Die Father Willis-Orgel der Salisbury Cathedral

Salisbury in der englischen Grafschaft Wiltshire ist nur einige Minuten entfernt von Stonehenge, dem großen und rätselhaften Denkmal Großbrittaniens aus prähistorischer Zeit. Die Kathedrale der Stadt wurde als eines der wenigen mittelalterlichen Bauwerke ohne Unterbrechung innerhalb von 38 Jahren von 1220 bis 1258 erbaut. Mit ihren Spitzbögen und der kunstvoll verzierten Westfassade ist sie ein eindrucksvolles unverfälschtes Zeugnis der Frühgotik. 123 Meter Höhe hat der später hinzugefügte Turm; er ist der höchste Englands. In der Kathedrale befindet sich eines der vier noch erhaltenen Exemplare der Magna Carta, ein Freibrief, der dem Adel (und der Kirche als Institution) ursprünglich unantastbare Rechte gegenüber der Krone zusicherte und von dem sich Teile in der Verfassung der USA wiederfinden.
Im Jahre 1877 installierte man eine der größten und bekanntesten Pfeifenorgeln Britanniens, erbaut von Henry "Father" Willis, dem renommiertesten Orgelbauer der viktorianischen Ära. Merkwürdigerweise gibt es keinerlei Angaben über etwaige Vorgängerorgeln. Das Instrument hat 61 Ranks mit 65 daraus abgeleiteten Registern, vier Manuale und Pedale. Die beiden sich gegenüber stehenden Hauptgehäuse befinden sich an der Nord- (Haupt- und Solowerk) und der Südwand (Schwell- und Chorwerk) des Chorraumes, wobei die Pedalpfeifen auf beide Seiten vereteilt sind. Ein weiteres Gehäuse im Querschiff enthält die 32'-Stimmen, während der abgesetzte Spieltisch auf einer Empore auf der Südseite ist.
Willi's Firma hatte von der Mitte des 19. Jh. die Technik des Orgelbaus um einige wichtige Erfindungen bereichert; so gehen beispielsweise daumenbetätigte Setzer, Barkerhebel (eine Art pneumatisch angetriebener Kraftverstärker) und pneumatisch betätigte Register neben vielen anderen Neuerungen auf sie zurück. Ein gut gehütetes Geheimnis ist der oft nachgeahmte, aber von anderen Orgelbauern nie erreichte Mensurierungsverlauf von Labialpfeifen mit seinen ausgesprochen glatten Übergängen innerhalb des gesamten Tonumfangs.

Am Original hat man über die Jahre nur die notwendigen Wartungsarbeiten vorgenommen; 1933 stellte Willis auf eine moderne Traktur mit abgesetztem Spieltisch um. 1969 wurde das Instrument (ebenfalls noch von Willis) renoviert; dabei ging es im Wesentlichen um Neu-Belederung und Reinigung.
Im Jahre 1978 nahm man eine Erneuerung der Spieltischmechanik und des elektrisches System vor, 1993 erfolgte dann eine komplette Überholung einschließlich der Bälge. 2006 erhielt der Spieltisch neue Manuale und eine neues Setzersystem. Bemerkenswerterweise waren keine Eingriffe in die Pfeifensubstanz nötig. Selbst die Stimmvorgänge an entsprechenden Pfeifen erfolgen nach wie vor per Stimmhorn - eine Methode, die stabile Stimmungsverhältnisse schafft, aber nicht ausgesprochen materialschonend ist.
Nun hat sich Milan Digital Audio dieses Instruments angenommen und begonnen, es ins Virtuelle (ab HW 3.2) zu übertragen. Wegen des Umfangs der Nachbearbeitung sind drei Teile geplant, von der erste hier in einer raumbezogenenen Fassung (wet) vorliegt. Ganz offensichtlich hat sich Brett Milan schon einige Zeit mit Sorgfalt der Übertragung von Instrumenten in stark halliger Umgebung (hier etwa 5 s) gewidmet. Er dürfte in der Kathedrale von Salisbury einer besonderen Herausforderung in Bezug auf Sample-Aufzeichnung und Post-Production begegnet sein, geht es doch hier um eine recht ungewöhnliche räumliche Verteilung der einzelnen Orgelwerke in einem ausgesprochen großflächigen, an Rückwürfen reichen und vielfältig gegliedertem Raum.
Deutlichen Einfluss auf den Charakter des Nachhalls im originalen Ambiente wie auch im Sample-Satz hat das für die englische Frühgotik typische gestreckte Langhaus (Gesamtlänge etwa 135 m, Höhe 25 m) in dreischiffiger Architektur, während die Querschiffe beide zweischiffig angelegt sind. Freilich macht genau dies den klanglichen Reiz der Willis-Orgel als Vorbild der Übertragung aus, die man in HW zwar kaum je so authentisch mehrdimensional hören dürfte wie in der Kirche selbst. Dennoch zeigt der Sample-Satz, dass sich auch im Virtuellen sowohl eine überzeugende Balance innerhalb des beim Original aus drei Quellorten kommenden Pfeifenklangs als auch mit der akustischen Umgebung schaffen lässt; dies betrifft auch die Gewichtung von Zungen- und Labialstimmen untereinander.
Einzelheiten zur Orgel einschließlich ihrer Disposition finden sich unter http://www.salisburycathedral.org.uk/music.technical.php. Die erste Teillieferung ist auf drei DVD-ROMs mit zusammen über 12 GByte an Daten (einschließlich der ODF) erhältlich; Hauptwerk in der Basic oder Advanced Edition stellt die Grundvoraussetzung für das Spielen dar. Natürlich sind alle fortgeschrittenen Eigenschaften/Funktionen von HW neben dem Spielformat 24 Bit/48 kHz hier verfügbar: Lange Samples (bis zu 10 s), polyphon aufgezeichnet mit Mehrfach-Ausklingphasen (staccato, portato, langer Ausklang) und teilweise sechsfachen Multi-Loops versehen - alles bereits Standard, den man wohl kaum noch erwähnen muss. Das Sampling umfasst auch alle orgeltypischen Nebengeräusche und ist in der Originalstimmung des Instruments von a = 446 aufgezeichnet und enthält alle Zufallsabweichungen der Stimmung.
Milan Digital Audio bietet diesen dongle-geschützen Sample-Satz außerdem zum Herunterladen an - eine Option, die bei DSL-Verbindungen schnelle Verfügbarkeit sicher stellt, aber entsprechende Ladezeiten (am besten über Nacht) bedingt. Der eindrucksvolle Umfang des Instruments wird auch am Speicherbedarf erkennbar: Er beginnt, wenn man die der vorzüglichen Sample-Qualität der Orgel qualitativ nicht gerecht werdende 14-Bit-Option außer Betracht lässt, bei 2,69 GByte (16 Bit, Kompression ein, nur eine Loop) und steigert sich bis zu 11,67 GByte bei voller 24-Bit-Qualität, Kompression aus, Mehrfach-Loops. Allerdings kann man durch Laden in Mono und/oder Abschalten von Registern noch Spielraum gewinnen. Jedenfalls ist der Sample-Satz nicht für ausgesprochene Economy-Rechner gedacht. Wer sich die virtuelle Orgel anzuschaffen gedenkt, sollte sich daher über die Anforderungen an den HW-Rechner, seine Audio-Peripherie und sonstige Ausstattung auf den Milan'schen Seiten vorher ansehen.
Wie auch nach und nach bei anderen Sample-Sätzen üblich, wird der Tremulant-Efffekt nicht synthetisch durch Modellierung des 'glatten' Pfeifentones erzeugt, sondern gleich in modulierter Form (OST, Orginal Sampled Tremulants) aufgezeichnet. Das hat den Vorteil ausgesprochener Realitätstreue, wird jedoch mit weitgehend festen Parametern erkauft - kaum ein Nachteil, wenn der oder die Tremulanten beim Original stimmig sind. Die zusätzlichen Samples - alle Pfeifen im Solo-Werk, alle Zungenregister von Schwell- und Chorwerk sowie die Vox Angelica im Schwellwerk - vergrößern natürlich den Datenumfang.
Dem Umfang dieser ersten Teillieferung angemessen, hat man nur ein Fenster für den virtuellen Spieltisch vorgesehen; die noch nicht vorhandenen Register werden durch die fehlende Beschriftung der zugehörigen Manubrien gekennzeichnet. Angenehm fallen die klar ersichtliche Zuordnung der fünf Werke und die Unterscheidbarkeit zwischen gezogenen und abgeworfenen Registern auf. Um die wesentlichen Bedienelement unterzubringen, hat man auf die Darstellung von Manualen, Pedal sowie Schwellern für Solo- und Schwellwerk zwar verzichtet; diese sind jedoch dennoch per MIDI-Befehl aktiv ansteuerbar und zeigen ihren Status mit einer LED-Kette an. Damit man trotz der fehlenden Manual- und Pedaldarstellungen ihre Funktion überprüfen kann, werden die MIDI-Aktivitäten jeweils durch Leuchtdioden (links unten im Fenster) signalisiert.

Virtueller Gesamtspieltisch, Lieferg. 1Eine der Teilorgeln im Chorraum

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Getreu dem Original lässt der virtuelle Spieltisch die durch pneumatische Steuerung und elektrische Relaisbetätigung (Solid State) deutlich erweiterten Optionen für die Spielhilfen erkennen; sie wären bei einer rein mechanisch aufgebauten Orgel nicht zu realisieren. Dabei wurde von vorn herein die Absicht verwirklicht, dem Nutzer den Umgang mit dem später einmal kompletten Instrument ohne Änderung zu erleichtern; dies betrifft vor allem den Gebrauch der Koppeln - ein bei ihrer reichlich vorhandenen Anzahl nicht genug zu schätzende Maßnahme. Aus diesem Grunde sind auch beim noch unbestückten Chorwerk alle zugehörigen Koppeln schon vorhanden. Das bringt mit sich, dass der Nutzer ein viertes Manual für das Chorwerk einsetzen kann; koppelt man die anderen Werke dann an dieses Manual, so lassen sich alle in Teil 1 vorhandenen Register von diesem Manual aus erreichen.
Die Phalanx der Setzer im Fenstermittelfeld dient dazu, eine solch umfangreiches Instrument für das Live-Spiel so vorzuprogrammieren, dass keine Registranten benötigt werden. Diese Besprechung kann im folgenden nur einen knappen Überblick geben, denn ein Studium der recht umfangreichen Konstellationen ist sehr angeraten, wenn man die Spielhifen des Sample-Satzes voll ausnutzen möchte. Mit 0 (Null) markierte Setzer sind werksbezogene Rücksteller; sie wirken nur auf die für ein Werk gewählten Register. Sog. Umschaltsetzer (Reversible Pistons) ändern bei jedem Drücken den Status des entsprechenden Registers oder der Koppel.
Die Setzer-Anordnungen (markiert jeweil 0 bis 8) haben, angefangen mit der obersten Reihe, folgende Bedeutungen: (1) Werkübergreifende Setzer mit Nullsteller; (2) Solowerk mit Nullsteller und Umschalter für Hauptwerk an Solo, Solo an Pedal; (3) Schwellwerk mit Nullsteller und Umschalter für Solowerk an Schwellwerk, Solo an Pedal; (4) Hauptwerk mit Nullsteller und Umschalter für Solowerk an Hauptwerk, Chorwerk an Hauptwerk, Schwellwerk an Hauptwerk, Hauptwerk an Pedal; rechts davon abgesetzt ein Koppelsetzer, um die Trompetenstimme des Hauptwerks mit dem Chor-Manual spielen zu können sowie ein spezieller Setzerknopf, mit dem sich entweder alle Koppeln abschalten oder eine bestimmte vorgewählte Kombination aktivieren lässt. Immer finden weitere Interaktionen statt, die bereits aktivierte Register beeinflussen. (5) Die unterste Anordnung bezieht sich auf das Chorwerk samt Nullsteller, Solo an Chor, Schwellwerk an Chor, Chorwerk an Pedal, Generalabsteller und Lade-Aktivierung (L).
Damit nicht genug; eine Reihe von Fußpistons erlaubt das Einschalten des Diapason (Prinzipal) 32', das Koppeln von Hauptwerk und Pedal sowie die Deaktivierung aller Pedalregister. In der Reihe der 16 Fußtritte werden in der linken Gruppe entweder die acht Setzer des Schwellwerkes oder die werkübergreifenden Setzer aktiviert, sofern das allgemeine Register für Fußpistons im rechten Registerfeld aktiv ist. Die rechte Gruppe dupliziert die werkbezogenen Setzer. Im rechten Registerfeld ist noch ein weiteres Setzer/Register mit der Bezeichnung GT & PED COMBS COUPLED angeordnet; es erlaubt, die zum Pedal gehörenden Fußpistons entweder auf die Werkssetzer des Pedals als auch auf die des Hauptwerks umzusteuern.
Eine ausführliche Beschreibung der am oberen Spieltischrand angeordneten Reihen der 34 Koppeln würde den Rahmen dieses Beitrags bei weitem sprengen. Anders als die Züge beim Original sind sie hier aus Platzgründen als Wippen dargestellt. Ihr logischer Aufbau und die gut lesbare Beschriftung mildern den Nachteil der etwas kleinen Abmessungen. Abhilfe kann nur eine Zwei-Bildschirm-Option mit ausgedehnter Display-Fläche schaffen, wie sie für spätere Teillieferungen vorgesehen ist. Selbstverständlich sind neben den Normal-, auch Intramanual- und Intermanualkoppeln vorhanden, außerdem zwei bei Vorbild nicht vorhandene, die die Great Trumpet 8' an Chor- und Solo-Manual anhängen. Hinzu kommen noch die drei in den Registerfeldern vorhandenen. Mit den Koppeln - darauf wird auch in der Bedienungsanleitung hingewiesen - wird sich ein zukünftiger Nutzer des Father-Willlis-Satzes besonders intensiv beschäftigen müssen, zumal auch noch vielfache Verkettung quer durch alle Werke mit Hilfe der Setzer möglich ist, so dass sie sich anders verhalten als bei einzelnem individuellen Einsatz.
Der bei der Vorbildorgel vorhandene Kombinations-Sequenzer, hier Stepper genannt, wird im Sample-Satz durch das programmeigene Fortschaltungssystem ersetzt und fügt sich daher in die Gestaltung vieler anderer HW-Instrumente ein. Die Salisbury Cathedral kann sich rühmen, die älteste funktionierende Kirchturmuhr in Großbritannien zu beherbergen, wenn sie auch einige Jahrhunderte vergessen in einem Nebenraum lag. Sie wird im Spieltischfenster nicht angezeigt, ist jedoch über die Konfiguration einer nicht verwendete Manual- oder Pedaltaste in Betrieb zu nehmen. Die Lautstärke des Glockenschlags lässt sich per Intonationsfenster bequem einstellen.
Über den Sample-Satz gibt es bereits Urteile von Besitzern des Sample-Satzes, die mit Kirche, Orgel und Orgelklang offensichtlich gut vertraut sind, immerhin stellt das Instrument ohne Zweifel eine Attraktion in der englischen Orgellandschaft dar. Alle bestätigen, dass die Übertragung nach Hauptwerk gut gelungen ist, und dies sowohl beim 'Einfangen' der Register, ihre Balance untereinander und die Einbettung in den Kirchenraum. Diese ist möglicherweise wegen der hörbaren Ausgleichsvorgänge der abgestrahlten Energie, besonders bei lautem Nachklang aufgrund der angekoppelten Räume, ein ganz klein wenig gewöhnungsbedürftig, aber meist maskiert und daher keinesfalls störend und - mit Verlaub gesagt - die Klangtransparenz bei weitem nicht so trübend wie z. B. die Mutin-CC-Orgel von Metz. Per Intonation lassen sich auch gewisse Energierbäuche im Open Diapson 2 des Hauptwerks im Zaume halten.
Wer ganz schnell einen Eindruck von der Dynamik der virtuellen Orgel mit ihrer beeindruckenden, französischen Großorgeln nicht nachstehenden Farbenvielfalt (die schon mit dieser Teillieferung zu erzeugen ist) und ihrer gelungenen Interaktion mit dem Ambiente gewinnen möchte, braucht nicht lange zu suchen: Unter den im Netz vorhandenen Demo-Clips von Brett Milan, eingespielt von Daniel Cook, Hausorganist der Kathedrale, gibt es eine von ihm eingespielte Improvisation; bereits sie dürfte wesentliche Elemente enthalten, die man für ein Urteil braucht; da können die weiteren Beispiele nur zur Festigung beitragen.
Für optimalen Wiedergabegenuss über Lautsprecher wird man an mehrkanaliger Abstrahlung nicht vorbei kommen, wobei die reichlich vorhandenen Tieftonregister - nicht zu vergessen der 32'-Prinzipal (Double Diapason) im Pedal - geradezu nach einem Subwoofer rufen. Nachbarschaftfreundlicher ist da sicher ein guter Kopfhörer.
MDA bietet mit dem Herunterladen der Testversion einen empfehlenswerten Weg zu einem eigenen, aktiv erlangten Urteil. Diese ist kompatibel mit allen Probeeditionen von Hauptwerk Basic und Advanced sowie selbst der Free Version von Hauptwerk - also mit minimalem Aufwand zugänglich. Eine Bewertung sollte trotz einiger Einschränkungen möglich sein; sie werden wohl das Spielen von 'richtigem' Repertoire nicht zulassen, aber ein Gefühl für das Instrument und seinen Klang vermittlen. Dazu gehören der auf zwei Oktaven begrenzte Tonumfang der Manuale und des Pedal, die Deaktivierung einiger Koppeln, keine Intonation, keine Glocken, keine Abschaltung der Release-Teile. Wer die Free Version mit ihrem RAM-Begrenzungen benutzt, wird entweder einige Register abschalten bzw. auf Einzel-Loops verzichten oder andere Sparmaßnahmen vornehmen müssen.
Wahrscheinlich ist die Markteinführung des Sample-Satzes mit einer Weltpremiere verbunden: Zum ersten Mal wird Hauptwerk wegen Wartungsarbeiten an der Father-Willis-Orgel als elektronische Interimslösung einige Wochen lang das Original ablösen. Auf diese Weise sind immerhin 21 Register (und noch weitere Sample-Sätze) mit Hilfe einer aufwändigen Lautsprecheranordnung zum Klingen zu bringen. Es dürfte dabei kaum Zweifel geben, dass Daniel Wood sich mit der virtuellen Fassung ohne Probleme zurecht findet, er spielt 'seine' Orgel in Hauptwerk schon längst bei sich zu Hause.

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