Die Father-Willis-Orgel der Kathedrale in Hereford (2)
Die komplette unterste Oktave der Bombarde 32. Ungewöhnlich aber praktisch sind die mit Glasfronten versehenen Inspektionszugänge. Dieser Teil befasst sich mit Informationen von Lavender Audio zur Gliederung der Fenster, den einzelnen Stimmen, zugehörigen Koppeln, der Setzer-Anordnung und den Sample-Sätzen selbst. Dazu noch zwei Hinweise: Die gegenwärtig angebotenen Sätze sind noch auf 23 bzw. 46 Register beschränkt, während die größte, im Laufe des Jahres 2012 erhältliche Version dann über 67 Register verfügen wird. Nicht alle aufgeführten Empfehlungen für Registrierungen des Sample-Satzes lassen sich daher bereits nachvollziehen. Die komplette Disposition ist auf der Webseite http://www.lavenderaudio.co.uk/organs/hereford/page7.html enthalten. In diesem Beitrag werden die originalen Registerbezeichnungen verwendet, weil die Manubrien ohnehin damit beschriftet sind.
David Butcher merkt in der Begleitliteratur noch einiges mehr zum Klang des Originals, dem Sampling-Prozess und dem Einfluss auf die Wiedergabeeigenschaften an. Generell kann die Orgel der Kathedrale in Hereford als ein Instrument des Übergangs gesehen werden, das in manchen Punkten die Klangvorstellungen der Arbeit von Artur Harrison und anderen im frühen 20. Jh. vorwegnimmt. Die Zungenstimmen weisen einen runderen und glatteren Ton auf als in den frühen Werken von Willis; außerdem ist die Skala der Mixturen etwas geringer. Doch das tonale Markenzeichen der Schöpfungen von Willis wie helle, läutende Register im Chor ebenso wie fließende Lieblich-Stimmen, eindringliche, feine Solo-Streicher und Solo-Zungenregister hoher Qualität blieb erhalten. Die später hinzugekommenen Ergänzungen erhöhen den Stellenwert des Opus von Henry Willis noch weiter.
Wie im ersten Teil erwähnt, befinden sich verschiedene Orgelwerke ziemlich verstreut am östlichen Ende der Kathedrale. Das Chorwerk ist das von der Abstrahlung her direkteste, aber mit relativ geringer Lautstärke in das Chor-Seitenschiff sprechende; dabei befindet es sich auch sehr nahe bei den Sampling-Mikrofonen. Das Pedal ist etwas weiter entfernt, weist aber genügend Direktheit auf. Weitaus verdeckter ist das Schwellwerk mit seiner Aufstellung hoch oben hinter dem Hauptwerk. Auch das Solo-Werk ist entfernter und dazu ebenfalls höher angeordnet, wobei seine Schwelljalousien in den Osten des südlichen Seitenschiffes gerichtet sind.
Diese Aufstellungsunterschiede sollte man berücksichtigen, will man ein Optimum an Klangwirkungen aus dem Sample-Satz herausholen. Beispielsweise sind die Labialregister im Schwellwerk zarter als man erwarten könnte und es kann - obwohl die Hochdruckzungen sicherlich zur Wiederherstellung der Balance beitragen - das Ankoppeln des Schwellwerkes an den Chor und sein Einsatz als sekundäres Manual für manche Stücke von Vorteil sein. Tatsächlich stellt sich die Direktheit des Chorwerkes gemischt mit der relativen Distanz des Schwellwerkes als sehr nützlich heraus. Auch zur Teilunterstützung des Hauptwerkes eignet es sich, da es anders als bei vielen englischen Instrumenten nicht zu schwach ist um eine hörbare Verstärkung des Hauptwerks zu bewirken - im Gegenteil, man kann das Chorwerk fast als zweites Hauptwerk sehen.
Eine gute Basis für ein Präludium oder ein Fuge von Bach entsteht lt. David Butcher, wenn man das Chorwerk mit seiner Mixtur an das Hauptwerk mit 8'- und 4'-Stimmen ankoppelt; auch Erweiterungen sind möglich. Die Zungen mit geringem Winddruck im Solo-Werk mit ihrem delikaten Charakter werden am besten auf dem Schwellwerk begleitet; das Cor Anglais und die Orchestral Oboe lassen sich, wenn nötig durch die Harmonic Flute verstärken. Andere Optionen für das Solo-Werk schließen verschiedene Kombinationen in Chor- und Hauptwerk ein, selbst das leicht zungige Open Diapason im Chorwerk allen passt gut zu einem Choralpräludium von Bach. Für festliche Anlässe mit Blechbläserklang lassen sich die Solo Trumpet mit der Tromba kombinieren, wobei letztere in der 16'-Lage besonders wirkungsvoll ist. Noch mehr Druck kommt beim Ziehen der Oktavkoppel hinein, wobei für die Schlussakkorde auch noch das Haupt- an das Solowerk gekoppelt werden kann.

Wie bereits erwähnt, gibt es bisher (Nov. 2011) eine Demo-Version und verschlüsselte Ausführungen mit 23 bzw. 46 Registern. Die folgenden Abbildungen beziehen sich auf den Sample-Satz mit 46 Registern, dessen Disposition auf der Webadresse, Seite 8 zusammengestellt ist. Vom Produzenten wird eine Eignung ab Hauptwerk v3.3.2 aufwärts, und dann vorzugsweise in der Advanced Edition, angegeben. Wie man heute erwarten darf, haben die Einzelpfeifen 24-Bit-Format, 48kHz Abtastrate und sind 6 s lang. Wegen der unterschiedlichen Entfernung der Werke zu den Mikrofonen hat allerdings die angegebene Nachhallzeit von etwa 5 s wenig Aussagekraft, da die Gesamtwirkung auf den Hörer stark von den eingesetzten Werken und ihren Registern abhängt. Eine bessere Beurteilung des Über-Alles-Eindrucks dürfte mit der Demoversion möglich sein.
Zur mit Hauptwerk v4 erreichbaren Realitätsnähe tragen die hier vorhandenen Feinheiten fortgeschrittener Sampling-Technik bei; dazu zählen Mehrfach-Abklingphasen (meist je drei) je Note und drei bis vier Loops für die Samples. Mehrere Register wie Solo Viola da Gamba, Orchestral Oboe, Clarinet und Cor Anglais wurden nochmals mit eigenem Tremulant gesampelt - eine Maßnahme, die zwar mehr Speicherplatz erfordert, einer nachträglichen Tremulantmodulation per Modellierungssoftware jedoch überlegen ist. Auch die Programmierung der Audio Engine für die Schwellkastennachbildung in Hauptwerk erfolgte anhand von speziell aufgenommenen Samples über den gesamten Umfang der entprechenden Register. Geräusche der Windversorgung, von Tasten- und Registerbetätigung sind ebenfalls in ihrer Lautstärke einstellbar vorhanden.
Es ist einzusehen, dass 46 Register gemeinsam mit einer umfangreichen Anzahl von Koppeln und vielen Setzern keine brauchbare grafische Bedienoberfläche auf einem einzigen Monitor zulassen. Ein solcher lässt sich höchsten für Übersichtszwecke und eine allgemeine Funktionsprüfung gebrauchen. Bei der 46-stimmigem Willis-Orgel gibt es zunächst einen Übersichts-Bildschirm mit allen vier Manualen, Pedal, den typischen Willis-Registerzügen, Koppeln, Schwellern und funktionsfähigen Setzern/Fußpistons. Da letztere allerdings für einen ergonomisch sicheren Zugriff nur recht klein abgebildet werden können, hat man bei einem zweiten Gesamtbildschirm die Grundfläche von Manualen, Pedal und Schwellern ohne Änderung der anderen Elemente mit einer vergrößertem Darstellung der Setzer/Pistons ausgefüllt. Aber auch dieser eignet sich nicht optimal für den Spielbetrieb.
Gute Detaildarstellung erlaubt dagegen der Schirm mit getrennten Schiebereglern und Schaltern für die Nebengeräusche in jedem Werk und einigen Intonationsmöglichkeiten für die Trompete im Solo-Werk. Lavender Audio weist darauf hin, dass man mit Rücksicht auf eine integre Sample-Qualität die Traktur-Nebengeräusche einiger Pfeifen in Schwell- und Hauptwerk nicht ganz mit digitalen Hilfsmittel entfernt hat. Sie lassen sich daher nicht völlig abschalten. Noch ein Schmankerl: Um die verzögerte Ansprache eines oder mehrerer Register per Setzer bei Betätigung der Kombinationen-Einsteller in (realen) abgesetzten Spieltischen auch in Haupwerk nachzunahmen, lässt sich eine justierbare Verzögerung einstellen oder auch komplett abstellen.

Der Hauptspieltisch komplettReduzierte AusführungSchalter- und Einstellfeld

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Wer die virtuelle Orgel gern per Touchscreen und ohne heftige Einschränkungen bei der Ergonomie spielen möchte, greift zur Zweibildschirmdarstellung; für diesen Zweck sind die Register in ein linkes und rechtes Feld, allerdings ohne jegliche Setzer oder Pistons aufgeteilt. Hauptwerk v4 kann den Bildschirm auf die Formate Porträt (hochkant) oder Landschaft (quer) anpassen, so sich ein oder zwei Monitore auch um 90 Grad gedreht einsetzen lassen. Nimmt man zwei Geräte mit ausreichend großen Diagonalen, so dürfte wohl ein solches Registerfeld, abgesehen von der unterschiedlichen Haptik - einem realen Registerfeld nicht nachstehen.

Registerfeld rechts...und links

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Das Bildschirm-Layout hat übrigens bei allen Ausgaben (23/46) die gleiche Struktur, d.h. es sind nur die nicht vorhanden Plätze für Registerzüge, Setzer und andere zugehörige Elemente nicht ausgefüllt. Wie die Gliederung dann bei der Komplettversion mit immerhin 67 Registern später aussieht, ist noch nicht bekannt. Wie bei anderen Sample-Sätze auch, schlagen sich Registeranzahl, Zusatz-Samples für den Tremulant und die in die Sample-Länge direkt eingehende Grund-Nachhallzeit in der benötigten Gesamt-Speicherkapazität nieder. So werden für den Satz ohne Gebrauch aller in HW vorhandenen Sparoptionen ca. 18 GByte RAM benötigt. Nutzt man diese zur Gänze aus, so lässt sich die Speicherbelegung auf etwa 4 GByte verringern. Weitere Speicherreduzierung, wie sie mit 14-Bit Auflösung möglich wären, sollte man dem Instrument wohl besser nicht antun. In der kleineren Version mit 23 Stimmen liegt die RAM-Belegung etwas geringer; hier reicht die Spanne von 7,6 GByte bis herab zu 1,8 GByte: somit reicht die Basic-Edition aus.
Mit der Willis-Orgel von Hereford kann sich die Hauptwerk-Gemeinde inzwischen an den Sätzen von drei Instrumenten dieses Orgelbauers erfreuen, wenn auch bisher nur der von Silver-Octopus komplett ist. Streng genommen stellt dieser nicht das Abbild einer bestimmten Orgel dar, sonder ein real so nicht existierendes Instrument, das aus der Kombination mehrerer ausgewählten dieses Typs besteht.
Wer den Sample-Satz von Lavender Audio erwirbt sollte sich darüber im Klaren sein, dass hier die Klangvorstellung einer Bauperiode des 19. Jh. sui generis umgesetzt wurde, die sich von vielem bei uns Gewohntem unterscheidet. So gibt es allein im Pedal der Komplettversion ein 32'-Labial- und ein 32'-Zungenregister, dazu drei 16'-Labial- und zwei 16'-Zungenstimmen. Auch in Haupt- und Schwellwerk finden sich 16'-Register in Labial- und Zungenausführung; die Gesamtdisposition umfasst nicht weniger als 28 Register in 8'-Lage.
Möglicherweise mag dies den Eindruck erwecken, dass man aus einer rigiden Grundtönigkeit nicht ausbrechen kann. Glücklicherweise ist dem nicht so, denn mit dem geschickten Einsatz der vielfältigen Koppelarten (den zu beschreiben den Rahmen dieses Betrags sprengen würde) lassen in Verbindung mit den Harmonischen und Aliquoten sehr farbige und nebenbei auch monumentale, beim Original dem Kathedralraum angemessene Klangwirkungen erreichen. Sie ermöglichen sogar in gewissem Umfang auch eine einigermaßen ausgeglichene Hallbalance, sofern man nicht auf ausgesprochen Nah/Fern-Wirkungen Wert legt. Dazu gehört allerdings eine gewisse Experimentierfreude.
Ein ganz anderer Aspekt wäre bei der virtuellen Herford-Orgel ausführlich diskutieren: Auf welche Weise lässt sich wohl die angehäufte Tieftonenergie im eigenen Heim annähernd realitätsnah zu Gehör bringen? Wahrscheinlich wird man sich mit der knurrenden Klangfarbe eine 32'-Bombarde ohne echte Subwoofer-Töne - immerhin hat man dem realen Gegenstück im Kirchenraum eine eigene Wandfläche spendiert - zufrieden geben müssen. Eine Reproduktion über Lautsprecher dürfte aus mancherlei Gründen kaum zu realisieren sein - ein Dilemma, was eben einem virtuellen Instrument anhaftet, das über elektroakustische Hilfen zum Klingen gebracht werden muss.
Wer weniger Manuale zur Verfügung hat, als der Sample-Satz aufweist oder kein Pedal besitzt, kann in HW v4 zu 'schwimmenden Manualen' zurückgreifen, die sich mittels Setzer oder anderen MIDI-Steuerungselementen auch während des Live-Spiels umschalten lassen. Und auf jedes Werk zuschaltbare Basskoppeln lenken die nur unterste auf einem Manual gespielte Note auf intelligente Weise auf das Pedal um. Mehrfach weist David Butcher darauf hin, dass sich ein fantasievoller Umgang mit den Koppeln lohnt. Beispielsweise schlägt eine volle Registrierung des Schwellwerks mit der Oktavkoppel deutlich im vollen Hauptwerk durch. Generell ist das Schwellwerk zu mannigfachen Erweiterungen der Klangpalette heranzuziehen; so kann die Vox Angelica entweder mit Octav- oder Suboctav-Koppeln (oder beiden) oft von Nutzen sein.
Über dem Einsatz der Koppeln sollte man die reichhaltige Bestückung mit Flötenstimmen keinesfalls vergessen; selbst der kleinste Sample-Satz mit 23 Stimmen bietet davon eine reiche Auswahl. Wahrscheinlich wird man um eine gewisse Nachintonation, angepasst an die Abhörumgebung, nicht herum kommen. Das zumeist sanfte Ansprechen der tiefen Pedalstimmen dürfte damit jedoch kaum zu verändern sein und der Absicht stark hallige Einzelstimmen anzuheben, sind durch die sich damit verändernde Hallperslektive ebenfalls Grenzen gesetzt.
Auf den Webseiten des Sample-Produzenten finden sich keine Demo-Clips, aber auf den Webseiten www. contrabombarde.com und http://www.pcorgan.com/DownloadsEN.html bzw. http://www.pcorgan.com/DownloadsStandardEN.html gibt es eine Auswahl mit unterschiedlichem Repertoire. Da man bei letzteren offensichtlich MIDI-Dateien als Quelle für viele Sample-Sätze verwendet hat, wird ein Vergleich mit anderen Instrumenten erleichtert.

Zum ersten Teil

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