Orgeln aus Tschechien (I)
Die Republik Tschechien hat eine reiche Orgeltradition. Die meisten Instrumente wurden allerdings während des zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach so stark vernachlässigt, so dass schnelle Restaurierung dort dringend notwendig wird, wo überhaupt noch erhaltungsfähige Substanz vorhanden ist. Mit seinem Projekt Sonus Paradisi hat sich Jiri Zurek zur Aufgabe gestellt, Geldmittel in Form von Spenden und durch den Verkauf von Samples einer Reihe von bedeutenden und erhaltenswerten Orgeln zusammenzubekommen. Auf Anfrage stehen die Sample-Sets zudem für wissenschaftliche Zwecke bereit. Details zu diesem Projekt wie auch weitere Informationen (Disposition) zu den hier besprochenen Orgeln finden sich auf der angebenen URL u. a. in deutscher Sprache.
Das Instrument in der barocken Kirche St. Peter und Paul von Peruc, einem kleinen Dorf in der Nähe von Prag, wurde 1766 von Johann Ignaz Schmidt, einem Meister der Loket-Schule erbaut. Es hat zwei Manuale, Pedal, und insgesamt 12 Register. Der Holzgedackt 8' im Manual I ist heftig vom Holzwurm befallen, während die Pfeifen des Prinzipals 4' im Prospekt stark unter Zinnfraß leiden. Gerade dieses Register ist für sein "süßes" Timbre bekannt, so dass die Orgel - nicht nur deswegen - zu vielen kommerzielle Aufnahmen herangezogen wurde.
Schön, wenn ein solches Instrument nun gleich in mehreren Versionen spielbar wird - ein wie es scheint gelungenes Was-wäre-wenn-Experiment, das einige Eingriffe wenigstens in der virtuellen Replik rückgängig macht. Eine der Versionen für HW1 erfasst den gegenwärtigen Zustand, bei dem die Kvinta (Quint) 1 1/3' fehlt, weil sie in einer veränderten Mixtur aufging. Hier werden 468MByte Hauptspeicher benötigt.
Bei der virtuellen Ausführung des Urzustands hat Jiri Zurek aus der erhaltenen Octave 2' eine neu zusammengstellte Mixtur 3-fach und die Quinte 1 1/3' wiederhergestellt. Außerdem entstand aus dem 1901 hinzugefügten Principal 8' der OktavBas 8' im Pedal. Beibehalten hat man die barock-typischen kurzen Oktaven und den Manualumfang. Auf diese Weise lässt sich nachvollziehen, wie die Orgel vor den Veränderungen im Jahr 1901 ungefähr geklungen haben mag. Der Speicherbedarf ist mit 554MByte in HW1 geringfügig größer.
Heutiger Zustand... ...und erweiterte Version der Peruc-Orgel

Aus dem vorhandenen Sample-Material ließ sich noch eine dritte, deutlich erweiterte Fassung gewinnen, die 952 MByte RAM in HW1 voraussetzt. Bei ihr wurde die kurze Oktave chromatisch ergänzt, die Disposition auf 19 klingende Stimmen, der Tastaturumfang auf 4 1/2 Oktaven gebracht und die Koppeln I - P, II - P sowie II - I hinzugefügt. Besonders die Pedalstimmen Violon 8' und Choralbass 4' tragen zur Vielfalt der Farben bei. Angemerkt sei noch, dass die Mixtur 3-fach mehr süß-zurückhaltenden Charakter hat, wie überhaupt das Instrument ein klares, aber nicht übermäßig brilliantes Plenum aufweist, das sich vorzüglich für dynamische Steigerungen feingliedriger Polyphonie eignet.
Da die ursprüngliche Stimmung nicht zu rekonstruieren ist, hat man die heute vorhandene gleichschwebende Temperatur übernommen, den Kammerton im Sample-Set jedoch auf 440Hz geändert. Alle drei Versionen sind komplett auf der CD-ROM für HW1 enthalten, die per Internet direkt in Tschechien bestellt werden kann.
Zu einem Vorzugspreis ist der Sample-Satz der Peruc-Orgel in Mini-Ausführung zu beziehen; er umfasst neben dem Pedal nur ein Manual und fünf Register - ein Umfang, der mit 245 MByte in HW 1 deutlich geringere Ansprüche an die RAM-Kapazität des PCs stellt, aber schon einen guten Eindruck des Klanges der Orgel vermittelt.
Dank der leichten Modifizierbarkeit der organ-Datei in HW1 lässt sich der Spieltisch bei Registeranordnung, Beschriftung und Angabe der Tasten-Shortcuts unkompliziert den Ansprüchen des Users anpassen. Solche Eingriffe verändern die eigentliche Klangsubstanz nicht. Sie können aber die Übersichtlichkeit bzw. den ergonomischen Zugriff auf die Manubrien verbessern, indem man beispielsweise häufig benötigte Register auf die linke Seite verlagert. In Hauptwerk 2.10 sind Eingriffe notwendig, die man besser mit der kommenden grafischen Bedienoberfläche ausführt.
Besser noch als verbale Beschreibungen zeigen die Demo-Clips für HW1 auf den Sonus-Paradisi-Seiten und die Beispiele des virtuellen Organisten den eigenartigen Reiz dieses Instrumentes, das in eine unaufdringliche, aber präsente Räumlichkeit eingebettet ist. Jiri Zurek nimmt stets mit 24 Bit Auflösung und 48kHz Abtastrate auf und wandelt erst nach der Postproduktion in das HW-Format um - eine Vorgehensweise, die Artefaktanteile vermeidet und die komplexen Einschwingphasen der Pfeifen getreu konserviert. Davon kann man sich bei diesem Instrument jeden Augenblick überzeugen. Hauptwerk 2.10 kann übrigens solche un-CD-mäßigen Formate direkt abspielen, sofern die Audiokarte dafür eingerichtet ist.
Wer reist schon nach Tschechien, um auf der Orgel einer bestimmten Orgelbauer-Schule spielen zu können? Hauptwerk bringt sie authentisch und gleich in mehreren Variationen ins Wohnzimmer.

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