Die Rieger-Kloss-Orgel der Matthias-Kirche in Budpest (1)
In Budapest gehört die zum Welterbe der UNESCO erklärte Kirche "Notre Dame de Budapest" oder auch Mátyás-(Matthias-)Kirche zu den ausgeprochenen Touristenattraktionen, die man einfach besichtigt haben muss. Das Gebäude wurde in den Jahren 1250 bis 1270 vollendet, danach folgten einige Umbauten. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges entging es knapp einem kompletten Abriss. Im Jahre 2005 begannen dann von internationalen Fonds unterstützte, umfangsreiche Restaurierungsarbeiten, die bis zum Jahr 2012 dauern sollen.
Aus Anlass seiner 40-jährigen Regentschaft stiftete Kaiser Franz Joseph 1909 eine Orgel mit 77 Registern, die von Rieger erbaut wurde. Die gleiche Firma erweiterte das Instrument 1932 auf 85 Stimmen mit fünf Manualen und führte eine elektropneumatische Traktur ein. Nach der Überholung der Hauptorgel kam eine Fernwerk-(Chor-)Orgel mit 18 Registern hinzu; sie kann vom zentralen Spieltisch oder - im Falle von Liturgien oder Konzerten - auch von einer eigenen Konsole gespielt werden. 1984 erfolgte eine komplette Zerlegung zum Zweck der Überholung durch Rieger-Kloss. Im Zuge einer Erweiterung 1999 konnte man das Setzer-System per Computerunterstützung von acht auf 796 Kombinationen vergrößern, außerdem erhielt das Instrument eine Chamade 8' in einem externen Gehäuse.

Wegen ihrer exzellenten Akustik wird die Kirche ständig von international renommierten Organisten für etwa 80 bis 90 Konzerte im Jahr benutzt, den Einsatz im Gottesdienst nicht mitgerechnet. Der Nachhall ist beeindruckend ausbalanciert innerhalb eines weiten Frequenzbereiches, resultierend in einer glatt verlaufenden Abklingkurve. Im Zuge einer Gesamtrestaurierung der Kirche gab es 2009 eine Ausschreibung für die Rekonstruktion der Orgel; sie wird von der Firma Pécsi Organ Building Manufacture (dem Orgelbauer des PAD-Instrumentes) durchgeführt. Rechtzeitig vor diesem Zeitpunkt ergriff Inspired Acoustics im März 2009 die Gelegenheit, das Instrument vor seiner Zerlegung im Format 192 kHz/ 24 Bit zu sampeln.
Zwar gab es auch bereits vorher Sampling-Aktivitäten für eine andere Software-Plattform, dies allerdings in einer dem Hauptwerk-Standard unterlegenen Technik ausschließlich mit Registerkombinationen, um den Speicherbedarf so gering wie möglich zu halten. Bei der Sample-Aufzeichnung von Inspired hat man die Raumeigenschaften mit Multi-Release-Layers so einbezogen, dass sie dem Eindruck in der Nähe des Spieltisches entsprechen. Zudem ist eine IR-Datei vom Originalraum erhältlich, die den Zustand vor den Bauarbeiten konserviert. Neben den normal drei vorhandenen Release-Layers lassen sich auch reduzierte Fassungen laden. die den Speicherbedarf verringern.
Nicht nur, wenn es um den Speicherbedarf geht, setzt die Mátyás-Orgel in ihrer Hauptwerk-Übertragung neue Maßstäbe; dies gilt auch für die flexible Konfigurierung bei weiteren Details wie z. B. Anzahl und Art der Wiedergabekanäle sowie der Raumeindrucks. Bisher ist die Professional Edition der Mátyás Pipe Organ Samples verfügbar; eine Extended Edition soll folgen. Diese aktuelle Edition enthält nicht weniger als acht Orgel-Definitionsdateien (ODFs) für unterschiedliche Anwendungszenarios, abhängig von Rechnerausstattung und vorhandener Audio-Ausgangshardware. Um noch mehr Flexibilität bei RAM-Belegung und notwendiger PC-Leistung zu erhalten als es Hauptwerk selbst vorsieht, sind für jeden Orgeltyp zwei ODFs vorhanden. In der einen hat man alle drei Release-Layers programmiert, im der anderen nur zwei. Alle ODFs teilen sich den selben Cache in HW, so dass sich dessen Editionen wie Stand-Alone, MIDI-Sequencing oder VSTi ohne Cache-Konflikte laden lassen. Der Satz ist unverschlüsselt.
Insgesamt ergeben sich daher folgende Varianten:

  • Stereo-Orgel, Halleindruck aus dem Kirchenschiff, zwei ODFs,
  • Stereo-Orgel, Halleindruck aus der Nähe des Spieltisches (Console Stereo Organ, etwa 'halbtrocken'), zwei ODFs,
  • Orgel mit Quad-Surround-Sound (Klangquellen fest eingestellt), zwei ODFs,
  • Orgel mit veränderbarem Surround-Sound und drei voneinander unabhängigen Kanälen. Damit sollen sich die Klangquellen mit dem sog. INSP:DEC Surround Customizer von Zwei- bis zur Achtkanalwiedergabe in zweidimensionalen Anordnungen virtuell positionieren lassen. Auch hier sind zwei ODFs vorhanden. Eine geplante erweiterte Version soll später echte Dreidimensionalität erlauben.
  • Der Customizer ist ein VST-Pug-In, um Richtcharakteristiken von (fiktiven) Mikrofonen und ihren Aufnahmerichtungen nach den Vorstellungen des Nutzers an die Konfiguration von Stereo- und Surroundaufstellung von Lautsprechern mit Hilfe von vier als 'Vector channels' bezeichneten Ausgangskanälen räumlich anzupassen. Die auf diese Weise maßgeschneiderte räumliche Umgebung wirkt sich auf Release-Samples ebenso wie auf Traktur- und Windversorgungsgeräusche aus. Sind beispielsweise die Mikrofone auf den Orgelprospekt gerichtet, so verändert sich die wahrgenommene psychoakustische Charakteristik von durchgehaltenen Tönen und dem Nachhallanteil entsprechend. Das Software-Plug-In ist z. Z. nur für die PC-Plattform erhältlich. Ausführliche Informationen dazu gibt es auf den Seiten http://www.inspiredacoustics.com/wiki/index.php/INSP:DEC_Surround_Customizer.
    Den Nutzer des Sample-Satzes erwartet eine weitere Neuheit: Mit der Dynamic KeyboardMass™ control wird versucht, den zeitlichen Ablauf des Tastendrucks - das Ansprechen der (virtuellen) Pfeifen - dynamisch in Bezug auf Tastengewicht und Ansprechverzögerung durch die Massenträgheit nachzubilden. Ein sehr gut aufbereitete Darstellung diese Eigenschaft findet sich auf der Seite http://www.inspiredacoustics.com/wiki/index.php/Keyboard_mass_%28feature%29. Auch der Sample-Satz der Kispest-Orgel ist mit diesem Feature ausgestattet.
    Eine detaillierte Gesamtschau aller Produkteigenschaften und der Spezifikationen wird unter http://www.inspiredacoustics.com/products_details.php?idtermekek=16 geboten. Hier findet man auch die unverändert im Sample-Satz vorhandene Disposition der Mátyás-Orgel. Inspired Acoustics weist außerdem darauf hin, dass sämtliche Bedienelemente des originalen Spieltisches sowohl grafisch als auch funktionell unverändert iin der Konsolendarstellung enthalten sind. Dies betrifft auch die Nachbildung des von Hauptwerk unabhängigen Kombinations-Sequenzers mit seinen 796 Positionen.
    Natürlich kann der virtuelle Spieltisch eines solchen ausgebreiteten Instruments in seiner Gesamtdarstellung nur eine gewisse Übersicht und kaum nutzbare Funktionalität bieten. Dennoch eignet er sich zumindest, um sich besser in den Teildarstellungen zurecht zu finden. Die Konzentration wie beim Original auf ein einziges, links angeordnetes Registerfeld mit Konzentration auf die wesentlichen Bedienelemente - hier Hauptfenster genannt - ist sicher dort, wie auch in seiner virtuellen Form gewöhnungsbedürftig, weil von der Ergonomie her nicht zu empfehlen. Wie man erkennen kann, weist es eine von Original abweichende Gliederung auf.
    Wer diesen Sample-Satz unter realen Bedingungen möchte sollte sich darüber im klaren sein, dass die Beschriftungen bei Verwendung nur eines Touch-Screen-Monitors unter praktischen Bedingungen recht klein und damit kaum lesbar sind. Zudem spielt neben der eigentlichen Monitordiagonale auch die Bildschirmauflösung eine Rolle. Inspired Acoustics empfiehlt hier 1280 x 1024 Pixels. Nichtsdestotrotz hat man den Eindruck, dass die Darstellung des virtuellen Spieltisches mit der gegenwärtig verfügbaren Display-Technologie nicht optimal möglich ist; beispielsweise dürften sich zwei Touchscreens mit je 24 Zoll (60 cm) Diagonale besser machen.

    Gesamtdarstellung der KonsoleHauptfenster

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    Die Zweifenster-Darstellung ist zwar deutlich besser ablesbar und zudem geeigneter für den Zugriff auf die virtuellen Wippen, aber in Bezug auf die Erkennbarkeit wegen des kaum vorhandenen Kontrastes zwischen Hintergrund und Farbe der Wippen nur geringfügig anders. Hier hat man wohl die moderne Konzeption des Spieltisch-Layouts weitestgehend ins Virtuelle übertragen, doch hier gelten andere Bedingungen. Abhilfe können hier die Nummerierungen der Wippen in Verbindung mit der Vorprogrammierung bringen, für die es reichlich Speicherplätze gibt. Positiv dabei die rote Farbgebung für die Zungenregister. Dennoch dürfte wohl Ad hoc-Registeränderung dann passé sein;. Für die Stellung des Crescendo-Pedal und des (einzigen) Schwellers gibt es je eine, sich in beiden Feldern wiederholende Siebensegmentanzeige. Wahrscheinlich war es wegen der schieren Menge an Elementen unumgänglich, Register der Manuale I und II auf beide Felder aufzuteilen.

    Registerfeld links...und rechts

    Insgesamt weist das Hauptfenster neun Tabfelder (Tabs) für die Fensterumschaltung auf; hier ist von den drei Fenstern für die Crescendo-Programmierung nur eines abgebildet. Im Hauptwerk-Forum beklagten sich Nutzer, dass die Programmierung des Crescendos mit seinen 72 Stufen und 130 Steuerschaltern für Ranks und Koppeln wegen der vielen notwendigen Mausklicks eine zeitaufwändige Aufgabe darstellt. Wie erwähnt, gibt es auch einen Umschalter für das Decrescendo. Die Mátyás-Orgel weist eine von Hauptwerk unabhängige Modellierung von Tastenschwere und -Trägheit auf, die in Echtzeit zu verändern ist. Entsprechende Regler sind für jedes Manual und selbst das Pedal vorhanden; diese Eigenschaft ist individuell abschaltbar.
    Besonders wird vom Sample-Produzenten die in Echtzeit veränderbare freie Justage der akustischen Umgebung für das Instrument herausgestellt. Diese durch den sog. INSP:DEC Surround Customizer gebotene Option ist in einer der Orgeldefinitionsdateien vorhanden. Aus den Hauptwerk-Samples werden dabei vier Vektor-Kanäle gebildet, aus den bis zu acht Ausgangskanäle enstehen. Bei mehrfacher Verwendung des Plug-Ins sind auch weitere Kanäle zu generieren. Den Customizer gibt es für die Windows-Plattformen als 32-Bit- und 64-Bit-Edition; eine Mac-Version soll folgen.

    Eines der Crescendo-FensterSimulation von Gewicht und TrägheitJustierbare Akustik-Perspektive

    In zweierlei Hinsicht fällt die Mátyás-Orgel aus dem Rahmen des bisherigen Angebots an Sample-Sätzen für Hauptwerk: Wenn man sich nicht für die Lieferung des Paketes in einer Retail-Box entschließt, sondern den Satz herunterladen möchte, ist ein gut funktionierende und möglichst schnelle DSL-Verbindung unumgänglich, denn es handelt sich in der Reihenfolge der obigen Tabelle um 27, 32, 62 und 56 GByte. Hilfe leistet hier eine mitgelieferte Checksummen-Prüfdatei, mit der sich die Integrität der eingelangten Daten zuverlässig verifizieren lässt. Dazu wird man sich tunlichst in ein stundenlanges Lade-Unternehmen nicht ohne einen Download-Manager einlassen, der den Vorgang bei einer Unterbrechung selbsttätig wieder aufnimmt. Natürlich fallen diese Datenmengen nur an, wenn man alle erhältichen Fassungen herunterlädt.
    Der Sample-Satz eignet sich für Windows- und Mac-Plattformen, wobei der PC schon wegen nachstehend beschriebenen RAM-Belegung wohl immer mit der 64-Bit-Edition betrieben werden muss. Abgesehen von den aktuellen, allgemeinen Hinweisen zu Hauptwerk-Systemen und den Rechner im Besonderen wird HW 3.23 oder später in der Advanced Edition empfohlen. Im übrigen sind die HW-typischen Maßnahmen zur Reduzierung der Hauptspeicherbelegung auch hier anzuwenden. Für das Spielen der Variante Console Stereo (alle Register, verlustlose Kompression, 24 Bit, alle drei Loops, alle drei Releases) benötigt man 26,4 GByte freies RAM, während im 16-Bit-Format 13,2 GByte. genügen. In Stufen lässt sich der RAM-Bedarf (16 Bit, Release Truncation auf 250 ms, nur eine Loop) auf 4,2 GByte verringern.
    Leider ist die Bildung von mehreren separat spielbaren Teilorgeln durch Weglassen ganzer Manuale oder Auswahl von Registern auf zwei (Stand-Alone/MIDI) begrenzt, mehr lässt Haupwerk in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht zu. Immerhin wäre die ohne Echtzeit vor sich gehende Ansteuerung mit MIDI-Steuerung durch einen Sequenzer im Offline-Betrieb eine Notlösung, um das Instrument trotz der sonst zu meidenden Datenauslagerung auf die Festplatte (Paging) z. B. für Testzwecke in Betrieb zu nehmen - von 'Spielen' darf man dann wohl nicht mehr sprechen.
    Teil II der Besprechung befasst sich u. A. mit den klanglichen Aspekten des Instrumentes.

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