vernehmbar, bleiben jedoch unaufaufdringlich im Rahmen. Glücklicherweise widerstand man der Versuchung, den Lautheitsabfall in der unteren Oktave technisch zu kompensieren - etwas das unseren subwoofer-verbildeten Ohren vielleicht entspräche, aber dem historischen Charakter des Instruments nicht gerecht würde. Daher entfällt auch jegliche dröhnige und damit übermäßige tieffrequente Anregung des Raumes.
Die 4'-Flöte mit ihrem "frühen" engmensurierten Timbre mischt sich kraftvoll, aber nicht aufdringlich zum 8-Fuß. Wer es möchte, kann sich an der Intonationsoption (Pipe and Rank voicing) versuchen und eigene klangliche Vorstellungen umsetzen. Prof. Maier warnt allerdings davor, den Charakter einer Orgel - mit viel Aufwand und Mühe eingefangen und ins Virtuelle übertragen - leichtfertig zu verbiegen. Schön, dass auch die (abschaltbare) Manualtraktur gerade eben hörbar ist, ohne zu stören. Die Nachhallphasen (Release Samples) sind in diesem Orgelsatz nicht zugänglich - ein Tribut an eine möglichst vorbildnahe Wiedergabe des Instrumnts.
Der virtuelle Spieltisch ist in HW 2 um Einiges detaillierter dargestellt als bei der Erstversion der Software. Dennoch hat man der besseren Erkennbarkeit auf fotogetreue Abbildung verzichtet und eine realitätsnahe Mischung aus grafischen und realen Elementen geschaffen. Sie kommt dem zweifellos ergomisch und technisch elegantesten Zugriff auf die Register per Touchscreen entgegen.


Virtueller Spieltisch der erweiterten Version.
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Die Akustik der Kapelle wurde auf unaufdringliche, dennoch durchaus wahrnehmbare Weise einbezogen. Sie unterstützt auch den Höreindruck von der räumlichen Dimension des Positivs, das eben nicht mit einer eindrucksvollen Klangkrone daher kommt, sondern mehr fein zeichnende Zurückhaltung zeigt. Die Ansprüche an den Host-PC dürften in ihrer Bescheidenheit kaum unterboten werden: Prof. Maier nennt 103 MByte RAM und einen Rechner mit >=256 MHz Taktung. Das ist zwar unterhalb der von Crumhorn Labs angegebenen Mindestausstattung und gut geeignet für den Einstieg in Hauptwerk, dürfte aber die absolute Mindestgrenze für eine virtuelle Orgel darstellen. Ein Vorteil des geringen Umfangs an Samples ist die kurze Ladezeit. Bei der Installation werden zwei Fassungen zugänglich gemacht: Eine originale und eine erweiterte mit angehängtem Pedal. Neben dem Bildschirm mit dem virtuellen Spieltisch kann man auf ein Darstellung der Windversorgung umschalten - eine nette, wenn auch vielleicht etwas überflüssige Ergänzung.

Für ein derartiges, einmanualiges Instrument gibt es reichhaltige Literatur auch einfacherer Art wie z. B. Versetten, Fughetten, Präludien und Kanons. Damit ist nicht gesagt, dass auch hochvirtuose Werke dazu gehören, zumal man im 17. und 18. Jh. noch kaum Unterschiede zwischen den Tasteninstrumenten machte. So gesehen, nimmt das Griebenower Positiv einen wichtigen Platz in der Orgellandschaft ein, die uns durch Hauptwerk erschlossen wird.
Einige Klangbeispiele bietet die oben erwähnte Homepage von OrganART Media.

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