Die Trost-Orgel in Waltershausen (I)
Der Spieltisch unterhalb des Brustwerks befindet sich hinter der Balustrade und ist aus dem Kirchenraum nicht einzusehen Die Entstehungsgeschichte der Trost-Orgel in der Stadtkirche "Zur Gotteshilfe" im thüringischen Waltershausen ist von einer Abfolge ausgesprochen unglücklicher Ereignisse geprägt. Das mag, wie man der informativen Broschüre von Dr. Felix Friedrich "Die Orgeln von Tobias Heinrich Gottfried Trost" aus dem Kamprad-Verlag nachlesen kann, zum Teil an damaligen Finanzproblemen der Stadt selbst, aber wahrscheinlich vor allem an der Persönlichkeit des Orgelbauers liegen, der offensichtlich nicht über Geschäftssinn und Durchsetzungsvermögen seines gleichaltrigen Kollegen Gottfried Silbermann verfügte. Tobias Trost war zudem durch eine vertragliche Bindung - damals als Privileg gesehen - in erster Linie für Reparatur- und Wartungsarbeiten an den Stadt- und Dorforgeln im Altenburger Land (und davon gab es nicht wenige) zuständig. Dies alles zusammen genommen mag sich neben seinem persönlichen Lebensstil negativ auf die für echte Neubauten verbleibende Zeit ausgewirkt haben.
Insgesamt stehen den etwa 50 Orgeln aus der Hand des Freiberger Meisters nur 15 bis 20 (samt einiger ungeklärter Fälle) in Trosts Schaffen gegenüber. Im Vergleich zur von ihm erbauten großen Schlossorgel in Altenburg als Repäsentationsobjekt des Herzogs Friedrich III von Sachsen-Gotha-Altenburg ist das Waltershausener Werk mit seinen drei Manualen noch etwas größer; ganz eindeutig bildet es das Produkt aufstrebenden Bürgersinns, der durch mehrere prosperierende Industriezweige zu Wohlstand gelangten Kleinstadt, so recht passend zur ebenfalls neu erbauten, reich geschmückten barocken Rundkirche mit ihren prachtvollen Deckenmalereien - ihre Architektur gilt als Vorläufer der Dresdner Frauenkirche. Während ein erster Entwurf Trosts für eine zweimanualige Orgel mit 35 Registern aus dem Jahr 1722 vorliegt, konnte das Instrument erst 1741 eingeweiht werden, wobei nicht bekannt ist, ob der Meister überhaupt an der Fertigstellung beteiligt war. Seine Tätigkeit in Waltershausen lässt sich bis 1735 nachweisen; zu diesem Zeitpunkt fehlten noch sieben Register, darunter die Posaune 32'. Sein letzter Besuch ist im Jahre 1735 notiert.

Dessenungeachtet trägt die Waltershausener Orgel mit ihren 47 Stimmen, vier Werken und drei Manualen den Ruhm ihres Erbauers bis in unsere heutigen Tage, und diese nicht ohne Grund: An erster Stelle ist Trosts gemessen an seiner Zeit ausgefallene Konzeption zu nennen. Obwohl sie im ersten Drittel des 18. Jh. konzipiert wurde, geht ihre heute noch weitgehend unverändert erhaltene Disposition über einige Wesenzüge typischer barocker Instrumente hinaus und trägt alle Züge der Empfindsamkeit sowie des galanten Stils. Diese schwerwiegenden Gegensätze können wir Heutigen von der geistigen Haltung her wohl kaum nachvollziehen, Belege dafür liefern uns jedoch aus dieser Zeit stammende Instrumente mit ihrem spezifischen Klangtypus.
Unübersehbar sind Gestaltungsmerkmale eindeutig Trostscher Prägung: Betonung der Grundtönigkeit (insgesamt 15 8'-Labiale und Linguale in den drei Manualwerken) und der Gravität, terzhaltige Mixturen und der Einsatz von nicht weniger als sechs Transmisionsregistern Hauptwerk - Pedal, die zwar auf Bauweisen in der Trostschen Familie zurückgehen, als technische Anlage im 17. und 18. Jh. jedoch außergewöhnlich waren. Hinzu kommen ausgefallene Registerbauarten wie Unda Maris, Doppelflöte oder Vagarr; sie werden neben "bodenständigen" Stimmen (Dr. Friedrich) wie Violonbass im Pedal, Viola da Gamba, Flauto Douce, Sesquialtera durch Zungenstimmen wie Hautbous (BW), Fagott 16' und Trompetta 8' (HW) sowie den gravitätverleihenden Pedal-Lingualen Posaunen-Bass 32', 16' und dem Trompetenbass 8' ergänzt.
Es ist belegt, dass die Disposition des Waltershausener Werkes bis in das 19. Jh. in vielen Quellenschriften behandelt wurde. Bei der fünf Jahre währenden, ausgesprochen feinfühligen Restaurierung zur Wiederherstellung des Originalzustandes durch den Orgelbau Waltershausen hat man einige Umbauten beseitigt. Insgesamt wurden sieben Register komplett erneuert; dazu gehört auch der erwähnte Posaunen-Bass 32. Die beiden kupferfarbenen Gebilde in der Abbildung des Prospektes sind nicht Teil der Orgel; sie stellen zwei im Thüringischen nicht unübliche Kesselpauken dar, die für orchestrale Aufführungen auf der Empore verwendet werden.
Was der Hauptwerkfreund nicht sehen kann, wenn er den Sample-Satz geladen hat, ist die ausgesprochen hohe, ja kunstvolle handwerkliche Qualität der Orgel mit vielen fantasievollen Details nicht nur außen im Gehäuse, sondern auch im Inneren des Kastens; sie bezieht sogar das Äußere der hölzernen Pfeifen mit ein - von vielen als Vorbote einer Ästhetik der Aufklärungsepoche gedeutet - und fordert geradezu zu einem Besuch des Vorbildes auf. Wahrscheinlich war es diese, von Trosts Zeitgenossen und auch später überaus geschätzte Ausführungsqualität, die die Orgel vor Umbauten bewahrte.
Es ist das Verdienst von Prof. Helmuth Maier und seiner Firma Organ Art Media, das er dieses einmalige Instrument mit allen heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten in das Hauptwerk-System (ab v3.2x) übertragen hat. Wer das virtuelle Instrument gern in seiner eigenen Umgebung spielen wollte, musste nach der Erstankündigung recht lange Zeit warten - ein Zeichen, dass Auf - und Nachbearbeitung der Roh-Samples viel Zeit benötigten. Doch jetzt ist der Set zugänglich und enthält so viele Details, dass diesen ein zweiter Teil gewidmet ist.

Im Gegensatz zu vielen mit minimalem Aufwand geschaffenen und dazu verwahrlosten Arbeitsplätzen für den Organisten wurde der Spieltisch sorgfältig durchgestaltet und mit Schnitzereien versehen. Einiges davon ist auch auf den Bilder-Seiten von OAM enthalten.
Die Spielanlage des Vorbildes fällt nicht allein wegen ihrer großzügigen Ausmaße auf, sondern gleichermaßen durch ihre eigenwillige Gliederung der Manubrien. Ihre senkrechte Anordnung für Brustwerk und Oberwerk des linken Registerfeldes hat auf der rechten Seite ein spiegelbildliches Gegenstück. Am oberen Rand des Spieltisches über dem Notenpult finden sich die waagerecht angeordneten Züge des Hauptwerks sozusagen als verbindende Brücke.
Ganz offensichtlich hatten die höfischen und bürgerlichen Auftraggeber Interesse daran, dass die Orgeln dem Repräsentationsbestreben ihre Standes entsprachen. Dies betrifft auch die Spielanlagen, die bei allen Werken des Orgelmaches zu den prachtsvollsten äußerlichen Teilen gehören. Dass dem Meister daneben ergonomische Aspekte nicht fremd waren geht aus Anmerkungen hervor, die dem Buch "Der Orgelbauer Heinrich Trost" von Dr. Felix Friedrich, erschienen 1989 im VEB Deutscher Verlag für Musik entnommen sind. "... Die Register Züge so aus einer Windlade gehen, sollen und müßen ordentlich zu beiden Seiten bequehme angebracht werden, daß man selbige zu finden weiß, und nicht eines hier, das andere da verstecket wird ..."

Überhaupt wandte Trost bei der Registertraktur die ihm gemäße Sorgfalt ("Fleiß, Mühe und Erfindung") an, wobei er besonders auf Beständigkeit - heute würde man sagen 'Nachhaltigkeit' achtete. Von ihm stammt die Anweisung aus dem gleichen Buch: "Die Register-Züge sollen sich auch sanffte und gelinde (ohne Reibung) ab und anziehen, es sey auch bey dürren oder feuchten Wetter, auch diejenigen Register Züge, so aus einer Wind Laden herauskommen sollen sich fein(fühlig) überein lang raus ziehen..." - und dies alles mehrere Jahrhunderte vor der Existenz von Teflon. Wer die Hauptwerk-Orgel spielt muss sich mit solchen Gesichtspunkten nicht befassen; aber es schadet nicht, wenn man - sofern die Geräusche der Registertraktur eingeschaltet sind - zuweilen daran denkt. Und wer die Geräusche der Spieltraktur abschaltet kommt den Trostschen Intentionen entgegen, denn der meinte: "...Es sollen auch Claviere ... und das ganze Angehänge so gemacht und beschafft seiyn, daß wenn man eine ... Stimme hören läßt, nicht das Angehänge, oder das Eingebäude ein stärcker und größer Geklappere und Geraßele machet, als der Resonanz oder Klang der Stimme angemercket werden kann ..."
Der zweite Teil der Besprechung befasst sich mit der Übertragung nach Hauptwerk.

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