Die Mehmel-Orgel von Nehringen/Vorpommern
Die Orgellandschaft Mecklenburg-Vorpommerns weist eine erstaunliche Anzahl wertvoller Instrumente auf. Die meisten von ihnen haben ganz eigenen Klangcharakter, der sich deutlich von dem der Bauperioden Renaissance, Barock und Frühromantik unterscheidet und auch spätere Entwicklungen umfasst. Leider wurde der ursprüngliche Bestand durch Kriegseinwirkung, Vernachlässigung und Vandalismus stark dezimiert. Im vorpommerschen Nehringen blieb ein solches Instrument aus der Werkstatt des Ladegast-Schülers F. A. Mehmel (Aufstellung 1869) erhalten, allerdings am Rande völliger Zerstörung, die auch seinen Standort, die St.Andreas-Kirche stark betroffen hatte. Links zu lesenswerten Dokumenten und Artikeln dazu gibt es auf der Homepage von OrganArt Media.
Dass sich das Instrument (Restaurierung von Sauer, Frankfurt/Oder) heute wieder in spielbarem Zustand befindet, die Orgelempore restauriert wurde und die Kirche zumindest vor dem Verfall gerettet werden konnte, ist hauptsächlich Klaus-Jürgen Bergemann, Küster in Nehringen und ehemaliger Steinmetz, zu verdanken. Neben seiner eigenen Restaurationstätigkeit trägt er auch die Spenden zusammen, die für die Erhaltung von Bau und Orgel benötigt wurden und werden.
Die zinnernen Prinzipalpfeifen im Prospekt hatte man im ersten Weltkrieg beschlagnahmt. Inzwischen konnten sie - nach einer Periode des Zink-Ersatzes - wieder vollständig rekonstruiert werden. Im Rahmen seines langfristigen Orgelprojektes hat Prof. Maier diese Orgel nun mit der schon gewohnten Sorgfalt für Hauptwerk gesampelt.

Sie ist der romantischen Epoche zuzuordnen und dennoch mit mechanischen Schleifladen ausgestattet. Das Instrument (zwei Manuale, Pedal) besitzt insgesamt 13 klingende Stimmen, die in ihrer ausgeprägten 8'-Basis den Einfluss von Aristide Cavaillé-Coll erkennen lassen. Besonders zu erwähnen ist die Progressio Harmonica - eine sanfttönige Mixtur, die ohne Repititionen auskommt.
An ihrer Disposition erkennbar steht die Orgel etwa zwischen der spätbarocken Tradition und der französischen Farbgebung, die freilich erst durch Zungenwerke ihre genuine Charakterisierung erhält. Hier verzichtet man auf jegliche "steile" barocke Disposition und den Einsatz von Zungen. Dies wird teilweise kompensiert, indem unterschiedliche 8'-Stimmen mehr oder weniger streichender Färbung kontrastieren, ohne dass wohlgemerkt ihre Verschmelzung leidet. Das Instrument hat gleichschwebende Stimmung (11 Cents über a=440Hz); als Spielhilfen sind die Originalkoppeln I-P und II-I vorhanden.

Das Hauptwerk ist mit sieben, das Hinterwerk mit drei und das Pedal ebenfalls mit drei Registern ausgestattet - alle ausschließlich in 16'-, 8'- und 4'-Lagen. Dennoch lässt sich mit Hilfe der Progressio Harmonica als quintbetonte (zunächst zweifache dann dreifache) Mixtur eine Klangkrone barocker Art aufbauen.
Die HW1-Fassung kommt mit kräftigem Trakturgeräusch daher. Es besteht aus acht Einzelkomponenten, die den Manualtasten zugeordnet werden; mit F12 am PC ist das Einsatzgeräusch abstellbar. Die Werkstaffelung des Vorbildes (das Hinterwerk steht tatsächlich hinter dem Hauptwerk) kommt auch in der differenzierten Räumlichkeit der HW-Übertragung gut zur Geltung. Die zugehörige Raumkomponente der Orgel hat keine ausgesprochen lange Nachhallzeit und weist eher kühl temperierte Rückwürfe auf - ein Gesamtbild, das sich beim zu empfehlenden Hören/Spielen über Kopfhörer angenehm bemerkbar macht. Sogar der Calcantenruf des Originals findet sich in der HW-Version; er soll in HW2 dann ein zusätzliches Windgeräusch einschalten.
Das Pedal mit seinen drei klingenden Stimmen (Subbass 16', Gedactbass 8' und Violon 8') erlaubt eine erstaunliche Vielfalt, wenn man die Pedalkoppel ebenfalls mit einbezieht. Einen geradezu schulmäßigen Gegensatz in Bauform und Mensurierung machen die streichende Violon 8' und das Gedackt (beim Vorbild ein Kompositum aus Holz- und Zinnpfeifen) hörbar. Zusammen gezogen, entstehen herrliche Schwebungen durch natürliche Intonationsschwankungen. Vielleicht hätte man einige recht lange Vorläufertöne in der untersten Oktave des Bordun 16' im Hauptwerk ebenso wie im Geigenprinzipal des Hinterwerks doch etwas kürzen können und damit den Eindruck des späten Ansprechens damit gemildert. Ebenfalls trotz aller dokumentarischer Treue als Anregung gedacht: Würde man auf dem virtuellen Spieltisch beide Werke und Pedal eindeutig beschriften und mit einer klaren Zuordnung der Register verbinden, so dürfte dies Übersicht und Zugriff erleichtern.
Für das Spielen des Samplesatzes werden ein PC mit mindestens 1GHz Takt und 970MByte freier Speicher benötigt. Das ist nicht übertrieben für eine Orgelpersönlichkeit, die getreu dem Maierschen Dokumentationsansatz so authentisch wie möglich für das häusliche Musizieren aufbereitet wurde - selbstverständlich, dass dies auch die oben erwähnten Intonationsstreuungen mit einschließt.
Man muss sich ausführlich mit der Mehmel-Orgel befassen, um ihr gerecht zu werden und die gebotene Disposition wirklich zu nutzen. Wie Prof. Maier erwähnt, ist das Instrument klangtypisch auf die Werke von Joseph Rheinberger, Franz Liszt, Julius Reubke und anderer Zeitgenossen abgestimmt und verlangt Literatur dieser Epoche. Ob sich die Orgel auch für Kompositionen von Buxtehude, Bach, Schumann und Brahms eignet, davon mag man sich anhand der mp3-Clips auf der Homepage von OrganArt Media ein Urteil bilden. Selbstverständlich ist eine Übertragung nach Hauptwerk 2.10 geplant.

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