Die Silbermann-Orgel der Marienkirche in Rötha
(HW 2)

Auf den Webseiten von Milan Digitalaudio lässt sich die wechselhafte Geschichte der einmanualigen Orgel der Marienkirche im sächsischen Rötha nachlesen. Sie wurde 1722 von Gottfried Silbermann erbaut, nachdem er das Vorgängerinstrument eingehend beurteilt und eine Reparatur abgelehnt hatte.
Der sächsische Hof- und Landorgelbauer prägte auch dieser Orgel seine Klangvorstellungen auf; so zeichnet sie sich trotz der bescheidenen Zahl von 11 Registern durch erstaunliche Farbigkeit aus. Im ursprünglichen Vertrag war der Subbass 16' im Pedal nicht vorgesehen, ebensowenig wie die Tertia 1 3/5' und das vollständig in Zinn ausgeführte Gedackt 8'. Dank der gründlichen Überarbeitung gesampelten Orgel und ihrer Einrichtung für HW 2, kann sie nun - gespeichert auf DVD-ROM - mit all ihren klanglichen Facetten authentisch auf dem eigenen Rechner installiert werden.
Damit aber nicht genug: Die digitale Replik für HW 2 weist einige Ergänzungen auf, die sich beim Vorbild ebenfalls gut ausnehmen dürften. So konnte Brett Milan neben der 1:1-Übernahme der originalen Version die insgesamt 10 dem bis dato einzigen Manual zugeordneten Register auf zweimal fünf Stimmen und zwei Manuale aufteilen - eine gelungene Konstruktion, denn auf diese Weise ist die fiktive Silbermann-Orgel von St. Marien nun mit jeweils eigenen Farben auf jedem Manual spielbar und weist statt einer Pedalkoppel deren zwei auf (I - P, II - P).
Die gleichzeitig vorgenommenen Erweiterungen des Tastenumfangs von Manualen und Pedal erlauben außerdem, dass nun z. B. einige Choralpräludien Johann Sebastian Bachs ohne Einschränkungen spielbar sind. So gesehen erwirbt der Hauptwerk-User nicht nur eine Orgel, sondern mehrere, die eben keinen weiteren Platz im RAM belegen.

Da die Orgel im Original auf a1=456 Hz steht, sind die sechs mitgelieferten Temperaturdateien mit dem Präfix 'Roetha' ebenfalls darauf abgestimmt. Hier gibt es einen Unterschied zu den bereits in HW 2 enthaltenen Dateien, die auf 440 Hz eingerichtet sind, Verwendet man sie, dann werden die Samples wegen der nun stattfindenden Tieferstimmung etwas länger. Dies hat mehrere Konsequenzen: Weil sich auch die Nachhallphasen verlängern, steigen die Anforderungen an die Polyphonie und damit an die Rechnerleistung. Wer noch einige andere Orgeln im Rechner betreibt, wird zudem mit Freude feststellen, dass sich nach und nach weitere Temperaturvarianten ansammeln, die sich auf andere Instrumente übertragen lassen - sofern der Sample-Satz-Produzent dies bei der entsprechenden Orgel freigeschaltet hat.
Die einschließlich der schlampig überlackierten Scharniere fotorealistischen Spieltischabbildungen wurden deutlich mit Hinblick auf den Einsatz eines TFT-Touchscreens gestaltet. So erscheint nach dem Laden der Marienkirchenorgel automatisch das detaillierte Fenster mit den Manubrien, außerdem ist die Darstellung zweigeteilt, so dass man zwei Bildschirme verwenden könnte - vielleicht weniger bei einer relativ kleinen Orgel wie dieser, sondern bei Spieltischen, die eine nötige Ergonomie auch für größere Instrumente bieten sollen. Die animierten Registerzüge signalisieren ihre Aktivierung auf unterschiedliche Weise: In der ersten Darstellung kommen sie sozusagen dem Nutzer langsam entgegen (wobei das Register bereits einschaltet, bevor der Zug völlig 'draussen' ist) und im Detailfenster erscheint ein weisser LED-ähnlicher Fleck bei Aktivierung. Auch dies erlaubt dem Organisten eine schnelle Visualisierung des Zustandes. Selbstverständlich sind beide Fenster synchronisiert.

Übersichtsdarstellung des virtuellen Spieltisches... ...und Detailansicht der Manubrien

Auch bei der zweimanualigen Variante ist auf dem Gesamtbild des Spieltisches nur ein Manual zu sehen. Die Register sind dann auf je fünf in der linken und rechten Hälfte verteilt; rechts entspricht Manual I (mit Ausnahme der Pedalzüge und der Koppel). Nur das Fenster mit den Manubrien enthält dann die zweite Koppel (Man II - Man I). Wer einen Spieltisch mit MIDI-ansteuerbaren Setzern hat, kann sich der 10 festen, werkübergreifend eingerichteten Voreinstellungen (Generals), bedienen; das gilt auch für die Betätigung per Maus oder TFT-Monitor. Bei Zwei-Monitor-Betrieb sind dann auf beiden Seiten je fünf Setzer zugänglich. Die virtuelle Silbermann-Orgel hat aber noch weitere Spielhilfen; mit dem Knopf 'S' (SET) lassen sich beliebige Registerkombinationen auf einen der 10 Setzer legen. 'C' (Cancel) hebt jegliche Wahl auf.
Besonders die im 19. Jahrhundert nachgerüstete Pedalkoppel erweist sich als unentbehrlich, wenn es darum geht, mancher Pedallinie ergänzend zum weitmensurierten, 16-füßigen Subbass mehr Struktur zu verleihen. Die von Gottfried Silbermann geschaffene Klangvielfalt ist angesichts der recht geringen Anzahl von Registern erstaunlich. Man erfährt, wie kräftig höhere Oktavlagen und Aliquoten hinzutreten, aber auch wie gut sie sich zum Prinzipal 8' mit seinem charakteristischen Spucken oder das Gedackt 8' mischen, oder welchen Beitrag die Zimbel beim organo pleno zu leisten vermag. Man lernt aber auch, dass "nur"11 Stimmen zu klugem Registerwechsel auffordern.
Wer die Fassung für HW1 kennt, wird sich wahrscheinlich über die deutlich gestiegenen Ansprüches an freie RAM-Kapazität wundern, die doch so recht nicht zu einer Elf-Register-Orgel passen. Das hat reale, der Qualität zugute kommenden Gründe. So weist der Sample-Satz zum größten Teil Mehrfach-Loops auf; manche davon in Neunfach-Ausführung, mindestens aber vier bis fünf. Zudem ist die Orgel tatsächlich mit 24 Bit Auflösung und 48kHz Abtastrate spielbar. Schließlich kommen zu der großzügigen Bemessung der Sample-Länge noch recht lange Nachhallanteile hinzu. Alle solche Eigenheiten kosten RAM und Rechnerleistung.
Um das Instrument dennoch auf vorhandenen Systemen spielen zu können, hat Brett Milan der DVD eine umfangreiche Tabelle beigegeben; sie beschreibt die Zusammenhänge zwischen Hauptspeicherbedarf und notwendigen Sparmaßmahmen. Hat man 3 GByte RAM, gibt es keinerlei Einschränkungen. Nötigenfalls ist das Instrument bei Einsatz aller Deaktivierungsoptionen auch mit 640 MByte Speicher zu spielen. Das muss - und hier sei es nochmals betont - das Spielvergnügen an diesem Röthaer Kleinod nicht im Geringsten schmälern. Das der Sample-Satz verschlüsselt ist, muss er für den im HW-Prgramm sowieso notwendigen Dongle freigeschaltet werfen; erfahrungsgemäß ist diese Prozedur auf zwei E-Mails und den Aufruf des Installers beschränkt. Irgendwelche Inaktivierung von Optionen gibt es nicht.
Ein nicht einfach zu lösendes Problem bei jeder gesampelten Orgel ist die Festlegung ihres Raumanteils. In der Marienkirche selbst sind Kirchengewölbe und Orgelabstrahlung perfekt aufeinander abgestimmt - eine der Stärken Gottfried Silbermanns. Auch die Übertragung in die digitale Klangebene ist gelungen, geht man danach, dass sich beim Spielen über Kopfhörer überraschend schnell das Gefühl einstellt, unmittelbar in den Kirchenraum an eine optimale Hörposition versetzt worden zu sein. Das mag auch daran liegen, dass die volle Basisbreite ausgenutzt wurde; bei Lautsprecherwiedergabe sind die verschiedenen Windladen noch etwas deutlicher zu orten.
Der Fotorealismus enthüllt es deutlich: Die Orgel müsste längst gründlich überholt werden; es ist daher verständlich, wenn Brett Milan mehrmals dazu auffordert, der Pfarrgemeinde Rötha eine Spende zukommen zu lassen.

Angaben zur Disposition, MP3-Demos, Bilder und Zusatzinformationen der Marienorgel enthalten die oben angegebenen Webseiten von Milan Digital Audio.

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