Die Barockorgel von Pusztaszabolcs/Ungarn
Über die Ürsprünge dieser Orgel gibt es nur wenige Informationen - weder kennt man den Erbauer, noch das genaue Entstehungsdatum. Es wird vermutet, dass sie vor 1738 entstand; ihren jetzigen, auf zwei Manuale erweiterten Zustand erhielt sie im Jahre 1778 von Jan Pazický. Ihr ursprünglicher Standort war die von Franziskanern nach der türkischen Besetzung erbaute St.Anna-Kirche in Esztergom.
Durch viele glückliche Zufälle wurde das Instrument über alle Fährnisse, besonders im zweiten Weltkrieg hinweg gerettet. Auch die Tatsache, dass ein um 1950 beauftragter und bereits bezahlter Restaurateur mit allen bereitgestellten Geldern verschwand, erwies sich im Nachhinein als Vorteil. Anfang der 90-er Jahre wurde das Nationale Amt für Kulturelle Relikte auf das wertvolle Instrument aufmerksam und veranlasste eine vollständige Wiederherstellung.
Wenn es auch in den Kriegsjahren gelitten hatte, konnte man glücklicherweise auf eine weitgehend vollständige Mechanik, das beinahe unbeschädigte Gehäuse und etwa 90 % des Pfeifenbestandes zurückgreifen.

Die zweimanualige Orgel mit Hauptwerk und Positiv weist ein Reihe von Besonderheiten auf, die sie aus den typischen Bauformen ihrer Zeit herausheben. So wird sie von der Rückseite bespielt, außerdem gibt es für ein Franziskaner-Umfeld ungewöhnliche Naturmalereien mit Vögeln und Blumendarstellungen auf dem Gehäuse. Bei der sorgfältig ausgeführten Restauration im Jahr 2002 konnte man sich an einer ähnlich angelegten Konstruktion von Pazický in einer slowakischen Kirche orientieren.
Glücklicherweise sind die aus Pazický-Zeiten stammenden Prospektpfeifen des Positivs erhalten geblieben, während die des aus Kriegsgründen beschlagnahmten Prospekts durch annähernd ähnliche Ausführungen aus Zinnlegierung ersetzt wurden. Sie tragen teilweise Einprägungen, wie sie in Oberungarn üblich waren. Auch die Windversorgung ersetzte man durch eine moderne Anlage. Damit repräsentiert das Instrument heute das älteste erhaltene Ungarns aus barocker Bauperiode. Seine Tonhöhe ist 448 Hz (bei 25 °), außerdem ist es nach Werckmeister III gestimmt.
Bei der Übertragung ins Virtuelle durch die bereits von PAB-Projekt bekannten Firma Inspired Acoustics hat man sich eine Ein-Klick-Lösung ausgedacht. Sie macht aus der originalen Orgel mit ihren beiden 45-Noten-Manualen und dem Pedal mit kurzer Oktave und 18 Noten eine erweiterte Fassung mit 54 Noten in den Manualen und 30 Noten im Pedal, die auf der Basis einer Nutzerbefragung entstand. Für die Herstellung der zusätzlichen Töne setzte man erstmals eine eigene (bisher nicht näher beschriebene) Methode mit der Bezeichnung Variable-Pattern Note Extension ein.
Zudem gibt es nun zur originalen Manualkoppel (Copula claviaturae) von 1778 mit P+I und P+II zwei weitere. Die Pedalregister Octav bass 8' und Flauta bass 4' werden im erweiterten virtuellen Instrument durch das Register 'Petal' aus Subbass 16 + Burdon 8 verstärkt. Alle 16 originalen Stimmen, davon acht im Hauptwerk-Manual von vor 1739 und sechs im Positiv von 1778 blieben - abgesehen von der Wiederherstellung - unangetastet. Im Unterordner '/products_details.php?idtermekek=13' gibt es eine Vergleichstabelle zwischen originaler und erweiterter Version.
Der Sample-Satz ist durch den Hauptwerk USB Key (vorher Dongle genannt) geschützt und erfordert die Version 3.21, um alle gebotenen Funktionen zu nutzen. Man kann die Dateien im Umfang von etwa 10 GByte herunterladen, wenn eine DSL-Verbindung zur Verfügung steht, oder auf DVD beziehen. Als empfehleswertes Schnupperangebot gibt es daneben eine voll funktionelle Probierversion mit zeitlicher Begrenzung und periodischer Stummschaltung aller Register zum Herunterladen (Registrierung erforderlich).
Die Samples zeichnete man chromatisch im Format 192 kHz/24 Bit auf, während während die Nachbearbeitung mit 32 Bit bzw. 64 Bit Wortbreite erfolgte. Das angebotenen Sample-Format ist 24 Bit Stereo mit 48 kHz Abtastrate. Es wird darauf hin gewiesen, dass man bei der Übertragung keinerlei Hallanteile manipulierte, so dass der originale Raum sehr realitätsnah enthalten ist - diese übrigens auch bei den Mehrfach-Release-Layers.
Bei der Anschlagempfindlichkeit dachte man sich etwas Neues aus: Diese Touch Control reagiert mit nicht weniger als 127 Stufen darauf und beeinflusst das Trakturgeräusch entsprechend in seiner Lautstärke. Diese in beiden Versionen vorhandene Funktion ist gleichzeitig gekoppelt mit zwei unterschiedlichen Layers für die Einschwingvorgänge; sie umfasst auch alle in der Erweiterung erklingenden 'Pfeifen', diese jedoch nicht auf gleichförmige Weise - so wie bei einer realen Orgel. Könnte das nicht ein Anreiz für Hersteller von Keyboards/Manualen sein, preiswerte Ausführungen mit Velocity-Sensor anzubieten?
Gut erkennbar hat man sich bei der Bedienoberfläche viel Mühe gemacht, um das Instrument dem Nutzer auch optisch nahe zu bringen. So gibt es, beide Fassungen zusammengenommen, nicht weniger als sechs Fenster, die dank der recht wenigen Bedienelemente ein großzügiges Layout zeigen. Auf einem 17-Zoll-Bildschirm haben die virtuellen Manubrien schon fast Originaldimensionen und zeigen die individuelle Holzmaserung der Knöpfe. Es bleibt so viel Platz innerhalb der Fläche, dass die für den Zweimonitorbetrieb gesplitteten Fenster beinahe überflüssig erscheinen.

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Der virtuelle Spieltisch komplettHauptbedienelemente original...und erweitert

Auch in der visuellen Anpassung an Hauptwerk sollte der historische Charakter des Instrumentes erhalten bleiben, deshalb werden im Komplettspieltisch überall nur die kurzen Oktaven dargestellt, obwohl man alle Töne über die realen Manuale und Pedal normal erreichen kann. Als Kompromiss sind auch die winzigen, aber dennoch voll beweglichen Setzer der erweiterten Version vorhanden. Diese gibt es im erweiterten Spieltisch - ähnlich wie bei der PAB-Orgel - nochmals als ein von Hauptwerk unabhängiges Kombinationenspeichersystem mit acht Plätzen; sie lassen sich durch Vor- und Zurückschalten abrufen. Außerdem sind, bezeichnet mit 'M' und 'T', Schalter für Motor- und Trakturgeräusch vorhanden. Auch bei der Abschaltung des Letzteren bleibt die Ansprachesteuerung erhalten. Mit 'S' werden die gewählten Registerzusammenstellungen auf einen der Speicher gelegt; 'O' löst die Gesamtabschaltung aus.

Original-Registerfeld rechts...und linksxxx

Wer den Betrieb mit zwei Touchscreens vorzieht, kann die getrennten Fenster für die Registerfelder wählen; dann dürfte es wegen der original-nahen Größe der Manubrien mit der Maserung der Knöpfe kaum realitätsnäher gehen. Im Advanced-Fenster hat Inspired Acoustics Einstellmöglichkeiten zusammengefasst, die dem Nutzer den Umweg über ein spezielles Menü und sogar das Laden einer anderen Fassung des Sample-Satzes ersparen: Mit einem Klick wird die Orgel von der historischen Form in die erweiterte umgestellt, wobei die kurze Oktave wahlweise beizubehalten ist. Ebenso schnell lässt sich die Stimmung von 448 Hz auf 440 Hz umschalten. Der zugehörige Status wird deutlich und orgelgemäß (und eben nicht computertypisch) angezeigt. Dort, wo die Funktion freigeschaltet ist, kann der Wind von stabil bis stark schwankend festgelet werden.
Man sollte sich nicht täuschen: Trotz Speicherkompression belegt der Sample-Satz mit sämtlichen Loops, Layer und Release Samples bei 24 Bit Auflösung über 10 GByte freien Speicher. Bei 16 Bit sind es immer noch 5,6 GByte, bzw. mit einigen Sparmaßnahmen immer noch etwas über 3 GByte als vertretbarer Kompromiss auf unterster Ebene. Hier ist ein Trend erkennbar, der sich in Zukunft sicher fortsetzen und auf die Bestückung von Rechnern auswirken wird, will man eine solche Orgelpersönlichkeit und danach kommende nicht hinter einer Reihe von Zugeständnissen bei der Speicherbestückung sozusagen verstecken. Zur RAM-Belegung trägt auch der freundliche, ausgesprochen wohnraum-affine umgebende Raum von etwas 1,5 s bei.
Nach einiger Beschäftigung mit dem Instrument lässt sich mit Gewissheit Eines sagen: Es ist auf keinen Fall ein Musikmacher-Werkzeug, das eben barocke Disposition aufweist. Im Gegenteil - die Orgel bestimmt deutlich, welches Repertoire sie auf ihr gespielt haben möchte. Vor dem unzweifelhaft bevorstehenden Genuss kommt allerdings einige Arbeit, denn befriedigende Klangkombinationen sind erst dann zu erreichen, wenn man sich Zeit für die Intonation lässt. In dieser Beziehung hat man es hier mit einem geeigneten Testobjekt zu tun. Das liegt an deutlichen Unterschieden bei den Vorläufertönen während der Pfeifenansprache, Lautstärkesprüngen zwischen benachbarten Pfeifen und manchen regulierungsdürftigen Pegelverläufen über die gesamte Skala. Auch der Zusammenklang mehrerer Fußlagen verträgt einige, freilich sicher subjektiv zu bewertende Korrektur.
Während die Lautstärkejustage schnell und wirksam vor sich geht (nebenbei ein merkwürdiges Gefühl, in die Person eines Intonateurs zu schlüpfen), ist an den Anspracheunterschieden wenig zu justieren. Man fragt sich, ob die Zeit von der Gesamtrestauration 2002 bis zum Zeitpunkt des Sampelns 2008 derartige Veränderungen ausgelöst hat, oder ob hier eine Absicht dahinter steht, historisches Material möglichst unverändert zu präsentieren.
Nichtsdestoweniger ist es eine Freude, eine solche Orgel zum Klingen zu bringen, sofern man sich Zeit für die Erprobung von Registrierungen nimmt. Hier kommt das PSZ-Speichersystem für die Kombinationen der Erkundung entgegen. Auffallend dabei die wunderbar verschmelzende Quintade im Positiv. Schön wäre es gewesen, wenn man die Registerangaben noch mit ihrer Fußlage ergänzt hätte. Gerade im Positiv muss man sich stets daran erinnern, das der Prinzipal ein 4'-Register ist. Leicht gewöhnungsbedürftig ist auch die Position des Petal-Registers abseits von den anderen Pedalstimmen.
Kaufinteressenten bietet sich hier ein Instrument aus nicht sächsisch-thüringisch-norddeutscher Provenienz, was einen durchaus zu bedenkenden Anreiz darstellt. Die Demo-Clips auf den Webseiten von Inspired Acouctics zeigen mit Werken von Frescobaldi, Pachelbel, Zachau, Zipoli (ohne Silbermann'sche Unda Maris etwas nüchtern) und der Transkription einer Scarlatti-Cembalosonate sicher nicht das volle Spektrum der klanglichen Möglichkeiten. Auch rührige Demo-Quellen wie www.contrebombarde.com und www.pcorgan.com in den Niederlanden hatten zum Zeitpunkt der Texterstellung noch nichts zu bieten, deshalb dürfte es sich lohnen, die Probierversion für ein eigenes Urteil heranzuziehen.

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