Die Schyven/van-Bever-Orgel von Notre Dame de Laeken (Belgien)

Das ursprüngliche Orgelgehäuse mit seinem ausladenden Prospekt musste bei der Fertigstellung des Kirchturms zugunsten einer Fenster-Rosette stark verändert werden.

Unter der inzwischen stattlichen Anzahl von Hauptwerk-Sample-Sätzen nimmt ein von Pipeloops mit der Übertragung der Brüsseler Schyven/vanBever-Orgel angebotener einen besonderen Platz ein - und dies in mehrfacher Hinsicht. Das beginnt schon mit der Tatsache, dass es sich um ein ausgesprochen großes Instrument aus einer Orgelbauperiode handelt, die man gemeinhin hauptsächlich mit Aristide Cavaillé-Coll verbindet. Doch hier liegt tatsächlich von der Disposition und weiteren Details her ein ganz eigenständiger Entwurf vor, der sich in vielen Details von den CC-schen Großorgeln unterscheidet. Die Sonderstellung des Laekener Instruments verdient daher einen sorgfältigen Blick auf seine HW-Übertragung.
Die Orgel steht im mächtigen, neugotischen Bau der Liebfrauenkirche (Eglise Royale de Notre Dame) von Laeken (flämisch: Laken), einem Stadtteil von Brüssel. Der Bau begann zwar bereits 1851, die Arbeiten daran waren aber erst 1872 soweit gediehen, dass die Einweihung stattfinden konnte, während sich die endgültige Fertigstellung bis zum Jahre 1908 erstreckte. Als Grabkirche der belgischen Regenten enthält sie hinter dem Chor eine monumentale Krypta. Da ein Gotteshaus dieser Bedeutung auch eine entsprechende Orgel haben sollte, erhielt Pierre Schyven, einer der renommiertesten Orgelbaumeister das Landes, den Staatsauftrag zur der Errichtung einer Orgel, des nach der Kathedrale von Antwerpen zweitgrößten Instrumentes seines Schaffens überhaupt.
Der Bau des Instrumentes benötigte drei Jahre - von 1871 bis 1874. Schyven hatte zusammen mit Armand und Jacques Verreyt die Werkstatt von Merklin-Schütze übernommen, dem eigentlichen Auftragnehmer für den Kirchenbau. Obwohl Aristide Cavaille-Coll die Brüsseler Werkstatt sehr schätzte und beide Orgelbaumeister in etwa den gleichen Prinzipen folgten, ist Schyven dennoch nicht als Epigone Cavaillé-Colls zu betrachten. Das ursprüngliche Notre-Dame-Instrument hat 51 Register, 13 Tritte, zwei Barkerhebel und ist mit einem ausgebreiteten Prospekt ausgestattet.
Ab 1902 ist Salomon van Bever gemeinsam mit seinem Bruder für die Pflege der Orgel zuständig; er ändert Einiges in der Disposition. Van Bever hatte in Paris unter anderem bei Cavaillé-Colls seine Kenntnisse perfektioniert und Einiges in seine gestalterische Konzeption übernommen. Um die Fertigstellung des Turmes nicht zu behindern, wird das Instrument 1906 abgetragen. Weil ein Rosette aus architektonischen Gründen unbedingt frei gelassen werden muss, fällt der prächtige, von Schyven gestaltete Prospekt dieser Baumaßnahme zum Opfer. Trotz diese Verlustes wird die Orgel mit ihren Windladen, dem Spieltisch und mit dem alten Pfeifenbestand wieder installiert.

Das Positif bekommt nun eine neue Windlade, wird schwellbar und durch die Register Musette 8' bzw. Unda maris 8' erweitert. In der G-O ersetzt man die Trompette céleste 8' durch eine Quinte 5 1/3'. Um die Sicht auf die Rosette nicht zu verdecken, bringt man die größten Pfeifen des Sous-Basse 32' an der Rückwand der Seitenschiffe in schmalen Gehäusen unter. Zur Wiedereinweihung 1912 präsentiert sich die Orgel fast in ihrem heutigen Zustand. Nach dem Tode Salomon van Bevers 1916 übernehmen die Gebrüder Draps, seine Neffen, die Werkstatt und Pflege des Instruments, gefolgt von Salomon Eyckmans (1889-1978). 1975-78 wird die Orgel von Patrick Collon, Brüssel, behutsam restauriert. Dabei ersetzt man die Quinte 5 1/3' in der G-O durch Doublette 2'. Schließlich übernimmt Etienne de Munck, SaintNicklas, 1994 die Pflege der Orgel.
Eine weitere Besonderheit der Schyven-Orgel: Die Sample-Aufnahme der Orgel erfolgte bereits 1999 unter Verwendung eines 16-Bit-DAT-Recorders (mit, wie es heisst, "sorgfältiger Ausnutzung des Aussteuerungsbereiches") zur Verwendung mit einem anderen Software-Sampler. Angesichts der vielen vorhandenen Stimmen und die bei diesem Programm begrenzte Maximalpolyphonie ließ - im Gegensatz zu Hauptwerk - damals keine andere Lösung zu, als sinnvolle Kombinationen von Registern anstelle von Tausenden von Einzelstimmen aufzunehmen.
Es überrascht, dass man seinerzeit schon die Vorzüge erkannt hatte, wie sie eine derartige Aufzeichung wegen der überlegenen akustischen Mischung und damit der Speicherung aller komplexen Interaktionen der Klangparameter im Raum bringt - dies im Gegensatz zur elektronischen Mischung von Einzelsamples in der digitalen Ebene, bei der Inter-Register-Intermodulation vor allem in der Äquallage unvermeidbar ist. Wer die Gelegenheit hat, ein von Größe und Nachhallzeit vergleichbares Instrument in Hauptwerk zu spielen und stereophon abzuhören, dürfte den Unterschied recht schnell nachvollziehen können.
Während man seinerzeit die Mehrzahl der Register im Terzabstand sampelte, nahm man Voix céleste und Unda maris zusammen mit den Nachbarregistern auf, um die originale Schwebung fest zu halten. Die Aufnahme der Vox humaine erfolgte mit eingeschaltetem Tremulant - eine kluge Maßnahme, die bei stark halligem Ambiente bessere Resultate bringt als die per Modellierung erzeugte Modulation in Hauptwerk. Da man vor beinahe einem Jahrzehnt das Loopen komplexer Klänge noch nicht so beherrschte wie heute, haben die Originalsamples der Manuale eine Länge von 30 s, bei den Pedalnoten sind es 60s. In der HW-Fassung werden die ersten fünf bis zehn Sekunden verwendet. Die Uraufnahmen enthalten auch den vollen Nachhallanteil von etwa sechs Sekunden; er ist im Satz ebenfalls vorhanden.
Ein spezielles Problem stellten die fehlenden, jedoch so wichtigen Release Samples dar, die beim Staccato- und Portatospiel ab HW 2 wesentlich zu verbesserter Realitatsnähe beitragen. Dr. Reiner Suikat von PipeLoops hat sie - wie schon bei der Madeleine-Orgel, Paris, - durch Samples in zwei weiteren Layers ergänzt, die man durch sorgfältigen Gebrauch von Faltungshall an das Originalverhalten anpasste. Die verwendeten Raumimpulsantworten sind sogar im Sample-Satz enthalten.
Anstelle des Layouts mancher virtueller Spieltische, die sich an nicht unbedingt vorbildlich beschriftete Vorbilder halten und damit den schnellen, intuitivem Register/Werkzugriff erschweren, gibt es hier eine klar erkennbare Aufteilung mit wirklich angenehm großen Register-"Knöpfen", die vor allem per Touchscreen ausgesprochen leicht im Zugriff sind. Neben dem Übersichtsfenster mit allen Bedienelementen der Orgel lassen sich weitere Fenster für rechtes und linkes Manubrienfeld aufrufen.


Der virtuelle Spieltisch komplett......mit zusätzlichen Registerfeldern rechts und links

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Derartige Übersichtlichkeit ist schon deswegen angebracht, weil es sich bei den Manubrien um eine Gemisch aus Einzelregistern und Kombinationen von ihnen handelt. Die drei Manuale und das Pedal bieten davon insgesamt 60 Stimmen. In der Dispositionsliste wird folgerichtig unterschieden zwischen (untrennbaren) Kombinationen und solchen, die sich parallel dazu auch aus Einzelregistern erstellen lassen.
Eine Verdopplung mancher Stimmen- in der Liste blau markiert - ist dabei unvermeidbar und macht einiges Einarbeiten in die Registrierungsmöglichkeiten unvermeidbar. Gleichzeitig bedeutet dies, dass man sie durchaus vom Laden in den Speicher ausschließen könnte. Der Soubasse 32' des Pedals dürfte unter häuslichen Verhältnissen bei zivilem Aufwand über Lautsprecher nur andeutungsweise seine Klangwirkung entfalten können, da macht die Wiedergabe über einen breitbandigen Treiberverstärker gepaart mit einem Kopfhörer mit linearer, tief herunter reichender Tiefenreproduktion schon eher Eindruck. Auf dem virtuellen Spieltisch finden sich noch weitere Elemente wie die Schweller, 10 Setzer, ergänzt durch "Set" und "C" (Gesamtlöschung) sowie die als "Reunion" bezeichneten sieben Normalkoppeln.
Der Sample-Satz enthält zwei Definitionsdateien (ODF); die mit "Lowmem" bezeichnete ist für Rechner mit geringerem Speicherplatz gedacht und verwendet nur die originale und eine Staccato-Layer für Release-Nachbildung. Außerdem wurden die Release-Abschnitte (Tails) leicht gekürzt und der Manualumfang des Vorbildes belassen (g'''). Der erweiterte Satz enthält alle drei Release-Layers und der Manualumfang reicht bis c'''' hinauf. Da beide ODFs die gleichen Konfigurationsdateien verwenden, wirken sich Änderungen (z. B. Intonation) auch auf beide aus.
Ein solches Gemisch aus einzelnen Registern und Kombinationen kann leicht dazu führen, dass man eine Kombination "zieht", in der ein Register enthalten ist, dass dann aus Unkenntnis nochmals einzeln aktiviert wird. Dagegen hilft ein spezielle Anzeige am virtuellen Spieltisch mit der Aufschrift "Link". Zieht man eine Kombination, in der bereits aktive Stimmen enthalten sind, so erfolgt automatische Deaktivierung. Selbstverständlich ist diese Funktion abschaltbar.
Wer den Sample-Satz mit den umfangreichen Intonationsmöglichkeiten in Hauptwerk nachintonieren möchte, muss doch einige Limitierungen beachten, die es bei den Instrumenten mit Einzelregistern nicht gibt: Die festen Kombinationen geben hier Mischverhältnisse vor, deren Zutaten man bei Einzelregistern von der Lautstärke in gewissem Rahmen durchaus frei definieren könnte. Schnell wird man feststellen, dass eine bereits in einer Kombination vorhandene Stimme meist nur in geringem Umfang nochmals lauter intoniert werden kann, falls sie nochmals separat zugänglich ist. Dies trifft besonders auf an sich zurückhaltende Stimmen wie Voix celeste 8', Flûte octaviante 8' und der Voix humaine 8'mit ihrem eigenen Tremulanten zu. In dieser Hinsicht stellt die feste Kombination (wenn sie annähernd die Verhältnisse des Vorbildes spiegelt) eine Art Referenz für die Klangcharakteristik des Vorbildes dar, an der man besser nicht grenzenlos herumbiegt, will man die Über-Alles-Balance einer Orgel nicht durcheinanderbringen.
Einen weiteren Punkt sollte man ebenfalls bei der Registerfestlegung beachten: Auch ohne Lautstärkeeingriffe kann eine theoretisch passende Klangfarbe in der Praxis schnell unangenehme Schwerpunktverschiebungen zeigen, wenn z. B. mehrere 16'-Register in voreingestellten Registerpaarungen vorhanden sind, die zusammen gezogen werden. Ähnliches gilt beispielsweise für Anches 16'+ 8'+ 4' kombiniert mit Anches 8'+ 4' in der GO, und es finden sich noch andere Beispiele. Der Sample-Satz der Schyven-Orgel hat im Gegensatz zum Vorbild keine Vorbereitungs-Tritte (Appel). An ihrer Stelle gibt es eine Reihe von Kombinationen aus Zungen und Labialen.
Insgesamt gesehen kann der Sample-Satz trotz der 16-Bit-Auflösung der Originaltöne mit manch anderer virtuellen Orgel aus der Hauptwerk-Periode durchaus mithalten. Dass wegen der Einfach-Sample-Loops bei diesem und jenem Einzelton in den Kombi-Registern deutliche periodische Schwebungen hörbar werden, ist man zwar von neu-gesampelten Orgeln nicht mehr gewohnt; beim eigentlichen Spiel fällt dies wegen der gegenseitigen Maskierung jedoch kaum ins Gewicht.
Die per Faltungshall nachgebildeten Release-Ebenen wurden so geschickt eingefügt, dass Stöße nicht hörbar sind. Der Eindruck, dass der immerhin sechs Sekunden dauernde Nachhall - so scheint es - manchmal einen etwas stählernen Charakter hat, lässt sich ohne eigene Kenntnis der Interaktion Orgel-Kirchenraum vor Ort freilich nicht nachprüfen. Ein typisches Güte-Kriterium, das Abklingen von Akkorden aus Zungenstimmen mit ihrem "knattrigen" Spektrum im Raum ohne Verfärbung, wird jedenfalls erfüllt. Die DVD mit dem Sample-Satz enthält übrigens eine Impulse Response-Datei (IR) mit einer Raumantwort, die in Verbindung mit einem Faltungshallprogramm zu eigenen Versuchen einlädt. Sie ist auch einzeln erhältlich.
Offensichtlich gute Arbeit leistete man bei Pipeloops auch beim Loopen der Registerkombinationen. Ist die Definition eines guten Loop-Punktes schon bei Einzelregistern keine triviale Angelegenheit, so wird diese Aufgabe wegen der komplexen, ständig sich verändernden Phasenstruktur der Obertonkaskaden nicht gerade leichter.
Was beim Denoising, d. h. Entfernen der Wind- und anderen Nebengeräusche geleistet wurde, ließe sich nur durch den Vergleich mit der Vor-Ort-Situation beurteilen. Weitergehendes De-Noising in der Nachbearbeitung war, so Reiner Suikat, wegen der bei der Aufnahme wirksamen starken Strömungsgeräusche ohne Einfluss auf die originale Klangcharakteristik nicht möglich. Dies betrifft vor allem von Natur aus leise Register wie Voix humaine. Er rät deshalb, das Windgeräusch auf keinen Fall abzuschalten, damit stets ein natürlicher, durchgehender und mäßiger Rauschhintergrund vorhanden ist, an den sich das Ohr erfahrungsgemäß schnell gewöhnt. Es fiel auf, dass die Flûte Octaviante im Recit einen rumpligen Bodensatz hatte, der sich allerdings nur bei starkem Anheben des Pegels der gegenseitigen Überdeckung entzog.
Bei allen hier beschriebenen Kompromissen lässt die Schyven-Orgel einen ganz eigenständigen Charakter erkennen, der sich deutlich von dem einer CC-Orgel unterscheidet. Hier wurde unbestritten ganze Arbeit geleistet, um trotz der nicht in allen Aspekten günstigen Vorgaben aus der für einen ganz anderen Software-Sampler gedachten Anwendung und nur gestützt auf die elektronische Nachbearbeitung, ein attraktives und für entsprechende Literatur gut brauchbares HW-Instrument zu gestalten.
Die Demo-Clips - einige von ihnen lobenswerterweise live gespielt - lassen zwar durchwegs eine gewisse klangliche "Bauchigkeit" in der Pedalregion erkennen, zeigen aber überzeugend farbige Registrierungen, offensichtlich wegen des zur Verschmierung neigenden Raumhalls sorgfältig ausgwählt. Als Hilfe beim Umgang mit den festen Kombinationen wäre es sicher hilfreich, sie mit anzugeben. Da die Clips mit 128kb/s codiert wurden, dürften sie von ihrer elektroakustischen Qualität wohl nicht repäsentativ für den Sample-Satz sein. Die mit 256kb/s komprimierten, von MIDI-Dateien abgeleiteten Demos schneiden da schon besser ab.

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