Die Silbermann-Orgel der St. Georgenkirche in Rötha für Hauptwerk 2

Es dauerte fast zwölf Monate, bis Brett Milan die bereits für HW1 aufbereitete Orgel der St. Georgenkirche in Rötha bei Leipzig in ihrer Übertragung nach HW2 fertig gestellt war. Die neue Version bedient sich aller Modellierungseigenschaften der Software und kommt deshalb dem Vorbildinstrument nochmals um ein gutes Stück näher. In der Nachbearbeitungsphase fanden neuartige Methoden Anwendung, mit denen sich das im Originalklang immer anwesende Windrauschen wirkungsvoll reduzieren ließ. Die Option in HW2 zur Einrichtung von Mehrfachloops wurde voll ausgenutzt; manche Samples enthalten bis zu neun Loop-Abschnitte, und dies, obwohl die eigentliche Sample-Länge mit etwa acht Sekunden je Note bereits großzügig bemessen ist.
Einen interessanten Einblick in die Entstehungsgeschichte der Silbermann-Orgel in der Röthaer Kirche St. Georgen bietet das Originaldokument des Vertrages mit dem Geldgeber, Freiherr von Friesen, das die beiden Orgelbauer Gottfried Silbermann und Zacharias Hildebrandt seinerzeit im Dezember 1718 unterzeichnet hatten. Letztlich war es aber Gottfried Silbermann allein mit seinen Altgesellen, der die Konstruktion 1721 vollendete. Wie bereits einige Male zuvor, erbrachte er zudem Leistungen, die nicht im Vertrag vereinbart waren, einfach deshalb, weil sie ihm notwendig erschienen. Hier gehört die ursprünglich nicht erwähnte Tertia (Terz) 1 3/5' im OW dazu. Wer mehr wissen möchte, sollte auf der Milanschen Website ein wenig stöbern; dort finden sich auch aktuelle Klangbeispiele.

Das Instrument trägt die meisterliche Handschrift des sächsischen "Hof- und Landorgelbauers", und dies erkennbar bis in unsere Zeit. Dank glücklicher Umstände blieb das Pfeifenmaterial weitgehend erhalten, außerdem erfolgten die unumgänglichen Reparaturen und Teilrestaurierungungen mit Sorgfalt und ohne wesentliche verfälschende Eingriffe. Holzwurmbefall und Korrosion der Prospektpfeifen machen jedoch eine gründliche Überholung unumgänglich.
Von diesen Schäden ist indessen bei Sampling und Umsetzung des größeren Röthaschen Instrumentes in das Format HW2 nichts zu spüren. Ohne Übertreibung lässt sich feststellen, dass Brett Milan dabei eine ausgesprochen glückliche Hand hatte. Besser konnte die Orgel mit ihren zwei Manualen, Pedal und insgesamt 23 Registern nicht als elektronische Replik entstehen. Ihre beiden Werke, Haupt- und Oberwerk liegen beim Vorbild in einer senkrechten Ebene und haben daher die gleiche Räumlichkeit, auf deren Abbildung man bei dem Sample-Satz nicht verzichtet hat. Die Disposition und Registeraufteilung zeugen von Silbermannscher Raffinesse. So gibt es zwei Plenum-Farben, wenn alle Register gezogen sind; sie unterscheiden sich von einander in ihren klanglichen Schwerpunkten und lassen sich für Echowirkungen einsetzen.
Per Beschreibung sind die "Persönlichkeiten" aller Stimmen einzeln und in ihrem Zusammenwirken nur sehr unzulänglich zu vermitteln. Beispielsweise zeigen die beiden 4'-Register Spitzflöte und Octava im Hauptwerk der Orgel trotz gleicher Lage interessante klangliche Verschiedenheit. Die Octava 4' - kräftig intoniert und eng mensuriert, mit deutlichem Quintanteil sowie schönen Vorläufertönen - hebt sich deutlich von der mild streichenden und zurückhaltenderen Spitzflöte ab. Eine durchsetzungsfähige Quinta 3' im Hauptwerk der Orgel bedarf einer sorgfältig ausbalancierte Kombination mit Oktavstimmen, will man nicht das tonale Fundament in Frage stellen. Eindrucksvoll lebendig auch die Quintadena 8' im OW mit ihrem Reichtum an Teiltönen.
Gleichfalls charakteristisch für die Silbermannsche Klangauslegung ist das Pedal mit PrincipalBaß 16' sowie den Zungenstimmen Posaune 16' und Tromette 8'. In Verbindung mit der Koppel HW - Pedal, deren Funktion man schnell zu schätzen lernt, erlauben die Pedalregister kräftige Tiefenkonturierung mit der vom Orgelbauer erwünschten Gravität und stellen gleichzeitig eindrucksvolle Solostimmen bereit. Das auf der Pedalklaviatur nicht abgebildete untere Cis ist per MIDI-Steuerung natürlich zugänglich, außerdem wurde das Pedal nach oben bis zum D erweitert.
Auf welcher Barockorgel kann man wohl "neuere" Literatur wie Werke von Mendelssohn und Brahms (Choralvorspiele op. 122) so spielen, dass sie klanglich nicht als Behelfslösung erscheinen? Nachprüfen lässt sich dies auf der Demo-Seite von Milan DigitalAudio. Schön, dass die 16'-Lage nicht mit dB-Genauigkeit bis zu 30Hz hinunter nach-linearisiert wurde, sondern der natürliche Abfall erhalten blieb. Da der Chorton von a=465 Hz unverändert vom Original übernommen wurde, konnte zusätzliches digitales Processing entfallen. Selbstverständlich lassen sich - entsprechend den erweiterten Funktionen in HW2 - unterschiedliche Temperaturen und Tonhöhen wählen; ein Vorzug, der der 'alten' Ausführung der St. Georgen-Orgel bisher verwehrt war. Neben Stimmungen nach Silbermann, Kellner, KirnbergerIII, WerckmeisterIII und MeanTone-QuarterCommaPietroAaron ist auch die (nicht ganz unumstrittene) sogenannte Bach-Temperatur nach Lehmann verfügbar - insgesamt ein Betätigungsfeld, dass bisher kaum zu verwirklichende Einblicke zu gewähren verspricht.
Manual- und Pedaltrakturgeräusche sowie das charakteristische dumpfe 'Klonk' der Manualschiebekoppel sind zuschaltbar, außerdem ist nun ein verbildgerechter Tremulant vorhanden, den man - so wie die Orgel insgesamt - mit der Intonationsoption noch weiter formen kann. Ein interessanter Seitenaspekt: Wer eine anschlagempfindliche Klaviatur einsetzt (sie erzeugt Signale für die MIDI-Velocity), kann diese Eigenschaft zu benutzen, die Anschwingvorgänge der Pfeifen je nach Geschmack in ihrer Tonhöhe zu steuern; selbstverständlich ist dies auch völlig abzuschalteten

Gesamtdarstellung des Spieltisches... ...und spezielle Abbildung der Registerfelder
 

Anstelle einer einzigen Abbildung des Spieltisches - sie ließe wegen der Vielzahl der Einzelheiten die Registernamen kaum erkennen - weist die virtuelle Orgel noch eine weitere auf, die sich auf die Registerfelder konzentriert. Die Bildschirme sind synchronisiert, so dass eine Veränderung auf dem einen das Gleiche auf dem anderen auslöst. Beide Darstellungen weisen geradezu vorbildliche Detailauflösung auf; selbst die Manubrien springen nicht mit elektronischer, quasi masseloser Geschwindigkeit heraus, sondern bewegen sich wie von einer unsichtbaren Hand gezogen. Die Erkennbarkeit des Registerstatus wird noch durch eine weisse Markierung in der Mitte des Manubriumknaufs bei gezogenem Zustand unterstützt. Da das Manubrienfeld symmetrisch aufgebaut ist, eignet es sich auch ideal zur Abbildung auf zwei Touchscreen-Monitoren, die man dann rechts und links von Spieltisch anordnen könnte. Freilich haben sich noch längst nicht alle Sample-Anbieter zu solch einer ergonomisch überzeugenden Lösung entschließen können.
Wenn es der Rechner hergibt, lässt sich das Instrument mit 24 Bit Auflösung und 48 kHz Abtastrate spielen - so etwas leistet keine CD! Allerdings werden dann etwa 4 GByte RAM benötigt. Nutzt man alle Möglichkeiten von Hauptwerk 2 zur Verringerung des Speicherbedarfes, so reichen 1 GByte gerade aus. Wie inzwischen üblich, ist der Sample-Satz verschlüsselt. Um ihn spielen zu können, wird eine gültige Lizenz für Hauptwerk vorausgesetzt, die dann auf die St. Georgen-Orgel ausgedehnt wird, indem der Dongle per E-Mail-Austausch eine neue Lizenz-ID erhält.
Angaben zur Disposition, MP3-Demos, Bilder und Zusatzinformationen zur Orgel von St.Georgen finden sich auf den oben angegebenen Webseiten von Milan Digital Audio. Insgesamt liegt hier eine klanglich ausgesprochen eindrucksvolle Orgel vor, die in keiner Hauptwerk-"Sampliothek" fehlen sollte.

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