Die pneumatische Sauer-Orgel in Dortmund-Dorstfeld (I)
Wer da glaubt, das Verschrotten und Einschmelzen von Orgeln vollzieht sich ausschließlich außerhalb Deutschlands, liegt falsch. Entsprechend einer Zeitungsnachricht vom 5. Dezember 2008 will der Evangelische Regionalverband Frankfurt bis 2011 aus Kostengründen 13 Kirchen und Gemeindehäuser schließen.
Was wird wohl mit den Orgeln geschehen, die sich nicht wieder als Instrument verkaufen lassen, sondern die leeren Kassen wenigstens zum Schrottwert etwas füllen sollen? Ihr Wert als Zeuge eines Zeitabschnitts mit ganz eigenständiger ästhetischer Ausprägung kunsthandwerklicher Fertigkeit und als Kulturgut ist für immer dahin.
Angesichts solcher demprimierender Nachrichten sollten wir froh und dankbar sein, wenn eine Orgel, die ausgesprochen charakteristisch für die spätromantische Stilepoche ist und zudem für die Blütezeit der beiden großen Hersteller Sauer und Walcker steht, ohne nennenswerte Schäden im Originalzustand erhalten blieb und spielbar ist.
Nicht nur dies: Hauptwerkfreunde können sich die dreimanualige pneumatische Orgel von Wilhelm Sauer, mit 40 klingenden Stimmen, erbaut 1904 und aufgestellt in Dortmund-Dorstfeld, nun als Sample-Satz ins Haus holen. Erstellt wurde er mit der nun schon gewohnten Penibilität bei der Übertragung von OrganArt Media unter der Leitung von Prof. Helmut Maier.

Dem Begleittext zu dem DVD-Satz und den entsprechenden Internetseiten von OrganArt Media lassen sich interessante Hintergrundinformationen (leider nur in Englisch) entnehmen, die hier auszugsweise wiedergegegeben werden. So war Wilhelm Sauer (1831-1916) eine Zeit lang Praktikant bei Eberhard Friedrich Walcker in Ludwigsburg und der Firma von Aristide Cavaillé-Coll. Dass er von dort viele Gestaltungsideen mitnahm, ist bei diesem Instrument unmittelbar zu spüren; es verleiht ihm einen ganz eigentümlichen Reiz. Nicht ohne Grund nannte man Wilhelm Sauer den "deutschen Cavaillé-Coll" - eine Persönlichkeit, die französische Gestaltungskonzepte in deutsche umformte.
Zu seiner aktiven Zeit hatte der Orgelbauer in Deutschland mit starken Schwierigkeiten zu kämpfen, weil es zu einem ungeschriebenen Gesetz gehörte, keine französisch orientierten Orgeln zu schaffen. Das betraf u. A. auch die große Orgel im Berliner Dom, erbaut nur ein Jahr nach der Dorstfelder. Diese "Französelei" war keineswegs eine neue Haltung; ihre Wurzeln gehen noch vor die Zeit der Okkupation durch Napoleon Anfang des 19. Jh zurück. Über viele Jahrzehnte wirkte sich solche völkische Polarisierung nicht nur auf den Orgelbau aus. Heute können wir derartige historische Fakten wertfrei und ohne polemische Vorbelastungen festhalten.
Auch in Orgelbaukreisen selbst halten sich irrige Meinungen unverhältnismäßig lange: 'Viel zu spät hat man den historischen und musikalischen Wert der Orgeln der Jahrhundertwende um 1900 erkannt. Lange wurden sie als Fabrikorgeln bezeichnet und mit Begriffen wie Verfall und Dekadenz belegt. Deshalb sind viele von ihnen verschwunden, oder man hat sie durch neue Instrumente ersetzt.' So formuliert beispielsweise die Firma Freiburger Orgelbau die heutige Situation.
Glücklicherweise überstand die Dortmunder Orgel neben den beiden Weltkriegen auch die Orgelbewegung mit ihren radikalen Veränderungsideen sowie einen Kirchenbrand. Es lässt sich nicht mehr feststellen, ob die Prospektpfeifen (Prinzipal 16') schon ursprünglich aus Zink bestanden oder erst im Zuge der Metallverwertung im ersten Weltkrieg ersetzt wurden. Im Vergleich zum zinnernen 8' ist allerdings kein klanglicher Verlust festzustellen, so dass man durchaus von Zink als der originalen Bestückung ausgehen darf.
Ebenso kann man annehmen, dass Sauer in Paris die Herstellung qualitativ hochwertiger überblasender Pfeifen erlernte. Ihr Klang passte so recht in das von Sauer angestrebte Konzept eines spätromatischen Orchesters, umgesetzt in eine Orgel. Diese lässt sich als ein Farbkasten auffassen, der dazu hilft, die erwünschten Tönungen durch additive Mischung zu erzeugen. Grundlage dafür sind eine umfangreiche Reihe von 8'-Registern. Mixturen sind zwar auch hier vorhanden, sie dienen allerdings nur als obere Abschluss einer Klangkrone, nie als führende Stimme. Sehr detailiierte Ausführungen sind unter www.aeoline.de nachzulesen.
Die persönliche Bekanntschaft Sauers mit Max Reger hat sich insofern auf das Instrument ausgewirkt, als dass es seinen klanglichen Intentionen besonders nahe kommt. Auf der großen Sauer-Orgel in Leipzig hat z. B. auch Karl Straube die großen Reger-Werke interpretiert. Der Komponist verlangt einen besonders großen Dynamikbereich von pppp bis zum ohrenbetäubenden ffff, abzudecken jedoch ohne Einbußen an Kangfarbe, und fordert wiederholt ein sehr differenziertes Piano, was nicht mit Schließen von Schwellern sondern mit differenzierten Stimmen bewerkstelligt werden soll - einer Gründe, warum es an 8'-Registern nicht mangelt (und warum diese Häufung keineswegs mit dem in der Stilepoche davor streng einzuhaltenden Äquallageverbot kollidierte).
Was den Pfeifenbestand der Dortmunder Orgel angeht, so ist er - abgesehen von Teilen der Superoktaven der Manualzungen (I - I/ 4') - mitsamt seiner Intonation original erhalten - eine Tatsache, die auch für die Nachhaltigkeit des pneumatischen Systems spricht. Aus diesem Grunde wird das Opus 915 häufig in seiner Tongebung als Referenz für Restaurationen anderer Orgeln herangezogen. Besonders gelobt werden die Modulationsfähigkeit der Grundstimmen (Prinzipal und Gambe ausgenommen), der klangliche Reiz der überblasenden Flötenstimmen, Ausdruckskraft des Cor Anglais und das Funkeln der Voix Celeste.
Nicht Jedermann wird sich mit einer solchen Orgel, deren Pneumatik-'Antrieb' außer für die Spieltraktur auch eine Reihe oft einzusetzender, programmierbarer Spielhilfen bereit stellt, auf Anhieb zurecht finden. Deshalb sei hier etwas ausführlicher daruf eingegangen. Zunächst erlaubt pneumatische Steuerung der Kegelventile, anders als bei üblichen c/c#-Teilung, eine beliebige Positionierung der Windladen. Da sie sich außderdem alle in einer Höhenebene befinden, lassen sich interessante Raum- und Fernwirkungen erzeugen, die selbstredend auch beim Sample-Satz uneingeschränkt vorhanden sind. Die Länge der Pneumatik-Leitungen erfordert allerdings ihren Tribut; so schwanken die (rein mechanischen) Ansprechzeiten zwischen 20 und 70 ms, sind jedoch beim virtuellen Instrument abschaltbar.
Die erwähnte feinstufige Veränderung der Dynamik ist umittelbarer Bestandteil der Interpretation und ließe sich ohnehin wegen der schnellen Wechsel nicht mehr durch Registranten auslösen. Bei der Sauer-Orgel erfolgt deshalb pneumatische Speicherung aller Handregister sowie der freien und festen Kombinationen. Werden Kombinationen verändert oder die Crescendo-Walze bewegt, bleiben die Handregister in ihrem Zustand - ein weiterer Hinweis, dass man bei dem Repertoire besser mit vorprogrammierten Kombinationen anstelle einer Einzelumschaltung der Stimmen arbeitet. Die Handregister haben mit 'HDR AB' einen eigenen Absteller. Ohne eingestellte Kombination sind die Handregister sonst aktiv.

Recht angenehm sind die drei festen Kombinationen Mezzoforte, Forte und Tutti, mit denen die Orgel ohne langes Probieren auch in Hauptwerk mal eben zum Klingen gebracht werden kann. Sie lösen sich gegenseitig aus, sind auch einzeln zurückzusetzen und werden durch Setzer unterhalb des ersten Manuals aktiviert. In der Übertragung nach Hauptwerk dient das Crescendo-Fenster neben denen der Crescendowalze und des Piano-Pedals (Piano hier als Lautstärke verstanden) zur beliebigen Festlegung der Einstellungen. Am Spieltisch des Vorbildes sind die Register in je zwei Gruppen rechts und links mit zwei verschiedenen Farben angeordnet.
Zur 'Programmierung' (dieser Begriff aus unseren Tagen sei auch hier erlaubt) der beiden freien pneumatischen Kombinationen (I/II) dienen kleine, farbig gekennzeichnete Kippschalter unterhalb der Handregister. Auch dafür gibt es Daumentaster unterhalb des ersten Manuals. Insgesamt herrscht eine ausgeklügelte Hierarchie der Bedienelemente: Bei Deaktivierung aller freien Kombinationen sind wieder die Handregister oder die von der Walze aktivierten wirksam. Sie hat in jedem Fall höchste Priorität.

Beim Original ist die Walze im Gegensatz zur HW-Orgel fest in 22 Stufen programmiert; wo man sich befindet, wird durch die kreisrunde Skala oberhalb des Firmenschildes angezeigt. Alles dies gibt es auch beim virtuellen Spieltisch, wobei die Crescendo-Programmierung auf der Bildschirmseite 'Crescendo' erfolgt. Die Walze ist immer in Betrieb, sofern sie nicht mit 'W ab' deaktiviert wird. Alles dies trägt zum ausgesprochen variablen Einsatz der Walze bei, da ihre Anfangs- und Endlautstärken in Verbindung mit Handregistern und freien Kombinationen zu regulieren und im Spiel weitere Register hinzuzufügen sind. Schaltet man mit 'W ab' die Walze ab und wieder ein, werden alle Register wirksam. In HW steht die Walze voreingestellt auf '0'.
Sechs Koppeln gibt es als Standardkoppeln, dabei haben Handregister und Daumenschalter eine ODER-Funktion, so dass sie erst dann vollständig deaktiviert sind, wenn bei abgeschaltet wurden. Die Oktavkoppel (Manual 1 4'' trägt die Bezeichnung 'Oct. Koppel'. Noch zwei weitere Spielhilfen gibt es: 'RW ab' schaltet unabhängig von Walze und Kombinationen alle Zungen ab. Außerdem gibt es - unabhängig von Walze und Kombinationen - das Piano Pedal.
Damit genug in der Beschreibung des Vorbildes. Der zweite Teil befasst sich mit seiner Übertragung nach Hauptwerk.

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