Orgelland USA: Eine Skinner-Orgel(1)

Die Skinner-Orgel in der Kirche Our Lady of Mount Carmel, Chicago, Illinois

Europäischen Orgelliebhabern, die wohl selten die Gelegenheit haben dürften, einen amerikanischen Konzert-Typ zu spielen, bringt Brett Milan ein solches Instrument nach der HW1-Version nun komplett überarbeitet für HW2.1+ ins Haus. Die Orgel wurde 1928 von E. M. Skinner (Boston, Massachusetts) gebaut und steht in der römisch-katholischen Kirche Our Lady of Mount Carmel in Chicago, Illinois. Ihr großer Vorzug: Sie ist weitestgehend original erhalten, wobei Ernest M. Skinner die klangliche Ausstattung noch persönlich vornahm. Die Klassifizierung als Konzertorgel hat ihren Grund in der Disposition, die imitierende Orchesterstimmen wie Klarinette, French Horn oder Orchestral Oboe enthält; diese Stimmen wurden Z. B. vom Orgelbauer selbst entwickelt. Generell liegt das Schwergewicht auf der 8'-Lage mit geringer Ausprägung glanzbildender Oktavierungen, Aliquoten und Mixturen; alles fügt sich in vergleichsweise milder From in das Plenum ein.
Zu den Perkussionsregistern zählen Harfe (in 4'-Lage), Celesta, Orchesterglocken und (merkwürdigerweise) ein Zimbelstern. Das vom realen Spieltisch zu betätigende Glockenspiel (Carillon) ist in der Übertragung ebenfalls vorhanden. Erwähnt werden muss auch die reiche Palette an Zungenstimmen, sozusagen das Orchester-Blech, mit einer ebenfalls von E. M. Skinner entwickelten Tuba Mirabilis, die sich schon wegen des erhöhten Winddrucks von anderen Zungen abhebt.

Eine durch Spenden finanzierte und erst im Jahre 2004 dem Vorbild hinzugefügte Trompette en Chamade ist im Sample-Satz ebenfalls erhalten.
Vielleicht sollte der Einfluss von E. M. Skinner auf die gesamte nordamerikanische Orgelbauindustrie hier einmal herausgestellt werden. Er führte standardisierte Maße für die Spieltische ein, die später in die AGO-Normen einflossen, trug durch ein neuartiges Magnetsystem wesentlich zur Verbesserung der elektrischen Traktur bei, konstruierte neuartige Balgmechaniken für Windladen, einen geräuschlosen Schwellkastenantrieb und vieles mehr. Die tonalen Eigenschaften der zu Serie 'American Classic' gehörenden Orgeln wurden stark von Instrumenten des englischen Orgelbauers 'Father' Willis beeinflusst, mit denen sich Skinner eine um die Jahrhundertwende in Liverpool intensiv befasst hatte. Wer sich über Leben und Werk Ernest Skinners informieren möchte, findet außer in Wikipedia beispielsweise eine ausführliche historische Studie unter

http://homepage.mac.com/glarehead/ambrosino/index2.html.

Brett Milan hat - der Bedeutung des Chicagoer Vorbildes entsprechend - bei der Übertragung nach HW2.1+ nicht wenig Mühe aufgewendet. Die etwa 2700 einzeln aufgenommenen Samples wurden wegen des unvermeidlichem Straßenlärms und des hörbaren Spielwindes von Nebengeräuschen befrei; sie bilden in ihrem originalen 24-Bit-Format und 48kHz Abtastfrequenz den Sample-Satz des dreimanualigen Instruments, das dem Werkprinzip folgt und jedem Manual eine spezielle Stimmenauswahl zu ordnet. Der Aufwand wird an Einzelheiten erkennbar: Einbeziehung von Tremulant-Samples, aufgenommen in Terzabständen als Grundlage für die Tremulant-Modellierung, oder die Ausstattung jedes Pfeifensamples mit Mehrfachloops. Natürlich ist der originale Spieltisch entsprechend den Darstellungsmöglichkeiten in HW2.1+ ebenfalls mit allen Elementen vorhanden. Neben Manualen und Pedal sind dies Registerknöpfe, Setzer, Fußpistons sowie mehrere Expressionspedale. Selbst der Schlüsselschalter für den Wind wurde nicht vergessen - eine manchmal Schreckreaktionen auslösende Einrichtung, wenn die Orgel trotz einwandfreien Ladens keinen Ton von sich geben will.


Der virtuelle Spieltisch komplett......und mit vergrößerten Registern, Setzern und Koppeln

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Der Grund für die Abbildung zweier Spieltische wird klar, wenn man sie beide nebeneinander sieht: Im Komplettfenster sind kaum noch Einzelheiten erkennbar, besonders wenn man mit kleineren Bildschirmen arbeitet. Die zweite Darstellung - hier Stop Control genannt - beschränkt sich aufs Wesentliche, wenn auch für Touchscreen-Zwecke ein noch etwas größerer Maßstab durchaus angebracht wäre. Immerhin lässt sich das Fenster in der Mitte teilen und ermöglicht damit Zwei-Schirm-Betrieb. Je größer die Orgel ist, die man in HW spielen kann, desto mehr Aufmerksamkeit gehört auch der 'Bedienoberfläche' für den Organisten - ein Aspekt, der in kommenden Programm-Updates noch stärker berücksichtigt werden soll.
Das virtuelle Instrument ist etwas erweitert worden, denn das Pedalwerk des Originals enthält weder einen 32'-Untersatz noch eine Bombarde in gleicher Fußlage - ein Zugeständnis an den US-amerikanischen Geschmack? Während der Untersatz aus dem vorhandenen 16'-Fuß-Bourdon abgeleitet wurde, entlieh man die Bombarde dem Sample-Satz der Casavant-Orgel der Universität Illinois. Die Hauptwerk-Übertragung bezieht das akustische Ambiente völlig mit ein und zeigt dadurch einen verbindenden Raum, der das Instrument in seiner Gesamtheit deutlich in die Distanz rückt. An Stelle einer akustisch erkennbaren Werkstaffelung tritt hier mehr eine - durchaus angenehme - breitflächige Diffusität.
Dass 52 Register und Zusatzsamples ihren Platz im Rechner beanspruchen, sieht man an den rd. 7GByte Rohdaten, die von den beiden DVDs geladen werden müssen. Gleich bedeutet dies, dass die volle Orgel nur bei deutlich mehr als 4GByte RAM überhaupt zu spielen ist - und dies geht nur mit 64-Bit-XP als Betriebssystem. Wie auf der Webseite "Orgeln aus Tschechien (III) beschrieben, bietet HW2.1+ jedoch eine Reihe von Anpassungshilfen. Eine von Ihnen ist die Beschränkung auf Teilorgeln - ein Kompromiss, der nicht immer befriedigen dürfte.
Brett Milan weist darauf hin, dass der Sample-Satz verschlüsselt wurde und nicht ohne einen für ihn registrierten Dongle spielbar ist. Dongle-Gegnern sei gesagt, dass die über Crumhorn Labs vorzunehmende Registrierung nur zwei E-Mails benötigt und im übrigen problemlos abläuft.
Eine symphonisch ausgerichtete Orgel kommt nicht ohne mehrere Hilfsmittel zur Dynamiksteuerung aus. So gibt es einen Jalousieschweller und eine (programmierbare) Crescendowalze (hier auch als Schweller ausgeführt) mit separater Einstellung von Registern und Koppeln; alle Konfigurationen sind als Combination speicher- und beliebig abrufbar. Die Skinner-Orgel kann als Besonderheit noch mit einem Tutti-Setzer aufwarten. Er wird in einem separaten Fenster programmiert und bezieht neben den Registern für die vier Werke auch alle zugehörigen Koppeln ein, wobei (virtuelle) LED-Anzeigen für gute Übersichtlichkeit sorgen. Die Einzeleinstellungen sind auch hier wieder in einer Combination-Datei abzuspeichern.


Programmierung des Tutti-Setzers......und der Register des Crescendo-Schwellers

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Den akustischen Eindruck von einer Orgel macht man sich am besten anhand von Klangbeispielen; Links zu einer umfangreiche Sammlung davon aus allen Musikepochen gibt es auf der Skinner-Webseite von MDA; dort findet sich auch eine Dispositionstabelle. Clips mit der Übertragung eines Teiles der Pathetique-Symphonie (op. 74) von Tschaikowski aus der Hand des Sample-Producers und eine Improvisation, live gespielt von Jerry Martin lassen erkennen, dass die Stärke der Orgel im Symphonischen liegt.

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