Die Huß-Schnitger-Orgel von St. Cosmae in Stade
Wenn es um die orgelbauerische Tätigkeit von Arp Schnitger geht, zieht man am besten das Buch "Arp Schnitger und seine Schule" von Gustav Fock als bewährte Quelle heran. Demnach war Schnitger als Zwanzigjähriger an dem Bau der Orgel in der Stader Kirche St. Cosmae als Geselle von Berendt Huß (auch Hus, Huss oder Hues) beteiligt und hatte sich dabei in seinen Leistungen so hervorgetan, dass er in der Kirchenrechnung mit einem Sonderhonorar aufgeführt wird - daher trägt das Instrument auch eine deutlich erkennbare Handschrift beider Orgelbauer. Der eigentliche (nicht mehr vorhandene) Kontrakt für den Bau der Orgel war mit Huß geschlossen worden, der sich um 1661 in Glückstadt niedergelassen hatte.
Ein Neubau war notwendig geworden, weil Kirche und eine gerade in Betrieb genommene Orgel bei dem großen Stadtbrand von 1659 in Flammen aufgingen. Der Bau begann 1668; zunächst wurden Hauptwerk, Rückpositiv und Brustwerk fertiggestellt. Erst ihn den Jahren 1671-73 fügte Huß das zehnstimmige Pedal in zwei Basstürmen hinzu. Bald nach der Abnahme trat der damals zwanzigjährige Vincent Lübeck sein Organistenamt an - er wirkte 30 Jahre dort - und ließ 1688 durch Arp Schnitger einige eingreifende Veränderungen an der Disposition vornehmen. So erhielt das Hauptwerk Trompete 16' und Zimbel 3-fach, das Brustwerk Krummhorn (Krumphorn) 8' und Schalmei (Schalmey) 4'.
Gegen Ende des 18. Jh. machten Verstaubung und einige Defekte die Überholung notwendig. durchgeführt von dem Stader Orgelbauer Georg Wilhelm Wilhelmy. Dieser ersetzte bei dieser Gelegenheit die Zimbel im HW durch eine Rauschpfeife 2-fach, im Pedal Cornet 2' durch Trompete 4' und die vier tiefsten Töne des Subbass 16' durch hö lzerne; hinzu kamen einige Umbauten an der Empore. 1841 erkannte man, dass die Orgel dringend repariert werden müsste. Unter anderem war eine Anzahl kleinerer Pfeifen durch Marder zerfressen, außerdem hat man damals die Windversorgung erneuert oder teilweise umkonstruiert. Wahrscheinlich wurde auch die Stimmung verändert, weil "diese mit dem Orchester nicht harmonierte".
Im Jahr 1870 begann man dann mit umfangreichen Überholungsarbeiten durch Johann Hinrich Röver aus Stade; wieder ersetzte man dabei einige Register.

Im ersten Weltkrieg büßte die Orgel ihre zinnernen Prospektpfeifen als Kriegsabgabe ein, nur der Prinzipal im Rückpositiv entging der Ablieferung durch seine Aufstellung im Inneren. Der Göttinger Orgelbauer Paul Ott nahm von 1948-49 einige (heute als verfehlt betrachtete) Veränderungen vor, ließ aber die Disposition generell unangetastet. 1975 geht eine dreijährige, umfassende und systematische Restaurierung der Orgel durch die Orgelbauwerkstatt Jürgen Ahrend (Leer/Ostfriesland) zu Ende, bei der die Orgel in den Zustand von 1688 versetzt wird. Während einer Überarbeitung 1993/94 konnte dann die Orgel in manchen Punkten noch weiterhin verbessert werden. Damit präsentiert sie sich mit ihren drei Manualen und 42 Registern auf 16'-Basis heute als eines der besterhaltenen Instrumente des norddeutschen Barock, das eine außergewöhnliche Anzahl von Pfeifen, d. h. sämtliche Zungenstimmen in den Manualen und die Mehrheit der im Pedal vorhandenen im Original aufweist.
In diesem Zustand sampelte OrganArt Media das Instrument im Format 48 kHz / 24 Bit als Mehrkanalaufzeichnung für Hauptwerk 3; dabei wurde die von Herrn Prof. Maier eingeführte Multi-Release-Technik mit kurzen, mittleren und langen Ausklangphasen eingesetzt. Wegen der Zuordnung der einzelnen Stimmen zu den beiden Orgelbauern und nachträglichen Restaurationen der Orgelwerkstatt von Jürgen Ahrendt Orgelbau sollte man die Disposition unmittelbar der Webseite http://www.organartmedia.com/en/hus-schnitger/38.html entnehmen - erstaunlich, wie sich uns Heutigen aus dem Gemisch aus H-S- und A ein derartig eindrucksvolles Instrument mit eben einem überragenden Anteil an Originalstimmen präsentiert.
Für den virtuellen Spieltisch gibt es insgesamt fünf Fenster: eine Gesamtdarstellung mit aktivierbaren Manualen und Pedal ohne Setzer, eine mit den relevanten Elementen für das Spielen, zwei weitere Fenster mit Registerfeldern bei Verwendung von zwei Touchscreen-Monitoren inklusive aller nur im Sample-Satz vorhandenen Setzern und schließlich eine virtuelle Darstellung der Windversorgung mit einigen Schaltern für den Schnellzugriff zu einigen Einstellungen. Dazu wäre anzumerken, dass die kommende Version 4 von Hauptwerk die eigene Gestaltung und Anordnung von Setzern erlaubt, so dass die Vorgaben des Sample-Satzes geändert werden können.

Der GesamtspieltischReduzierte AusführungWindanlage und Schalter

Die Register haben eine klare Gliederung: Beginnend im linken Feld sind die Manubrien für Hauptwerk, Brustwerk und Pedal senkrecht übereinander platziert; dies wiederholt sich spiegelbildlich im linken Feld. Im oben angeordneten mittleren Feld befinden sich alle Züge des Rückpositivs. Nichtsdestoweniger würden die Besitzer mehrerer Sample-Sätze sicher begrüßen, wenn es einige Hinweisschildchen als Gedächtnisstütze zur schnellen Orientierung innerhalb der Werke gäbe. Besonders träfe das auf die Dual-Monitor-Darstellungen zu.
Registerfeld rechts...und links

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Manubrien und Setzer sind in angenehmer Größe für den Fingerzugriff dargestellt und lassen ihren Aktivierungszustand klar erkennen; da auch die Zuordnung zu den einzelnen Werken gelungen ist, findet man sich schnell auf dem dreimanualigen virtuellen Spieltisch zurecht. Angesichts des zunehmenden Angebotes an Sample-Sätzen für HW war der Autor von jeher ein Befürworter eines virtuellen Spieltisches, der dem des Vorbildes nicht in jedem Detail nachgebildet ist. Dennoch lassen sich durchaus einige charakteristische Gestaltungsmerkmale übernehmen, die dem Organisten eine rasche Orientierung vor allem selbst bei häufig in Hauptwerk hinzugefügten Spielhilfen erlauben, die eine reale Orgel nicht aufweist.
Wie es sich nach und nach einzubürgern scheint, enthält das Fenster zur Anzeige der Windversorgung einige Schalter, die den Schnellzugriff auf einige Funktionen ohne Aufruf spezieller Menüs ermöglichen. Mit ihnen lassen sich neben dem Orgelwind selbst die Tremulanten für jedes einzelne Werk oder Geräusche einschalten, die Koppel BW - RW betätigen, der Manualumfang in oberen Oktave um einen Ganzton, den des Pedal um eine kleine Terz erweitern und Kombinationen in Betrieb nehmen.
Es liegt auf der Hand, dass eine Aufteilung in ein linkes und ein rechtes Registerfeld eine nochmals vergrößerte Darstellung aller Bedienelemente zulässt. Damit erreicht man fast die Größe eines realen Knopfes für Registerzüge. Auch Setzer - hier in einer an die Manubrien angepassten Form - ließen sich noch unterbringen, wenn auch ihre Anzahl in den Fenstern für einen Bildschirm und denen für zwei Touch-Monitore offensichtlich aus Platzgründen unterschiedlich ausfällt. Mit der Version 4 ist dieser Punkt dann aus der Welt geschafft.
Den eindeutigen Reiz und einmaligen des Instrumentes macht unzweifelhaft die klangliche Seite aus; sie lässt sehr schnell erkennbar die unterschiedliche Prägung von Erbauern und Restaurator erkennen. War Huß noch einer milden, unaufdringlichen, dennoch klaren Disposition zugetan, so fügte der damals jüngere Schnitger hellere, schärfere Komponenten, besonders in den Mixturen hinzu. Jürgen Ahrend hat sich an beide ursprünglichen Gestaltungen mit seinen restaurierten Stimmen vorzüglich eingepasst. Alle im Laufe mehrerer Jahrhunderte entstandenen Nuancen wurde getreulich in den Sample-Satz übertragen - (dem Verfasser sind Ort und Orgel recht gut bekannt) - so dass der HW-Nutzer unmittelbar von den Vorzügen des Instrumentes profitiert. In Maierscher Manier ist es mit bis zu neuen Loop-Ebenen und drei Release-Phasen ausgestattet.
Für den nicht professionell mit Orgeln Befassten mag die kurze Oktave im Bass (sowohl bei Manualen als auch Pedal) recht gewöhnungsbedürftig sein; dennoch gehört sie zu den authentischen Merkmalen dieser Orgel. Für den Neuling sei sie kurz erklärt: Die Halbtöne Cis und Dis in der untersten Oktave sind nicht vorhanden, außerdem fehlen die Tasten für C, D und E. Diese Töne werden als E, Fis und Gis gespielt. Weiter geht es dann chromatisch mit einem Rücksprung nach F. Auch die Abbildung der virtuellen Manuale und des Pedal folgt dieser Anordnung. Man darf sich daher nicht wundern, wenn beim Oktavgriff Gis/As - gis1>/as1 eine vermeintliche Verstimmung hörbar wird.
Die Tonhöhe der Orgel steht mit a1 = 493 Hz einen Ganzton höher als normal; ihre Stimmung ist mitteltönig-modifiziert (mit drei reinen Terzen). Das Trechter Regal 8' im Rückpositiv enthält eine separate Tremulantaufzeichnung und ist daher ebenfalls so nahe am Vorbild wie es nur irgend geht. Hinzu kommt eine angenehme Räumlichkeit, bei der die sonst im Raum stets unangenehm hervortretenden Stehwellen (Resonanzen bei tiefen Tönen) ganz offensichtlich dank einer ausgeklügelten Aufnahmetechik bis zur Unauffälligkeit zurückgedrängt sind.
Wer Vorbehalte wegen der kraftvollen norddeutschen Prägung der Orgel und der darauf spielbaren Literatur hat, möge sich die Demo-Clips von Anton Doornheim aus vor-bachscher Zeit anhören (http://www.organartmedia.com/en/hus-schnitger/35.html). Eindrucksvoll die klanglichen Variationsmöglichkeiten bei den Keyboard-Werken der Susanne von Sold aus dem Manuskript von 1599, dem Camphuysen-Manuskript und den Werken von Bach-Vorläufern wie Bruhns, Buxtehude, Scheidemann oder Sweelinck, um nur einige zu nennen. Hier bietet sich ein Spiel-Anreiz, der durchaus auch bis in den Kernbarock gehen kann, zumal es keinesfalls an thürigisch/sächsicher Gravität fehlt, wie man an zwei Labialen und zwei nicht weniger charaktervollen Zungenstimmen im Pedal ersehen kann.

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