Die pneumatische Sauer-Orgel in Dortmund-Dorstfeld (II)
Wer die Führung in Teil I durch das Dortmunder Vorbild absolviert hat, dürfte keine Schwierigkeiten haben, sich beim virtuellen Gegenstück zurecht zu finden. Rufen wir uns noch einmal in Erinnerung, dass diese Orgel pneumatikunterstützt besonders für das Erreichen größtmöglicher Spieldynamik konzipiert wurde. Prof. Maier hat beim Umsetzen dieser Idee alle Bedienelemente in Farbe und Form soweit wie möglich dem originalen Spieltisch angepasst und zudem für optimale Betätigung auf mehrere Bildschirmfenster verteilt.
Das nebenstehende ist eines davon als 3D-Zusammenfassung; es stellt Art, Anzahl und Position dar und lässt Betätigung von Manual- sowie Pedaltasten zu. Ferner haben die unten in einer Reihe angeordneten virtuellen Druckschalter ebenso wie die ans Original angelehnten 92 pneumatischen Setzer-Kipphebel Ein/Aus-Funktion. Rücksteller der Kombinationen und Koppeln wurden weggelassen. Hier sei noch erwähnt, dass das rechte, leicht schräg stehende Pedal den nur auf das Schwellwerk wirkenden Schweller darstellt. Wer die Kipphebel bedienen möchte, kann das nur in diesem Fenster tun!
Eine gut erkennbare Großdarstellung, eingerichtet für einen 17-Zoll-TFT-Touchscreen, gibt es als eigenes Fenster. Hier sind dann alle Steuerelemente enthalten.

Die 92 Kipphebel des Hauptfensters werden auf diesem Bildschirm durch die HW-interne Speichereinrichtung abgelöst und zusammengefasst, so dass 16 Setzer plus Set/Cancel zur Verfügung stehen. Man kann zwar beide Systeme verwenden, muss dann allerdings die unterschiedlichen internen Abhängigkeiten der Spielhilfen beachten. Der wesentliche Unterschied ist, dass die von Hauptwerk bewirkte Speicherung die Registerwippen mit erfasst und auch bewegt. Eine elegante Modifikation: Wer zwei Touchscreens benutzen möchte, kann das mit wenigen Handgriffen durch Auftrennen des TFT-Fensters und entsprechendes Verteilen des Bildinhaltes tun.

(TFT-)Fenster mit Haupt-BedienelementenCrescendo-FensterWind-Control

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Im Crecendo-Fenster offenbart sich die Stärke der elektronischen Programmierung; hier lassen sich die Belegung von Walze, freien und festen Kombinationen blitzschnell per Mausklick einrichten - etwas, was die reale Orgel bis auf die freien Kombinationen nicht zu bieten vermag. Während die reale Walze nur 22 Stufen hat, offeriert OrganArt Media eine Erweiterung auf 24 Stufen, die von einer der Sample-Set-DVDs nachträglich installiert werden kann. Die Stufen 23 und 24 sind für die Einbeziehung der Superoktavkoppeln in die Walze vorgesehen.
Das Bildschirmfenster für die Windanzeige enthält neben der Suikatschen Darstellung der dynamischen Windverhältnisse aller vier Bälge noch Aktivierungselemente für Geräusche durch Wind, Traktur, Registertraktur und die Superoktave. Wer die nachgebildete Verzögerung durch die Pneumatik nicht mag, kann hier HW-eigene Verhältnisse mit eventuell deutlich geringerer Verzögerung schaffen.
Behutsamer Umgang mit den aufgenommenen Pfeifensamples ist ein Muss bei der Übertragung nach Hauptwerk. Stets gilt es zu entscheiden, welche Pfeife von der Ansprache her besser durch eine benachbarte ersetzt werden soll. Dennoch, so Prof Maier: "Alle typischen Unzulänglichkeiten, die den Charme des Instruments ausmachen, wie z.B. die verzögerte Ansprache von Zungen, die unterschiedliche Intonation von Pfeifen innerhalb eines Registers usw., wurden beibehalten und bewusst nicht korrigiert." Ohne mathematisch genaue Tonverhältnisse anzustreben, stimmte man alle Pfeifen virtuell nach. Die verbleibende Restungenauigkeit trägt zur Lebendigkeit des Klanges bei und ist mit den zufälligen, von HW erzeugten Verstimmung nicht zu realisieren.
Bie Sample-Originalaufzeichnung fand in Sechskanaltechnik im Format 24 Bit/48 kHz statt; alle Samples enthalten bis zu neun Loops. Selbstverständlich wird auch Multi-Release-Technik eingesetzt. Ihre drei Abstufungen vermeiden akustische Nebeneffekte beim Wechsel schneller Noten - wegen des deutlichen Nachhalls hier eine unbedingt notwendige Maßnahme.
Wie bei jeder Hauptwerk-Orgel ist der Bedarf an Hauptspeicher erfahrungsgemäß ein wichtiges Kriterium für die Kaufentscheidung. Ohne die betriebssystem-eigene RAM-Belegung einzubeziehen, bewegt sich der Speicherbedarf zwischen 7,3 GByte (24 Bit, alle Loops, aber Kompression) und 3,6 GByte (16 Bit, single Loop). Als Prozessor sollte ein mit 2 GHz getakteter Dual-Core-Prozessor ausreichen. Angaben für die Mac-Plattform wurden nicht gemacht.
Auf die Frage, für welche Literatur sich das Instrument besonders eignet, gibt vor allem die Zusammenstellung der Demo-Clips eine Antwort, und man sollte sie sich unbedingt anhören. Gespielt werden Werke (viele davon live in Hauptwerk vom niederländischen Organsten Anton Doornhein ) von Mendelssohn, Liszt, Franck, Brahms, Reger, Karg-Elert, Vierne und - als Exkursion in das Jahrhundert davor - auch die Choralbearbeitung BWV601. Erfreulicherweise sind die verwendeten Registrierungen bis auf wenige Ausnahmen aufgeführt. Die Zungenstimmen verleihen der Komposition Bachs einen Touch Färbung des elsässischen Silbermann.
Zu den klanglichen Eigenschaften: Die grundsätzliche Charakteristik des Vorbildes nahm bereits im ersten Teil gebührenden Platz ein. Wer Gelegenheit hat, sich mit dem virtuellen Gegenstück zu beschäftigen, dürfte feststellen, dass - sofern man das passende Repertoire wählt - keine Wünsche offen bleiben. Bei der Fülle an 8'-Registern in allen Werken steht zwar eine Vielfalt an Farben aus Eng- und Weitchor sowie Gedackten zur Klangstrukturierung zur Verfügung, gleichzeitig aber dienen die Äquallagen der dynamischen Stufung.
Zur Aufhellung der Grundstimmen tragen die durchwegs kräftigen 4'-Register und die ebenfalls vorhandenen Aliquoten bei. Wie bequem, einen Tutti-Knopf drücken zu können, und dieses dann wohlabgestimmt zur Verfügung zu haben, doch birgt derartige Bequemlichkeit die Gefahr des Eintönigen. Deshalb erfordert das Spielen auf der Sauer-Orgel - besonders wenn man einige ästhetische Ansprüche stellt - eine intensive Einarbeitung. Die voreingestellte Stufung der Walze ist ein Genuss, wenn es sich auch als etwas schwierig erweist, den gesamten Bereich zu nutzen, sofern man nur mit der Maus arbeitet. Hier ist eine entsprechenden Konstruktion am MIDI-Spieltisch gefragt, die natürlich auch als Pedal ausgebildet sind kann. Überhaupt bedingt das Instrument eine gewisse Notwendigkeit zur Anpassung der Setzeraufgliederung an den Spieltisch mit sich, wenn man mit real implementierten Spielhilfen arbeiten möchte.
Unter den bisher angebotenen Sample-Sätzen für Hauptwerk nimmt die Sauer-Orgel ganz ohne Zweifel in mehrfacher Hinsicht eine bemerkenswerte Sonderstellung ein. Im Nachhinein kann man über den indirekten Einfluss des großen Meisters Aristide und dafür, dass sich Wilhelm Sauer von der Pression der Französelei nicht besonders beunruhigen ließ, nur dankbar sein.Vielleicht sagt der von ihm stammende Spruch etwas über seine Haltung aus: "Wir loben Gott und lassen ihn walten, bauen neue Orgeln und reparieren die alten."

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