Orgeln aus Tschechien (III)

Die Heilig-Kreuz-Kirche im ostböhmischen Litomysl, nahe der Grenze zu Mähren, hatte bereits eine frühbarocke und eine romantisch ausgerichtete Orgel, bis im Jahr 2001 der tschechische Orgelbauer Vladimir Grygar ein völlig neu gebautes Instrument vollenden konnte. Neben den brillianten barocken Registern weist es eine reiche Skala an romantischen Farben auf. Die klangliche Ausstattung mit 51 klingenden Stimmen, verteilt auf vier Manuale, weiss man heute zur Interpretation unterschiedlicher Literatur zu schätzen. Der neogotische Prospekt des Vorbildes zeigt noch einen typischen Pyramidenaufbau mit dem sichtbaren Prinzipalchor.
Das Instrument wurde von Jiri Zurek sorgfältig für den Gebrauch in HW2 übertragen, so dass die inherenten Möglichkeiten der Software wie naturgetreue Schwellernachbildung und realistische Wiedergabe kurzer Noten neben vielen anderen Vorzügen zum Tragen kommen. Wer sich vom Unterschied zu HW1 überzeugen möchte, findet unter dem gleichen Link viele Klangbeispiele.
Schon die Anzahl der Register lässt erwarten, dass die Orgel in ihrer Fassung für Hauptwerk 2 hohe Ansprüche an den Speicherausbau des Rechners stellt. Und so ist dieser Sample-Satz von Sonus Paradisi erst mit 3GByte an freiem RAM uneingeschränkt spielbar, besser noch mit 5GByte RAM. Dies setzt ganz klar ein 64-Bit-Windows XP voraus.

Wer noch kein 64-Bit-Betriebssystem verwendet, für den eignet sich diese Orgel wohl als eine der ersten, um die Tricks zur RAM-Reduzierung einmal in Ruhe durchzuspielen. Wer hat schon 3GByte freies RAM in einem vorhandenen Rechner? Man kann zunächst alle orgeltypischen Geräusche wie Spielwind, Manual- und Pedalbetätigung sowie von der Registertraktur abschalten. Dann empfiehlt es sich, die verlustfreie Kompression einzusetzen sowie (bei der Version 24/48) die Auflösung auf 16 Bit und die Abtastrate auf 44,1kHz zu reduzieren. Wenn dies immer noch nicht ausreicht - und unter 2GByte freies RAM gibt's wahrscheinlich sowieso kein nennenswertes Spielvergnügen - muss zur Abschaltung der Mehrfachloops gegriffen werden, wenn man nicht unter Verzicht auf den (angenehmen) Raumanteil die Ausklänge des Samples beschneidet oder die echten Stereo-Samples mono in künstlicher Ssteroverteilung abspielt.
Hier zeigt sich ganz deutlich, dass unzureichende Leistungsfähigkeit des Rechners zu Kompromissen zwingt - eine Situation, die sich erst mit der gerade kommenden PC-Generation entspannen dürfte. Selbstverständlich kann man immer noch mehrere Register vom Laden in den Hauptspeicher ausschließen; das sollte kein Hinderungsgrund sein, geeignete Subsets z. B. für eine barock ausgerichtete Orgel zu bilden. Entsprechend reduziert sich auch die Ladezeit, die - abhängig auch von der Festplatte - bei der vollen Orgel über 10 min betragen kann.
Vom Aufbau her folgt das Instrument dem Werkprinzip; die 41 Labial- und 10 Zungenstimmen sind den vier Manualen des Hauptwerks (Grand orgue), des Positivs (Oberwerk), des auf "französische Farben" abgestimmten Recit-Werkes (Vox Humana, Voix Celeste, Oboe) und des Bombarden-Werkes mit horizontaler spanischer Trompeteria (u. a. Trompete Real 32') zugeordnet. Auch im Pedal finden sich Zungenstimmen wie Posaune 16' und Bombarde 8' neben den Labialen.
Der virtuelle Spieltisch zeigt alle Bedienelemente in per Mausklick aktivierbarer Form. wie eben in HW2 möglich. Alle vier Manuale sind in der Bildmitte gerade noch mit einigermaßen brauchbarer Größe abgebildet, darüber 30 Setzer für freie Kombinationen. Unterhalb der Manuale wurde Ein/Ausschalter für den Wind angeordnet; vergisst man, ihn einzuschalten, bleibt die Orgel stumm. Ganz unten befinden sich das Schwellpedal und die Crescendowalze, hier ebenfalls als Fußtritt dargestellt. Die beim Crescendo zu- und abschaltbaren Register und Koppeln werden im Crescendo-Fenster programmiert. Das ebenfalls vorgesehene Intonationsfenster doppelt sich wegen der inzwischen in HW2.1+ generell verfügbaren Intonationseinstellung.

Virtueller Spieltisch der Orgel... ...und Programmierung der Crescendowalze
 

Freilich hat eine solche Massierung von Spieltischeinstellungen seine Nachteile; die in der Realität auf mehrere Quadratmeter verteilten Bedienelemente sind ja hier auf die Fläche des Monitors zusammengedrängt und bieten daher kaum ergonomisch sinvollen Zugriff, z. B. mit einem Touchscreen-Monitor. Gut, dass Martin Dyde hier bereits eine Änderung angekündigt hat, die die volle Nutzung auch größere Monitore (19 Zoll) erlaubt. Eine andere, hier noch nicht angewandte Lösung wäre die Einrichtung eines zweiten Spieltischfensters, das nur Registerknöpfe in gut lesbarer Beschriftung und Setzer zeigt.
Bei einer so umfangreichen Orgel kann jeder Versich, die klanglichen Möglichkeiten verbal zu beschreiben, nur fehlschlagen. Deshalb sei hier - wie bei den anderen Instrumenten - auf die Demo-Clips der Sonus-Paradisi-Hauptseite verwiesen. Sie umfassen frühe Literatur ebenso wie Werke von Franck und Reger, wobei die Titel von ausführlichen Angaben zu Registrierung und sonstigen Einstellungen ergänzt werden. Auch Quellen der oft zugrunde liegenden MIDI-Dateien fehlen nicht.
Der Sample-Satz ist in den Ausführungen 24/48 und 16/44,1 erhältlich; auch Upgrades kann man gesondert erwerben. Für welche Version man sich entscheidet, ist neben der Kostenfrage abhängig vom Anspruch an die Klangqualität. Wenn auch die 24-Bit-Auflösung besonders bei den Zungenstimmen noch etwas mehr Transparenz und Luftigkeit zu bieten scheint, darf der deutlich höhere Anspruch an RAM und PC-Performance nicht unterschätzt werden. Auch mit der 16-Bit-Version bleiben gewiss keine Wünsche beim Spielvergnügen offen. Die Zahlung wird über PayPal abgewickelt und sollte daher kein Problem darstellen.

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