Die Bambus-Orgel von Roeselare, Belgien


Musikinstrumente aus Bambus sind in denjenigen Ländern keine Seltenheit, wo es dieses einheimische Baumaterial gibt, zumal man auch andere weit verbreiterte Verwendungen dafür hat, denn das schnell wachsende Holz aus Bambuspflanzen mit großen Mengen an härtbildendem Lignin bietet dank seiner Eigenschaften wie Leichtigkeit und Elastizität erstaunlich vielseitige Einsatzmöglichkeiten. Kein Wunder, dass sich im Laufe von Jahrhunderten reichliches Know-How für Bearbeitung und besonders für die Erhöhung der Haltbarkeit ansammelte.
Das Bambusrohr wird auch als Riesengras bezeichnet, bei dem die äußeren Rohrwände im Laufe von sechs bis acht Jahren Wachstum durch Verkieselung an Härte und Festigkeit gewinnen. Man kann davon ausgehen, dass sich unter den weltweit etwa 500 Bambusfamilien mit teilweise hunderten von Unterarten einige besonders als Material für Orgelpfeifen eignen. Nichtsdestoweniger gibt es weltweit nur wenige Pfeifenorgeln von Wert, die mit Bambuspfeifen bestückt sind.
Wie nun eine Bambusorgel in eine protestanische Kirche nach Roeselare (belgisch Roulers) im bis 1870 überwiegend katholische Flandern kommt, ist schnell erzählt, hat aber einige Zeit gebraucht. Erst 1878 konnte ein belgischer Textilfabrikant ein Stück Land für den Bau eines Kirchenraumes erwerben. In seiner Fabrik hatte er bereits ein ganze Anzahl von Arbeitern beschäftigt, die der autonomen protestantischen Gemeinde angehörten. In Erinnerung an die - heute würde man sagen "Widerstandsbewegung" - gegen die Jahrhunderte zuvor auch in Holland/Belgien heftig wütende katholische spanische Inquisition (damals unter spanischer Herrschaft), die als 'Geuzen' bezeichnet wurden, nannte man die Gruppe 'Geuzenhoek'.

Im Jahre 1879 konnte die Kirche schließlich eingeweiht werden; im Volksmund wurde sie als Geuzentempel bekannt. Erst 1993 war die Zeit zu einer gründlichen Überholung gekommen; dabei entschloss man sich zu einer besseren Nutzung der vorhandenen Gallerie, indem eine Orgel ("mit allem Drum und Dran") anstelle des bis dahin verwendeten Harmoniums installiert werden sollte. Allerdings waren die Mittel dafür sehr beschränkt. Durch Zufall erfuhr man, dass ein relativ kleines, 1991 gegründetes Unternehmen aus Djakarta, Indonesien, Orgeln und andere Muskinstrumente in vorzüglicher Qualität aus Bambus zu bauen verstand, und dies zu akzeptablen preislichen Bedingungen. Auf diese Weise kam man mit P.T. Prajawidya Instrumentalia ins Geschäft, so dass man dort beginnen konnte, die benötigte Menge an dünnwandigem Bambusrohr zusammenzutragen, denn die noch grünen Halme benötigen einige Monate an ungestörter, von direktem Sonnenlicht abgeschirmter Lagerung, um Splittern zu vermeiden. Erst dann kann man daran gehen, die Zwischenmembranen (Nodien) durch mühsames aber vorsichtig Durchstoßen zu entfernen, um ein durchgehendes Rohr für die spätere Pfeife zu erhalten.
Die provisorisch zusammengebaute Orgel stellte man in Djakarta im Rahmen einer Promotion-Veranstaltung aus, um einheimische Musiker vom technologischen Fortschritt im eigenen Lande zu informieren. Die Verschiffung erfolgte wegen des einmonatigen Seetransports in einem hermetisch versiegelten, sterilen Container. Selbst an die unterschiedlichem klimatischen Verhältnisse im Ankunftsland hatte man durch eine spezielle Behandlung gedacht. Im Oktober 1995 konnte dann das auf Maß gefertigte Instrument mit 496 Pfeifen, 10 Registern und 3 Manualen eingebaut. An Materialqualität ließ man es nicht fehlen: Das Gehäuse ist aus indonesischem Teakholz gefertigt, während man für gewisse kritische Bauteile langfaseriges Sungkai-Holz verwendete und die Manualtasten mit Ebenholz-Belägen versah.
Der niederländische Sample-Produzent Sygsoft hat das Instrument im Format 24 Bit/96 kHz mit dreifachem Multi-Release (kurz, mittel, lang) gesampelt und es damit der Hauptwerk-Gemeinde zugänglich gemacht. Die Tonhöhe steht auf a=440 Hz mit gleichschwebender Stimmung. Das Material Bambus bedingt, dass man sich unter den Registerbezeichungen für das Manualwerk I (Prestant 8', Octaaf 4', Octaaf 2', Holpijp 8', Quint 2 2/3'), das Manualwerk II (Quintadena 8', Roerfluit 4', Picolo 2') und für das Pedal (Prestant 8', Subbas 16' mit unterster Oktave aus Holz) nicht die ausgeprägten klanglichen Eigenschaften von Zinn- und Holzpfeifen vorstellen darf.
Natürlich gewachsenes Material in Rohrform (und nur dieser!) klingt eben eher mehr wie die aus dem General MIDI-Klangrepertoire bekannte japanische Rohrflöte Shakuhachi. Während diese noch durch allerlei Anblastricks zu unterschiedlicher, zuweilen agressiver Artikulation angeregt werden kann, erzeugt der konstante Orgelwind ein weit zurückhaltenderes Spektrum. Die beiden Manuale werden durch ein drittes ergänzt, das nur zum Zwecke der Kopplung der beiden Manualwerke dient; daneben gibt es für jedes der Manuale eine Koppel zum Pedal. Wie man einem YouTube-Video entnehmen kann (http://www.youtube.com/watch?v=w5KDGCpp7gA) kommt man auch um spezielle Vorrichtungen zur Stimmung der einzelnen Pfeifen nicht herum; hier sind es - wie sonst üblich - Rollbärte aus Metall. Vom indonesischen Orgelbauer wird angedeutet, dass es nicht viele Variationsmöglichkeiten für ein Intonation gibt, wie sollte man einem gewachsenen Rohr nach der Ernte auch feinabgestimmte Mensurierung beibringen? Die Ansprache ist daher ausgesprochen zurückhaltend und dabei gleichförmig, aber auch weniger farbenreich.
Die Sample-Sätze werden mit den Bildschirmauflösungen 1024 x 768 Pixels und 1280 x 1024 Pixels geliefert. So wie das gesamte Instrument mit 496 Pfeifen und seiner überschaubaren Disposition fällt auch die Gliederung des virtuellen Spieltisches aus.

Virtueller GesamtspieltischWindversorgung und Hilfseinstellungen

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Das virtuelle Instrument hat im Hauptfenster 10 Knöpfe für Kombinationenspeicher plus Set und Cancel. Im Fenster für die Windanzeige lann man sich über den Verbrauch vom Reservoir angefangen bis zu den einzelnen Windladen ansehen, außerdem sind hier die Geräusche von Manualen, Pedal und Traktur abzuschalten.
Die Klangerzeugung durch Bambuspfeifen mit ihrem nie aufdringlichem Spektrum, ebenso vorhandenen, diskreten umharmonischen Nebentönen und durchwegs guter Verschmelzung schafft beim Spielen eine ganz eigene, mehr intime Atmosphäre, die der musikalische Gestalt jedes Werkes einen Touch Exotik verleiht, zumal eine Mixtur fehlt. Dennoch ist der Einzelklang jeder Pfeife im eingeschwungenen Zustand nicht etwa auf Sinus-Charakter reduziert - im Gegenteil: Literatur wie beispielsweise das Mozartsche Werk für eine Glasharmonika, die Stücke für eine Flötenuhr von Haydn oder die auf den Demo-Seiten von Virtually Baroque aufgeführten Kompositionen von Schumann, J.K.F. Fischer, J.G. Walther und anderen kommt - gespielt auf der Roeselare-Orgel - allen denjenigen entgegen, die mehr Wert auf ein kammermusikalische Interpretation statt eines ergreifenden Plenums legt. Wer seine Anlage auf Freiheit von Intermodulationsverzerrungen und Klirrarmut testen möchte, findet wohl kaum bessere Prüfsignale - aber bitte nicht als datenreduzierte MP3-Datei!
Bei der Sampleaufnahme hat man die kräftigen Erstreflexionen mit einbezogen, so dass das Instrument etwas entrückt im Raum mit seinem kurzen Nachhall steht. Die Ansprüche an die RAM-Bestückung sind bescheiden: Der Sample-Satz belegt im 16-Bit-Format (komprimiert, Mehrfach-Loops, Multi-Releases) 1046 MByte; ohne jegliche Sparmaßnahmen sind es um die 3 GByte.

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