Die PAB-Orgel in der Gravissimo-Edition
Inspired Acoustics hat den Sample-Satz der großen Orgel im Palace of Arts in Budapest (PAB) - er war ursprünglich als Pro, danach als Extended erhältlich - nochmals in neuer Form als kostenpflichtiges Upgrade herausgegeben. Die neue Edition wird wegen der ungewöhnlichen, zweifach vorhandenen und nur virtuell existierenden 64'-Register "Gravissimo" genannt, wohl in Anlehnung an den (längst nicht so extrem aufgefassten) Gravitätsbegriff bei Bach und Silbermann.
Erklärterweise soll das neue Hauptwerk-Instrument einen Superlativ in der Hauptwerk-Welt darstellen. So kamen zu den in der Disposition originalen PAB-Orgel vorhandenen 92 Registern nun noch einmal 52 neue, speziell für die virtuelle Gravissimo-Ausgabe kreierte Stimmen hinzu. Außerdem ist man - so Inspired - auf sehr viele Anregungen von Nutzern eingegangen. Die neuen Register und Manualumfangserweiterungen lassen sich separat laden.
Wer sich diesen Sample-Satz anschaffen möchte, sollte sich vorher die vielfältigen Bedingungen unter denen das Instrument ohne Einschränkungen zu betreiben ist, genau ansehen. Insgesamt sind die sechs Werke Pedal, Positive, Grand Orgue, Recit, Solo und Chamaden vorhanden. Da sie sich alle in (virtuellen) Schwellkästen befinden, lassen sie sich auf drei frei zuordenbare Schwellpedale legen, diese noch gekoppelt werden können und auf diese Weise die Anpassung an unterschiedliche Spieltischausführungen erlauben. Schwellerbereich und die Steuerkurve sind ebenfalls justierbar; doch der Luxus geht noch weiter: So ist auch die Richtung der Schwellerfunktion umkehrbar.
Neben den Voraussetzungen auf der Seite des Rechnersytems dürfte auch die Fülle der Spielhilfen einige Einarbeitung nötig machen. Ein Hauptwerk-Nutzer dürfte sich wohl zunächst für die Disposition interessieren, da sie das vorrangigste Kriterium ist. Bei 144 Stimmen wird allerdings der dieser Veröffentlichung gesteckte Rahmen überschritten. Deshalb sei auf die entsprechenden Webseiten von Inspired Acoustics hingewiesen.

Hier stehen unter 'Details' ausführliche Informationen zu den Grundregistern bereit, die in den zuvor angebotenen Sample-Sätze auch schon vorhanden waren; außerdem sind die neuen, virtuell geschaffenen bzw. aus dem Stimmenmaterial abgeleiteten ausführlich beschrieben.
Nicht nur das Angebot an Registern ist beeindruckend; auch mit Koppeln aller bei Orgeln überhaupt denkbarer Arten ist das Pécsi-Mühleisen-Instrument reichhaltig ausgestattet. Dabei geht man auf das Vorbild im Palast zurück, das sowohl mechanische Koppeln mit sichtbarer Verkopplung der Tasten als auch elektronische, versteckte Koppeln ohne sichtbar mitlaufende Tastenbewegung hat. Die gewohnte feste Zuordnung Manual/Pedal - Werk ist bei der Gravissimo-Orgel völlig aufgehoben; jedes Werk lässt sich von jedem Manual oder dem Pedal spielen, wobei die Änderung der Zuordnung durchaus während des Spielens erfolgen kann und zudem programmierbar ist.
Es gibt nachgebildete mechanische Koppeln zwischen den Manualen und 92 werkübergreifende Koppeln. Zu ihnen gehören Intermanual-Normalkoppeln, sowohl transponierende (Sub/Super werkübergreifend) als auch selbst-transponierende Ausführungen (Sub/Super innerhalb des selben Werkes). Die Abschaltung der Normallage (Unison Off) ergibt zusammen mit transponierenden Koppeln wieder neue spieltechnische Gestaltungsmöglichkeiten, die auf das Erschließen warten. Hinzu kommen noch reverse Koppeln und per Schalter aktivierbare Bass- bzw. Melodie-Koppeln. Die Reverse-Koppeln erlauben das Spielen der Pedalnoten und -register auf einem Spieltisch ohne Pedal. Mit der Split-Option lässt sich eine Trennung für das Manual festlegen, ab der das Mitspielen der Pedalregister einsetzt. Auch das Pedal hat eine Split-Option, mit der man neben den lokalen Pedaltönen einen an ein beliebiges Werk gekoppelten Teil festegen kann.
Welchen Umfang Register, Spielhilfen und ihre Zuordnungsmöglichkeiten einnehmen, zeigen die nachfolgenden Abbildungen. Die Spieltischgliederung ähnelt der in Orgelbits bereits besprochenen, erweiterten PAB-Orgel, weist aber umfangreiche Zusätze auf, die schon einiges Studium erfordern. Insgesamt hat man die Wahl unter 14 Tab-Reitern, um das Instrument eigenen Bedürfnissen anzupassen; in der Praxis wird man mit fünf von ihnen nach einigen Voreinstellungen auskommen.

Basisregister des virtuellen SpieltischesSonder- und kombinierte RegisterDas erste der vier Crescendofenster

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Während manche Beschriftungen wie z. B. '-Z' als Zungen ab, 'PL' zur Aktivierung eines (voreingestellten) Plenums oder 'TT' für eine Tutti-Regstrierung selbsterklärend sind, erfordern andere nicht nur eine Studium der sich dahinter verbergenden Funktion, sondern auch ziemliche Routine, denn nicht alles ist trotz der umfangreichen Vorausspeicherung programmierbar. Mit dem Tab-Reiter 'Extra Stops' ruft man die virtuelle Darstellung derjenigen Register auf, die der Gravissimo-Satz gegenüber den anderen Ausgaben bietet. Hier finden sich dann auch die beiden, dem Instrument den Namen verleihenden 64'-Register 'Gravissimo' und 'Bombarde'.
Während man bei den eigentlichen Registern noch anhand ihrer Beschriftungsfelder mit einem intuitiven Zugriff auskommen dürfte, gehört die Aktivierung der jeweils für das Werk geeigneten Koppeln zu den oben genannten Vorstudiumsaufgaben - fast ein Propädeutikum. Die Bedientasten der Koppelmatrix eröffnen die unzähligen beim Spiel überlegt einzusetzenden Ausdrucksmöglichkeiten; die eigentlichen Koppeln sind schwarz gekennzeichnet, während ihre Zuordnung (und Verkopplung!) mit den gelbfarbenen, quadratischen Tasten gesteuert wird.

KoppelmatrixRechtes...und linkes Registerfenster

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Fußangaben auf den schwarzen Tasten kennzeichnen transponierende Koppeln, bei der die vom entsprechenden Werk kommende Quellentonhöhe nach dem Schema Werk A -> Werk B entweder eine Oktave aufwärts (4') oder abwärts (16') transponiert wird. Gleiche Zusätze, aber bei gleicher Werkbezeichnung zeigen eine selbsttransponierende Koppel an, die die Umsetzung innerhalb nur eines Werkes vornimmt. Mit 'B' und 'M' sind Bass- bzw. Medlodiekoppel zuschaltbar. Die Spalte ganz links enthält die Splitoptionen für das Pedal; sie erlauben das Spielen von in der Pedalstimme notierten Tönen auf einem beliebigen Manual; die Splitpunkte sind einstellbar. Als Entgegenkommen für Organisten, die an französische Zuordnung der beiden unteren Manuale für Grand Orgue und Positif im Gegensatz zur deutschen (oder umgekehrt) gewöhnt sind, gibt es auf der Koppel-Seite ein Umschaltung
Mit Klick auf den Tab-Reiter 'Performance' öffnet sich ein Fenster mit mehreren Funktionen: Zunächst ist hier die Tastaturschwere - genauer gesagt, ihre Massenträgheit - für jedes Werk per Schieberegler einzustellen; auch komplette Abschaltung ist vorgesehen. Die drei Schwelltritte lassen sich koppeln, in ihrer Lautstärkekurve verändern, im Bereich einstellen und die Wirkungsrichtung umkehren. Mit den Tasten 'Conf 1 - 8' des 'Performance Sequencers' lassen sich umfangreiche Konfigurationen von orgelbezogenen Parametern speichern und abrufen. Dieser Sequenzer darf nicht mit einem Registersequenzer verwechselt werden! Durch die Querverbindung kann man ihn auch von der nachstehenden 'Combination action' aus aufrufen.
Schon nach den bis hier geschilderten vielfältigen Bedienfunktionen wird wohl klar, dass selbst zwei Bildschirme nicht ausreichen, wenn man nicht mit ins Detail gehender Vorprogrammierung arbeiten, sondern während des Spiels einige manuelle Eingriffe vornehmen will. Hat man auf dem Hauptbildschirm die Standardregister, so bliebe auf einem zweiten die Darstellung der Zusatzstimmen oder der Koppelmatrix, denn Gesamtfenster und die beiden Teilfenster für die Register links und rechts enthalten nicht alle Koppeln. In dieser Beziehung ist ein Spieltisch mit ergonomisch angeordneten Hardwareelementen 'zum Anfassen' anstelle einer nur virtuellen Ausführung nicht zu ersetzen; ein solcher würde allerdings eine spezielle Gestaltung nur für diese PAB-Orgel bedingen, die es als Serienprodukt nicht gibt.
Die erwähnte sogenannte 'Combination action' des Instrumentes ist bei den sonstigen Orgeln im Hauptwerk-Angebot nicht vorhanden. Sie hat den Vorteil, dass sie von der grafischen Bedienoberfläche aus zu bedienen und damit - so Inspired - realitätsnäher ist. Erst HW v4. wird in dieser Beziehung wohl eine allgemeine Verfügbarkeit für alle Sätze bringen. Für die Aktivierung einer bestimmte Kombination (von 0 bis 999) gibt es Setzer oder man verwendet die Aufwärts/Abwärts-Tasten in den Registerfenstern.
Im Hauptregisterfenster ist mit Knopfdruck das 'Sostenuto' einzuschalten - eine nützliche Spielhilfe, die z. B. die Töne eines Akkordes so lange hält, bis neue Tasten gedrückt werden. Bei Improvisationen lassen sich damit mehr Noten spielen, als man Finger hat. Bei ganz wenigen Gelegenheiten dürfte dagegen die gezielte Verstimmung des Instrumentes Sinn machen; die zugehörige schwarze Schaltwippe ist im Performance-Fenster mit 'Detune organ' beschriftet und soll einen gealterten Zustand der Orgel simulieren.
Diese Zusammenstellung dürfte dem interessierten Nutzer als Vorinformation genügen; sicher lassen sich noch viele weitere Optionen entdecken, die das eigene Spiel lebendig machen und möglicherweise auch vereinfachen können. Wie schon erwähnt, sind die Ansprüche an den gastgebenden Rechner nicht gering; sie betreffen die Concert Hall-Edition mit ihrem etwas kürzeren Nachhall, viel mehr jedoch die sCSA-Edition mit ihrem Kathedral-Ambiente. Zunächst geht es um die Hauptspeicherausstattung. Da keine der Versionen - auch nicht mit allen Einspartricks - unter 4 GByte RAM-Kapazität zu spielen ist, wird damit auch ein 64-Bit-Betriebssystem vorausgesetzt.
Speichergröße und Wiedergabequalität hängen bei Hauptwerk eng zusammen; will man die Pécsi-Mühleisen-Orgel mit allen Registern iund ohne jegliche angezogenen Bremsen, d. h. im 24-Bit-Format mit allen Loops und allen Release-Layers ohne jegliche Kompression spielen, werden über 30 GByte Speicher benötigt. Das lässt sich mit 16 Bit, nur einer Layer und nur einer Loop auf etwas über 8 GByte verringern. Selbstverständlich kann man zusätzlich das Laden beliebiger Register sperren. Die sich in der Praxis einstellende Polyphonie - wegen der vielen Register sind hier die Ansprüche ebenfalls hoch - erfordert außerdem einen leistungsfähigen Zentralprozessor (CPU) mit vier oder noch besser 8 Kernen.
Wer einen der früheren Sätze der PAB-Orgel schon einmal im Rechner hatte, benötigt keine neue Entschlüsselung, da sie schon auf dem Dongle installiert ist. Neukunden müssen eine Freischaltung über Milan Digital Audio anfordern. Das Satz wird als Package angeboten, kann aber auch zu etwas geringerem Preis heruntergeladen werden. Bei über 86 GByte für Konzert- und sCSA-Version zusammen kann der Ladevorgang, wenn man nicht über eine ganz schnelle DSL-Verbindung verfügt, zu einer mehrtägigen Unternehmung werden. Hat man dann alle Dateien im Rechner, sollte man tunlichst eine CRC-Prüfung mit den beigefügten Hash-Dateien vornehmen, um evtl. korrumpierte Teildateien nochmals zu holen. Das geht auf jeden Fall schneller, als den Fehler beim Dekomprimieren während des Installationsvorgangs feststellen zu müssen.
Selbst wenn man einen entschlüsselten Sample-Satz uneingeschränkt spielen kann, ist ein Zugriff auf die Definitionsdatei nicht zugänglich. Wer wollte auch in einer solchen komplexen Struktur - selbst der Ladevorgang dauert wegen der vielen orgelsystem-eigenen funktionalen Querverbindungen immer einige Zeit - in die Details eingreifen. Das bringt natürlich die Frage nach der Zielgruppe auf, die an einem derartig umfangreichen Instrument ein so großes Interesse hat, dass es von ihnen erworben wird. Offensichtlich hat man dabei professionelle Anwender auch im kirchlichen Bereich im Auge, die dann mit einem Rabatt rechnen können.
Nach den Erfahrungen von Orgelbits macht schon die etwas weniger RAM fressende Edition mit Konzerthallenakustik ausgesprochene Spielfreude. Der hohe Speicherbedarf lässt sich durch das Nicht-Laden der 32'- und 64'-Register ebenfalls noch reduzieren. Angenehm fällt auf, dass es kaum erkennbare Probleme mit der Stimmenbalance gibt, denn es stehen reichlich chorische Zusammenstellungen (weit, eng, prinzipalisch, Zungen) in den Manualregistern ebenso wie viele überzeugende Farben im Pedal zur Verfügung - alles vielleicht zu Lasten einer gewissen allgemein gehaltenen Persönlichkeit. Letztere kann man wohl kaum von einem solchen Instrument erwarten, das sich für jede Art von Einsatz eignen soll. Von den ergänzten virtuellen Stimmen kann man allerdings nicht allzu Neues erwarten, da sie meist aus um eine Oktave nach oben oder unten 'gepitchtem' Originalmaterial bestehen.
Niemand sollte sich allerdings von Art und Umfang der Spielhilfen abschrecken lassen; für ihre Bedienung bietet das ausführliche (englischsprachige) Bedienhandbuch reichlich Hilfestellung. Daneben kann man sich eine solche Orgel anfangs in einfacher zugänglichen Teilbereichen erschließen und Weiteres dann schrittweise erarbeiten. Über Sinn und Unsinn der 32'- und 64'-Register soll hier nicht geurteilt werden; nur wenige Nutzer dürften ein brauchbare Tiefsttonwiedergabe ohne professionelle Hilfestellung von Spezialisten in den Griff bekommen.
Wer sich die Demowerke in YouTube ansieht und -hört sollte beachten, dass diese wegen der im mp3-Format angewandten Datenreduktion offensichtlich der ungewöhnlichen Massierung von Tieftonenergie nicht gerecht werden. Die Massierung von Zungenstimmen erzeugt noch weitere interagierende Artefakte, so dass einige Clips in ihren dicken, pompösen Registrierungen insgesamt keinen überzeugenden Eindruck zu vermitteln vermögen. Ein zuverlässigeres Bild geben da schon die teilweise identischen Titel in Contrebombarde (www.contrebombarde.com, Gravissimo im Suchfeld eingeben). Die Orgel hat auch keinen Mangel an zarten, ausdrucksvollen und farbkräftigen Stimmen für weniger auf eindrucksvolle Lautstärke abzielende Literatur!
Wer vorhat, sich in das Wagnis 'Gravissimo' zu stürzen, lädt am besten die Trial-Datei, mit der sich erste Urteile gewinnen lassen. Bei der generellen Ausstattung darf nicht vergessen werden, dass optional 80 unterschiedliche Stimmungen erhältlich sind.

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