Die Cavaillé-Coll/Mutin-Orgel von Notre Dame de Metz

Die Mutin-Cavaillé-Coll-Orgel in der Kirche Notre Dame de Metz.
Das Orgelgehäuse stammt von einem 1803 in der Kirche installierten Instrument, das 100 Jahre später durch zwei Pedaltürme ergämzt wurde.

Wer hätte vor zwei Jahren zu denken gewagt, eine wirklich große Orgel aus der Werkstatt von Aristide Cavaillé-Coll in Hauptwerk spielen zu können? Schließlich steht ganz am Anfang vor der Durchführung eines solchen Sampling-Projektes zunächst die Genehmigung, Zugang zu einem solchen Instrument zu erhalten. Brett Milan von Milan Digitalaudio ist es gelungen, denn nun gibt es diese Orgel, festgehalten auf drei DVDs mit insgesamt etwas über 12 GByte Datenumfang.
Die Umsetzung ins Virtuelle stellt eine ganz eigene Herausforderung an den Sample-Producer dar: Die Aufnahmetechnik muss stimmen, außerdem gehört ein gutes Stück Erfahrung auch in der Nachbearbeitung (in diesem Fall vom Jahresbeginn 2007 bis Ende November) dazu, um während aller Einzelschritte eine stimmige Über-Alles-Balance beizubehalten, das stets notwendige De-Noising gerade im richtigen Maße anzuwenden und schließlich über dem Ganzen eine Ästhetik walten zu lassen, die die Nähe zum realen Instrument angesichts des außergwöhnlichen akustischen Ambiente nicht aus den Augen verliert.
Dennoch sind da weitere Herausforderungen; sie betreffen das Hauptwerksystem des Nutzers mit seinem Rechner und - vor allem wenn es um Lautsprecherwiedergabe geht - auch die Tonseite. Zum Einen sind es die außergewöhnlichen Ansprüche an den Arbeitsspeicher, denn hier werden - alle Bremsen gelöst - bei 24 Bit Auflösung mehr als 13 GByte belegt. Zum Anderen stellt eine befriedigende Abstrahlung der 32'- und 16'-Register höchste (und damit gewiss nicht preiswert zu erfüllende) Ansprüche an die Tonanlage. Zwar erlaubt die mit Hilfe der in Hauptwerk aktivierbaren RAM-Einsparmaßnahmen erreichbare Untergrenze von 3,2 GByte (16 Bit, nur eine Loop, Kompression aktiv) auch das Spielen auf einem Rechner ohne extreme Speicherbestückung, während die Audioseite bei unübertroffenem Preis/HighFidelity-Verhältnis mit einem Kopfhörer abgedeckt werden kann, wenn man Kompromisse bezüglich der räumlichen Auflösung einzugehen bereit ist.

Diese Vorab-Anmerkungen sind nötig, um die Orgel der Kirche Notre Dame de Metz gleich in die rechte Perspektive für Hauptwerk-Freunde zu rücken. Die Kirche von Metz - die Stadt liegt im Osten Frankreichs nahe der deutschen Grenze - wurde im 17. Jh. von Jesuiten errichtet und es scheint, als ob die erste, wahrscheinlich aus dem Jahr 1723 stammende Orgel während der Revolution um 1789 verschwand. Das heute vorhandene Orgelgehäuse gehört zu einem Instrument, das 1730 für die Kirche Saint-Siméon in Trier geschaffen wurde und 1803 schließlich seinen Platz in Metz fand - keine glückliche Entscheidung, denn weder Klangvolumen angesichts des großen Kirchenschiffs noch musikalische Qualtät konnten trotz mehrerer Umbauten im 19. Jh. auf Dauer befriedigen.
Es fügte sich, dass einige Gemeindemitglieder von Notre Dame bei einem Konzert in der nahen historischen Pfarrkiche Saint-Eucaire anläßlich der Einweihung der Mutin-Orgel im August 1902 anwesend und von diesem Instrument so angetan waren, dass sie noch am gleichen Abend einen Vertrag über eine neue Orgel für ihre Kirche schlossen. Charles Mutin, der schon als Lehrling in der Firma von Cavaillé-Coll gearbeitet hatte, leitete das Haus seit 1898, kurz vor dem Tod Aristide Cavaillé-Colls. Das erklärt, warum die Produktion unter Mutin im Geiste des Seniorchefs fortgeführt wurde und die Instrumente das Namensschild Cavaillé-Coll zu Recht tragen.
Für die 1903 gelieferte, dreimanualige Orgel mit 38 Registern erweiterte man das vorhandene Gehäuse um zwei große Pedaltürme rechts und links. Charles Widor weihte das Opus mit Werken von Bach, Händel und eignen Kompostionen ein. Nach ihrer Installation erfuhr die Orgel nur wenige Veränderungen; so wurden 1904 die Pedaltürme mit hölzernen Ornamenten versehen, um die Pfeifen zu verdecken. Ein Vorschlag aus dem Jahr 1968, sie im neo-barocken Stil umzubauen, kam glücklicherweise nicht zur Ausführung. Bei einer 1983 vorgenommenen gründlichen Restaurierung setzte man auch manche Veränderung bei einigen Registern wieder auf den ursprünglichen Stand zurück und modifizierte das Plein Jeu so, dass es sich besser in den Gesamtklang einfügte.
In der Übertragung für Hauptwerk gibt es die orginale Fassung sowie eine nach Ablauf einer Übergangsfrist erweiterte und aufpreispflichtige mit 48 Registern. Sie alle stammen vom originalen gesampelten Material mit Ausnahme des Principal 32', das "echte" Pfeifensamples für die 12 untersten Noten verwendet. Hauptwerk macht noch mehr möglich: Es gibt es eine lebendige Diskussion darüber, ob der Tremulant erst in der Software per Modellierung erzeugt werden soll oder man die Register gleich mit eingeschaltetem Tremulant aufnimmt. Da beide Methoden ihre eigenen Vor- und Nachteile haben, enthält der Sample-Satz das Register Voix Humaine gleich zweimal, einmal mit und einmal ohne Tremulant. Für alle anderen Register im Récit entsteht die Tremulant-Modulation durch Modellierung. Der aufgenommene Tremulant lässt sich - dies ist zu beachten - nicht im Intonationsfenster verändern.
Die hauptwerk-bezogene Diposition enthält diese Webseite, während man zur Disposition des Vorbildes mit Anmerkungen (in französich unter 'Technique') hier gelangt. Ist es nicht ein interessanter Umstand, dass sich selbst bei einer solch farbenreichen Orgel immer noch sinnvolle Erweiterungen in Hauptwerk anbieten?
Geht man von einer Register/Setzer/Koppel-Aktivierung auf dem Bildschirm per Touchscreen aus, so erfordert ein solches Instrument mehr als eine Bedienoberfläche; bei der Mutin-CC-Orgel in ihrer erweiterten Fassung sind es nicht weniger als vier. Fenster Nr. 2 mit seinen größeren Elementen eignet sich für denjenigen, der nur einen LCD-Monitor betreibt. Zu beachten ist, dass die Register die Reihenfolge Recit, Positive, GO (Grand Orgue) von oben nach unten haben.
Die 14 Fußtritte/Pistons ganz unten in den Darstellungen sind zu zahlreich, um sie hier detailliert erklären. Hier hilft die zu den DVDs gehörende pdf-Datei mit einer Übersetzung ins Englische; dort wird auch auf diverse Voreinstellungen hingewiesen, die beim Laden der Orgel aktiv sind. Zusätzlich sind noch einige Combinaisons z. B. im Pedal aufzurufen, um etwas zu hören. Eine in der erweiterten Version vorhandene Kombinationskoppel zum gleichzeitigen Aktivieren mehrerer Register im Positiv musste ins Registerfeld verlagert werden. Wer den Sample-Satz erwirbt, sollte die pdf sorgfältig durchlesen - wie überhaupt der Umgang mit einem derartigen Instrument intensives Einarbeiten erfordert, will man von vielfältigen Kombination von Stimmen überhaupt erst einmal einen Begriff zu bekommen, zumal es z. B. auch Suboktavkoppeln gibt, mit denen sich das schiere Klangvolumen in den Tiefen nochmals steigern lässt.


Der virtuelle Spieltisch komplett......und mit vergrößerten Registern, Setzern und Koppeln

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Das virtuelle Instrument steht so wie das Original auf a=435 Hz und hat auch seine gleichschwebende Temperatur mit ihren Unvollkommenheiten übernommen. Wer diese ausschließen möchte, sollte die spezielle mitgelieferte Datei für wohltemperierte Stimmung verwenden. Tut man dies nicht, sondern benutzt eine vorhandene Datei für 450 oder 460 Hz, steigt die Grundstimmung entsprechend. Abgesehen davon gibt es zufallsgesteuerte Abweichungen vom idealen Temperament, die sich freilich völlig abschalten lassen.


Linkes und rechtes Registerfeld für den Zwei-Monitor-Betrieb

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Es ist inzwischen schon Standard, eine Orgel nicht ohne Mehrfach-Abklingphasen (Multiple Releases) anzubieten - so auch hier, wo seltener zwei, meist aber drei separate Sample-Teile vorhanden sind. Immerhin hat ein Sample mit linearem Ausklang 5 bis 6 s Nachhall. Ein zweiter Satz weist Releases von etwa 1 bis 2 s auf, während ein dritter je nach Rank den Bereich von 3 bis 4 s abdeckt. Vor dem kompletten automatischen Abschneiden des Sample-Ausklangs warnt Brett Milan, da bei originalen 5 bis 6 s Nachhall unnatürliche Effekte entstehen können.
Seit Anfang an ist Hauptwerk auf Multiple Loops ausgerichtet, mit denen man ein gewisse Uniformität des Schleifendurchlaufs umgehen kann. Die Mutin-CC-Orgel hat teilweise sechs Loops pro Sample und mehr - eine Tatsache, die sich selbstverständlich unmittelbar auf den RAM-Bedarf auswirkt.
Der Nutzer wird den Gesamtumfang der Orgel zwar bereits an den drei DVDs absehen können; danach aber gewiss beim Zeitbedarf für die Installation: Wenn kein ausgesprochen hochaktueller Spitzenrechner vorhanden ist, können durchaus für Entpacken und Installieren mehr als sieben (7) Stunden draufgehen, den eigentlichen Ladevorgang wohlgemerkt ausgenommen. Diese Zeit wird immer benötigt, ganz gleich mit welchen Sparmaßnahmen man das Instrument auch beim Speicherbedarf zähmt. Obwohl ab HW 3.00 der Sample-Satz mit 14 Bit Auflösung betrieben werden kann, wäre dies töricht, denn das verdirbt mit Sicherheit die vorzügliche Audioqualität der Originalsamples.
Wie vorauszusehen, ist der Klangeindruck an sich als Kompositum aus Farbvielfalt, sich aufbauenden Energien im Hörbereich und umgebendem Raum überaus beeindruckend. Dies beweisen die Demo-Clips auf den Seiten von Milan Digitalaudio mit teilweise live in HW gespielten Werken von Mulet, Dupre, Widor, Brahms, Bach, Boëllmann, Lemmens, deGrigny, Vierne, Franck und Guilmant. Auffällig der hohe Dynamikumfang, der für häusliche Verhältnisse häufig schon zu hohe Abhörpegelspitzen bewirkt, wenn man leise Passagen auf angenehme Lautstärke justiert.
Dennoch muss man ganz nüchtern festellen: Die Klangbeispiele dieser zweifellos eindrucksvollen virtuellen Orgel repräsentieren nicht mehr als jede Stereoaufnahme auf CD. Besonders trübt der lange Nachhall die klangliche Durchdringung des musikalischen Geschehens - weit entfernt davon, als ob man im Kirchenraum stünde. Oder sollten wir uns etwa an die Abstriche schon gewöhnt haben? Gewiss hat Hauptwerk als übertragendes Werkzeug zwischen realer und elektronisch erzeugter Welt (sowie zwischen völlig andersgearteten akustischen Umgebungen) wegen der erstaunlichen Perfektion seine Meriten bei der Aufgabe, eine Orgel auf der Basis von Pfeifenklängen und mit zusätzlichen Modellierungen elektronisch spielbar zu machen.
Wie aber schafft man es dabei, die Gestalt der Musik in Verbindung mit größeren, halligen Räumen nicht zu einem schwachen Simulakrum werden zu lassen? Zwar ließe sich mit Mehrkanal-Lautsprechertechnik vielleicht eine Annäherung erreichen; denkt man allerdings nur an lineare Wiedergabe einer 32'-Bombarde, so dürften doch Zweifel an der praktischen Verwirklichung angebracht sein.
Eine ideale Lösung gibt es indessen bereits: Die Firma Studer hatte vor einigen Jahren in Zusammenarbeit mit dem Institut für Rundfunktechnik eine Einrichtung geschaffen, die ein verblüffend ortungsgenaues mehrdimensionales Schallfeld in Kopfhörern erzeugt. Das Problem des sich mitbewegenden Raumes bei Kopfdrehung löste man mit einem sog. Head-Tracker-System. Da dies jedoch anscheinend zu aufwändig war, stellte man das Projekt ohne Aufhebens wieder ein. Kombiniert mit Hauptwerk ergäben sich neue Anwendungsoptionen, zumal ein solches System wahrscheinlich sogar preiswerter wäre als eine 32'-Bombarde-taugliche Lautsprecheranlage.
Eine neuzeitliche Ergänzung dazu könnte ein per Faltung auf dem Rechner erzeugter Raum sein, dessen Impulse Response (eine Art akustischer Fingerabdruck) aus dem Originalraum stammt. Er lässt sich dosiert auf eine virtuelle Orgel übertragen und bewahrt die überaus komplexen Verästelungen des Klanggeflechtes der Musik in allen Details. In dieser Hinsicht fordert die Umsetzung der Mutin-CC-Orgel zum Betreten von Neuland auf. Noch kann die gegenwärtige Rechnergeneration eine solche Faltungshallerzeugung zusätzlich zu den Modellierungsaufgaben nicht leisten, aber die Entwicklung schreitet fort.

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