Die Orgel von Krewerd/Niederlande

Der Prospekt der Orgel von Krewerd wurde hundert Jahre nach seinem ursprünglichen Entstehungsdatum durch zwei Flügel mit aufgemalten Pfeifen optisch vergrößert.

Wanderer, sollte Dich der Weg einmal nach Appingedam oder Loppersum weit im Norden der Niederlande führen, dann lohnt es sich gewiss, noch eine kleine Strecke zuzulegen und den Backsteinbau des romanischen Kirchlein in Krewerd aus dem Jahre 1280 mit der darin enthaltenen Orgel zu besichtigen. Das Instrument wurde 1531 von einem unbekannten Orgelbauer errichtet; es ist das älteste noch bespielbare der gesamten Niederlande. Wegen seines Prospektes mit den verwitterten Zinnpfeifen strahlt es nach übereinstimmenden Berichten vieler Besucher eine ganz eigene, altertümliche Würde aus.
Eine in ihrer Art selten anzutreffende Besonderheit sind die rechts und links vom "aktiven" Prospekt gemalten Pfeifen aus dem Jahr 1634, die den Orgelkasten optisch vergrößern sollen. Dank der Abgeschiedenheit des Dorfes erfuhr die Orgel wenig Änderungen und überstand nicht nur mehrere Kriege, sondern auch Überschwemmungen. Abgesehen von mehrfachen Reparaturen an Balg, Windladen und Klaviatur wird aus dem Jahr 1686 eine "kräftige Reparatur" vermeldet, deren Umfang jedoch im Dunkeln bleibt. Ansonsten gab es bis 1857 keine klanglichen Eingriffe. In diesem Jahr ersetzte man von den sieben überlieferten Registern die Quinte 1 1/2' durch ein gedecktes Flötenregister und eine Mixtur durch eine 8'-Gambe.
Als man 1967 feststellen musste, dass Turm und Gebäude stark verfallen waren, trug man sich mit dem Gedanken, es abzureissen und die Orgel zu verkaufen.

Nun, glücklicherweise ist dies nicht geschehen. Durch den Einsatz mehrerer Persönlichkeiten und großzügiger Hilfe konnten Kirche und Turm völlig restauriert werden; das Instrument blieb nicht nur der Gemeinde erhalten, sondern wurde in den Jahren 1972 bis 1975 ohne Veränderungen seiner klanglichen Eigenheiten völlig restauriert. Die 8'-Gambe ersetzte man allerdings durch das nur in der Diskant-Hälfte wirksame 2'-Sesquialter. (Quelle: Het orgel in de kerk van Krewerd, Albert Hendrik de Graaf).
Nachdem der Sample-Satz bereits ein Weile für HW 1 erhältlich war, hat ihn Fred de Jong von Sygsoft nun für HW 2 eingerichtet. Die Sample-Aufnahmen des Instrumentes mit seinen sieben Stimmen fanden in der Auflösung 24/96 statt, für den Set wurden sie auf 48 kHz Abtastfrequenz heruntergerechnet. Wie schon bei der Eenum-Orgel gibt es drei virtuelle Fassungen: zunächst eine originale mit der verkürzten Oktave und einem Manual. Die unterste Manualtaste spielt hier den Ton E, F spielt F, Fis spielt D, G spielt G und Gis spielt E. Das Pedal ist (per Seilzug) angehängt und umfasst die Töne C, D, E, F, G, A, Ais, B, C, Cis, D.
In der Standardversion wurde die kurze Oktave beibehalten. Das (immer noch angehängte) Pedal hat zwar kleineren Tonumfang, aber normale Tastenzuordnung. Das beim Original ab dem mittleren c wirksame Sesquialter ist auch hier vorhanden; erst in der erweiterten Fassung überdeckt es den gesamten Manualumfang. Die erweiterte Version hat zwei Manuale - eine Anordnung, die sich auf die Aktivierung der virtuellen Manubrien auswirkt, denn diese beziehen sich nur auf das ursprünglich einzige Manual.
Dennoch lassen sich die sieben Stimmen dem neuen Manual und dem nun 27-tönigen, aber immer noch angehängten Pedal mit hinzugesetzten Manualknöpfen am unteren Rand des Spieltisches rechts und links vom Pedal zuordnen. Diese Maßnahme mag zwar ausgesprochenen Authentizitätsanhängern nicht besonders schmecken, sie erschließt jedoch einen etwas größeren Bereich an Literatur.
Als weitere Spielhilfen finden sich hier ein auf alle Stimmen wirkender Schweller sowie ein Tremulant. Praktischerweise hat Fred de Jong den Sample-Satz insgesamt so gestaltet, dass man ohne Neuladen zwischen den Orgelversionen hin- und herschalten kann. Nur sind dann eben, angepasst an die Versionen, manche Töne nicht zugänglich. Nutzt man die Standard- oder die erweiterte Version, so darf man nicht vergessen, Pedal und zweites Manual in Hauptwerk entsprechend der Vorschrift zu konfigurieren.

Virtueller Spieltisch des Originals ...und erweiterte, zweimanualige Version

Bilder anklicken für größere Darstellung. Dann zurück mit Browser (Pfeiltaste "Zurück")

Kleines Detail am Rande: Auch beim Vorbild wird für die Windversorgung inzwischen ein Gebläse eingesetzt. Die virtuellen Spieltische haben dafür einen Schalter in Form eine kleinen hellen Kästchens ganz links, der bei Betätigung das Motorrelais hörbar klicken lässt. Auch die Registerzüge geben realistische Geräusche bei Betätigung von sich.
Wenn man eine zum großen Teil 500 Jahre alte Instrumentenpersönlichkeit (fünf von sieben Registern sind von 1531) für das häusliche Spiel zugänglich zu machen will, sind notwendigerweise Grenzen zu ziehen zwischen den real vorhandenen klanglichen Eigenschaften und einer durchaus möglichen elektronischen Korrektur. Die Krewerd-Orgel hat - und das soll hier schon erwähnt werden - bei allem klanglichen Charme längst vergangener Jahrhunderte einige Imperfektionen. Sie betreffen sowohl Unterschiede in der Ansprache (Einschwingphase) als auch im Tongehalt. Besonders auffällig ist dies naturgemäß bei benachbarten Tönen in der 8'-Lage.
Ein Beispiel: Wenn eine Note schon so prägnante, sich langsam aufbauende Vorläufertöne wie das E in der untersten Oktave des Prestant hat, dann fällt ihr völliges Fehlen beim Es darunter umso mehr auf. Die Holpijp verhält sich in dieser Hinsicht leicht ausgeglichener. Zudem lässt sich, abgehört mit einem wirklich guten Kopfhörer ein recht starker Tiefenabfall unterhalb des Es deutlich vernehmen. Ob man solche Streuungen als Eigenheit hinnimmt oder gern eine ausgewogenere Intonation hätte, ist ganz ohne Frage Ansichtssache.
Wer gern selber eingreifen möchte, kann - da der Sample-Satz nicht verschlüsselt ist - mit einem entsprechenden Audioprogramm für einen gewissen Lautstärke-(Pegel-)Ausgleich zumindest bei denjenigen Einzeltönen sorgen, die ähnlichen 'echten' Tongehalt haben. In den letzten Tönen der untersten Oktave beginnt dann allerdings das Verhältnis zwischen Windrauschen, Vorläufertonen und dem der Tonhöhe entsprechendem Grundtongehalt aus dem Ruder zu laufen, so dass hier natürliche Grenzen gesetzt sind. Denn weitergehende Manipulation dürfte kaum möglich sein, ohne dass der Klangcharakter solch bearbeiteter Töne nicht aus dem Gesamtbild fällt.
Ein Punkt, der Fred de Jong ausgiebig beschäftigte, war die Übertragung der Stimmung des Vorbildinstruments. Immerhin bietet HW 2 die Möglichkeit, eine Orgel mit den verschiedensten Temperaturen zu spielen. Wenn das Orginal allerdings schon eine eindeutige sich von der Gleichschwebung unterscheidende Stimmung hat und dazu noch einen Ganzton höher (!) steht, empfiehlt es sich schon aus Gründen der Erhaltung der Sample-Qualität, eine Lösung zu finden, bei der nicht jede einzelne Note nachträglich womöglich durch "Pitching" zu manipulieren ist.
Hier besteht sie darin, dass die Orgel durch einfache Verschiebung einen Ganzton höher in gleichschwebender Stimmung steht. Wer sie in den originalen Verhältnissen spielen möchte, verwendet dann eine zum Sample-Satz gehörende Temperatur-Datei mit Namen 'Krewerd'.
Der Klangcharakter lässt sich - wie schon häufig hier erwähnt - verbal sinnvollerweise kaum beschreiben. Mehrere Demo-Clips auf den Sygsoft-Seiten mit Werken etwa aus der Entstehungszeit der Orgel lassen ein Instrument erkennen, das mit seinen sieben Registern eine insgesamt milde Ausgewogenheit aufweist, schon weil eine Mixtur nicht vorhanden ist.
Fred de Jong bedauert, dass sich die besondere Aura der vergangenen Jahrhunderte, möglicherweise ausgelöst durch den Geruch und der Patina des alten Orgelkastens, trotz aller Sampling-Künste nicht nach Hauptwerk übertragen lässt. Wenn man mit heutigen Ohren etwas vermisst, dann ist es ein 16'-Register, das dann allerdings wieder nach einem unabhängigen Pedal ruft. Die Verführung zur Anpassung ist eben immer da. Wie weit man ihr nachgeben soll, um vielleicht umfangreicheres Repertoire zu erschließen, sollte dem Sample-Produzenten überlassen bleiben.
Die räumliche Einbettung ist nicht zurückhaltend, sie bezieht den klanglichen Charakter des Kirchenraumes mit etwas über zwei Sekunden Nachallzeit deutlich ein - wieder ein Sample-Satz, der seine Feinheiten am besten beim Abhören mit einem guten Kopfhörer offenbart.
Was den Arbeitsspeicherplatz angeht, so stellt die Krewerd-Orgel im Vergleich zu "großen" Instrumenten keine Ansprüche, die nicht auch ein bescheidener ausgestatteter HW-Rechner erfüllen könnte: Bei 24-Bit-Auflösung benötigt man - je nach Nutzung oder Abschaltung von Mehrfach-Loops und Kompression - zwischen 1418 und 958 MByte; bei 16-Bit-Betrieb sogar nur zwischen 770 und (keine Geräusche geladen) 514 MByte. Die RAM-Belegung durch das Betriebssystem selbst ist hier nicht mit eingerechnet.
Vom Preis für den Sample-Satz geht ein Teil an die Stichting Oude Groninger Kerken für Reparaturen und den Unterhalt von Orgeln. Gäbe es eine solche Einrichtung bei uns, dann würde sich das als ein Weg empfehlen, um den Zugang zu weiteren Orgeln mit Einverständnis der zuständigen Institutionen für das Sampeln zu erschließen. Sygsoft hat bereits weitere Orgeln für Hauptwerk angekündigt.

Zur Hauptseite | Sample-Sätze für Hauptwerk


E-Mail: orgelbits @ aol.com (Leerzeichen entfernen)