Die Bosch-Orgel in Santanyi/Mallorca
Unter den mallorcinischen Orgeln wird das von Jordi Bosch im Jahre 1762 errichtete Instrument mit zwei Manualen und 40 geteilten Registern als wahre Kostbarkeit angesehen. Der groß angelegte und reich dekorierte Prospekt repräsentiert den Geist einer imperialen Zeitepoche und gleichzeitig das am besten erhaltene Opus des Orgelbauers aus Mallorca. Typisch für die Orgelbauschule der Insel ist die nicht weniger als neun Ranks (Pfeifenreihen) umfassende 'Trompeteria' (Bombardwerk), die ihren Klang dank der fächerartig gespreizten Anordnung in alle Winkel der Kirche abstrahlt - Baixon nach Osten und Trompa magna nach Westen. Jiri Zurek von Sonus Paradisi bietet den Sample-Satz der Orgel für HW 2 an; er ist aber auch für HW 1 noch im Programm.
Oberhalb des Organisten gibt es noch die beiden horizontal postitionierten Ranks Regalies und Dolcaina als Zungenregister mit kurzen Schallbechern. Die Grand Orgue beruht auf Flautat maior - einem anders als der Name vermuten lässt, weitmensurierten Prinzipal, der dem Plenum einem warmes und sonores Fundament verleiht. Wer ahnt beim Anblick des Kastens schon, dass er die größte Mixtur (Ple) der Welt enthält; sie besteht aus 22 Ranks im Bass und 25 im Diskant mit insgesamt nicht weniger als 1104 Pfeifen! Um der klanglichen Wirkung willen steht sie auf einer separaten Windlade mit Einzelkondukten von je 2,5 Metern Länge. Jiri Zurek bezeichnet sie als 'wundervolles Monstrum'.
Nicht sichtbar im 1873 ergänzten Orgelpositiv (Cadireta) steht die schalmei-ähnliche Saboiana zusammen mit anderen typischen Farben wie Nasards oder Corneta, Flautat tapad (eine Rohrflöte), einige Aliquoten wie Dinovena und Siurell. Es gibt Register wie Bordo, ähnlich einem Rohrgedeckt, die das erste Mal in der Orgelbautradition der Insel verwendet wurden. Die in Bass- und Diskant aufgeteilten Windladen bieten dem Organisten reiche Ausdrucksmöglichkeiten durch die Wahl der Registerkombinationen.
Der Orgelbauer Jordi Bosch war bei einigen Innovationen seinen europäischen Kollegen um zwei Generationen voraus; er erfand doppelte Windladen, Einzelabsteller (später 'Appels' genannt), Bälge mit Druckkompensation und mehr.

Nicht wenige Forscher stellen seinen Einfluss auf Aristide Cavaillé-Coll heraus, der Boschs 1778 errichtete Orgel im königlichen Palast zu Madrid studiert haben könnte. Eigentlich hatte der mallorcinische Meister das Instrument im Alter von 26 Jahren für das Kloster Santo Domingo in Palma gebaut. Erst nach dessen Auflösung 1837 transportierte man es nach Santanyi, wo es bis heute steht. Im Jahre 1985 erfuhr das Instrument eine sorgfältige Restaurierung. Mehr über seine Geschichte ist unter http://www.sonusparadisi.cz/organs/santanyi/history.0.asp zu erfahren. So hatte die ursprüngliche Orgel wahrscheinlich drei Manuale, musste aber wegen des Kirchenraums in Santanyi verkleinert werden. Die beiden geteilten und vorhandenen Manuale sind den Werken Grand Orgue und Rückpositiv zu geordnet. Viele Details zum Schaffen Jordi Boschs und Beschreibungen der Register enthält ein Beitrag von Gerhard Grenzing .

Virtueller Spieltisch...und Intonationsfenster der Orgel

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Die Darstellung des virtuellen Spieltisches hält sich bei den Registern offensichtlich sehr nahe an das Vorbild, zu sehen an den unterschiedlichen Manubrien, dem leeren Platz und den nicht gerade attraktiven Beschriftungen. Hier zeigt sich, dass ein die Gemeinde beeindruckendes Instrumenten-Äußeres durchaus nicht immer mit einem gepflegten Arbeitsplatz für den Organisten einher gehen muss. Die vergrößerte Darstellung entspricht exakt den Bildschirmdimensionen, wie sie der Sample-Satz hat. Hier wäre eine etwas bessere Ausnutzung der Bildschirmfläche sicher angebracht, freilich hätte eine Änderung des Seitenverhältnisses eine andere Aufgliederung der Manubrien bedingt. Die neun Setzerknöpfe und der Kombinations-Speichersetzer (C) sind beim Vorbild nicht vorhanden; sie existieren nur in der digitalen Übertragung.
Beide Manuale sind bei dem mittleren c/cis geteilt. Wie man erkennen kann, hat das Pedal nur knopfartige Tritte; sie umfassen die Töne C, D, E, F, G, A, Ais, H. Auf einem Vollpedal sind dies die Tasten der oberen Oktave. Vielleicht hätte man den Tonumfang ähnlich wie bei der Maierschen Frechilla-Orgel wahlweise auf die untere Oktave umlegen sollen, damit sie besser erreichbar sind. Zwei weitere Knöpfe dienen mit Hilfe von mehreren sehr tiefen und gegeneinander verstimmten Pfeifen als Terratrèmol zur akustischen Nachahmung eines Erdbebens. In der Umsetzung auf das Vollpedal liegen sie ober- und unterhalb des von C bis H.
Da im Rahmen dieser Besprechung nicht auf alle Register mit ihren spanischen Namen und den annähernden Entsprechungen eingegangen werden kann, empfiehlt es sich, die Disposition auf den Sonus Paradisi-Seiten anzusehen (zu finden unter der sehr schwach lesbaren Bezeichnung 'Screenshots, Updates'). Recht selten ist die Flauto doble in der Grand orgue, ein 8'-Schwebungsregister mit nachthorn-ähnlicher 'mystischer' Farbe, aber anders als eine Schwebung etwa von Cavallie-Coll.
Der Sample-Satz hat einen gegenüber dem Original erweiterten Tonumfang beider Manuale von 49 Tönen durch ein digital abgeleitetes unteres Cis. Wie schon bei anderen Sample-Sätzen von Jiri Zurek gibt es hier ein separates Fenster für die registerweise Intonation. Schon am schieren Dateninhalt der DVD von etwas über 2,9 GByte lässt sich erkennen, mit welcher RAM-Belegung man bei voller Ausnutzung aller Features des Satzes (24 Bit Auflösung, keine Kompression, Mehrfach-Loops aktiviert, volle Sample-Länge und alle Spielgeräusche hörbar) man rechnen muss: Es sind rund 3 GByte. Hier lässt sich mit den in Hauptwerk vorhandenen Optionen Einiges tun, um dennoch mit geringerem Speicherumfang auszukommen. Trotzdem ist selbst bei abgeschnittenen Hallphasen aller Samples unter 1,8 GByte freiem Speicher kein Laden möglich.
Wer ein oder zwei anschlagempfindliche Manuale (Velocity Keying) verwendet, kann sie dazu verwenden, die Ansprachgeräusche von Pfeifen abhängig von der Anschlagstärke bzw. -Geschwindigkeit zu steuern. Schwellkästen und damit einen Schweller gibt es bei dieser Orgel nicht, dafür aber die erwähnte Mammut-Mixtur Ple, die im Sample-Satz als Gesamtklang gesampelt wurde - ein Kunstgriff, der sich positiv bei Speicherbelegung und Polyphonie bemerkbar macht und zudem klangliche Vorteile hat. Die bei Tastendruck immer gemeinsam erklingenden Register Octava, Cornets and Nasards sind in der realen Welt ja kaum jemals perfekt untereinander gestimmt, so dass immer recht komplexe Schwebungen auftreten. Jiri Zurek meint, das diese ein wesentlicher Beitrag zur musikalischen Präsenz des Klanges leisten. Trotz der Massierung von Einzelranks fügt sich die Ple-Mixtur gerdazu vorbildlich in den Gesamtklang ein.
Zwar ist der Nachhall des Kirchenraumes von 4 bis 5 s nicht überhörbar, er tritt jedoch so gezähmt in Erscheinung, dass er auch bei polyphonie-betonten Werken nicht verwischt. Die Wirkungskette aus 24 Bit Sample-Auflösung - langer Nachhall - lange Samples/mehrere Layers führt dazu dass die Zeiten für Entpacken und Erstladung (sofern man einige Deaktivierungsoptionen einsetzt) mehrere Stunden beanspruchen. Man sollte sich daher bei der Installation auch auf einem hochmodernen Rechner mit schneller Festplatte in Geduld fassen. Die Ziel-Harddisk ist, falls sie nicht komplett leer ist, vorher zu defragementieren, um die Gefahr der Totalblockierung beim De-komprimieren der Orgel abzuwenden.
Zur Frage: "Welche Literatur spielt man auf einer solchen Orgel?" gibt es auf der Demo-Seite manchen Hinweis. Zunächst kann, wer gern der inhärenten Qualität des Sample-Satzes möglichst ohne Abstriche nahe kommen möchte, eine ganze CD mit Werken von Juan Bautista José Cabanilles als Bündel von wav-Dateien herunterladen, sofern man sich von den 683 MByte nicht abschrecken lässt. Dass hier Instrument und Werke zusammenpassen, dürfte außer Zweifel stehen. Auch die Kompositionen von Cabezon und anderer spanischer Meister sind ja mehr auf oder weniger auf die Disposition der Bosch-Orgel ausgerichtet.
Was aber sagen Puristen zur Wiedergabe von außerhalb Spaniens entstandener Literatur z. B. von Muffat, Pachelbel oder gar J. S. Bach? Hierzu gibt es die Stellungnahme des Musikwissenschaftlers Dr. Stuart Frankel, der einige recht überzeugende Argumente zugunsten "fremder" Werke ins Feld führen kann. Und was das eingeschränkte Pedal angeht, so war und ist es selbstverständliche Praxis, an seiner Stelle die Bassseite des Grand-Orgue-Manuals zu verwenden.
Selbst der "Grand Choeur Dialogué", die festliche Fanfare von Eugene Gigout (1844 bis 1925), lässt sich auf dem Santanyi-Instrument anhörenswert spielen, wenn auch die Zungen nicht den verhalten-singenden französichen Sound haben und beeindruckende Zungengravität französischen Stils im Pedal nicht erwartet werden kann. Ein Tipp: Alle heruntergeladenen Demo-Clips in einem speziellen Ordner speichern und WinAmp unter 'Play' dazu bringen, dessen Inhalt der Reihe nach abzuspielen. Dabei können Dateien beliebiger Formatierung durchaus gemischt sein. Wer neugierig auf das pfeifengenerierte Erdbeben ist, findet es in der Battalia famosa von einem anonymen Komponisten.
Sei noch erwähnt, dass es auch eine Fassung der Orgel für HW 1 gibt. Wer indessen die Einschränkungen gegenüber HW 2 zur Kenntnis nimmt, dürfte kaum zögern, sich für die Nachfolgeversion von Hauptwerk zu entscheiden, zumal das Windmodell für die Europäer freigeschaltet ist. Eine ausgesprochen repräsentative spanische Orgelpersönlichkeit in der eigenen Umgebung spielen zu lönnen - dank Hauptwerk und Sonus Paradisi kann man diese grenzüberschreitende Erfahrung machen.

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