Die Rieger-Kloss-Orgel der Matthiaskirche in Budapest (2)

Prospekt-Ausschnitt mit Chamade-Trompeten, im Sample-Satz Registerfeld Manual I ohne Nummer, klingend ab MIDI# 55

Es sei noch einmal herausgestellt, dass die Installation des Sample-Satzes bereits in der Stereoversion nicht nur in Bezug auf die RAM-Kapazität guter Vorbereitung bedarf. Allein die komprimierten Rohdaten umfassen hier etwa 29 GByte. Wählt man den Download, so lässt leider die vorgegebene Aufteilung in Datenpaketen (Chunks) von je 2.147.484 Bytes kein Brennen z. B. von vier von ihnen auf einer Doppel-Layer-DVD zu, so dass nur drei darauf passen.
In jedem Falle ist es unbedingt ratsam, ein Backup auf DVDs anzufertigen und diese an einem sicheren Ort aufzubewahren. Außerdem solllte man beim Installieren von den DVDs - gleich welcher Version - darauf achten, dass erst alle Dateien auf einem freien Harddisk-Ordner sein müssen, bevor man den Vorgang in Hauptwerk aktiviert; andernfalls werden Fehlermeldungen ausgelöst.
Zu der angegebenen RAM-Belegung kommen noch weitere rechnereigene Speicherplatzansprüche; so wird bei Entpacken der rar-komprimierten Dateien ausreichend Harddisk-Platz für das Caching (den Entpack-Puffer) benötigt. Schließlich verlangt dann der installierte Sample-Satz mit allen seinen Nebendateien auch noch seinen Anteil an der Festplatte. Den Rekord in dieser Hinsicht hält die Surround-Fassung, wobei hier die über eine wohl bisher übliche Normalausstattung hinausgehende RAM-Kapazität natürlich die vordringlichste Voraussetzung dafür bildet, mit dem Satz überhaupt etwas anfangen zu können.
Die Anzahl unterschiedlicher Versionen wird sich wohl letztlich an verschiedenartige Zielgruppen wenden, denn selbst mit einer bisher als großzügig beurteilten Rechnerbestückung von 16 GByte sind die gebotenen inherenten Möglichkeiten des Mátyás-Satzes mit seinen fünf Manualen kaum auszuschöpfen. Die einzig verbleibende Option besteht im Abschalten (Nicht-Laden) kompletter Manuale, wobei man sich dann leider mancher kontrastierender oder solistisch nützlicher Klangfarben begibt, zumal diese dann auch nicht über Koppeln zu erreichen sind.

Für diesen Bericht wurde versucht, zwei der von Inspired Acoustics besonders herausgestellten Innovationen, die Stufung des Halleindrucks in zwei Varianten sowie die Nachbildung von Tastaturmasse und Trakturverhalten etwas näher zu beleuchten und möglicherweise zu einer Bewertung zu kommen. Alle zugehörigen Aufzeichnungen entstanden in 24-Bit-Qualität direkt im Rechner ohne weiteren Veränderungen oder Zusätze sowie nachfolgender Konversion nach MP3 durch eine Lame-Encoder mit 320 kbps, der geringstmöglichen Stufe der Datenreduktion. Die einfach gehaltenen Demo-Clips wurden alle mit identischer Grundregistrierung sowie den gleichen Koppeln aufgezeichnet und lassen sich unmittelbar abrufen. Der Crescendo-Schweller stand dabei auf "22", ebenso wie der Manualschweller (voll 'durchgetreten'). Somit waren sämtliche Register der Orgel entsprechend der Voreinstellung bei Lieferung mit Ausnahme des abgeworfenen Bourdon 32' im Pedal (jedoch mit der Bombarde 32') aktiviert.
Entgegen der Ankündigung waren zwischen der Stereo- und der spieltisch-nahen Version kaum nennenswerte Unterschiede bei der Räumlichkeit zu hören; auch unterschiedliche Latenz (Anspracheverzögerung) zwischen Tastendruck und Toneinsatz auf Grund verschiedener räumlicher Distanz zum Prospekt war kaum spür- und wahrnehmbar. Wohl merkt man bei beiden die Absicht unmittelbar, den Kirchenraum mit seinem recht langen Nachhall zwar nicht völlig zu unterdrücken (was für den Sampling-Vorgang wohl kaum überwindbare Schwierigkeiten bereitet hätte), ihn aber soweit abzuschwächen, dass er keinen übermäßigen Einfluss auf die Über-Alles-Klangtransparenz nimmt. Gleichzeitig bestätigt sich hier die über den ganzen tonalen Bereich ausgeglichene Qualität des Nachhalls selbst. Das erschließt sich auch über Kopfhörer; bei beiden Fällen ist der Raum zwar mit seinem Nachklang vorhanden, wird aber erst hinter den Registern wirksam und trägt so zu einem recht natürlichen Ambiente bei.
Der zweite Punkt betrifft den Effekt der Tasten/Trakturträgheit. Beim ersten Akkord war sie jeweils abgeschaltet (Schieberegler am unteren Anschlag, alle Schalter 'aus'), beim zweiten stand der Regler bei aktivierten Schaltern am oberen Anschlag, so dass die Trägheitssimulation voll wirksam war. Die linke Hand spielt einen D-Dur-Akkord auf dem zweiten Manual, die rechte auf dem ersten Manual; dazu erklingt im Pedal das D (MIDI# 38).
Das erste Demo-Pärchen bezieht sich auf die Stereo-Version, das zweite enthält die spieltisch-nahe. Eine überschlägige Ausmessung des Kurvenverlaufs ergab eine annähernde Nachhallzeit von fünf Sekunden. Wer Unterschiede in der Einschwingphase aufgrund der Massenträgheit zu hören vermeint, kann sich die Dateien in ein Analyseprogramm laden, Zeitmarken setzen und den Abstand bestimmen (auf gleiche Zeitskala achten). Wohl eher wird hier eine gewisse, durch die Füllung des Kirchenraumes mit Energie bedingte Anstiegszeit erkennbar, während ein 'schwereres' Ansprechen verbunden mit einer gewissen Verzögerung des Toneinsatzes per Hörbeispiel nicht zu vermitteln ist. Achtung: Für die nachfolgen Demo-Clips muss ein funktionsbereiter mp3-Player vorhanden sein!

Stereo: a. Trägheit aus, b. Trägheit Maximum. Spieltisch-nahe: a. Trägheit aus, b. Trägheit Maximum .

Die Surroundversion konnte ebenso wie die Adjustable Version von Orgelbits nicht getestet werden, weil beide die Möglichkeiten des gegenwärtig zur Verfügung stehenden Rechnersytems (16 GByte) schlichtweg sprengen. Diese Situation könnte sich durchaus ändern, wenn weitere Instrumente dieser Größenordnung erhältlich sein werden.
Wer einen der Sample-Sätze aus dem Bündel erwirbt, dem steht mit der Matyas-Orgel ein Instrument zur Verfügung, das - will man es adäquat zum Leben bringen - abgesehen von den Systemvoraussetzungen auch einige Bedingungen an sein Umfeld stellt. An Stimmen zur Gestaltung ganz unterschiedlicher Literatur fehlt es mit Sicherheit nicht; unter http://www.inspiredacoustics.com/products_details.php?idtermekek=16 ist die umfangreiche Disposition aufgelistet. Wer Lautsprecher verwendet, wird feststellen, dass recht große Lautstärkeunterschiede zwischen Nicht-Zungenregistern als Einzelstimme (selbst bei mehreren 8'-Kombinationen) und einem Plenum mit Zungen existieren; dies Tatsache beeinflusst auch den Umgang mit dem Schweller.
Kaum beim Anhören der Testakkorde, umso mehr beim eigenen Spiel fällt eine klangliche Eigenschaft auf, die von vielen Demo-Clips bestätigt wird. Diese findet man sowohl auf den Inspired-Seiten, bei www.contrebombarde.com, http://pcorgan.com/SampleSets1909MatyasEN.html (besonders bei homophoner Stimmführung) und YouTube (mit Werken von Boëllmann, J. N. David, Durufle, Guilmant und Mendelssohn): Es ist eine gewisse Entrücktheit des Instruments, wohl bedingt durch die milde Attacke der Labiale, die ihnen ein Stückchen Charakter raubt. Gewiss wird diese Erscheinung beim Einsatz von Zungenstimmen durchaus etwas kompensiert. Der Versuch aber, den bereits zurückgedrängten originalen Nachhall durch Truncation (Beschnitt der Sample-Hallphasen) weiter zu verringern, dürfte den Gesamt-Klangeindruck nicht unbedingt verbessern. Angenehm ist die Fülle in der unteren Mittellage wegen der reichlich vorhandenen 8'-Register .
Will man ein Instrument anhand der angebenen Beispieldateien beurteilen, sollte man darauf achten, ob einzig die 'native' Räumlichkeit des Sample-Satzes vorhanden ist, oder ob wie in YouTube bei der animierten Live-Darstellung der Boëllmann-Toccata aus der Suite Gothique, gespielt von Attila Pasztor, noch Faltungshall hinzugesetzt wurde. Leider fehlen bei vielen Clips Hinweise zur verwendeten Fassung der Matyas-Orgel.
Wer willens ist alle beschriebenen Eigenheiten zu berücksichtigen, erhält mit dem Opus Magnum von Inspired das virtuelle Abbild eines außergewöhnlichen Instrumentes. Sollte beim Download die pdf-Datei mit der Bedienanweisung zur Orgel in den Dateien fehlen, so kann man sie sich von der Inspired-Webseite https://www.inspiredacoustics.com/u_login.php separat holen; dazu ist eine Registrierung notwendig.
Mit Wirkung vom Juni 2010 wird die Stereo-Version mit der Bezeichnung 'Personal' zu einem günstigeren Preis angeboten; daneben ist eine Testversion mit einigen Einschränkungen erhältlich. So ist der Tonumfang des Pedals auf die unterste Oktave (MIDI# 36 bis 48) und der der Manuale auf die untersten drei Oktaven (MIDI# 36 bis 72) begrenzt. Insgesamt sind 49 Register zugänglich; alle des Pedals der Manuale I und II sowie die Register 49 bis 56 (Mixturen und Zungen) des Manuals III. Außerdem gibt es eine zeitliche Nutzungsbegrenzung. Die Testorgel hat 9,2 GByte Gesamtumfang und kann im 16-Bit-Format mit allen 49 Registern bei einer RAM-Größe von 4,25 GByte gespielt werden; erfreulicherweise ist die Encodierung kompatibel mit der Free Edition von Hauptwerk.

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