Die Orgel der Eglise Collegiale in Roquemaure
Bei dem Begriff "Orgeln in Frankreich", denkt man wohl meist an die Instrumente des Aristide Cavaillé-Coll, die stellvertretend für eine ganze Bauepoche sind. Dennoch gibt es auch Schätze zu entdecken, die fast zwei Jahrhunderte zuvor entstanden; dazu gehört die Orgel von Roquemaure/Languedoc in Südfrankreich. Sie wird uns nun durch OrganArt Media per Hauptwerk ins Heim gebracht. Das ursprünglich für eine Kirche in Avignon konzipierte Instrument steht in der aus dem Jahr 1390 stammenden Eglise Collegiale in Roquemaure und wurde 1690 von den Orgelbauern und Gebrüdern Jullien, Marseille, gebaut. Das Dorf Roquemaure liegt am rechten Ufer der Rhône, etwa 15km von Avignon entfernt.
Das Originalinstrument hat 18 Register, zwei Manuale für Hauptwerk (Grand orgue) und Hinterwerk (Récit) mit gegenüber modernen Orgel eingeschränktem Tonumfang. Das acht Töne umfassende, fest an das Hauptwerk gekoppelte Stummelpedal (s. Abb.) erstreckt sich mit c bis H nicht einmal über eine Oktave. Bei einigen Registern im Hauptwerk-Manual ist eine Teilung in basses/dessus wirksam, andere laufen über den gesamten Umfang durch. Im Récit sind Bourdon 8' und Flûte 4' ständig ein; ein Cornet 3f. ist zuschaltbar.
Die Anlage der Orgel folgt dem spanischen Stil mit getrennten Laden für Bass- und Diskantteil. So ist die eng mensurierte "Tierce" eine Rarität in französische Orgeln des 18. Jh. Kraftvolle und charakteristische Zungenstimmen mit vorzüglicher Verschmelzungsfähigkeit erlauben die Interpretation sowohl spanischer als auch französischer und sogar italienischer Barockkompositionen. Nach der Restaurierung in den Jahren 1988-89, die auch das Gehäuse umfasste, präsentiert sich das Instrument mit seinem gut erhaltenen Pfeifenmaterial insgesamt in vorzüglichem Zustand. Weitere Details gibt es auf den Webseiten von Prof. Maier und den weiterführenden Links.

Um ein Urteil vorwegzunehmen: Gesamtbalance des Instrumentes, umgebender Originalraum und seine Einbeziehung in den Samplesatz für HW1 bilden ein Ensemble, von dessen Vorzügen man sich schnell überzeugen lässt. Dieser Satz zeigt anschaulich, dass das Aufbereiten von Orgeln für Hauptwerk handwerkliches Können ganz eigener Art voraussetzt - weder ist dies das Metier eines Orgelbauers, Intonateurs noch eines Tonregisseurs für CD-Aufnahmen. Damit passt eine solche Sampling-Aktivität so recht in unsere elektronik-bestimmte Zeit (und rechtfertigt, nebenbei gesagt, auch den Preis für die Orgel-Übertragung).

Virtueller Spieltisch des OriginalsErweiterte VersionPedal beim Vorbild

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Schon von ihrer Disposition her wird klar, dass die originale Orgel mit ihrem eingeschränkten Tonumfang nur das Spielen von besonders ausgewähltem Repertoire zulässt. Andererseits sind die Registerkombinationen so vielseitig, dass Prof. Maier die in Hauptwerk gegebenen Möglichkeiten zur Modfikation ausnutzte und sich für eine erweiterte Version entschloss. Das Resultat rechtfertigt wohl diese Entscheidung völlig.
Die erweiterte Fassung hat im Hauptwerk einen Tonumfang von C - d3 (original C, D, D# - c3, mit Trennung zwischen Bass und Diskant beim d#1); das Hinterwerk g - d3 (original c1 - c3). Das Pedal wurde auf den Umfang C - d1 erweitert. Das Instrument ist auf "französisch-barocke" Temperatur mit a1=415 Hz (- 3Cents) gestimmt. Einige Einarbeitung dürfte der virtuelle Spieltisch erfordern; er folgt dem des Vorbildes. Die Bassregister befinden sich links, Diskantregister rechts, wobei die ständig eingeschalteten Stimmen im Récit nicht angezeigt werden. Die angedeuteten Manuale gehören zur Standardeinstellung für Spieltische und berücksichtigen die fehlenden Töne des Vorbildes nicht.
Erst eine nach Hauptwerk 2.10 übertragene Fassung wird die Nachtigall (Rossignol) zum Leben erwecken. Trakturgeräusche sind am PC mit F12 abzustellen. Wie üblich, erzeugt der Tremulant (Tremblant) in der gegenwärtigen HW-Version nur Amplitudenmodulation. Der Bedarf an RAM hängt natürlich linear von der Größe der Orgel ab; so benötigt die originale Fassung mit ihrem verringerten Tastenumfang 1040 MByte freies RAM und die erweiterte Version 1180 MByte in HW1.
Wer den Sample-Satz erwirbt, bekommt ein in sich stimmiges Instrument, das besonders beim Umfang der Zungenregister das aufweisen kann, was man beim sächsischen Silbermann gemeinhin vermisst. Spezialisten mögen prüfen, ob der erweiterte Tonumfang bereits für die "deutsche" barocke Literatur ausreicht. Was man dafür zunächst tatsächlich vermisst, ist eine engmensurierte 8'-Stimme im Pedal - natürlich hieße eine solche Änderung, gegen den Gedanken der authentischen Übertragung zu verstoßen...
Um alle klanglichen Facetten der Freres-Jullien-Orgel auszuschöpfen, dürfte manche Einarbeitungsstunde nötig sein. Die MP3-Beispiele, alle gespielt mit HW1, auf den Webseiten von OrganArts Media umfassen Werke von Bach, Buxtehude, Dandrieu, DeGrigny, Frescobaldi und Soler. Dabei zeigt es sich beim Vergleich mit dem Sample-Satz, dass selbst eine Datenrate von 160kb/s nicht ausreicht, um Artefakte in den feinziselierten Zungenstimmen zu unterdrücken. Vielleicht könnte Prof. Maier statt den Samplesatz auf einer CD-ROM zu veröffentlichen, dazu eine DVD-ROM verwenden und die Beispielwerke als unkomprimierte Dateien mitliefern?

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