Die Orgel von Eekman / de Mare in Midwolde/Groningen - NL

Um das Jahr 1800 war die Kirche in Midwolde wegen des Grabmonumentes von Rombout Verhulst eine der bekanntesten Kirchen in Groninger Land. Anno 1630 schuf Levijn Eekman, Orgelmaecker (Orgelbauer) zu Amsterdam die erste Orgel. Die Truhenform ihres Gehäuses - sie hat starke Ähnlichkeit mit einigen zu dieser Zeit üblichen Wohnmöbeln - verlieh von Abmessungen und Bauart her dem Instrument den Charakter einer Hausorgel. Da es vollständig erhalten blieb, dient es als Gehäuseunterteil der heutigen Orgel. Auch die vorhandene Windlade beruht auf der Konstruktion des Orgelbauers. Über die Jahrhunderte haben sich nur wenige originale Bestandteile wie Holpijp 4', eine Octaaf 2' und eine Mixtuur erhalten. Da es kein weitergehende Archivmaterial mehr gibt, konnte die Geschichte der Orgel nur durch Untersuchungen am Instrument selbst etwas rekonstruiert werden.
Die damalige Disposition bestand demnach aus Holpijp 4', Octaaf 2', Mixtur 2/3-fach, einen Zimbelstern sowie wahrscheinlich Regaal 8' (zu ersehen an vorhandenen Löchern) und einen Nachtigallenruf. Um 1660 gab dann Andreas de Mare, Orgelbauer und Organist zu Bedum, der Orgel ihre heutige Grundform. Der von ihm geschaffene obere Orgelkasten ist mit seinen bemalten Flügeln noch heute vorhanden, nimmt den gesamten Inhalt des früheren Unterkastens auf und bot damals beim Umbau zudem noch Raum für zwei weitere Register zu den vier vorhandenen.
Während Octaaf 2' und die Mixtur unverändert erhalten blieben, setzte de Mare die Holpijp 4' um und erweiterte sie zu zu einer 8'-Stimme, während er das Zungenregister vollständig entfernte und einen Prestant 4' hinzu fügte. Desweiteren kamen ein Nasard 1 1/2' auf der Bass-, ein Sesquialter 2-fach auf der Diskantseite als auch eine vollständige Quinte 1 1/2' hinzu. Es gibt Hinweise, dass die Orgel wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 19. Jh. auf geradezu chaotische Weise von einem Amateur modifiziert wurde.
Die neueste Restauration hatte daher das Ziel eines möglichst weitgehenden Rückbaus mit Schwerpunkt auf de Mare, weniger auf Eekman. Man entfernte dabei das gesamte nach-deMaresche Pfeifenwerk, das sich aus in der Zwischenzeit aus obskuren Beständen angesammelt hatte und ergänzte fehlende Pfeifen durch neue, in Konstruktion und Mensur angepasste. Für den Rückbau der ebenfalls veränderten Registerzüge fand man eine 'ästhetisch zufriedenstellende' und zudem praktikable Lösung. Da man keinerlei Kenntnisse des ursprüngliche Windversorgungssystems hatte - besonders der Balgkonstruktion, beließ man es bei der im Unterkasten vorhandenen, um keine spekulativen Aspekte einzuführen.

Auch das spätere Manual ersetzte man durch eines, das sich besser in die Bauperiode von deMare einfügte, wobei die Teilung zwischen c' und cis' beibehalten wurde. Nach wie vor gibt es eine "Kurze Oktave" im Bassteil. Die rekonstruierte Orgel hat nunmehr sieben Register, nach wie vor ein angehängtes Pedal mit 21 (im erweiterten Sample-Satz 25) Tönen und zwei Zimbelsternen. Für die Tonhöhe gibt es die Angabe "ca. a = 460 Hz" sowie mitteltönige Stimmung. In dieser Form hat Sygsoft Niederlande das Instrument für HW ab Version 3.30 gesampelt. Insgesamt enthält der Satz vier ODFs: Originale Stimmung mit 1280 x 1024 Pixels Auflösung, gleiche Stimmung mit 1024 x 768 Pixels sowie die gleichen Auflösungsstufen mit wohltemperierter Stimmung.
Besondere Mühe hat sich Sygsoft bei der Einrichtung des Tremulants gegeben; er wurde separat so gesampelt, wie er real klingt. Um ungewünschte Nebeneffekte zu vermeiden, muss man dies bei Intonationseingriffen durch parallele Behandlung der entsprechenden Pfeifen berücksichtigen. Außerdem wird geraten, die Tremulant-Modulation nicht zu niedrig einzustellen, damit bei Tastendruck kein unnatürlicher Eindruck entsteht. Der virtuelle Spieltisch zeigt den Tremulant als Handgriff oberhalb der Spieltischmitte.
Die beiden Spieltischversionen lassen sich optisch durch den unterschiedlichen Tastenumfang im Diskant und die Anzahl der Pedaltasten unterscheiden. Insgesamt sind 10 Setzer vorhanden, während sich anstelle der Zimbelsterne ein durch Einzeldruck auszulösender Glockenschlag (Klok) findet. Der Vorteil der geringen Registeranzahl kommt auch hier zum Tragen; auf diese Weise bleibt der Spieltisch übersichtlich und ist auf einem einzigen Bildschirm gut darstellbar, wobei aktivierte Manubrien durch Umfärbung der Namen von grau nach schwarz gut zu erkennen sind.

Virtueller OriginalspieltischVirtueller Spieltisch, erweitert

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Ganz offensichtlich schlägt sich der zusätzliche Sample-Satz für den Tremulant der einzelnen Stimmen auch im RAM-Bedarf nieder; im Format 24 Bit / 48 kHz werden ohne Komprimierung mit allen aktivierten Geräuschen 2,9 GByte benötigt. Das Minimum lässt sich mit 16 Bit / 48 kHz, voller Komprimierung, Einzel-Loop, Einzel-Release und Abschaltung aller Geräusche auf 1 GByte erreichen. Die Demo-Clips enthalten zeitgenössische Werke von Georg Böhm und Johann Pachelbel mit detaillierten Angaben zur Registrierung, darunter auch eine lobenswerte Vergleichsaufnahme von realer Orgel und Sample-Satz, alles live gespielt.
Bei der Beschäftigung mit diesem Instrument, dessen historische Substanz unzweifelhaft ihren Wert hat wird man schnell feststellen, dass man die darauf zu spielende Literatur gut auswählen muss; sie dürfte meist aus Kompositionen zur Entstehungszeit der Orgel oder früher bestehen. Dies wird weniger durch die in sich stimmige Disposition als durch Manualteilung und Pedalanhängung vorgegeben. Ähnliches gilt übrigens auch für frühe italienische Instrumente.
Kennt man sein Repertoire und versteht es sowohl Registrierungsgegensätze zu nutzen als auch im Pedal aus der Manualregistrierung übernommene Farben, so lässt sich eine erstaunliche klangliche Vielfalt erzeugen - ein Gesichtspunkt, der seinerzeit wegen des vorwiegenden Einsatzes zu liturgischen Zwecken wohl nicht im Vordergrund stand. Wegen der geteilten Manuale ist sorgfältiges Abstimmen zudem dann unumgänglich, wenn jegliches hinzugezogene Register beim Überschreiten der Teilung dann klanglich aus dem Zusammenhang gerissen wird, z. B. sobald zurückhaltend in der linken Hand registrierte Linien die Teilung überschreiten. Diese Tendenz verstärkt sich noch, wenn beispielsweise in der linken Hälfte die Rohrflöte 8' mit dem Prestant ergänzt wird, dieser deutlich kräftiger als rechts ist und dort damit musikalisch wichtige Passagen zudeckt.
Eine gewisse Verbesserung ist erreichbar, indem man Obertonregister und Mixturen gegenüber dem Anlieferungszustand per Intonation etwas zurücknimmt und dabei gleich einige Lautstärkeunterschiede zwischen manchen Tönen etwas einebnet. Von der räumlichen Einbettung her kann die Orgel kann gut gefallen; man hat sogar den Eindruck, dass die Resonanzeigenschaften des Orgelkastens positiv in das akustische Gesamtbild eingehen. Damit lässt sich ein abschließendes, dennoch keineswegs von subjektiven Eindrücken freies Urteil fällen: Die Eekman/de Mare-Orgel von Midwolde darf man keinesfalls als kleine Allzweckorgel quasi wie ein Hausinstrument für ein breites Repertoire sehen; sie stellt ein frühbarockes Beinahe-Original mit ausgesprochen liebenswerten Registern und zeitbezogen eigenem Charakter dar; es verlangt Erfahrung beim Umgang, kann aber Spielenden und Hörer mit herrlichen, 'alten' Klängen belohnen. Dazu trägt in nicht geringem Teil auch die (auf Wunsch konfigurierbare) mitteltönige Stimmung bei.

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