Orgeln aus Tschechien (IV)

Prospekt der Orgel in der Dreifaltigkeitskirche von Smecno.
Das Rückpositiv ist ohne Funktion.

Das Dorf Smecno, etwa 50km nördlich von Prag gelegen, hat eine schöne gotische Kirche. Sie besitzt nicht allzu große Abmessungen und weist daher einen angenehm kurzen Nachhall von etwa 1,5s auf. Aber viel wichtiger ist die Tatsache, dass sie im Inneren das älteste noch erhaltene Instrument der tschechischen Republik beherbergt, entstanden um 1597; der Erbauer ist allerdings unbekannt. Während der Dreißigjährigen Krieges wurde die Orgel leicht beschädigt, als schwedische Söldner das Regal stahlen - die einzige Zungenstimme.
Bei der Restauration Ende der 90-er Jahre entfernte man einige in der Zwischenzeit vorgenommene barocke Erweiterungen sowie das Rückpositiv, so dass es sich heute in seiner ursprünglichen Form - einmanualig, mit Pedal, präsentiert. Pedal und Registerzüge sind neu. Die Rekonstruktion wurde durch zwei Umstände erleichtert; zum einen fanden sich die ursprünglichen Schilder für die Registerbezeichnungen, zum Anderen ware im Gehäuse ein recht große Anzahl an Pfeifen unbeschädigt erhalten geblieben.
Jiri Zurek hat die Orgel gesampelt und bietet sie inzwischen auch in einer Version für HW2.1+ an. Unter den 13 Registern sind viele, die das originale Renaissance-Timbre in unsere Zeit transportieren. So haben die Copular major (8') und minor (4') - beides Flötenregister - eine eher rauhe Färbung und die Quintadena, ebenfalls eine Flötenstimme, ist schon beinahe zungig zu nennen. Das 8'-Salicional ähnelt mehr einer Gambe. Insgesamt ist das Prinzipal-Plenum recht helltönig, was auf die Aliquoten Mixtura und Cimbale zurückzuführen ist. Der Prinzipal 8' (im Prospekt) und die Octava principale selbst sind recht grundtönig. Besser als jede Beschreibung taugen die auf der Demo-Seite verfügbaren Clips der einzelnen Registern (als artefaktarme wav-Datei) für die Beurteilung.
Eine Besonderheit zeigt sich in der Windladenaufteilung, von denen es neben derjenigen für das Pedal weitere zwei für das einzige Manual gibt. Eine davon enthält den Prinzipalchor, die andere alle Flötenstimmen. Mittels Sperrventilen sind beide wechselweise abzuschalten. Die zugehörigen Registerzüge hat man mit 'Choro primo' und 'Choro secondo' beschriftet. Diese Eigenschaft sollte jeder kennen, der den Sample-Satz erwirbt, damit man keine Fehlfunktion annimmt, wenn die Orgel trotz gezogener Register keinen Ton von sich gibt. In der Praxis ist die Chorumschaltung deswegen nützlich, da sie sich als Imitation des Spielens auf zwei Manualen einsetzen lässt.

Die Übertragung nach Hauptwerk 2.1+ übertrifft dank der Modellierungsoptionen der Software die HW1-Version in vielen Punkten. Schon der virtuelle Spieltisch erzeugt dank der Nachbildung des Originals eine Realitätsnähe, die man bei der schematisierten Darstellung in HW1 oft vermisst. Leider ist die aus gothischen Zeiten stammende Registerbeschriftung ausgesprochen mühsam zu lesen; hier wäre ein zweites Fenster mit deutlich verbesserter Erkennbarkeit angebracht. Hier vorhandene Setzer und eine Pedalkoppel sind beim Vorbild nicht vorhanden.

Der virtuelle Spieltisch, erweitert mit Setzern... ...und das Intonationsfenster

Der Sample-Satz erschien gleich mit der Erstversion von HW2. Da HW2.1+ inzwischen ein serienmäßig vorhandenes Intonationsfenster hat, ist das abgebildete eine eigentlich überflüssige Doppelung.
Wie schon die anderen, bei Sonus Paradisi erschienenen Sample-Sätze, wurde auch dieser im Format 24/48 aufgenommen und bearbeitet. Mit diesen Spezifikationen ist er auch erhältlich - ein Lehrbeispiel dafür, wie sich vor allem die höhere Auflösung bemerkbar macht. Beispielsweise brauchten zwei erfahrene Organisten nur wenige Sekunden, um den Unterschied zu hören.
Das Pedal weist - wie seinerzeit verbreitet - eine kurze Oktave auf. Vielleicht gibt es ja einmal eine Version mit vollem Umfang? Auf eine Eigentümlichkeit weist Jiri Zurek vorsorglich hin: Viele Tastaturen (Keyboards) senden MIDI-Velocity-Meldungen. Bei der Smecno-Orgel, die solche Messages verarbeiten kann, führt dies bei jedem Tastendruck zu einem Intonationsschlenker in der Pfeifenansprache. Dies kann, solange es in gewissem Rahmen bleibt, sogar zum Realismus der Wiedergabe beitragen. Wer es nicht mag, schaltet die Velocity-Steuerung im entsprechenden Konfigurationsfenster von Hauptwerk einfach ab. Die vom üblichen C/C#-Schema abweichende Windladengliederung des Vorbildes hat man getreulich in das virtuelle Instrument übertragen; sie resultiert in einer erfreulichen Nutzung des Steropanoramas.
Der Sample-Satz belegt, wenn er mit 16 Bit Auflösung gespielt wird, etwas über 700MByte RAM; diese Wert verdoppelt sich bei 24 Bit. Bei 16-Bit-Einstellung und aktivierter verlusloser Kompression dürfte sich die Orgel auch in Rechnern mit knapper RAM-Bestückung spielen lassen. Obwohl die Normalstimmung gleichschwebend (a=440Hz) ist, kann der Benutzer auf eine mittelalterliche mitteltönige Stimmung zurückgreifen, da eine entsprechende (von Hauptwerk gelesene) Tabelle enthalten ist, die bei der Installation übernommen wird.

Wer die Smecno-Orgel gern probeweise kennenlernen möchte, hat dazu eine nicht oft gebotene Gelegenheit: Vorausgesetzt, man verfügt über einen schnellen Internetzugang, so lässt sich bei Sonus Paradisi eine Mini-Version des Instrumentes kostenlos herunterladen. Die selbstentpackende exe-Datei hat einen Roh-Umfang von 90MByte und ist schnell in HW2.1+ installiert. Sie ergibt dann einen guten Eindruck vom reizvollen Timbre des alten Pfeifenbestandes.
Immerhin kann man dann eine zweimanualige Orgel mit je vier Oktaven Tastaturumfang spielen. Sie ist mit Gedackt 8' (deutlich, aber nicht unangenehm spuckend) und Octava 4' im Hauptwerk, der Copula minor im Rückpositiv sowie einem Octav Bas im Pedal bestückt, das hier keine kurze Oktave hat. Immerhin sind drei Koppeln vorhanden. Wie in HW2.1+ vorgesehen, lassen sich alle virtuellen Elemente voll am Bildschirm aktivieren, außerdem ist die Intonationsmöglichkeit (im Menüfenster 'Organ Settings') ohne Einschränkungen funktionsfähig. Die nicht vorhandene Windanzeige dürfte leicht zu verschmerzen sein.

Das kostenlose Instrument sollte in keiner Sammlung von Hauptwerkorgeln fehlen, denn Literatur dafür gibt es selbst trotz des eingeschränkten Tonumfangs der Manuale noch reichlich. Eher begrenzt wohl das nicht ganz zwei Oktaven umfassende Pedal die Auswahl.

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