Die Trost-Orgel in Waltershausen (II)
Bild anklicken für größere Darstellung. Dann zurück mit Browser (Pfeiltaste "Zurück") Die Gestaltung des virtuellen Spieltisches hat OAM weitgehend unverändert von der des Vorbildes übernommen, dabei erweist sich dessen ergonomische Gliederung samt der farblichen Differenzierung gleichzeitig vorzüglich geeignet für die Bildschirmdarstellung. Das beginnt schon bei den großen Manubrien, die mit einem Buchstaben in ihrer Werkzugehörigkeit gekennzeichnet sind. Gezogene Register werden in den Hauptwerk-Fenstern durch einen hell gefärbten Ring an der Peripherie markiert. (Hier wäre bei Bildschirmbetrieb unter ungünstigen Beleuchtungsverhältnissen doch ein etwas stärkerer Kontrast wünschenswert).
Es lohnt sich, die in der Kirche normalerweise nicht einzusehende Spielanlage in der übertragenen Form (großes Bild!) einmal genauer zu betrachten, denn auch hier ist die künstlerische Handschrift Trosts noch klar erkennbar und erfreut in ihrer Ästhetik als barockes Kunsthandwerk, das bereits in die Epoche der Aufklärung weist, selbst auf dem Hauptwerk-Bildschirm noch das Auge. Die folgenden Angaben - soweit sie das Original betreffen - sind dem in Teil I erwähnten Buch entnommen. Hier wird darauf hin gewiesen, dass das Vorsatzbrett mit einer kunstvollen Einlegearbeit in Form eines Maiglöckchenmusters geschmückt ist; zudem weisen die Klaviaturbacken reichen plastischen Schmuck auf; bekrönt von je einem Teufelskopf mit Akanthusblatt-Ornament als Schnitzarbeit.
Trosts Spielschränke haben durchwegs bei den großen Instrumenten recht großzügige Abmessungen und sind nicht in jedem Falle mit Türen verschließbar. Registerzüge oberhalb des Notenpultes - eine dem selbst registrierenden Organisten besonders entgegenkommende Bauart - blieben von Trost nur noch in der Orgel von Großgottern erhalten. Sie sind keine Erfindung des Thüringer Meisters, sondern finden sich auch bei Instrumenten anderer Orgelbauer, z. B. in Böhmen.

Die sechs in dieser Orgel vorhandenen Transmissionen (Nutzung von Hauptwerk-Registern als Pedalstimme) stellen zwar sozusagen eine Spezialität der Familie Trost dar, sind jedoch seit etwa 1500 im deutschen Orgelbau bekannt. Derartige Kunstkniffe können Einsparungen bei Raumanspruch und Kosten bewirken, setzen jedoch sehr sorgfältiges Arbeiten bei der Windführung voraus, da nun eine Windversorgung für mehrere "Verbraucher" zuständig ist und ein gleichmäßiger Fluss stets sicher gestellt sein muss. Dem Pedalwerk als einem damals allgemein etwas knapp besetzten "Pedalklavier" als Kind des Generalbasszeitalters verleihen diese Transmissionen Verstärkung und Selbstständigkeit, oder mit anderen Worten: die gewünschte Gravität und eigene Farben neben den vorhandenen 8'-Stimmen in den Manualen. Selbstverständlich gibt es diese Besonderheit ebenfalls beim virtuellen Instrument.
Erfreulicherweise ist im Sample-Satz eine gleich beim nach dem Laden unmittelbar zugängliche Erweiterungsoption vorhanden; sie wird im Fenster 'Control' aufgerufen und erweitert den Manualumfang um einen Halbton und den des Pedal um drei Halbtöne (bis f1). Gleichzeitig erscheinen in den entsprechenden Fenstern 16 Setzer plus Set und Cancel.

Fenster mit Haupt-Bedienelementen des Originals...und der erweiterten FassungControl-Fenster mit Schnell-Konfiguration

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Neben der Erweiterung lassen sich im Control-Fenster weitere Einstellungen wie Zu/Abschaltung von Register- und Spieltrakturgeräuschen, Aktivierung der Setzer-Kombinationen und eine gezielte Verstimmung des (vom Orgelbau Waltershausen ergänzten) Registers Fagott 16' im Hauptwerk-Manual vornehmen. In den für den Zwei-Monitor-Betrieb eingerichteten Fenstern hat OAM die Setzer auf je acht aufgeteilt; die Knöpfe für Set und Cancel sind zweckmäßigerweise doppelt vorhanden. Beide wahrscheinlich für beim Vorbild für Erweiterungen vorgesehenen, mit 'Vakat' bezeichneten Manubrien sind in Übertragung nicht vorhanden, die Manubrien für Sperrventil und Calcantenruf sind vorhanden, haben aber auch hier keine Funktion.
Wie schon im ersten Teil angemerkt, verschmelzen die nicht wenigen 8'-Register ohne übermäßige Lautstärkezunahme gut miteinander. Dazu merkte ein Orgelbauer vor Jahrzehnten an: "Der Schall verschleicht sich gerne (in diesem Raum)". Dass das neue Fagottregister 16' im Hauptwerk sich vorzüglich in die vorhandene Disposition einfügt - was leicht beim Gebrauch als Solostimme zu prüfen ist - , spricht für die Waltershausener Orgelbauer. Im HW steht auch eine wunderbar reizvoll-ungleichmäßige Unda maris, außerdem eine überzeugende achtfache Mixtur, deren Trostsche Teile vom Orgelbau Waltershausen ergänzt wurden. Nirgends gibt es strenge Uniformität, alle Stimmen weisen Lebendigkeit und Transparenz auf. Im OW zeigt sich die Flöte Dupla 8' ausgesprochen grundtönig, während die Oktave in der Flöte travers 8' so stark ist, dass der Grundton fast unterdrückt erscheint.
Selten zu finden, aber hier sehr wirkungsvoll ist die Celinder-Qvinta 6', eine Quinte, die im Pedal gemeinsam durch die virtuellen Kombinationstöne mit einem 16' zu vorzüglicher, dennoch nicht vorlauter Zeichnung beiträgt. Auch hier ein Trend zur Gravität. Allerdings ist diese mitsamt 16'-Principal, Subbaß 16', Violonbaß 16' und den für spezielle Liebhaber unentbehrlichen 32'-Posaunen-Baß nur dann wirklich über Lautsprecher zur Geltung zu bringen, wenn man über ein lineare und weit herunter reichende Tieftonwiedergabe eingerichtet hat. Über gute Kopfhörer lässt sich diese freilich einfacher verwirklichen.
Neu in der Disposition erstanden ist die Vagarr 8' (Vugara) im Oberwerk; Trost hatte sie als Blasinstrument, etwa wie ein böhmische Hirtenflöte konzipiert. Hier ist sie in Birnbaum mit extrem enger Mensur ausgeführt. Da von Trost keine Vox humana 8' erhalten blieb, wurde auch sie im Rahmen der letzten Restaurierung neu geschaffen. Aus vorhandenen Quellen geht hervor, dass der Orgelbauer mehrfach mit dem Gedanken spielte, diese Stimme als doppeltes Register mit einer Labial- und einer Lingualreihe, betätigt von einem gemeinsamen Registerzug, auszuführen. Generell lässt sich zu den Zungenstimmen anmerken, dass sie in der voreingestellten Intonation mehr den zurückhaltenden Charakter eines Orchesterinstrumentes denn als Aufmerksamkeit heischende Solostimme haben - eine Eigenschaft, die mit vorsichtigen Eingriffen wohl in Maßen zu ändern sein dürfte. Dennoch darf man beim besten Willen kein typisch französisches Zungenplenum erwarten.
Schade, dass ein nachweislich geplantes Krummhorn-Register nicht zur Ausführung kam. Die existierenden Labialstimmen wurden von Trost mit besonderer Sorgfalt gebaut und einer technischen Verfeinerung ausgestattet, die ihre Stimmhaltigkeit verbesssern sollte. Nach Auskunft von Stephan Krause, einem der Geschäftsführer des Waltershausenen Unternehmens, wirkt sich die Modifikation indessen in der Praxis nicht erkennbar aus. Interessanter Aspekt: Die Kehlen der "Rohr-Wercke" des Vorbildes in ihrer abgerundeten Form zeigen den Einfluss französischer Bauformen; sie sind in der Tat identisch mit den von Cliquot geschaffenen und diese wiederum blieben in einigen Instrumenten von Cavaille-Coll erhalten. Als einflussreiche Farben im Zusammenklang verleihen auch die quintierenden Register (Quintatön, Spitzquinta, Nassad Quinta) dem virtuellen Instrument seinen besonderen Charakter.
Erstmals gibt es originale Tremulant-Samples für das OW und alle Zungen-Ranks, die nur wenig zusätzlichen Speicherplatz beanspruchen. Unabhängig davon sind in der erweiterten Betriebsart die Tremulanten aller Werke separat zu aktivieren. Einzige Einschränkung: Dies funktioniert nicht, solange die Note nocht tönt, sondern erst bei der nächsten gespielten - eine Eigenschaft, die vom Hauptwerk-Programm nicht unterstützt wird, aber kaum als Nachteil erscheint. Das neuartige Multi-Trem-Verfahren aus sample-eigener Modulation und in HW generierten zeigt entgegen mancher Erwartungen keine Synchronisationsprobleme, da ideale Synchronisation auch bei einer Pfeifenorgel trotz eines gemeinsamen 'Muttergenerators' nicht wirklich existiert. Auch in der realen Welt ist wegen der unterschiedlichen Pfeifenstandorte und variierender Ansprache keine phasenstarre Verknüpfung aller klanglich relevanten Parameter vorhanden, hinzu kommt eine gewisse durch den schwankenden Winddruck erzeugte Frequenzmodulation. Alles zusammen resultiert in vielfältigen, immer leicht unterschiedlichen Schwebungserscheinungen. Das Verfahren ist lt. OAM so überzeugend, dass es künftig auch in anderen Sample-Sätzen verfügbar sein soll.
Es würde zu weit führen, in dieser Besprechung auf die drei verschiedenen in Waltershausen anzutrefffenden Koppelarten wie Haken -, Schiebe- und Windkoppel einzugehen. Trost hielt besonders auf die für das Pedal eingesetzte Windkoppel große Stücke - wegen des Zusammenspiels von zwei Ventilen mühsam in der Anfertigung, aber "vortrefflich und sehr wohl brauchbar" . Den Hauptwerkfreund müssen die verschiedenen Bauweisen nicht direkt interessieren, er kann sich ihrer ohne weitere Kenntnis bedienen. Die Stimmtonhöhe ist a1 = 466,8 Hz mit wohltemperierter Ausnahmestimmung (1/5 pythagoräisches Komma). Diese konnte man beim Waltershausener Instrument trotz einiger früherer Eingriffe durch die beiden Zimbelsterne (Glocken wohl original von Trost in g-h-d-g und c-e-g-c) mit hoher Wahrscheinlichkeit festlegen, denn nach Werckmeister stimmten die Glocken immer mit der Tonhöhe des jeweiligen Manuals überein.
Der Sample-Satz ist auf zwei DVDs enthalten; erfreulicherweise gibt es eine deutschsprachige Broschüre dazu. Muliti-Loop-Technik wurde auch bei diesem Sample-Satz verwendet; hier sind es bis zu neun. Trotz der 47 + 6 Register hält sich der RAM-Bedarf in Grenzen; dabei macht sich die gemäßigte Nachhallzeit des übertragenen Instrumentes (2,0 s nach Angabe in der Broschüre, dem Gefühl nach vielleicht noch etwas weniger)) bemerkbar. Die Trost-Orgel ist eben kein Kathedraleninstrument, sondern erlaubt die Interpretation von mehr kammermusikalisch orientierten Werken mit wunderbarer Transparenz - was nicht heisst, dass eindrucksvolle, sogar mächtige Plenumklänge auf ihr nicht zu erzeugen wären. Der RAM-Bedarf liegt je nach Vorgaben zwischen 3,1 GByte (16-bit, nur jeweils eine Loop) und 6,5 GByte (24-Bit-Auflösung wie der Originalaufzeichnung, alle Loops aktiv). Die Abttastfrequenz beträgt 48 kHz und sämtliche Samples haben drei Release Layers (lang, mittel, kurz).
Es immer sinnvoll, sich ein möglichst umfassenden Eindruck vom Klang einer Orgel zu verschaffen, bevor man den Sample-Satz für Hauptwerk erwirbt. Demo-Clips gibt es mit dem Schwerpunkt auf teilweise live gespielte Werken Johann Sebastian Bachs, aber auch einem Mendelssohnschen Opus sowie einer Choralbearbeitung von Pachelbel auf den Webseiten des Produzenten. Wer es mag, kann von James Kibbie garantiert live auf dem Vorbild gespielte Werke bei www.blockmrecords.org/bach/index in vorzüglichen Aufnahmen damit vergleichen (als AAC speichern!). Unter 'Catalog' ist eine ständig erweiterte Werkliste zusammengestellt, die u.a. auch das Trostsche Opus in Großengottern sowie Orgeln anderer Baumeister der Barockperiode im sächsischen Raum umfasst.
Der Leser dieser Zeilen mag die Begeisterung des Rezensenten längst gespürt haben, ist doch der Sample-Satz nur als rundum gelungen zu bezeichnen, wenn er auch "nur" die Eigenschaften des Vorbildes spiegeln kann. Aber selbst dazu gehört eine digitalelektronisch-ästhetische Kunstferigkeit, der man die in den mehr als sechs Jahren Existenz von OAM gemachten Erfahrungen anmerkt. Die von Professor Maier geäußerte Absicht, sich künftig bei der Sample-Aufzeichnung an einem Abstand von etwa drei Metern (zum Prospekt?) zu orientieren, kann als Ansatz zur einer Art Standardisierung bei der Definition des Verhältnisses Orgel - umgebender Raum aufgefasst werden - ein Faktor, der ohne Zweifel entscheidend zur Gesamtwirkung eines virtuellen Instrumentes und damit zur Beurteilung durch potentielle Käufer beitragen kann.

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