Die Isnard-Orgel von St. Maximin
St. Maximin in der Provence war von jeher ein Zentrum des frühen Christentums in Frankreich. Die königliche Basilika Sainte-Marie-Madeleine des Städtchens, ausgestattet mit aus glanzvoller Vergangenheit zeugenden reichen Schätzen und Kunstwerken, weist mit 33 Metern die größte Höhe eines sakralen Baus in der Provence auf. Auf der westlichen Empore oberhalb des Haupteingangs erstellten der Ordensbruder Jean-Esprit Isnard in den Jahren 1772-1775 zusammen mit seinem Neffen Joseph eine eindrucksvolle Orgel mit seinerzeit ungewöhnlichen zwei 16'-Registern.
Das Instrument ist eines der wenigen, das die Wirren der französischen Revolution unbeschadet überstanden hat. Die Legende sagt, dass der Organist, als die Revolutionäre die Basilika stürmten um Möbel und Orgel zu verbrennen, geistesgegenwärtig die Marseillaise anstimmte und damit Kirche mitsamt Inhalt vor der kompletten Zertörung bewahrte. Dennoch wurden im Zuge der damaligen Säkularisation der Klöster alle Insassen vertrieben, so dass Ort und Basilika ihre Bedeutung über längere Zeit verloren. Das hatte seinen Vorteil, denn so blieb die Orgel in einem derartig abgeschiedenen ländlichen Bereich von allen modernisierenden Tendenzen verschont.
So gehört die Orgel heute zu den außergewöhnlich seltenen Schöpfungen Isnards, deren vom Orgelbauer stammendes Originalmaterial (immerhin 2960 Pfeifen) auf wundersame Weise vollständig erhalten ist. Eine Ausnahme bilden nur die hölzernen Pfeifen der Bass-Oktave im Bourdon; da man sie bei der letzten Restauration durch metallene Pfeifen ersetzt hat, dienen sie als stummes Ansichtsobjekt. Das viermanualige Instrument hat die Werke Grand Orgue, Positif, Récit, Raisonnance und Pedal, letzteres ist - entsprechend dem Bautyp jener Zeit - fest an das Raisonnance-Werk angehängt. Diese Werk selbst dient praktisch als Ergänzung der Grand Orgue und stellt dafür einen Bombardchor aus Bombarde 16', 2 8'-Trompeten und Clairon 4' bereit. Außerdem gibt es im gleichen Werk Soloregister wie Trumpet en chamade, Flute und Cornet als eine Art zweites Recit. Bemerkenswert ist die Anzahl der Zungenstimmen; es sind nicht weniger als 14 bei einer Gesamtanzahl von 43!

Die Disposition ist auf der Webseite von Sonus Paradisi im Unterordner /specification.0.asp nachzulesen, denn dieser nun schon länger tätige Produzent von HW-Sample-Sätzen hat die Orgel im Format 24 Bit / 48 kHz mit mehreren Release-Phasen nun zum zweiten Mal gesampelt. Da man mehrkanalig aufgezeichnet hat, wird der Satz in den Ausgaben Original und Erweitert (Extended), jeweils als Vierkanal-Surround und verhallte Stereo-Fassung (wet) angeboten. Sofern man für Vierkanalwiedergabe mit zwei Front- und zwei rückseitigen Boxen gesorgt hat, empfiehlt es sich wegen der etwa 7 s Nachhall die kombinierte Orgeldefinition zu verwenden. Der Zuwachs an Durchhörbarkeit ist auch mit unaufwändigen rückseitigen Boxen enorm und erhöht das Spielvergnügen deutlich. Über Kopfhörer ist der Effekt natürlich nicht vorhanden, gibt aber immer noch einen guten Eindruck von der akustischen Interaktion Orgel-Kirchenraum.
Jiri Zurek empfiehlt, anstelle der in HW möglichen Originalstimmung die spezielle - dann HW-generierte - Stimmung der Isnard-Orgel (modifiziert mitteltönig) zu verwenden, da gelegentliche Verstimmungen bei den Aufnahmesitzungen vorhanden sind. Übrigens hat - so Zurek - die Aufbereitung der Samples viel Zeit gekostet, denn es wurde erhebliche Eingriffe bei vielen Pfeifensamples ntötig, um sie in brauchbare Form zu bringen. Dies betrifft die tonale Charakteristik, die Ansprache und Ausklangphasen. Dartüber hinaus waren auch Eingriffe in die Stimmung Mixturen mit ihren Einzelregistern notwendig; diese haben ihre Ursache in dem nicht ganz zufriedenstellenden Zustand der Register beim Original. Wer es möchte, kann die Korrekturen im Detail nachlesen.
Neben der Gesamtdarstellung des virtuellen Spieltisches sind separate Fenster für Registerfelder rechts und links vorhanden - hier zunächst für die originale Version. Um den vorhandenen Platz zugunsten der Manubriendarstellung optimal zu nutzen, hat man die Register hier waagerecht angeordnet; die zugehörige Beschriftung ist dennoch gut zu lesen. Auf dem Monitor muss man sie sich daher um 90 ° gedreht vorstellen. Bei Aktivierung erfolgt ein deutliche Aufhellung sowohl vom Manubrium als auch des Schriftfeldes. Die Aufteilung entspricht im Übrigen der des Vorbildes.
Die werkübergreifenden 14 Setzer gibt es dagegen bei der realen Orgel nicht; sie finden sich ausschließlich im virtuellen Instrument. Die Werkzuordnung sowohl beim virtuellen Gesamtspieltisch als auch in den Registerfeldern rechts und links könnte - diese Anmerkung sei erlaubt - durch entsprechende Schilder deutlicher gestaltet werden.

Virtueller Spieltisch der OriginalversionLinkes und rechtes TeilfensterWindversorgung

Bilder anklicken für größere Darstellung. Dann zurück mit Browser (Pfeiltaste "Zurück")

Im hier nicht abgebildeten Intonationsfenster gibt es eine spezielle Möglichkeit zur Verstimmung der Positif Flute, mit der man eine Celeste-Wirkung erreichen kann, wenn man einen gewissen Lautstärkeabgleich vornimmt. Dieses HW-unabhängige Fenster ist bei vielen Sonus Paradisi-Produkten vorhanden und erlaubt auch Besitzern der Basic-Edition auf Höhenanhebung und -absenkung begrenzte Eingriffe in die Intonation. Außerdem lassen sich die Lautstärke des Ventus und der Traktur verändern.
Der Begriff 'Sommier' im Windfenster soll keinen Lattenrost bezeichnen, sondern ist eine Einrichtung zur unmittelbaren Steuerung und Pufferung des Pfeifenwindes für die aktivierten Register (Spielbälge). Mit dem Souffleur (Einbläser) lässt sich die Windversorgung der Gesamtorgel ein- und abschalten. Es ist schon verblüffend, wie genau die Modellierung des Windverhaltens nachgebildet wird, wenn man einen vollgriffigen Akkord spielt und das langsame Absinken des Winddruckes verfolgen kann.
Der virtuelle Spieltisch der erweiterten Fassung enthält einige Ergänzungen, die nicht sofort ins Auge fallen. So gibt es nun ein unabhängiges Pedal, das die Register des Raisonnance-Werkes verwendet. Daneben hat man die Flute im Positif auf 4' umgestellt um sie - wie seinerzeit im Vertrag mit Isnard festgelegt - in die gleiche Oktavlage wie den Prestant zu bringen. Auf diese Weise ist ein Flöten-Chor aus Bourdon 8', Flöte 4' und Quarte 2' entstanden. Desweiteren stehen nun zusätzliche Spielhilfen in Form von Manual- und Pedalkoppeln zur Verfügung.
Rechtes und linkes Registerfenster sind in originaler Querlage ausgeführt und haben klare Angaben zu den Werken, so dass man sich besser zurecht findet als in der originalen Gliederung. Der rechte Teil enthält auch alle Koppeln (Accoup.). Die Werkbezeichnungen haben gleichzeitig die Funktion von Sperrventilen, erkennbar am Helligkeitsunterschied bei Aktivierung - ein netter Gag, der bei einer virtuellen Orgel mit ihren immensurablen Windresourcen eigentlich überflüssig ist.

Virtueller Spieltisch der erweiteren VersionRegisterfelder links und rechts

Bilder anklicken für größere Darstellung. Dann zurück mit Browser (Pfeiltaste "Zurück")

Es ist verständlich, dass ein solches Instrument schon bei der Anlieferung auf DVD vier Scheiben belegt. Immerhin sind alle Register doppelt vorhanden und die Samples haben wegen der langen Nachhallzeit erheblich mehr Länge. Beides wirkt sich auch auf den RAM-Bedarf aus: Volles Laden der Originalversion im Surround-Modus mit 16 Bit belegt bereits 9,7 GByte. Für die Konfiguration der Frond- und Rückseiteregister sowie der Audioausgänge bei Vierkanalanordnung enthält der Satz ausführliche Hinweise. Begnügt man sich mit der bereits halligen Stereofassung, so genügen 5,1 GByte. Als erweitertes Instrument erhöhen sich diese Werte um ein rundes Drittel. Die bei 7 Sekunden Nachhall besonders kritischen Release-Phasen hat man vorzüglich in den Griff bekommen, so dass keinerlei Artefakte zu vernehmen sind. Der Satz ist nicht verschlüsselt.
In den begleitenden Informationen weist Jiri Zurek auf mehre klangliche Eigenheiten hin, die bereits Hinweise für die eigenen Wahl geben können. So wäre zunächst der schon erwähnte lange, typisch nach Kathedrale klingende Nachhall zu erwähnen, der jeder Interpretation einen intimen Charakter verweigert. Damit eignet sich das Instrument - auch das erwähnt der Sample-Produzent - besonders für Plenum-Wirkungen, die allerdings sehr eindrucksvoll sowohl über Kopfhörer, aber umso deutlicher über eine Lautsprecheranlage rüberkommen, wenn man Vierkanalwiedergabe eingerichtet hat. Wer es mag, kann mit der hauptwerkeignen Intonation einige Stimmen auf Solo-Pegel anheben. Schnell wird man dabei feststellen, dass diesem Bemühen wegen des Raumeindrucks Grenzen gesetzt sind. Während die beiden Tremulanten (tremblant fort und doux) beim Vorbild außer Betrieb sind, kann man sie hier aktivieren. Die kräftige Einstellung ist ungewöhnlich schnell moduliert, so dass Zweifel aufkommen, ob dies zur Zeit der Entstehung der Orgel wirklich repräsentativ für den Zeitgeschmack gewesen sein soll.
Auf der Webseite http://www.sonusparadisi.cz/organs/Max/demos.0.asp gibt es ausführliche Demodateien mit Improvisationen, Auszügen aus Opern von Lully, Werken (neben Zweikanal-wav auch als Mehrkanal-ac3) von DeGrigny, Dandrieu, Bach, Clarke sowie Mendelssohn. Alles zusammen kann zu einem recht zuverlässigen Urteil führen, ob man die Orgel in die eigene Wahl nehmen möchte.
Sofern man eine einwandfrei ins Betriebssystem eingebundene Mehrkanalkarte zusammen mit dem Media Player Classic Home Cinema im Rechner hat und die Clips vierkanalig abspielen kann, lässt sich der Gesamtklangeindruck nochmals genauer analysieren. Die Übertragungsqualität nach Hauptwerk weist jedenfalls den inzwischen bei Sonus Paradisi erreichten hohen Standard auf. Ganz risikolos und zudem recht aussagekräftig lässt sich das Instrument unter die Lupe nehmen, wenn man die frei zugängliche Demo-Datei herunterlädt.

Zur Hauptseite  |  Sample-Sätze für Hauptwerk