Die Skinner-Orgel der MasterWorks-Serie

Der virtuelle Spieltisch der 'Symphonischen Orgel' von E.M. Skinner aus der MasterWorks-Serie als Montage von drei Ansichten

Der erste Sample-Satz der symphonischen Orgel von E. M. Skinner ist bereits seit einiger Zeit als Fassung für Hauptwerk 1.xx erhältlich und hat wohl Manchem sonst wenig mit US-amerikanischen Bauweisen Vertrauten in Europa ein solches Instrument in virtueller Form nahebringen können. Die danach erschienene Version ist auf Hauptwerk 2.xx und Nachfolgeversionen zugeschnitten; sie bringt einige klangliche Verbesserungen, die mit einigen fortgeschrittenen Eigenschaften dieser Softwaregeneration zusammenhängen.
Ende des Jahres 2006 hat Brett Milan die Orgel aus der 'American Classic'-Serie nochmals völlig neu gesampelt. Dieses Mal wurde der umgebende Raum völlig dadurch unterdrückt, indem man Pfeife für Pfeife im Inneren der Kammern durch 'Mitwandern' des Mikrofons aufnahm. Das Quellenformat der wav-Dateien ist 24 Bit / 96 kHz; es wurde für den Sample-Satz auf 48 kHz umformatiert. Bei der Nachbearbeitung konnten alle fortgeschrittenen Methoden eingesetzt werden, die Hauptwerk mittlerweile auszeichnen: Mehrfach-Loops (hier bis zu acht), ergonomiegünstige Aufteilung der virtuellen Registerfelder auf zwei mögliche Bildschirme und Einführung von weitaus realistischerer Tremulant-Modulation. Des weiteren wurden von den bisherigen Nutzern gewünschte Bass-Koppeln ebenso wie separate MIDI-Ausgänge für jedes Werk hinzugefügt. Wegen der trockenen Aufzeichnung konnten Mehrfach-Releases (Ausklangphasen) völlig entfallen - eine Tatsache, die sich wohltuend auf die RAM-Belegung auswirkt.
Alle Eigenschaften, die das Orginal als 'American Classic' von Skinner auszeichnen, sind natürlich auch hier vorhanden - sie lassen sich auf der Seite Skinner1 nachlesen und müssen hier nicht nochmals besprochen werden. Die Orgel wurde für Hauptwerk 3.xx übertragen, wobei die aktuelle Version sich neben vielen im Hintergrund wirkenden Verbesserungen vor allem durch die stark verkürzten Ladezeiten bemerkbar macht. Brett Milan empfiehlt dringend, die Advanced Edition von Hauptwerk zu verwenden, um alle vom Sample-Satz gebotenen Möglichkeiten auszuschöpfen.
Ein solcher 'staubtrockener' Satz hat den Vorteil, dass er wenig Hauptspeicher beansprucht; so lässt sich die Orgel im Format 24 Bit / 48 kHz ohne Kompression, aber aktivierten Mehrfach-Loops mit 8 GByte RAM spielen, da sie nur etwa 6,65 GByte belegt. Da bleibt dann sogar noch Platz für das Betriebssystem. Verfügt man nur über 4 GByte Speicher, ist die Kompression zu aktivieren und auf 16 Bit zurückzugehen. Es kann allerdings sein, dass man einige Pfeifenreihen (Ranks) noch weiter auf Sparflamme setzen muss, um die Auslastung des Betriebssystems zu reduzieren. Zieht man alle in Hauptwerk gegebenen Bremsen an, kommt man auch mit 933 MByte aus, wird dann allerdings klangliche Einbußen wegen der Mono-Wiedergabe, vor allem aber wegen der verringerten Auflösung von 14 Bit hinnehmen müssen.
Bei nur einem Bildschirm kommt der Sample-Anbieter nicht umhin, die reichlich vorhandenen Bedienelemente etwas gedrängt unterzubringen. Wer zwei Touchscreens verwendet ist besser dran; er kann die 'vorgefertigte' Teilung von Registern, Koppeln, Setzer und sonstige Anzeigen für den leichteren visuellen Zugriff nutzen, wenn er die Advanced Edition besitzt, außerdem beanspruchen die Anzeigen für Schweller und Crescendo-Walze/Schweller auch etwas Platz, damit sie gut erkennbar sind.
Insgesamt sind die Registerfelder geradezu vorbildlich so aufgegliedert, dass man innerhalb kurzer Zeit navigationssicher ist. Dabei hilft auch die gut lesbare Beschriftung. Natürlich werden die Darstellungen ohne Ausnahme automatisch so synchronisiert, dass die Betätigung eines beliebigen Elementes auch auf der Gesamtseite erscheint und umgekehrt. Alle virtuellen LEDs sind hell und gut erkennbar. Eine Seltenheit ist der dem sog. Tutti-Programmer zugeordnete Bildschirm,; er stellt - wie im anderen Beitrag bereits beschrieben und abgebildet- die für das Tutti aktiven, per Mausklick einzuschaltenden Register und Koppeln für jedes Werk dar.


Das linke Feld......und das rechte des virtuellen Spieltisches

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Weil der Sample-Satz - ausgenommen die Chimes in den Werken Swell und Great - weder länger ausklingende Raumanteile noch hörbare kurze Reflexionen aufweist, erscheint er auch bei Stereowiedergabe in seinem Maßstab verkleinert und verständlicherweise unbalanciert. Besonders bei jenen Kombinationen, an denen Mixturen und höhere Harmonische beteiligt sind, fühlt man sich aufgefordert, in die Intonation einzugreifen. Es gibt aber auch Positiva: Die in einem reverberanten Raum in ihrer Ausgeglichenheit immer kritischen Pedalregister - besonders unterhalb der 8'-Lage - lassen erkennen, dass der Verlauf frei von künstlichen, normalisierenden Anhebungen ist. Und man hat die in der Realität kaum vorkommende Gelegenheit, die Verschmelzungsmechanismen und Schwebungen sozusagen in grellem, nahen Licht zu analysieren. Interessanterweise ist die Trombone 16' im Pedal mit etwas Raum versehen, ohne deswegen aus dem Gesamtbild herausfallen.
Es wird auch hier deutlich, dass man das Opus von E. M. Skinner als Universalorgel konzipiert hat; sie ist nicht dazu gedacht, ein bestimmtes Repertoire mit besonderen klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten in höhere ästhetische Sphären zu heben. Wer die trockene Version spielen mag, hat auf jeden Fall den Vorteil, kleinste Fehler und Artikulationsungenauigkeiten sehr deutlich zu hören.
Um ein Gleichgewicht zwischen der schieren Mächtigkeit und Raumeindruck herzustellen, hilft nur der Zusatz von Nachhall. Das geht - wie andernorts beschrieben - auf verschiedenartige Weise. Legt man bereits beim Live-Spiel Wert auf den Eindruck von Räumlichkeit, dann besteht die Aufgabe darin, den Hall unmittelbar in die Tonerzeugung mit zu integrieren. Im Umgamg mit Computern Versierte, denen Effekt-Plug-Ins nicht fremd sind, werden dann beispielsweise Hauptwerk als Plug-In einsetzen, um die Software bzw. die Orgel als virtuelles Instrument gemeinsam mit einem (Software-)Hallprogramm im Instrumenten-Rack eines Hosts interagieren zu lassen.
Offenbar besteht auch für eine solche Lösung oder auch für die Verbindung mit einem Stand-Alone-Hallgerät Bedarf, denn sonst würde sich Brett Milan nicht der Mühe unterzogen haben eine solche Version herauszubringen. Dazu lässt sich vermuten, dass der Sample-Satz der Skinner-Orgel entweder als Ersatz für eine Pfeifenorgel oder zu einer Kombination mit einem bestehenden Instrument seinen Markt hat.
Eine gewisses Ambiente entsteht durch die Reflexionen im Wiedergaberaum auch schon bei der Mehrkanalwiedergabe der Orgel. Hier kann man - die Verwendung einer Mehrkanalkarte und mehrerer Lautsprechergruppen vorausgesetzt - die Werke zu einer mehr oder weniger intensiven Rundumbeschallung aufteilen.
Auf den Demo-Seiten von MDA finden sich Werkzusammenstellungen sehr unterschiedlichen Genres - von Bach und Mendelssohn über Vierne, Widor bis zu Suppés Ouvertüre "Leichte Kavallerie", alle teilweise mit einem Faltungshall (Altiverb Convolver) verschönert. Bei manchem Titel wird sogar eine Vergleichsmöglichkeit zwischen trocken und verhallt geboten. Die Aufzeichnung erfolgte über ein 26-Kanal-Tonsystem (einschl. zwei Subwoofern) mit Aufteilung von Pfeifen-Ranks, Perkussion und Klangeffekten auf verschiedene Boxenanordnungen, wobei sorgfältige Intonation im Vordergrund stand.
Offensichtlich wollte man bei den Demo-Clips - mit der Aufzeichnungsfunktion in Hauptwerk so trocken aufgenommen, wie sie der ausgepackte Sample-Satz bereit stellt - nicht auf Standardrepertoire zurückgreifen. Deshalb gibt es hier spezielle Titel bzw. kurze Demonstrationen der Einzelregister. Ohne Zweifel ist feine Dosierbarkeit beim virtuellen Transport des Instruments in unterschiedlichen Umgebungen ein nützliches Gestaltungsmittel, auch wenn man dann nicht mehr von Originalnähe sprechen kann. Der symphonische, d. h. an den Orchesterklang angelehnte Dispositionscharakter der Orgel kommt bei unterschiedlichen Verhallungsstufen gut heraus, deshalb dürfte der Sample-Satz mit Gewissheit seine Abnehmer finden. Sollte eine der kommenden Hauptwerk-Ausgaben tatsächlich eine Faltungs-Engine enthalten, dann ist die Skinner-Orgel in ihrer trockenen Version genau das richtige Basismaterial.

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