Die Silbermann-Orgel der Petrikirche in Freiberg
Die durch Bergbau und Hüttenwesen mit seinem reichen Silberertrag geprägte Stadt Freiberg in Sachsen konnte sich vier Instrumente des Orgelbauers Gottfried Silbermann leisten. Das bekannteste ist dasjenige im Dom der Stadt - ein in der Jugend des Meisters (1727) entstandenes Opus, mit dem sich dessen Reputation in einer Weise festigte, dass noch drei Instrumente folgten. Die zweitgrößte Orgel Freibergs in der Petrikirche mit ihren 32 Registern ist ein späteres Werk; es nimmt etliche Merkmale der großen Spätwerke Silbermanns voraus: Frauenkirche Dresden, Johanniskirche Zittau, Katholische Hofkirche Dresden.
Der Vertrag für den Bau wurde 1734 geschlossen. Er sah 31 Register vor, eine Disposition, die Silbermann wie auch andernorts auf seine Kosten aus Dankbarkeit gegenüber der Stadt um eine Stimme erweiterte. Die dreimanualige Orgel der Frauenkirche in Dresden entstand um die gleiche Zeit. Die Orgelweihe fand 1735 statt. Einige der herausragenden Eigenschaften sind die reiche Anzahl an 16'-Registern (mit der die von Bach immer wieder geforderte Gravität erreicht wurde) durch Prinzipal und Manualposaune („Fagott“) 16‘ im Hauptwerk sowie die 32‘-Basis mit dem Gross Untersatz im Pedal, eine 'Vox Humana' als typisch französisches Register, eine Pedalkoppel auf Bass-Ventilbasis, die mitteltönige Temperatur und der deutliche höhere Chorton mit a1 = 463 Hz gegenüber dem damals üblichen Kammerton von a1 = 412 Hz.
Keines der Werke von Gottfried Silbermann konnte die Zeitläufe ohne mehr oder minder starke Eingriffe überstehen, so auch das in der Petrikirche nicht. Eine Jahrzehnte nach der 1855 erfolgten Umstellung auf gleichschwebende Stimmung nahm 1895 die Firma Jehmlich einige umfangreichere Modifikationen vor.

Sie betrafen u. a. das Umstimmen auf a1 = 435 Hz, eine komplette Intonation, die Ergänzung der Manuale mit dem Ton Cis, die Vervollständigung mit dem Subbass 16' im Pedal, eine Umstellung der 8'-Trompete im Pedal auf eine separate Windlade und - als den Charakter des Instruments entscheidend verändernder Schritt - die Ergänzung durch ein drittes Manual in einem gekoppelten Hinterwerk mit pneumatischer Traktur sowie einigen zeitüblichen Registern. Die Tatsache, dass dafür eine eigene Windlade vorhanden war, erleichterte die spätere Entfernung im Zuge des Rückbaus.
Wie viele Orgeln, wurde auch diese 1917 der zinnernen Prospektpfeifen als Kriegsabgabe beraubt. 1940 ergänzte man das dritte Manual mit einigen barocken Registern, bis man dieses 1961 dann vollständig entfernte. 1993 fand dann ein Rückbau auf den Urzustand durch Entfernen aller beschriebenen Änderungen statt, bis man dann 2007 eine komplette Rekonstruktion durch die Firmen Jehmlich und Wegscheider vornehmen konnte. Neben Arbeiten an der äußeren Erscheinung, an Windladen und Bälgen mit Wiederherstellung des früheren Winddrucks ging es vor allem um die Restauration des Pfeifenmaterials in Bezug auf Disposition und Stimmung. Ein glücklicher Zufall machte die originale Dokumentation für zwei Register zugänglich. Man entschied sich entgegen Silbermanns Grundsätzen für eine historische Temperatur nach Neidhardt II mit a1 = 463 Hz (der ursprüngliche Chorton).
In dieser Gestalt hat Sonus Paradisi die Orgel gesampelt. Allgemeine Details finden sich unter http://www.petri-nikolai-freiberg.de/pn_orgel_1_vorstellung.html, Disposition unter http://www.petri-nikolai-freiberg.de/pn_orgel_1_vorstellung.html#disposition. Das jetzt beim Vorbild nicht vorhandene Cis der Manuale und des Pedals ist im Sample-Satz vorhanden. Während die Sample-Aufzeichnung in 10 Kanälen im Format 96 kHz / 24 Bit stattfand (die Nachbearbeitung mit 32 Bit Wortbreite), weisten die 'Wet' Samples 24 Bit / 48 kHz und die 'Dry'-Versionen 24 Bit / 96kHz auf. Entsprechende Konverter sind daher die Voraussetzung, will man diese Qualität unverändert spielen.
Der Sample-Satz weist alle zum etabierten Standard von Hauptwerk gehörenden Eigenschaften auf; so gibt es drei, oft auch vier Sätze von Multi-Releases (lange, kurze Töne und zwei für Staccato) und drei bis fünf Multi-Loops. Die beiden Tremulants (Tremulant und Schwebung) haben unterschiedliche Modulationsfrequenzen.
Erklärtermaßen folgt Sonus Paradisi nach positiver Resonanz aus Nutzerkreisen nicht mehr dem Konzept einer fotorealistischen Nachbildung des virtuellen Spieltisches. Das Foto wird nur zur Darstellung des Hintergrundes, der Manuale, des Pedals und der Notenpultes verwendet. Manubrien sind vollständig als rechteckige Fläche abgebildet, die sich am besten für die Touchscreen-Bedienung eignet, außerdem wird die Lesbarkeit der Beschriftung durch größere Buchstaben erleichtert. Als Nebeneffekt kann man den Unterschied zwischen dem originalen Instrument und seiner Modellierung in Hauptwerk besser herausstellen, denn das Original soll nicht in einer digitalen Form ersetzt werden, sondern durch ein Modell der Orgel, das verschiedene Aspekte des Klanges - das Windverhalten einbegriffen - simuliert und zum Studium anbietet.
Wegen des vergleichsweise geringen Umgangs des Instrumentes erübrigt sich die Aufteilung in einen Komplett-Spieltisch und einen mit den wesentlichen Bedienelementen. Dabei folgt allerdings folgt die Anordnung der virtuellen Registerzüge dem originalen Layout. Einzige Ausnahme ist die Schiebekoppel des Vorbildes, bei der das obere Manual leicht über das untere gezogen wird. Hier ist der Koppelmechanismus durch den Zug 'Oberwerk-Hauptwerk' an der Stelle ersetzt, die in der Realität der Kalkantenruf einnimmt. Diesen gibt es im Sample-Satz nicht. Oberhalb des Pedals hat man fünf freie Kombinationen (Generals) und einen Absteller (Cancel) angeordnet, die es ebenfalls beim Vorbild nicht gibt.
Wie auch bei anderen Orgeln von Sonus Paradisi üblich, haben die Sample-Sätze ein von Hauptwerk unabhängiges Intonationsfenster; dies erlaubt Intonation auch in der Basic Edition, die diese Funktion nicht besitzt. Mit dem kleinen Schieberegler links in den Quadraten lässt sich eine Höhenanhebung einstellen - eine Option, die bei übermäßigem Einsatz den Charakter einer Orgel völlig verändern kann. Natürlich ist die HW-eigene Intonationsfunktion ebenfalls vorhanden. Der verschlüsselte Sample-Satz kann ab Version 3.11 verwendet werden

Der virtuelle SpieltischHW-unabhänges Intonationsfenster

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Keinen so rechten Nutzwert dürfte die virtuelle Nachbildung des Keilbalgsytems der Vorbildorgel haben, wenn auch die Winddynamik damit sinnfällig und mit voller Funktionalität demonstriert wird. Hier von vier (unsichtbaren) Kalkanten ausgegangen, die die vier Bälge mit Wind versorgen. Experimentierfreudige Besitzer der Advanced Edition können Bälge einzeln außer Betrieb nehmen oder den Wind am Gebläse komplett abstellen; die Windmodellierung wird auf jede Veränderung in subtiler und hörbarer Weise reagieren.

Dynamische Nachbildung der BälgeSurround-Konfigurierung

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Wenn es auch einen höheren Aufwand bei Aufnahme und Post Production erfordert, so hat man sich bei Sonus Paradisi dennoch entschlossen, mehrere Versionen - jede mit eigenständiger ODF - anzubieten, um unterschiedliche Geschmacksrichtungen bei den Raumanteilen einer Orgel zu berücksichtigen. Die Fassung 'Wet Direct' enthält stärkere Direktanteile, die sozusagen vor dem Hall hörbar werden, ohne den Raum zu vernachlässigen oder gar zu unterdrücken. Der Sample-Produzent empfiehlt sie besonders für diejenigen, die eine klare, deutliche Pfeifenansprache schätzen. Ohne Sparmaßnahmen werden bei 16 Bit Auflösung 3,6 GByte; 5,1 GByte (20 Bit) bzw. 6,5 GByte RAM (24 Bit) belegt. In der Variante 'Wet Diffuse' ist der Pfeifenklang mehr in die Umgebung mit ihren etwa 4 s Nachhall eingebettet. Sie eignet sich besonders, wenn das Instrument aus größerer Entfernung gehört werden soll. Die Speicherbelegung entspricht der vorherigen.
Deutlich mehr Aufwand erforderte die Surround-Aufzeichnung mit vier separaten Kanälen für jedes Sample. Ihr Vorteil äußert sich in deutlich realistischerer Wiedergabe, wenn man dazu eine Vierkanalanordnung einrichtet. Die Frontkanäle enhalten den von Orgelgehäuse kommenden Klanganteil, während die rückwärtigen Kanäle die aus dem Kirchenraum kommenden Hallanteile wiedergeben - ein Effekt, der den Zuhörer regelrecht in den Gesamtklang einbettet. Das oben abgebildete Fenster mit dem Aufteillungsschema für die jeweiligen Register stellt eine Hilfe bei der Einrichtung der Wiedergabeanlage dar. Hier sollt man etwas experimentieren, bis eine akzeptable Balance unter Berücksichtigung des Wiedergaberaumes und der Lautsprecheraufstellung erreicht ist. Die RAM-Belegung ist doppelt so groß wie die des Wet-Satzes bei gleichem 16-Bit-Format.
Wer vorhat das virtuelle Instrument in einem Raum wiederzugeben, der von Hause aus schon hallig ist oder man ein Hallgerät einsetzen möchte, greift empfohlenermaßen zum trockenen Sample-Satz. Die Einzelpfeifen sind mono aufgenommen und werden auf C/Cis-Laden verteilt. Über Partner von Sonus Paradisi sind zudem Faltungsdateien erhältlich, die besondere Naturtreue des zumischbaren Nachhalls versprechen. Die nötige RAM-Kapazität ist hier besonders gering: Im Format 16 Bit / 96 kHz sind nur 1,5 GByte nötig; bei 24 Bit / 96 kHz sind es 2,8 GByte. Alle Sample-Sätze zusammen machen eine 26,5 GByte Datei aus.
Um zu entscheiden welcher Satz am besten zusagt, bietet sich eine Demo-Fassung mit den fünf Registern Principal 8, Octava 4, Octava 2, Mixtur, Trumpet, aus dem ersten Manual bei fehlender unterster Oktave an. Sie enthält leider kein Flötenregister, aber alle beschriebenen Versionen und hat nicht nur identische digitale Formatierung, sondern auch eine Zungenstimme. Der RAM-Bedarf ist so gering, dass man den Satz auch mit einem geringer bestückten Rechner spielen kann; er bewegt sich zwischen 1,03 (Wet Direct/Diffuse); 1,8 (Surround) und 0,96 GByte (Dry). Zusammen mit dem Sample-Satz werden fünf Temperaturdateien nach Neidhart (mit genauen Angaben) und drei weitere nach Silbermann geliefert; es ist wichtig, diese zu verwenden, das sie auf den hier verwendeten Chorton referenziert.
Was die klangliche Seite betrifft, so hebt sich das Instrument der Petrikirche erkennbar von den kleineren Schöpfungen Silbermanns ab. Das liegt u. a. schon an den drei hier vorhandenen Zungenstimmen (Fagot, Trumpet und Vox humana), aber auch an dem kraftvollen, das Fundament betonenden Gross Untersatz - ein Register, das bei Lautsprecherwiedergabe ohne Subwoofer kaum richtig zu genießen ist. Um einen unmittelbaren Eindruck in den eignen vier Wänden zu gewinnen, ist in erster Linie die Demo-Version zu empfehlen, unmittelbarer lässt sich wohl kaum zu einem Urteil gelangen. Ergänzend dazu gibt es auf den Sonus-Seiten ausführliche Clips aller Versionen auch als kompressionsfreie wav-Dateien, außerdem viele live gespielte Werke bei www.contrebombarde.com und www.pcorgan.com. Der Vorteil der letzteren Zusammenstellung besteht im ununterbrochenen Abspielen aller aufgeführten Titel, so dass man ohne viel Zutun eine gute Übersicht erhält.
Die teilweise kontroversen Diskussionen im englischen Forum um unzureichende Multi-Releases konnte der Verfasser nicht nachvollziehen; der Sample-Satz weist überzeugende Balance innerhalb der wiederhergestellten barocken Disposition auf, bietet digitaltechnische Qualität ohne Beanstandung, vorzügliche Differenzierung der einzelnen Pfeifenfamilien mit charaktervollen Solostimmen und harmonische Einbettung in das Kirchenambiente - was will man mehr? Wem die Gravität ein wenig zu weit geht, kann mit vorsichtiger Modifikation per Voicing-Fenster leicht Abhilfe schaffen.

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