Die Silbermann-Orgel von Reinhardtsgrimma (HW 2)

Für viele Jahre war die Silbermann-Orgel in der Kirche des sächsischen Dorfes Reinhardtsgrimma das bevorzugte Instrument renommierter Organisten wie Helmut Walcha oder Herbert Collum, und bis heute hat sie von ihrer Anziehungskraft nichts eingebüßt. Nach dem Sample-Satz für HW 1 liegt nun ihre adäquate Umsetzung als spielbares virtuelles Duplikat in Hauptwerk 2 vor; man kann sich davon bei OrganART Media anhand der teilweise live eingespielten Demo-Clips auf der entsprechenden Seite überzeugen.
Der neue Satz ist verschlüsselt und an den Hauptwerk-Dongle gebunden, so dass er erst nach der (unkomplizierten) Freischaltung zugänglich wird. Neben dem Datensatz auf der DVD-ROM - er benötigt 820 MByte unbelegten Speicher im Rechner - befinden sich mehrere Orgel-Definitionsdateien darauf. Neben einer originalen und einer Version mit erweitertem Tonumfang bei Manualen und Pedal gibt es die gleichen Ausführungen auch optimiert für einen 15-Zoll-Bildschirm, der sich dann als Touchscreen einsetzen lässt.
Nach der Installation kann gleich das Vergnügen am eigenen Musizieren beginnen. Es stellt sich schnell ein, weil das Instrument "stimmig" im wahrsten Sinne des Wortes eingefangen wurde; Einzellautstärken der Register, ihr Klang und ihr Raumanteil fügen sich harmonisch zusammen. Positiv fällt auf, dass, bedingt durch die Länge der Einzelsamples, die den Klang lebendig machenden Schwebungen zwischen den Obertönen sich nie wahrnehmbar periodisch wiederholen, zumal in HW 2 per Zufall ausgewählte Loops gespielt werden. Dazu gehört allerdings - wie schon öfters in diesen Besprechungen erwähnt - ein leistungsfähiger Rechner der Mac- oder Windows-Plattform.

Das Vorbild in der sächsischen Dorfkirche ist zweimanualig mit Pedal und einer Manual-Schiebekoppel. Diese Ausstattung enthält - ebenso wie die dort 1853 hinzugefügte Pedalkoppel - auch das Sample-Set. Insgesamt sind die 20 klingenden Stimmen auf Hauptwerk (9), Hinterwerk (8) und Pedal (3) verteilt. Typisch für die Pedal-Disposition ist neben dem Octaven Baß 8' der markante Sub Baß 16'als Holzgedackt. Hier hat Silbermann tatsächlich vollbracht, dass beide Register zusammen bei verhaltenen Solowerken, beim Triospiel als auch beim Tutti stets präsent, aber nie aufdringlich sind. Wo noch mehr "Gravität" als profunde Tiefe oder Gegengewicht bei der Stimmenführung gefordert wird, kann die Posaune 16' als einzige Zungenstimme dazu gezogen werden.


Der Spieltisch in Hauptwerk
Der virtuelle Spieltisch in HW 2 mit seinen beweglichen Registerzügen übertrifft die uniforme Darstellung von HW 1 deutlich an Atmosphäre, obwohl auf Fotorealismus verzichtet wurde. Die originale Registeranordnung hat man hier weitgehend übernommen; ihre überproportionale Abbildung gegenüber Pedal und Manualen kommt der ihrer Bedienfreundlichkeit im Hinblick auf einen Touchscreen entgegen.
Anstelle der erwähnten Manual-Schiebkoppel tritt der mit 'Koppel Manual' bezeichnete Registerzug. Übrigens sollte man nicht vergessen, zu allererst den Calcanten mit kurzem Zug am Manubrium zu rufen, damit genügend Wind bei Spielbeginn bereit steht. Apropos Wind: Hinter dem Tab-Feld 'Control' verbirgt sich eine von Dr. Reiner Suikat entwickelte Windmodell-Animation, die Einblicke in das dynamische Windverhalten eine Orgel während des Spiels erlaubt.
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Wiedergabe der Orgel
Die Dorfkirche in Reinhardtsgrimma weist mit 1,8s eine recht moderate Nachhallzeit von auf. Dies kommt der Tiefenlinearität entgegen; jedenfalls sind unangenehme Stehwellen nicht wahrzunehmen. Mit dem Maierschen Multikanal-Aufnahmevorgang wird eine virtuelle Hörposition etwa zwei bis drei Meter vom Prospekt entfernt festgelegt. Sie ist nicht übertrieben 'pfeifennah', aber eben auch nicht ganz so entfernt wie im Kirchenraum. Nicht nur bei dieser Orgel sollte man der Empfehlung von Prof. Maier folgen: Ein Kopfhörer, betrieben an einem klirrarmen Verstärker mit breitem Übertragungsbereich ist jeder Hifi-Anlage im Wohnzimmer in Durchsichtigkeit, linearer Tiefenreproduktion und schnellem Einschwingen überlegen. Dann wirkt der Raumeindruck so natürlich, dass man sich in die Kirche versetzt glaubt. So wird auch verständlich, dass die Release-Phasen, mit den sich der Raumeindruck (nicht immer zum Vorteil) beeinflussen ließe, nicht zugänglich sind.
Zwar wurde die originale silbermann-ähnliche Stimmung beim virtuellen Instrument nach Wegscheider übernommen; sie kann aber entsprechend den Optionen in HW 2 schnell verändert werden. Bei der Nachbearbeitung hat man auch auf mathematisch genaue Nachstimmung verzichtet. Der Grad der Verstimmung ist sogar noch mit Random Pipe Detuning Adjustment von wenig bis grotek übertrieben zu variieren. Die pdf-Datei auf der DVD-ROM gibt zu diesen Punkten nützliche Ratschläge und lädt damit zum Experimentieren ein - etwas, von dem Gottfried Silbermann wohl nicht einmal hatte träumen können.

Zur Disposition
Der 8'-Prinzipal im Hauptwerk enthält sowohl Holz- als auch Zinnpfeifen, dazu gibt es eine Zinn-Quintadena 8' von kraftvoll-unaufdringlicher Färbung. Das Hinterwerk ist dagegen mit einem in den oberen Lagen durch Bleipfeifen ergänzten 8'-Holzgedackt bestückt. Beide Werke haben weit mensurierte Oktavstimmen und Aliquoten. Echt Silbermann'sch und von eigenartigem typisch barocken Reiz sind die mit 3' bezeichneten Nasssat/Nasard 2 2/3' im Oberwerk bzw. Quinta im Hauptwerk. Sie setzen sich wegen ihrer fein balancierten Obertönigkeit erstaunlich gut durch. Die beiden Rohrflöten (in Haupt- und Hinterwerk) des Vorbildes werden von Organisten wegen ihrer Klangschönheit besonders gelobt; das digitale Duplikat steht da nicht nach.
Es verblüfft zunächst, dass das Cornett 3.Fach - es gehört trotz seines "zungigen" Namens zur Flötengruppe - erst ab Ton a1 (MIDI# 69) wirksam wird. Wie in dieser Orgelbauperiode offenbar üblich hat man es, so Johann Friedlich Walther 1726 in Bezug auf eine andere Orgel nur "durch das halbe Clavier geführet". Da das Register beim Original sogar erst eine kleine Terz höher beginnt, wurde es elektronisch nach unten "verlängert" und kann nun z. B. beim figurierten Choral in "Oh Mensch, bewein dein Sünde groß" eingesetzt werden. Auch die fehlenden untersten c# in Pedal und Manualen sind nun - abgeleitet vom Nachbarsample - vorhanden. Weshalb weitere Zungenstimmen fehlen, lässt sich möglicherweise so erklären, dass die Orgel besonders "wohlfeil" sein sollte. Prof. Maier führt dazu an, dass Silbermann den Dorforganisten das Stimmen von Manualzungen nicht zutraute.
HW bietet erstmals die Chance, eine These nachzuprüfen: Es gehört zu den Erfahrungen der Orgelbauer, dass die gemeinsame Anordnung der Pfeifen auf einer Schleiflade die gegenseitige Klangverschmelzung fördert. Beim Sampling der Einzeltöne und nachfolgender digitaler Summierung kann eigentlich ein solches Phänomen unmöglich auftreten. Registriert man als Probe aufs Exempel im Oberwerk Gedacktes 8' mit der Rohr=Fleute 4' und die Octava 2 dazu, so mischen sich die Farben derartig weitgehend ineinander, wie es wohl beim Vorbild auch nicht besser sein kann. Ähnliches gilt, wenn man das erwähnte Cornett 3.Fach (so die originale Schreibweise) zusammen mit dem Prinzipal 8' oder der Quinta dena 8' zieht.
Das Hinterwerk ist gegenüber dem Hauptwerk zurückhaltender intoniert, bildet dadurch bereits ein klangliches Gegengewicht und erlaubt dynamische Abstufung. Was man noch in kurzer Zeit lernen kann: Das Plenum klingt keineswegs optimal, wenn man kurzerhand alle vorhandenden Stimmen zusammen zieht; auch hier ist Auswahl angebracht.

Sonstiges
Den beim Instrument in Reinhardtsgrimma vorhandenen Tremulant gibt es beim virtuellen Duplikat ebenfalls; dank der Modellierung in HW 2 wirkt er sehr natürlich; zusätzlich kann er mit Pipe and Rank Voicing modifiziert werden. Die Orgel weist lt. Internetdokumentation nicht mehr die 1910 eingeführte gleichschwebende Stimmung auf. Zwar ist die Wolfsquinte dis-gis in den oberen Lagen erträglich, dafür erscheint ein Des-Dur-Akkord etwas getrübt. Der Chorton von a1=465Hz steht etwa ein Halbton höher als unser Normal-a.
Wie heisst es doch bei Hans Klotz in seinem empfehlenswerten "Buch von der Orgel" so treffend: "Es fällt schwer, von diesem Klangfarbenvorrat der Orgel durch Erzählen einen Begriff zu geben. Wie kann man Klänge anders kennenlernen als durch Anhören?" Nun, HW stellt mit dieser Orgel ein solches Tutorium bereit. Eindringlicher könnte es die Orgelbaukunst von Gottfried Silbermann dank der Interaktivität nicht vermitteln.
Von James Pressler, dem "virtuelle Organisten" stammen noch weitere MP3-Clips auf den Seiten von OrganArt Media. Sie entstanden nach MIDI-Dateien und zeigen vor allem die Möglichkeiten der Disposition des Instrumentes in Reinhardtsgrimma.

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