Die Father-Willis-Orgel der Kathedrale in Hereford (1)
Die Ursprünge der heutigen Kathedrale in Hereford, Provinz Canterbury, gehen ungefähr bis vor das Jahr 700 n. Chr. zurück. Um Saint Mary the Virgin und Saint Ethelbert the King, die beiden Schutzheiligen der ersten kleinen Kirche, rankt sich eine blutige Geschichte, die von einem gebrochenen Eheversprechen und der Enthauptung des Königs Ethelbert handelt. Sein Körper wurde später in die moderne Kathedrale überführt. Nach Jahrhunderten mit kriegsbedingten Plünderungen, Bränden und einigen Neubauten am gleichen Ort entstanden im 12. Jh. die Grundzüge des heutigen Baus, der dann im 19. und 20. Jahrhundert seine endgültige Gestalt erhielt.
In der Kathedrale werden zwei einzigartige Zeitdokumente aufbewahrt, so die sog. Mappa Mundi, eine auf einem einzigen Stück kräftigen Pergament gemalte Weltkarte aus dem späten 13. Jh. sowie eines der vier noch existierenden Magna Charta-Dokumente aus dem Jahre 1217; in ihm werden die ersten Eingriffe des Adels in die bis dato unbegrenzten Rechte der englischen Könige festgehalten. Dazu weist die Kirche viele kunsthistorische und architektonisch bemerkenswerte Details auf, so dass sich jährlich viele Besucher einfinden.
Die Liste der Organisten ist erhalten; der erste war demnach bereits im Jahr 1517 tätig; allerdings ist das Instrument nicht bekannt. Man weiss jedoch von einer Orgel aus vorreformatorischer Zeit von Renatus Harris, 1686. In den nächsten 150 Jahren erfolgen einige Umbauten mit strukturell schwerwiegenden Eingriffen, bei denen man auch das alte Gehäuse von Renatus Harris ersetzte. Nachdem 1868 umfangreiche Reparaturen an der pneumatischen Traktur notwendig wurden und die Disposition etwas erweitert werden sollte, kam man 1878 mit Henry (Aethel-Billop) Willis ins Gespräch. Trotz erhöhter Kosten erhielt der Orgelbauer wegen seiner gut durchdachten, vorgeschlagenen Änderungen an Traktur, Windversorgung, den Manualen und dem inneren Aufbau der Orgel - sie schlossen auch eine komplette Neuintonation des vorhandenen Materials und neue Register ein - den Zuschlag des Dekans und des Kirchenkapitels.
Zehn Jahre später setzte sich der damalige Organist der Kathedrale energisch für die Beseitigung ein Reihe von Unzulänglichkeiten ein; allerdings musste das dafür notwendige Geld erst durch eine Spendensammlung aufgebracht werden. Der einkommende Betrag von 2000 £ erlaubte es Henry Willis, aus dem vorhandenen Instrument praktisch ein neues zu gestalten. Trotz Wiederverwendung eines Teil des vorhandenen Pfeifenwerks wurde neues Material in großem Umfang eingesetzt, so dass die gesamte tonale Auslegung daher eindeutig den Stempel von Henry Willis trägt.

Im Jahr 1909 gab es dann wieder neue Wünsche an die Disposition; Willis kam ihnen nach und baute eine Ophicleide/Bombarde-Einheit mit hölzernen Resonatoren im Pedal ein, außerdem fügte er ein Cor Anglais des französischen Orgelbauers Rolin Freres hinzu und installierte 16'-Erweiterungen für Solo Clarinet, Orchester Oboe und Tromba. 1920 säuberte man die Orgel gründlich und ersetzte bei dieser Gelegenheit die hölzernen Resonatoren der Bombarde 32' durch aus Zink gefertigte, resultierend in einer deutlichen Klangverbesserung.
Um 1933 erwies sich eine eine Reparatur der abgenutzten pneumatischen Traktur als unumgänglich. Aber auch der Geschmack in Bezug auf den Orgelklang hatte sich geändert; immer gab es die Gefahr, dass die gerade aktuelle Strömung drastische tonale Veränderungen fordern würde. Glücklicherweise hatte der damalige Organist keine Absicht zu irgendwelchen Eingriffen in die Klangsubstanz - im Gegenteil konzentrierte er sich auf eine Erweiterung der vorhandenen Disposition. Aus dieser Zeit stammen die Aliquoten im Chorwerk, das Trompetenregister und die Dulzianstimme im Schwellwerk, die die Vox Humana ersetzte. Henry Willis III intonierte die Solo-Flötenstimmen neu, setzte sie in einen Schwellkasten und befasste sich mit der 32'-Zunge im Pedal. Schließlich wurden die immerhin fünf hydraulischen, seit 1892 installierten Windmaschinen durch ein elektrisches Gebläse ersetzt.
Diese Arbeiten sorgten für einen guten Zustand des Instruments bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dann wurde jedoch die 1933 nicht erfolgte Neubelederung unumgänglich, außerdem stellte die Verdrahtung des Spieltisches ein Sicherheitsrisiko dar und in zunehmendem Maße nahmen auch die Windlecks zu. In der Geschichte der Orgel war die Generalüberholung 1978 sicher einer bedeutungsvollsten Abschnitte; sie fiel allerdings in den Höhepunkt der Reformbewegung. Obwohl viele Instrumente in Kathedralen (z. B. im nahen Gloucester) über alle Maßen verändert wurden, blieb die Willis-Orgel davor glücklicherweise verschont, da der Organist den alten Bestand und das echte Erbe von Father Willis unter allen Umständen bewahren wollte, anstatt den Moden "auf dem Kontinent" zu folgen.
Die Überholung führten die Orgelbauer Harrison and Harrison of Durham, eine für ihre hervorragende Arbeit bekannte Firma durch. Wie bereits zuvor wurde die Klangpalette, aber diesmal besonders im Pedal, erweitert; hier kamen neue offene und metallene 8', 4' und Mixtur-Pfeifen und daneben zwei Flötenregister sowie eine Schalmei 4' hinzu. Zudem ergänzte man die charakteristische Terzmixtur im Hauptwerk durch eine neue Quintregister-Mixtur, das Chorwerk erhielt eine Spitzflöte 2' und eine Dreifachmixtur.
Der Klang im Kirchenraum konnte sich durch Verlagerung des Chorwerks aus seiner vorher recht verdeckten Position nun oberhalb des Chorgestühls deutliche freier entfalten, was sich als Vorteil für die Begleitung des Chors erwies. Obgleich das Schwellwerk ohne Eingriffe blieb, sorgte man für eine besssere Abstrahlung. Die Solo-Tuba erhielt ihre jetzige Position oberhalb des Hauptwerks. Man erhielt auch den originalen, von Willis III 1933 geschaffenen Spieltisch, dessen Innenleben allerdings komplett erneuert wurde. Die nun zur Verfügung stehenden Spielhilfen sind vergleichbar mit denen anderer Instrumente ähnlicher Größe in Kathedralen.
Der letzte Abschnitt der Orgelgeschichte ist die Restaurierung in den Jahren 2004/5, wieder ausgeführt von Harrison and Harrison. Sie umfasste hauptsächlich Erhaltungsarbeiten und Reparaturen; die einzige Dispositionsänderung war die Neuintonation der Schalmei im Pedal, aus der dabei ein Clarion enstand. Dieser Umstand ist ein Beweis für die deutliche Verantwortung zur Erhaltung der gesamten Klangsubstanz über die Jahre. Neben einer Lotterie gab es einen kräftigen Beitrag zu den Baukosten durch den örtlichen Apfelmostproduzenten, dessen Fimenlogo - ein Specht - sich als geschmackvolles Schnitzerwerk auf der Vorderseite des Orgelgehäuses findet.
In diesem Zustand hat Lavender Audio das viermanualige Instrument gesampelt. David Butcher, der Chef des Hauses, weist in begleitenden Text zum Sample-Satz auf einige besondere Umstände hin, die den Vorgang der Sample-Aufzeichnung nicht gerade erleichterten. Sie gestaltet sich anders als bei den meisten großen europäischen Orgeln, die eine ideale Position hoch oben auf der Westseite einehmen; dehalb ist bei ihnen nicht nur die Klangabstrahlung ausgesprochen günstig, sondern auch das Sampeln wird deutlich erleichtert, weil sich die einzelnen Werke oft von einem zugänglichen "Sweet Spot" (einer optimalen Hörposition) einfangen lassen.
Beim Vereinigten Königreich mit seiner langen und großen Chortradition ist der Hauptzweck von Kirche und Kathedral-Orgel zunächst, den Chor zu begleiten - und dieser befindet sich gewöhnlich im Osten. Das bringt mit sich, dass Orgeln zuweilen in Kammern eingedämmt und Werke auf mehrer Aufstellorte verteilt sind; einige Teile der Orgel "sprechen" dann deutlicher als andere. Genau diese Situation trifft auf Hereford zu und schafft für den Sampling-Ingenieur ein Dilemma: Westlich der Orgel im Kirchenschiff aufgestellte Mikrofone würden sicher die beste Balance und Mischung ergeben; dies ist dann auch die Vorzugsplatzierung für CD-Aufnahmen. Allerdings geht diese Aufstellung in Hereford zu Lasten der Detaillierung bei schnellen Passagen, weil sie durch den Raumhall der Kathedrale zugedeckt wird und damit die Klangdefinition verringert. Hinzu kommt noch, dass einige Werke sehr entfernt klingen.
Aus diesen Gründen griff man zu einer Mehrmikrofonanordnung mit Aufstellung sowohl im Chor-Seitenschiff als auch in Spieltischnähe; dies ergibt einen Klangeindruck, der dem des Organisten in seiner erhöhten Position genau gegenüber den Pfeifen sehr nahe kommt. Hier sei angemerkt, dass dieses Problem bei vielen anderen Father-Willis-Orgeln - und sicher nicht nur bei diesen - mehr oder weniger ebenfalls existiert, sofern die Werke an mehreren Orten verteilt sind.

Der zweite Teil der Besprechung befasst sich mit dem Sample-Satz des Instruments für Hauptwerk v4.

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